Montag, 31. Juli 2017

Kann mir jemand sagen, wer ich bin?

Ich lebe im Yorkshire Moor. Da regnet es viel. Seit Tagen habe ich mich nicht ins Freie getraut. Auch jetzt sieht der Himmel bedrohlich aus. Graue Wolkenfetzen streiten sich mit schwarzen Wolkenelefanten, die winzige Stücke blauen Himmels an sich reißen. Gleich wird es wieder regnen. Eine entsprechende Kleidung habe ich willentlich nicht angelegt, als ich das Haus verließ, um die Anhöhe hinauf zu gehen und mich in Gedanken zu verlieren.


Gewiss habe ich genügend Jahre auf dem Buckel, um zu wissen,  wer ich bin. Die Frage ist doch: bin ich zu dem geworden, der ich sein wollte? Als kleiner Junge: ein Brückenbauer.  Einen Führer hatten wir schon, den meine Oma als einen Teufel bezeichnete. Meine Oma war eine meiner Richtschnüre im Leben: nicht lügen, nicht stehlen, keine Gewalt, und immer fromm. Das Letztere habe ich mir früh  als etwas Nutzloses abgewöhnt. Geprügelt habe ich mich öfter, doch nur einmal habe ich zuerst zugeschlagen. Das war notwendig und für meine Selbstachtung wichtig.


Ich beobachte misstrauisch den Himmel. Es geht leicht bergauf. Wettererfahrene Mitmenschen scheint es heute nicht zu geben. Schwer erkennbar kommt mir doch jemand entgegen. Eine dunkle Gestalt, die sich als junges Mädchen herausstellt. Gerne weiche ich aus, denn der Pfad ist eng. Lächelnd bedankt sie sich. Ich bin meinen Gedanken wieder ausgesetzt. Was tu ich, wenn es plötzlich regnet? Ich lenke mich ab und prüfe den Stand der Wolken. Ich sehe schwarz. Es wird nicht mehr lange dauern bis ich wieder einmal völlig durchnässt sein werde.



In der Pubertät musste ich kaum leiden. Meine Umwelt (Vater, Mutter Großeltern) war mir wohl gesonnen. Papa sprach zu mir wie zu einem Freund, wenn ich meine jugendliche Empörung über das Schlechte in der Welt wütend zum Ausdruck brachte. Das Gefühl, ein wertloser Dummkopf zu sein, hatte ich nicht. Als ich zum erstenmal wegen eines Mädchens einen roten Kopf bekam, wusste ich noch nichts über das Schwulsein, was mir immer fremd aber nicht feindlich war. Klar, Mädchen waren meine Sache. Von Sex verstand ich nichts. Doch ich wollte ein guter Junge sein. Und beim anderen Geschlecht schrillten meine Alarmglocken. Wenn sich eine Schöne meiner Pickelexistenz erbarmte, war ich glücklich. Glücklich machen war mir jedoch wichtiger als der pure Sex. Deshalb hätte ich auch nie jemand betatschen können, ohne eine lächelnde Zustimmung zu erhalten.


Zu dieser Zeit muss ich den Humor entdeckt haben, der mir im Umgang mit den Frauen, aber auch Männern, eine stetige Anregung war. Der Mensch fühlt sich total anders an, wenn er herzlich lachen kann. Nur einmal geschah es, dass ich ausgelacht wurde. Sie kam aus Hamburg, studierte Psychologie. Sie hatte sich mir angenähert, um ihre Studien an mir zu absolvieren. Dann merkte ich, dass ich verlacht wurde. Das war mir zuviel.


Ich kehre um, denn der Himmel ist schwarz. Der Wind bläst kalt. Noch 20 Minuten habe ich zu gehen bis zur Haustür. Werde ich rennen müssen? Doch das Yorkshire Wetter hält eine Wende bereit. Blitzschnell verschwanden die Wolken auf die Seite, in die der Wind blies. Ich glaube man nennt es luv. Oder ist die dem Wind abgekehrte Seite, das Lee? Es geht bergab. Ich denke an meine Gedanken. Die Jahre haben mich reifen lassen, doch der Reifeprozess ist nicht abgeschlossen. Ich werde an mir weiterarbeiten müssen, bis ich zufrieden bin. Vielleicht gelingt mir das. Jetzt trifft mich ein Sonnenstrahl.










