Donnerstag, 29. Oktober 2015

Wiener G'schichten: Wahlwiener lernt Yorksherisch.

Man glaubt es nicht: Flittermouse heißt auf (Hoch?)Deutsch Fledermaus. Dieses Bergland im Norden Englands mit der ausgeprägten persönlichen Note spricht nicht nur einen eigenen Dialekt, nein, es verfügt auch über ein bescheidenes Wörterbuch, das den Neuling in die Geheimnisse der Sprache einführt, ohne ihn von Anfang an total zu verwirren.  Ja, ich habe den Verdacht, dass ein echter Londoner, mit seinen eigenen dialektalen Problemen, eher zur Verwirrung neigt, wenn er versucht, Yorksherisch nachzubrabbeln.


SHEEP IS SHEEP AND..... 

Yorkshire Dialect  heißt das bescheidene Büchlein von knapp 80 Seiten. Autorin  Louise Maskill verspricht A selection of words and anecdotes from Yorkshire, ein mutiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass auch in Österreich barocke sprachliche Vielfalt herrscht. Auch da gibt es Vokabeln, die zum Teil sehr ins Unanständige gehen.


.....COW IS COW 
Wir sind gerade in Yorkshire, wo wir 2016 leben werden. Cath ist von hier, hat aber über 20 Jahre nicht mehr hier gelebt. Also bin ich es, der Deutsche, der drei Jahre im schönen Wien gelebt hat. Ein echtes Abenteuer, bei dem viel Geschichte gelernt wurde, nicht nur den gemeinsamen Landsmann Adolfus Hitler betreffend. Vergessen wir nicht, dass Österreich, mit einer immer noch attraktiven Hauptstadt Wien, viel mehr Geschichte zu bieten hat. Man denke nur an den Heldenplatz und die Hofburg.

DIE HOFBURG 
Gleich zu Beginn wird gesagt, Being from Yorkshire is as much a state of mind as a geographical fact. Yorksherisch sein ist sowohl ein Geisteszustand als auch eine geographische Tatsache. Ein besom ist nicht nur ein Besen aus Reisern sondern auch eine Frau mit flexibler Moral. Im Süddeutschen wird ein lockeres Mädchen auch Besen oder Handfeger genannt. Auf Österreichisch fehlen mir die Worte. Beck ist ein Strom oder großer Bach, Bluetit ist jedoch keine blaue Titte, sondern, ganz anständig, ein kleiner Vogel. Wie sich die Dinge ähneln, oder auch nicht.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Der Mond ist aufgegangen.

In Yorkshire, wie überall auf der Welt, ist der Mond nicht nur ein Leuchtkörper. Wir wissen von ihm, dass vor Jahren zum erstenmal Menschen dort landeten. Doch Freiherr von Münchhausen, der Lügenbaron, muss auch schon dort gewesen sein, allerdings in einer technisch nicht überzeugenden Weise. Wirklichkeit und Fantasie sind keine Gegensätze, sondern verschiedene Betrachtungsweisen. Der Mond kann ein Medium sein, das zwischen der realen und der eingebildeten Welt vermittelt. Werwölfe könnten ein Lied davon singen, wenn Singen ihre Stärke wäre. Aber Werwölfe heulen eher und reißen dann vielleicht ein Schaf oder auch einmal einen Erdenbürger, der sich nicht rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat.

Die Gezeiten sind ebenfalls etwas "mondsüchtig". Je nach Wetter und Mondphase können Sturmfluten entstehen, die Unheil anrichten. Kein Wunder, dass dem Mond vieles angedichtet wird, das er nur schwer verantworten kann. Bei Vollmond werde auch ich etwas unruhig. Man kann nicht schlafen, und wenn man diese rote Kugel durch das Schlafzimmerfenster erspäht, kann man schon sein Selbstvertrauen verlieren.

Wenn er sich auch noch in einem stillen See nächtens spiegelt, ist das kalte Grauen nicht mehr weit. Mein erster Krimi - ich hatte gerade richtig lesen gelernt - war von Conan Doyle: Die drei Rosinenkerne.  Gleich zu Beginn, wenn ich mich recht erinnere, konnte man am Grunde dieses Sees, im Vollmondschein, eine Leiche liegen sehen. Das war zuviel für mich. Ich war höchstens 10 und musste mich übergeben. Das war meine erste Begegnung mit dem Grauen. Es blieb mein kindliches Geheimnis, denn Krimis durfte ich damals sicher noch nicht lesen.


Von einem der auszog, das Gruseln zu lernen, - so hieß das Märchen - war dann nur noch eine lustige Angelegenheit, ein Kinderspiel. Bald habe ich gelernt, echtes Grauen von der eingebildeten Gruselei zu unterscheiden. Doch manchmal möchte man nicht so genau wissen, ob Frieden oder Panik angesagt ist. Man blickt dann vertrauensvoll gen Himmel und denkt: der da oben wird's schon richten.    

Montag, 26. Oktober 2015

Arroganz, Ignoranz, Penetranz.

Feindsender hören war im Dritten Reich verboten. Das Fernsehen spielte überhaupt keine Rolle. Manche hörten doch und wurden oft verraten: BBC und Radio Moskau sendeten auch auf Deutsch. Viele Menschen bezogen von daher ihre Informationen über den Verlauf des Krieges. Glaubten sie der Wahrheit, oder der kommunistischen Propaganda? Die meisten glaubten wohl an ihren Führer, solange sie es besser nicht kannten.  Jetzt richtete man in Estland einen russischsprachigen TV-Sender für russischsprachige Esten ein, weil diese sonst nur dem propagandistischen Fernsehen aus Russland ausgesetzt seien. Arroganz, Ignoranz, Penetranz? Wissen ist Macht und macht selten arrogant.


Bedeutungshoheit von einst 
Martin Luther war als Katholik ein Reformator. Für die Kirche war er ein Abtrünniger, der mit einer gefallenen Nonne zusammenlebte und natürlich Sex mit ihr hatte. Er sorgte dafür, dass arme Sünder sich nicht mehr mit Geld von ihrer Schuld loskaufen mussten. Der geldmachende Ablasshandel war  abgeschafft. Die Thesen Martin Luthers galten als Teufelszeug.

