Freitag, 16. Oktober 2015

Wiener G'schichten: Bertha Zuckerkandl, von Yorkshire aus betrachtet.

Man kann es drehen wie man es will, das Künstlerische in uns, das Erlebte, das Erträumte, das Gefürchtete, die Geschichte in uns, das alles schleppen wir mit uns herum, und irgendwann drängt es an den Tag. Das Jüdische in uns ist so eine Sache: wir leugnen es, verdrängen es und beschuldigen es gerne, ohne zu wissen, dass wir zutiefst darin verstrickt sind. Wie konnte ich in den fast drei Jahren meines Lebens in der Blutgasse im ersten Wiener Bezirk, so blind an Bertha Zuckerkandl vorbeigehen, ohne wenigstens folgende Tafel am Palais Lieben-Auspitz in der Oppolzergasse zu entdecken:
                                            In diesem Haus
                                  befand sich von 1917-1938
                              der Salon der Friedenskämpferin
                       und Schriftstellerin Bertha Zuckerkandl


Unwissen sollte keine Entschuldigung sein für das Ignorieren einer großartigen Frau, die die Welt nachhaltig beeinflusste und doch wie vergessen scheint. In meinem Bett in Yorkshire gehe ich oft "auf Ohr" wenn ich in der Nacht Radio höre und meine geliebte Mitschläferin Cath nicht inkommodieren möchte. Es ist dann oft BBC Radio Four oder Deutschlandfunk, beide Sender mit höchst hörenswerten nächtlichen Programmen. Es war mein deutscher Heimatsender, der von Bertha Zuckerkandl sprach. Ich dachte im Halbschlaf sofort an etwas Jüdisches und spitzte das angeschlossene Ohr.

Ihre Familie kam, wie so viele, aus Galizien. Sie war wohlhabend und ließ sich in Wien nieder, damals die unangefochtene Weltstadt Europas. Nur Paris hatte ähnlichen Glanz. Bertha interessierte sich für Menschen und liebte die Kunst und das Schreiben. Sie war Journalistin, Autorin und Übersetzerin zugleich. In ihrem Salon empfing sie Berühmtheiten wie Gustav Mahler, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler und Gustav Klimt.


Ihre Schwester Sophie heiratete Paul Clemenceau, den Bruder des späteren französischen Präsidenten Georges Clemenceau. Ihre Verbindungen nach Paris halfen ihr später (1938), als der große Führer sich in Österreich breit machte, nach Frankreich und nach Algerien zu fliehen. Sie starb dann in Paris, als der Spuk des Krieges vorbei war, 1945, und wurde auf dem berühmten Friedhof Père Lachaise beerdigt. Das ist jetzt nur 70 Jahre her, und schon wissen wir nichts mehr über diese einflussreiche Persönlichkeit, die auch mal vergeblich versuchte, im ersten Weltkrieg Frieden zwischen Frankreich und Deutschland zu stiften. Bertha Zuckerkandls Geschichte könnte heute auch als Migranten- und Flüchtlingsgeschichte nicht aktueller sein. Die morose, wolkenverhangene Stimmung des Yorkshire Himmels lassen mich oft an Wien denken und an die vielen offenen Fäden, die noch lose von unserer jüngsten Geschichte herunter hängen.









     

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