Egon Schütz, ich schulde Dir was.

Professor Doktor Egon Schütz: frage mich nicht, wie ich auf dich gestoßen bin. Wahrscheinlich im Rahmen des Kreises, der sich für die meisten Menschen irgendwann schließt. Oder, war es die Eingebung? Wir waren Freunde in Freiburg. Du warst Assistent bei Eugen Fink, bei dem ich mein Philosophicum machte. Auch Martin Heidegger kam noch gelegentlich vorbei und hielt einen Vortrag (über Sein und Zeit?). Dieser umstrittene Heidegger, der der erste Uni-Professor in Deutschland war, der die Nazi-Uniform trug, der uns aber auch ungewollt im Fernsehen mit Hannah Arendt zusammen- brachte. Sie war als Jüdin seine Geliebte gewesen. In einem viel beachteten Interview wurde sie von  Günter Gaus auch darüber befragt. Ein investigatives Meisterwerk. Hannah Arendt stellte sich für den deutschen Fernsehzuschauer als eine überragende, höchst liebenswerte und hochintelligente Persönlichkeit heraus.

Hannah Arendt 
In diesem Nachkriegsumfeld lebten wir damals, voller Fragen und Proteste. Als ich promovieren wollte, war es Egon, der voller Ideen war und mir ein Thema vorschlug, das ich später in der Schweiz bearbeitete. Dann kam ich nach Frankreich. Unsere Wege hatten sich unbeabsichtigt getrennt. Aus mir wurde kein Wissenschaftler, kein Politiker, kein Philosoph. Die Medien waren mein Ding. Wie man weiß, haben die Medien auch mit Neugier zu tun. Deshalb schaute ich bei Google nach und wurde fündig.



So kann es kommen: da hat man in einem langen Leben viele liebenswerte Freunde angesammelt zu denen man mit den Jahren den Kontakt verloren hat. Während man in jungen Jahren gar manche Flasche Wein zusammen geleert hatte, viele Stunden gemeinsam um einen Tisch gesessen, flutschen die Jahre danach vorbei wie nichts. Der Kontakt bricht ab, man weiß nicht warum. Dafür sollte es zumindest eine milde Strafe geben, zumal ich ergoogeln musste, dass Egon Schütz vor zwei Jahren verstorben ist. Kein einziges Foto aus unserer Jugendzeit gibt es, doch das Google-Bild von ihm zeigt den gereiften Menschenfreund, der er geworden ist: Seine Augen vermitteln noch immer Wissen und Güte. Ihm möchte ich Tribut zollen obwohl es für ihn zu spät ist. Lieber Egon, vielleicht begegnen wir uns eines Tages wieder irgendwo in einem anderen Leben. Zusammen mit Hannah, Eugen Fink, Husserl, Klaus Hemmerle und Martin Heidegger? Nazi-Uniformen werden dann nicht gebraucht.

Sonntag, 30. Juli 2017

Trump mal wieder. Fuck you!

Im Facebook erfährt man, dass Donald, der Amerika-Kenner, seine Polizei zu mehr Gewalt gegen Jugendliche auffordert. Ein empörter Deutschsprachiger bemerkt dazu harmlos: Scheiß drauf. Ich stelle fest, dass uns heute Flüche und Beschimpfungen leichter über die Lippen gehen als zu den Zeiten, als meine Tante noch "Jemmernai" sagte, wenn sie, katholisch wie sie war, bei einem mäßigen Wutausbruch eigentlich "Jesus-Maria-und-Joseph" hätte sagen wollen. Ich, als Kind, durfte nicht mal "scheiße" sagen, obwohl mir dieser Fluch gar nicht schlecht gefiel. Andere Kraftausdrücke waren mir unbekannt.



Es geht hier nicht um Trump, obwohl er mehr Schimpfvokabeln auf sich zieht als jeder andere Chorknabe. Auch die Hurenindustrie verfügt über Ausdrücke, die mir nicht sehr geläufig sind. Wer allerdings bei Google nachschaut, findet über 11300 Vokabeln der deutschen Sprache, die sprachlos machen. Unter den ersten 50: Steckdosenbefruchter scheint die Nummer 1. Die Nummer 3 klingt fast vornehm: Monsterbacke. No. 8 ist gemein: Fickfehler. Dann, in loser Folge: Teflongesicht, Arschgeficktes Eichhörnchen, Fettgondel, Kotnascher, Hurensohn, Bumsklumpen, Bitch,  Pimmelflöte, Arschloch, Hackfresse, Hühnerficker. Wir lassen es gut sein, sonst fallen mir noch regionale Schmankerln ein, wie das elsäßische Hosseschisser, das in der Variante Hosseschisserle liebevolle Züge annehmen kann.