Neuere demokratische Ansätze innerhalb der katholischen Kirche haben zwei interessante Dinge zutage gefördert: einen nichtitalienischen, südamerikanischen Papst und eine Bischofsynode, die gerade zu Ende ging. Der Versuch der deutschen Bischöfe, vor 2 Jahren, die Befindlichkeiten der Katholiken zu Themen wie Ehe und Familie auszuloten, muss wie ein Schuss nach hinten losgegangen sein. Die 270 Mann starke Bischofsynode hat nun ihre Türen geschlossen. Für wie lange? Das Abschlussdokument liegt vor.


Evangelisch! 
Ob Rückmeldungen aus der Katholikenbefragung von vor 2 Jahren eingearbeitet wurden, kann so nicht gesagt werden. Schließlich waren diese teilweise echt ketzerisch gewesen. Ob es eine Reform der Kirche von unten geben wird, kann auch nicht bestätigt werden. Mehr Spielräume für Reformatoren? Wer weiß? Eine vorsichtige Öffnung? Nach wohin? Wer sich an einen Limburgischen Bischof erinnert, der sich für 10 000 € in seiner Residenz eine Badewanne hat einbauen lassen, dem kommt das kalte Grausen, wenn er an die heftigen Diskussionen um Familie und Ehe denkt, die die Mannschaft der Synode geführt haben soll.

Was tun wir mit den geschiedenen Gläubigen oder den gläubigen Geschiedenen? Mit den Frauen, die im gesellschaftlichen Leben wichtige Rollen spielen, bis hin zur Bundeskanzlerin, die allerdings unkatholisch ist, Frauen, die logischerweise alles können, wozu auch Männer befähigt sind? Bischofinnen (seit heute auch eine im britischen House of Lords) gibt es zwar, aber nicht in der Heiligen Kirche. Ein paar Kardinälinnen, das wäre demokratisch, aber auch sehr christlich. Die Venus von Willendorf/Österreich ist 29 500 Jahre alt. Zeit genug, um über die Rolle der Frau in einer gerade mal  zweitausendjährigen Kirche nachzudenken.



Und jetzt zu den schwulen und lesbischen Laien und katholischen Amtsträgern. Gleichgeschlechtliche Ehen werden nicht unter dem Stichwort "Familie" geführt. Noch vor kurzem wurden Homosexuelle als krank bezeichnet und in Afrika gar als Verbrecher. Ist das nicht etwas weltfremd, liebe Kirche? Wie soll eine solche Versammlung von Kirchenführern, die, frei nach Kardinal Schönborn aus Wien, die Kunst der Seelenführung stärkt, überhaupt irgendeine Bedeutungshoheit wieder erlangen, wenn sie nicht klar sagen kann, wohin der Hase läuft.

Arroganz, Ignoranz, Penetranz, das sind die oft benutzten Begriffe, wenn es um pauschale Ablehnung geht. Die Synode hat ganz sicher vieles wieder abgelehnt. Aber, haben wir alles verstanden? Geben wir uns der Kunst der Seelenführung hin. Irgendwohin wird sie schon führen.







  

Sonntag, 25. Oktober 2015

Die Faulheit der Kühe in Yorkshire

Wie faul sind sie? Ich werde darauf näher eingehen müssen. Als ich noch nicht ganz 10 war, fragte ich mich, ob ich eigentlich faul bin. Wie ich auf diese Frage kam, kann ich nicht mehr sagen. An die Antwort erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen: ja, ich bin faul. Meine späteren Freunde und Kollegen in Frankreich sagten über mich: il est studieux et travailleur ( = fleißig und arbeitsam). Wenigstens konnte man es mir nicht ansehen, dass ich zur Faulheit neigte. Vielleicht hat man jedoch noch nicht das richtige Wort gefunden, um eine phlegmatische Grundhaltung zu umreissen. Die alten Römer sprachen von contemplatio, der Neigung zur wohlwollenden Betrachtung.

Um den Kühen in der Einschätzung ihres Phlegmas näher zu kommen, könnte ich meine angeborene Tagträumerei erwähnen, die es mir ermöglichte, im Getose tumultartiger Lärmquellen einfach abzuschalten und mir etwas äußerst Schönes vorzustellen. Ich bilde mir ein, dass Knaben ein besonderes Talent dafür haben, sonst gäbe es in der Geschichte nicht so viele männliche Erfinder  und Entdecker ganzer Kontinente. Jetzt, spätestens, sind wir dem ureigenen Wesen der Kuh auf der Spur. Wenn, wie man sagt, etwas nicht auf eine Kuhhaut gehen möchte, dann deshalb, weil dieses unerschütterliche Großtier viel zu lange braucht, um in eine Ruhelage zu kommen. Sozusagen, die faule Kuh-Haut, auf die man sich legen möchte.


Kuh am Sichküssenlassen 
Bei meinen zahlreichen Deux-Chevaux-Fahrten über die Alpen, genauer, über den Sankt Gotthard, als es noch nicht den Tunnel gab, kroch ich mühsam die Serpentinen hinauf, auf der Schweizer Seite natürlich. Viele Ruhepausen legte man ein, um das Auto zu schonen. Dann entdeckte ich die vielen, wohlgenährten Kühe, die mit gefülltem Euter, scheinbar regungslos und mit laszivem Blick, den Gotthardhügel besetzt hielten. Darf ich sagen, dass man, neben dieser genießerischen Untätigkeit diesen Kühen eine gewisse Erotik nicht absprechen konnte?


Kuh beim Äsen 
Wenn ich die Schwulheit eines Pinguins besäße, hätte ich nicht länger benötigt, um meine natürliche Faulheit offen zu bekennen. Wahrscheinlich hätte ich mich viel schneller geoutet, als mit dem Bekenntnis zu meiner Faulheit herauszurücken. Heute gelingt es mir schamlos. Es macht mich glücklich, wenn jemand seine Schwäche gesteht und die Faulheit zugibt. Leider gibt es nur wenige, die den Mut dazu haben. Und bei den Kühen, auch hier in Yorkshire, möchte ich mich entschuldigen. Sie geben alles was sie haben: Milch, Butter, Käse, Suppenfleisch und Kuhfladen, die in manchen Ländern zu Brennholz verarbeitet werden. Glückliche Kühe!


Sunday Morning in Haworth - Cath, where are you?





It is far from being unpleasant. I woke up at 8 and remembered that Cath had gone to London yesterday. So I am on my own, having to make the Sunday somehow worthwhile. Radio 3 helps me to feel lonely and melancholically. Edvard Grieg the great master of musical sadness and yearning accompanies grey clouds rushing over the Yorkshire Moor. I think they play Morning Mood from Peer Gynt.

Last evening I took pictures of a new moon finding its spooky way over the hills. No, there were no Werewolves around.



However, sinister thoughts conquered me and who knows whether a cruel and hungry predator was coming close to my cozy home? Soon knocking on my door? I could feel it clearly. Werewolf night. I locked all doors and went to bed.  And slept very well.


Halloween or Werewolf: where is the difference? 
Yesterday I explained to your mother that you would come back on Tuesday. She seemed to understand. Gave me a familiar look and made me write down my name into her diary. And she added: no Cath. Margaret lives at Steeton Court, so nicely looked after by various nurses. I promised to come again today. I look forward, but have to finish my breakfast first and have a shower.

Although I don't like to talk too much about the weather the latter seems to me mostly alright. So, why complain when it drizzles a bit? Cath in London is now most likely sitting in a room, trying to get her thoughts together for a talk about God knows what. Did I complain about the weather? No, I didn't. To my great delight, the Sun is just coming out.


Samstag, 24. Oktober 2015

Verloren in den Yorkshire Mooren.

Wer tut sich so etwas an, möchte man wissen. Die Yorkshire Moore sind nicht nur ein Wandergebiet von beträchtlichen Ausmaßen, sondern ein wolliges Biotop für Schafe und anderes. Da muss man einfach hin. Bergschuhe und blasfeste Winter- Regenbekleidung sind unerlässlich. Dann, etwas zum Kauen und Trinken, denn 3 Stunden Gehen sind das Wenigste, das dich hier erwartet.


Die Schafe sind echt sexy: schwarz-weiße Beine, der Kopf mit viel Schwarz, die Augen neugierig, der Hupfer über das Gestrüpp fast ängstlich, wenn ein Wanderer ihren Weg kreuzt. Und dicke Wolle, schon wieder gewachsen nach der Sommerschur.



Über das Schaf an sich lässt sich trefflich nachdenken. Manche halten es für unintelligent. Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass Schafe der beste Freund des Menschen sein können. Wenn sie wollen. Cathies Einsicht ist nicht so überzeugend. Als geeichte Yorksherin legt sie beim Wandern einen Zahn drauf, dass mir Hören und Sehen vergeht. Am Abend wirst Du es mir büßen, dachte ich.


Nein, Jahrhunderte alte Moorleichen findet man hier nicht. Eher ein aufgegebenes Bauernhaus aus Stein, Zeugnis vergangener Zeiten. Das Wetter passt zu Mensch und Schaf: Beide tragen viel Wolle und trotzen jedem Sturm. Ich kann nicht behaupten, die Sonne hätte geschienen. Mitnichten!  Regnen tat es aber auch nicht.


Der Weg zum Schaf ist in Yorkshire immer mit Kühen gepflastert, deren angeborene Faulheit nicht zu übersehen ist. Dass sie die schmackhaften Yorshire Molkereiprodukte liefern, bis hin zur Butter und zur double pouring cream, versteht sich fast von selbst. Schießlich haben wir es auch hier mit professionellen Nahrungsmittellieferanten zu tun, die nicht nur die Supermärkte des Königreiches versorgen, und denen der Gedanke, sie würden dem gefräßigen Nahrungsmittelriesen Nestlé zuarbeiten, ein regelrechter Horror ist. Lieber legen wir uns wieder hin und schlafen.


Im Spätherbst ist natürlich alles heruntergekommen. Die Blaubeeren sind geerntet, das Heidekraut verblüht, der Farn, nur noch ein Schatten seiner selbst.  Was bleibt, sind die Kuhfladen, deren Duft der ewige Wind vor sich herträgt, und die Schafsknoddel, die man vornehm droppings nennt.

  
Ein heißes Bad, mit dem Duft von Lavendel, lässt die Mühen eines Ausfluges in die Weiten des Moores bald wieder verklingen.



Freitag, 23. Oktober 2015

I am a Poet, that's what they say.

May - hey, stay - say, rain - train, cauliflower - women's power, eat it all - waterfall, seven - heaven,
night - sight, cream - beam, seven up - want a cup?  what comes now? - silly cow! his only joy - a stupid boy. A heavy blow - I love you so.


Now, I have not the slightest intention, to find out what sense it makes to put all that together and make it look like a wonderful poem. There are already enough poets in this World. Even Adolf Hitler once tried very hard, however unsuccessfully. He dictated a few lines to his friend. This is how he became a dictator. But not a poet. Instead, he thought I can't do it. But would hate to ask Chaplin the Great. Dear old Adolf got blasted and Charley Chaplin, he lasted.

Everybody can now understand
That I keep my fingers from rhyming.
A poem is worth more than a grand
And in any case: wrong timing.*

*I did it 4 me, because I feel silly.



  

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Wir in Yorkshire: der Hahn kräht.

Die drei Jahre in Wien, in der Blutgasse. Sechs Uhr morgens. Das erste Glockengeläut. Die ersten Müllwagen am Klappern, das erste entnervte Hupen. Erste Sonnenstrahlen, die versöhnen. Hier in Haworth, tiefstehende Sonne in der Sun Street. Cath noch am Schlafen, weil erschöpft. Lewis' Haus, in dem wir leben, am Rande von Haworth, ganz nah bei den Kühen und Schafen. Jetzt höre ich, was ich schon lange nicht mehr gehört habe. Es ist das eindringliche und siegesgewisse Krähen des Nachbarhahnes. Gesehen habe ich ihn noch nicht.



Dann, im Fernsehen, gestern Abend: wieder diese katastrophengeschmückte Aufzählung in den Abendnachrichten und der anschließenden BBC - Look North Sendung, die neben Klatsch, Tratsch und dem ausgiebigen Wetterbericht, von den Untaten der Übeltäter berichtet. Beliebte Lehrerin von einem testosterongetriebenen Schüler erstochen. Übel dreinschauender Junggangster, der 4 schwule Männer brutal ermordet haben soll und immer noch leugnet. Der betagte Parlamentarier, er sieht sehr unsympatisch aus und soll vor Jahren Kinder missbraucht haben. Nachzuweisen war nichts, und der  Auslöser dieser Geschichte musste sich öffentlich entschuldigen.


Es ist immer etwas los, und Yorkshire fiebert per Fernsehen mit allen mit, die es vor die Kamera schaffen, wie der kleine behinderte David, der neben seinem fürsorgenden Vater von seinem Sieg erzählte bei einem Wettrennen: ich wollte einfach gewinnen, strahlte der kleine Mann und war stolz wie ein König.

Wie kommt es, dass der Hahn nicht mehr zu hören ist? Jetzt bringe ich den Tee hinauf. Es hat sich ausgekräht.









   

Dienstag, 20. Oktober 2015

Yorkshire: Wir starren in den Himmel.

Nicht etwa, weil David Cameron gerade eine Air Force Parade abnimmt, oder der chinesische Staatsbesuch den Blick auf den Platz des Himmlischen Friedens in Peking  richten lässt, nein, der Himmel über Yorkshire, wo wir gerade sind, bietet stunning views: Wolkengebilde, die dem faszinierten Betrachter den Atem verschlagen.


Ja, man kann sagen, dass der Himmel über dieser nordischen Region in Küstennähe besonders bizarre
Wolkenmassen über unsere Köpfe jagt.


Was zuweilen wie ganz normale Landschaft wirken mag, nimmt unter Sonne und Wind manchmal dramatische Formen an. Das Auge schaut dann (zum Glück) nicht mehr den Alltag, sondern blickt himmelwärts, weil alles Graue, Verhangene, Melancholische wie weggefegt scheint.


Herbsthimmel gibt es viele, aber eine solche Vielfalt ist anderswo selten zu sehen. Es erscheint wie ein Trost für entgangene Sommerfreuden. Also starrt man hinauf und staunt.


Und was ist über den Wolken? 

   

Montag, 19. Oktober 2015

Yes, I look for coffee.

We have just arrived from Vienna. Yorkshire looks like an elderly Lady, slightly Autumn stricken, her beauty bashfully hidden under an amazing sky. This is undoubtedly tea country. The first café ever opened in history sleeps in the Austrian capital. A Serb was the pioneer who did that in 1683 or so. Whether true or not doesn't matter. True is, that Viennese citizens nowadays have a choice between some twenty different types of coffee.  The Maria Theresia Kaffee is somewhat an exception. It is for those who love alcohol or are already drunk. Sort of Irish Coffee.


Today, on a Sunday I managed to go to a shop and buy some LavAzza. Rob had recommended it because I kept moaning about the poor selection of coffees in shops. The Italian LavAzza flatters itself as being the original Italian favourite blend suitable for all coffee makers. Cath tried it and said it's too bitter. My severe judgement  was a bit more positive but our search for good coffee does not seem to have come to an end yet.

So what do you expect in a country that is typical for it's tea ceremonies? Not much. Darjeeling, yes, Earl Grey, yes. And so on and so forth. Hospitality in Yorkshire seems to  boil down to sober remarks such as put the kettle on, Margaret or a cup o' tchaaa is waiting for you. Any Continental defense mechanism would, of course, fail. As an unmitigated coffee drinker I am not giving up my plan to finally sit in front of a cup of coffee that even the Queen would not reject.


My friend Carlos with his German and Latin American roots is Icelander and as such a coffee specialist.  All his other talents may remain unmentioned but his reputation for producing a divine cup of coffee have crossed all borders.  As an Icelander living in Switzerland he has little chance to  enter history books as one of the World's outstanding coffee pioneers. But all his friends know what I am talking about.

Today we had an excellent meal in a country pub called Robin Hood. The Battered Haddock was delicious and the coffee was very respectable. One day, I am persuaded, this country from across the Channel will have become a veritable coffee paradise with an interesting choice of teas.

Freitag, 16. Oktober 2015

Wiener G'schichten: Bertha Zuckerkandl, von Yorkshire aus betrachtet.

Man kann es drehen wie man es will, das Künstlerische in uns, das Erlebte, das Erträumte, das Gefürchtete, die Geschichte in uns, das alles schleppen wir mit uns herum, und irgendwann drängt es an den Tag. Das Jüdische in uns ist so eine Sache: wir leugnen es, verdrängen es und beschuldigen es gerne, ohne zu wissen, dass wir zutiefst darin verstrickt sind. Wie konnte ich in den fast drei Jahren meines Lebens in der Blutgasse im ersten Wiener Bezirk, so blind an Bertha Zuckerkandl vorbeigehen, ohne wenigstens folgende Tafel am Palais Lieben-Auspitz in der Oppolzergasse zu entdecken:
                                            In diesem Haus
                                  befand sich von 1917-1938
                              der Salon der Friedenskämpferin
                       und Schriftstellerin Bertha Zuckerkandl


Unwissen sollte keine Entschuldigung sein für das Ignorieren einer großartigen Frau, die die Welt nachhaltig beeinflusste und doch wie vergessen scheint. In meinem Bett in Yorkshire gehe ich oft "auf Ohr" wenn ich in der Nacht Radio höre und meine geliebte Mitschläferin Cath nicht inkommodieren möchte. Es ist dann oft BBC Radio Four oder Deutschlandfunk, beide Sender mit höchst hörenswerten nächtlichen Programmen. Es war mein deutscher Heimatsender, der von Bertha Zuckerkandl sprach. Ich dachte im Halbschlaf sofort an etwas Jüdisches und spitzte das angeschlossene Ohr.

Ihre Familie kam, wie so viele, aus Galizien. Sie war wohlhabend und ließ sich in Wien nieder, damals die unangefochtene Weltstadt Europas. Nur Paris hatte ähnlichen Glanz. Bertha interessierte sich für Menschen und liebte die Kunst und das Schreiben. Sie war Journalistin, Autorin und Übersetzerin zugleich. In ihrem Salon empfing sie Berühmtheiten wie Gustav Mahler, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler und Gustav Klimt.


Ihre Schwester Sophie heiratete Paul Clemenceau, den Bruder des späteren französischen Präsidenten Georges Clemenceau. Ihre Verbindungen nach Paris halfen ihr später (1938), als der große Führer sich in Österreich breit machte, nach Frankreich und nach Algerien zu fliehen. Sie starb dann in Paris, als der Spuk des Krieges vorbei war, 1945, und wurde auf dem berühmten Friedhof Père Lachaise beerdigt. Das ist jetzt nur 70 Jahre her, und schon wissen wir nichts mehr über diese einflussreiche Persönlichkeit, die auch mal vergeblich versuchte, im ersten Weltkrieg Frieden zwischen Frankreich und Deutschland zu stiften. Bertha Zuckerkandls Geschichte könnte heute auch als Migranten- und Flüchtlingsgeschichte nicht aktueller sein. Die morose, wolkenverhangene Stimmung des Yorkshire Himmels lassen mich oft an Wien denken und an die vielen offenen Fäden, die noch lose von unserer jüngsten Geschichte herunter hängen.









     

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Feeling at home - Heimat ist wo man pudelzuhause ist.

Im 19. Jahrhundert wanderten sie aus. Auch schon davor: es waren immer die Besseren, die aus religiösen, ideologischen und sehr menschlichen Gründen beschlossen, der Heimat den Rücken zu kehren. In deutschen Landen kam dazu, dass es in den über 40 Kleinstaaten, von der Stadt bis zum Flächensaat, so viele Despoten gab, die glaubten, ihre Untertanen gängeln und demütigen zu können, dass schon das Gesicht eines solchen Herrschers für viele freiheitsliebende Menschen nicht mehr zu ertragen war. Man lernte, Unterwerfungsgesten abzulehnen. Natürlich gab es auch die Aufklärung, die Hoffnung verbreitete. Doch die Aktiveren und Hellsichtigeren beschlossen, oft nach schweren inneren Kämpfen, wegzugehen, für immer.


Heimat 

Wir kennen den Schmerz, alles los- und hinter sich zu lassen. Herzzerreissende Abschiedsszenen gab es auf beiden Seiten. Die Zurückgebliebenen sagten, wir werden ihn/sie nie mehr sehen. Die  oft  unter ärmlichen und abenteuerlichen Umständen Abreisenden hofften auf ein besseres Leben in mehr Freiheit. Der Preis, den sie zahlen mussten, war hoch. Die Hoffnung auf Neues hielt sie aufrecht. Was sie hinter sich ließen, verblasste langsam. Eine neue Sprache musste gelernt werden. Die Vorgeschichte der Einwanderer interessierte niemand. Das Mobiltelefon existierte nicht. Es waren Abschiede für immer.


Heimat 

Als der 2. Weltkrieg zu Ende war, ging irgendwann Hans, ein Schulfreund. Er sagte nur wir gehen nach Amerika. Dann erlaubten mir meine Eltern - ich muss blutjung gewesen sein - mit einem älteren Freund eine Radtour an den Bodensee zu machen. Er war mein bester Freund und Beschützer. Er wusste viel, war absolut zuverlässig und etwas verschwiegen. Als wir nach 2 Wochen glücklich zuhause ankamen, sagte er zu mir, offensichtlich mit einem Kloß im Hals, meine Mutter und ich wandern nach Australien aus. Es traf mich wie ein Hammerschlag. Der Abschied, ein paar Tage später, war kurz und für immer. Wir haben nie mehr etwas voneinander gehört.


Heimat 

Meine ersten Gedanken, wenn ich Flüchtlinge sehe, kreisen um deren Heimat. Wo kommen sie her? Wer sind sie und wer waren sie? Armut kann keine Schande sein. Und wer eine Heimat hat, ist reich. Doch diese Menschen haben keine Heimat. Höchstens sehen sie zunächst ein fremdes, feindliches Land mit Menschen, deren Sprache sie nicht verstehen. Es sind wahrscheinlich die Besten, die als besitzlose und hilflose Bittsteller zu uns kommen. Ich denke, wir wissen, was wir zu tun haben.









Dienstag, 13. Oktober 2015

Cricri, Du hast es nicht verdient! Où es-tu?

Dein plötzlicher Tod hat mich, wie alle Deine Freunde und Lieben, furchtbar geschockt und aus dem Ruder gebracht. Die Nachricht ereilte mich in Yorkshire, wo wir vor 2 Wochen angekommen sind.

Wir waren drei Jahre zusammen. Es war eine schöne Zeit. Wir sind auch irgendwie gute Freunde geblieben. Aber, was Dir zugestoßen ist, ist Schicksal. Ohne große Worte zu machen: ich fühlte mich immer mit Dir verbunden, trotz unserer Trennung, damals. Unsere Leben gingen getrennt weiter. Ich bin sicher, Du hast mit Victor gute Jahre verbracht. Wie leid er mir tut, in seinem Schmerz! Nichts ist mehr gut zu machen. Wir müssen alles hinnehmen wie es kommt.  Wie gerne hätte ich nochmal mit Dir gesprochen.


Du hast das Leben geliebt. Du hast gerne gelacht und konntest doch so ernst sein. Hast Dich selbstlos um Deine Geschwister gekümmert. Um Deine Eltern. Ich denke, Du hast alles richtig gemacht.

Wir, die wir weiterleben dürfen, müssen uns auf unsere Erinnerungen beschränken. Das Schicksal wird auch uns an die Hand nehmen. Ein Trost ist das nicht, vielleicht nur eine jener Vorstellungen, die einem helfen, das Leben weiter zu führen.

Cricri, Du warst schön, intelligent, eine großartige Frau. Ich musste das nochmal bekennen, jetzt, wo für Dich die Nacht hereingebrochen ist.  

Da sitzt man nun und wundert sich

Das Wetter wechselt ständig. Heute Morgen, nach einem netten Frühstück mit Cath, sitzen wir mit unseren Rechnern in einer strahlenden Sonne und schreiben. Draußen ist es kalt, hier drinnen warm. Dieses Yorkshire hat seinen Reiz. Kühe und Schafe, auch Pferde, stehen überall herum, wo der Ausblick es zulässt. Bei jedem Wetter. Dennoch haben wir nur ein paar Minuten zu Fuß, um zur Old Hall zu kommen, einem urigen Pub, wo man auch Wein trinken und gut essen kann.


Die Wolkengebilde am Himmel sind oft kaum zu beschreiben. Einfach schön und unglaublich nordisch. Lange Spaziergänge gehören hier zum Alltag. Haworth, wo wir nächstes Jahr leben wollen, ist ein schönes altes Städtchen, manchmal überrannt von Japanern, die eine nostalgische Sucht zum Haus und auch Museum der Bronte-Schwestern treibt.



Die schriftstellernden Schwestern lebten hier und schrieben ihre teils sehr berühmten Romane und Gedichte. Charlotte, die Geschichte von Jane Eyre (1847), Emily, im selben Jahr: Wuthering Heights (Stürmische Höhen?) und Schwester Anne, ein Jahr später: The Tenant of Wildfell Hall.



Hinter diesem Friedhof lebten sie.

Haworth ist also eine kleine nordische Schönheit, vielleicht, mit dem Charme eines Herbstblattes, das dem ewigen Wind ausgesetzt ist. Die Natur scheint hier Vorrang zu genießen. Dafür sorgen die Möwen, die, da in Meeresnähe, den Himmel beherrschen. Yorkshire mit seinen Mooren, kahlen Bergen und ungezähmten Flüssen, und den Menschen, die immer sofort zu einem freundlichen Gespräch bereit sind. Das alles hat etwas.











  

Sonntag, 11. Oktober 2015

What is it I like so much?

About Britain... all I know is that I don't appreciate UKIP. Conservative or not conservative is not the question. The question is: what is honest in politics? There are no strategies for honesty, only for war and dishonesty. That does NOT explain why certain politicians are not always honest. What is sad and - may I say - evil, are the low expectations people have when listening to statements, promises and declarations made by politicians.


To me, having just arrived in West Yorkshire,  it is the weather that counts first and foremost. Is it looking good or somehow hopeless? Does it matter so much? Then, as a continental European, still living in Vienna with my Yorkshire wife, I expect to find some good bread here, that projects friendly morning sun on our breakfast table. My expectations are high, but to find marvellous Austrian Roggenbrot without yeast may remain an illusion. The French baguette I was used to for many years, living in Paris and Strasbourg, has become a fata morgana. So, what remains, is porridge with raisins and nuts. Not bad at all, provided that our talent for making good coffee to go with, does not shrink at the same time.


Driving on the wrong side of the road means no longer the wrong side, it means being extremely vigilant when old ladies or dogs want to cross the street. The permanent reminder of slowing down now is difficult to be taken seriously after the first 100 miles driving in this country. The clearly signalled speed limit could suffice. So, what is it I like so much  in this blessed country? The way, they strictly come dancing and.....................a good portion of battered haddock which foreigners know under the name of Fish 'n Chips. To come back to politics: is UK OK? Oh, yes, but UKIP sounds strange. I don't believe them!

Samstag, 10. Oktober 2015

Die Merkel-Cameron-Connection

Gestern haben sie zusammen diniert. Ich hoffe, es hat geschmeckt. David and Angela! Sie müssen es beide gewollt haben, sonst wäre diese - darf man sagen: Elefantenrunde? - nicht zustande gekommen.  Beide haben einen großen Zug gemeinsam: sie sagen Dinge, die nicht eindeutig sind. Was meint er damit, wenn er sagt, sein Land wolle die Mitgliedschaft in der EU neu verhandeln? Hat die Mitarbeit in Europa nicht genug Vorteile gebracht? Haben die anderen Länder das Vereinigte Königreich benachteiligt? Hat dieses Land jemals versucht, positive Initiativen zu ergreifen, um irgendetwas zu verändern? Die Rolle dieser ehemaligen Kolonialmacht ist nie klar definiert worden.



Viel Unausgesprochenes ist da übrig geblieben. Die Frustrationen des Landes können allerdings nicht Europa angelastet werden. Charles de Gaulle wollte damals in Europa eine Führungsrolle spielen. Deshalb hat er sich mit den dankbaren Deutschen in ein Boot gesetzt und Großbritannien mit dem (gewünschten) EU-Beitritt warten lassen. Jetzt droht Cameron mit dem Austritt, den er eigentlich nicht möchte. Was möchte er dann? Den Gedanken der Solidarität unter den Mitgliedern, unerlässlich in Zeiten mit Millionen Flüchtlingen, wird Europa nicht aufgeben können. Eher den Gedanken an ein solidarisches GB, denn die anderen EU-Länder scheren sich nicht um ein einzelnes Land. Nicht das Königreich ist unentbehrlich, sondern die EU ist notwendig für alle Mitglieder, wenn diese nicht in den Status von Bananerepubliken zurückfallen wollen.

 Das mit der Bananrepublik ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Erinnern wir uns: die USA und die Sowjetunion hatten sich praktisch die Welt aufgeteilt. Der Doller gab den Ton an, die Sowjets blackmailten so gut es ging. Es gab Krisen, Kalten Krieg und Konflikte, in die Europa hineingezogen wurde. Dass Deutschland und Frankreich das Märchen mit den Massenvernichtungswaffen im Irak nicht glaubten, war der Beginn des Niedergangs der USA als "ordnende Weltmacht", während die UdSSR ganz einfach zerfiel. Die Osteuropäer in der EU wissen was sie tun. Die jährliche Inflation von gefühlten 10% der Franzosenwährung, damals, kann sich heute keiner mehr leisten.  Braucht das Königreich, mit dem absprungbereiten Schottland, etwa nicht den Beistand anderer Länder?


Man kann es drehen wie man will: Angela Merkel, die in ihren Aussagen höchst ungenau sein kann, ist auch störrisch. Cameron wird ihr im Zwiegespräch keine Zugeständnisse abluchsen können. Es war von Anfang an klar, dass die Geburtstagsparty in Chequers nur ein Kaffeekränzchen werden würde. Warum werden die Hoffnungen bei solchen Ereignissen immer ins Unmögliche überhöht? Man weiß doch, dass dann nichts, aber auch gar nichts dabei herauskommt.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Yorkshire G'schichten, oder wie man von Wien nach Haworth kommt

Die Wiener G'schichten scheinen ein für allemal vorbei. Kaum sitzt man im Auto und hat ein paar Kilometer hinter sich gebracht, da sieht die Welt ganz anders aus. Den Husten nehme ich noch mit. Er wird sich erst beruhigen, wenn wir in Yorkshire im Regen stehen. So weit ist es noch nicht. Zunächst fahre ich wie der Teufel, entlang der A1, Richtung Linz. Das dauert eine Weile. Es ist Sonntag, und das Radio spielt Debussy. Wie schön, wenn es "draußen" neblig ist, mit kleinen Sprüheinlagen und dem ruhigen Verkehr, ohne lästige LKWs. Anfang Oktober ist die Reisezeit vorbei. Bald ist Deutschland angekündigt, dann geht es schon über die bayrische Autobahn in Richtung Nürnberg.  Daran vorbei, brummbrumm, dann meldet sich der Appetit, zusammen mit einer geduldigen Blase. Bereits im Fränkischen, finden wir den kleinen Ort Brunn, wo zwei ältere Landdamen ein herrlich einfaches Essen servieren, gut, ja, sehr gut, ein sonntägliches Essen auf dem Lande. Das Ziel: auf dem Weg nach England mit einer Übernachtung auszukommen und am anderen Abend in Seebrügge, an der belgischen Küste, in die Pride of York einzufahren. So weit ist es noch nicht.

Cath will nach vielen Jahren der Abwesenheit von der Heimat wieder einmal einige Wochen in Haworth verbringen, wo ihr Vater gelebt hat und ihre Mutter, ganz in der Nähe, in Pflege untergebracht ist. Auch zwei Brüder mit ihren Frauen leben hier im Norden Englands. Bis nach Limburg wollen wir es schaffen, wo wir hoffentlich einen Blick auf die renovierte Residenz werfen können, die der verschwenderische Bischof Tebartz van Elst unvollendet hinterlassen musste, weil er in seiner Dämlichkeit und Arroganz den Zorn nicht nur der Katholiken auf sich gezogen hatte. Doch bis nach Limburg schafften wir es nicht mehr. Wir hatten stundenlange Staus hinter uns, und beschlossen, gleich nach Wiesbaden in ein im Dämmerlicht liegendes Seitental zu fahren, das zu einer Burg und einem Ort namens Epstein führte. Schnell hatten wir das kleine Hotel am Fuße der Burg ausgemacht, das Zimmer Nummer 10 erhalten und einen herzhaften Flammenkuchen bestellt und gegessen. Dazu Wein aus dem Rheintal.

Da wir dabei sind, unsere dreijährige Wiener Heimat langsam aufzugeben, ist alles, was nach Heimat aussieht, besonders interessant. Das junge Hotelpärchen, mit dem wir ins Gespräch kamen, sprach mit Begeisterung von dem echt schönen Ort Epstein, in dem es sein Zuhause gefunden hatte. Cath und ich freuten uns darüber, denn Cathies und mein Heimatgefühl hatte durch etliche Umzüge (Brüssel, Paris, Straßburg, Zypern, Schwarzwald, Wien) ein wenig gelitten. Wo ist man zuhause, wenn man es nicht eindeutig sagen kann? Überall und nirgendwo. Die Hotelfamilie sprach neben Deutsch auch Türkisch. Ihre Heimat: Epstein im Taunus.

Dann kam das verwirrende Stück bis an den Rhein, vorbei an Limburg und Bonn, die Ehemalige, das Übersetzen über den Großen Fluss, die Suche nach Aachen und nach dem besten Weg durch ein Stück Holland, Belgien, mit dem dicken Brocken Antwerpen, an dem wir elegant vorbeituckerten, bis wir auf den endlosen Geraden bis hin nach Brügge waren. Verspätetes Mittagessen an der Küste, letztes Volltanken vor dem teuren Norden, an dem wir am folgenden Morgen an Land gehen wollten, sich Annähern an die stattliche Fähre nach Hull, an der Nordostküste, ungeduldiges Warten bis wir endlich auf das Schiff durften.

"Handbremse anziehen" hieß es da im Unterdeck. Etwas Gepäck mit in die Kabine nehmen, und sofort an der Bar relaxen, mit einen englischen Bier (Cath) oder einem Gin'n'Tonic (ich), bis der Kahn vollbeladen ist und die Passagiere in den Esssaal gebeten werden. Dann kann es losgehen. Ich freue mich immer auf diesen Teil der Reise: Im Restaurant trinken wir eine Flasche Roséweine aus Rioja, in der Kabine ist es angenehm eng, und in den Klappbetten wird nach einer solchen Autofahrt geschlafen wie es es die englische Königin nicht besser könnte. Die See war atemberaubend ruhig. Das morgendliche Frühstück atemberaubend europäisch, die Nacht, atemberaubend erholsam. Jeder, der andersherum zu denken versteht, kommt spätestens dann auf seine Kosten, wenn das Auto wieder auf der Straße steht und man auf der linken Seite losfahren muss. Irrtümer sind da keine erlaubt.

Nach etwa 100 km, jetzt in Meilen ausgedrückt, vorbei an Leeds, Bradford und Halifax (Achtung! Cathie's Geburtsort!), weiter im Westen, liegt Haworth. Im Regen! An diesem Ort hielten es die berühmten Bronte-Sisters aus. Da lebten und starben sie. Wir kamen rechtzeitig an, um dann in die Old Hall zu Fuss zu gehen. Da gab es für mich Fish'n Chips, in Wirklichkeit Battered Haddock genannt, und für Cath: Saussages mit einer beängstigenden Auswahl an Gemüsen. Kaum gegessen, fuhren wir zu Margaret, Cathies Mutter. Der Oberschenkelhals war gebrochen, jedoch auf dem Weg zur Heilung. Die alte Dame ist aber sehr müde, sodass wir nicht lange bleiben können.

Der Rest unseres Tuns: Sweet nothing. Wird der Regen einmal enden? Niemand regt sich darüber auf. Es geschieht halt. Cath öffnet zuhause die Schränke, um irgendetwas zum Naschen zu finden. Erfolglos. Wir müssen Einkäufe machen. Gin haben wir aus Wien mitgebracht. Tonic von Schweppes finden wir hier. Auch das ist Heimat. In Deutschland findet die Woche als Woche der Heimat statt. Ein sehr mutiges Thema für ein Land, das selbst einmal dazu beigetragen hat, diese Heimat zu zerstören, aber auch die schönsten Worte dafür zu finden. Heimatland, Heimatland, Dein gedenk' ich 
ewig, oh, mein stilles Heimatland! Ich hoffe, dass alle "Fremden", die in Deutschland und Österreich heimisch werden und werden müssen, das Gefühl haben können, zuhause zu sein. Ich konnte immer zuhause sein, wenn ich jemanden lieben konnte und selbst geliebt wurde. Cath ist jetzt in ihrer Heimat, und ich fühle mich hier pudelzuhause. 








Freitag, 2. Oktober 2015

Wiener G'schichten: Abschiedsblues, vorgereift

So ist es, wenn man fast 3 Jahre in Wien verbracht hat: der Abschied fällt schwer. Der tägliche Gang über den Graben, bis zur Wallnerstrasse, wo Cath heute ihren letzten Arbeitstag verbringt. Meine vorgereifte Trauer ruft mir jetzt schon den ewig blauen Himmel, die liebliche Abendbrise und die schönen Museumsbesuche ins Bewusstsein, die wir bald nicht mehr sehen können, denn wir ziehen nach Großbritannien. Wer vorgereifte Avocados ist, muss auch vorgereifte Trauer ertragen. Das kleine Café in der Herrengasse wird uns fehlen. Und und und.



Andererseits bietet das Zentrum einer Hauptstadt auch kritische Bilder: Die vielen Raucher, die während einer Schmauchpause an der Straße stehen, um ihrer geliebten Sucht zu frönen. Die ewig fotografierenden Touristen, an der Pestsäule, am Stephansdom, in der Kärntnerstraße. Die zahlreichen Bettler, die in oft gewagten Posen, mit dem Pappbecher in der Hand, um Almosen bitten. Die geistig behinderte Frau, die immer am gleichen Ort steht, in der Singerstraße. Sie sagt nichts, schaut niemanden an, bettelt nicht. Jemand muss seine schützende Hand über sie halten. Jeden Tag steht sie an der gleichen Ecke.



Der morgendliche Lärm, nicht nur von den Kirchenglocken, sondern von den Lieferwagen und Müllautos, deren Lärm früh beginnt und erst gegen 10 Uhr beendet ist. Die unsäglich winzigen Hündchen, die von ihren Gassifreunden herumgeführt werden. Es ist dieser baldige Abschied von Wien, der seine Fühler ausstreckt. Dazu kommt der Herbst, der schon eingezogen ist. Und, Christiane Hörbiger habe ich auch nie zu Gesicht bekommen. Wie schade.

Wien wird uns fehlen. Die kahlen Berge von Yorkshire werden uns hoffentlich trösten. Gerne werden wir an die Donaumetropole zurückdenken. Wiener G'schichten wird es dann von mir nicht mehr geben. Nur noch G'schichten. 

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Vorgereift: kriminell oder Stuss?

Wen hat es nicht schon konsterniert, Ausdrücke zu lesen, wie vorgereift, faserfrei oder Steinofenpizza? Das mit dem Steinofen ist mir zu blöd. Ist die Pizza Steinofen oder ist der Steinofen Steinofen? Es handelt sich hier wohl um eine Worthülse, die etwas veranschaulichen soll. Es kommt sicher nicht auf den Steinofen an, sondern um eine oft fragwürdige Pizza, die allerlei Schrott enthält. Das Label "Steinofen" ist echter Hintertreppenadel.

Faserfrei soll die Mango aus Brasilien sein. Geschmacksneutral, essfreundlich, auch reif????? Nur in Indien, dem Land der Mangos, habe ich reife Mangos genossen. Kaum je im Ausland. Mangos sind zu köstlich und delikat zum Exportieren. Also werden sie unreif vom Baum genommen. Selten richtig gut.
Avocados, unvorgereift!

Avocados scheinen die Hauptopfer des vorgereiften Wahns zu sein. Wie schmecken Avocados eigentlich? Vollreif? Wir werden es nie erfahren, steinhart wie sie bei uns ankommen. Also erfindet man den Begriff "vorgereift". Eigentlich eine jener Unverschämtheiten, die uns täglich in Supermärkten und in der Werbung über den Weg laufen. Wer reift diese unreifen Produkte eigentlich vor? Das heißt doch einfach: das Zeug ist unreif und wird als vorgereift angeboten. Eine Unverschämtheit.

STEINOFENliPIZZAner?

Was ist mit den Tomaten? Vorgereift? Das traut sich keiner. Da lassen sich andere Kriterien finden. Röte, die mit zunehmendem Winter immer blasser wird. Der Geschmack der Tomate - erinnert sich jemand daran? - ist nicht mehr da. Schon gemerkt, dass man diese Wasserbeutel als Cherrytomaten, Fleischtomaten, etc. erstehen kann. Dass sie gleich schmecken ist doch nicht die Schuld der Tomatenhändler.