Erst in der Pubertät lernte man Kruzitürken oder Hurengranaten oder Bombenelement richtig einzusetzen. Heute bin ich mit dem neueren Wutgeheul nicht mehr so vertraut. Die Jugend hat jetzt andere Möglichkeiten, den Schock auszulösen. Meist bewegen sich die Bezeichnungen im Anal- und Genitalbereich. Oft betreffen sie Menschen mit gleichgeschlechtlichem Verhalten, mit Machogehabe oder körperlichen Gebrechen.

Ich bin kein Kotnascher! 
Wenn ein Schuss Humor in der Verachtung steckt, wie bei "Kotnascher", kann sogar gelacht werden. Im Englischen, das uns Wörter wie Highlight und last-not-least und tausend andere Anglizismen eingebrockt hat, kommt man anscheinend mit weniger Unflat aus: Fucking Trump scheint den fucking Vogel abzuschießen. Das ist fucking cool. Der Rest ist bitch, moron, asshole. Halt, jetzt habe ich doch nochmal gegoogelt. Ich bin entsetzt über den englischen Schimpfreichtum. Das Ranking nach Rohheitsgrad lässt sich leicht zusammenfassen: harmlos: Son of a bitch. Weniger harmlos: bastard, cock, prick, fanny. Mehr als bedenklich: cunt, fuck, motherfucker.  Übersetzt wird aus Gründen des Jugendschutzes nicht.

Motherfucker? 
Leider haben kleine Jungs im englisch versifften Germany das Wort fuck sich längst zu eigen gemacht. An deutschen Wänden ist oft zu lesen: Fuck the Police. Ob sie wirklich wissen, was sie da schreiben? Die Kreativität des üblen Geschmacks kennt keine Grenzen. Je moderner unsere Klos werden, desto kloaker unsere Fäkalsprache.






Samstag, 29. Juli 2017

Die Schweiz, Mediator für Europa?

Ich glaubte immer, dass das Land der Eidgenossen noch nie in einen Krieg verwickelt war. Der institutionelle Frieden hat das Land heute wohlhabend gemacht, zum Neid seiner Nachbarn, die oft leicht irritiert auf das Alpenland schielen. Wie wäre es, von der Bürde der als überzogen empfundenen Steuerlasten überall in Europa etwas herunter zu kommen und in einem echten Steuerparadies zu leben?

Europas Mitte? 
Zwei Jahre lebte ich in der Schweiz, allerdings wusste ich noch nicht, was eine Steueroase ist. Im Canton de Fribourg war damals alles friedlich. Man spricht Französisch und Schwyzerdütsch. Probleme waren weitgehend gelöst, bevor sie auftauchten. Man legte wert auf die unspektakuläre Lebensweise. Soziale Spannungen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurden mir nicht gewahr. Aber ein gewisses Misstrauen dem Fremden gegenüber war zu spüren. Dennoch durfte ich Felix Klee kennenlernen, den Sohn von Paul Klee, der damals in Bern lebte. Bei meiner Bewundeung für das Bauhaus, immerhin etwas.

Paul Klee, einer der ganz Großen 
Die Kriegstaten der Schweizer, dem Volk erzählt, war der Titel eines Werkes von Emil Frey aus dem Jahr 1907(?). Man findet heraus, dass die Schweiz sehr wohl Kriege geführt hat und dass schweizer Söldner überall in der Welt anzutreffen sind. Dennoch, die Schweizer Garde in Rom gilt heute als ein Symbol für den Frieden. Und was den Schweizerkäse betrifft, sagt man, wenn seine Löcher nicht mehr schmecken, solle man den Käse wechseln.

Wien, Sitz der OSZE 
Jean Ziegler, den härtesten Kritiker der Schweiz, muss man ernst nehmen. Er meint, der 3. Weltkrieg habe bereits begonnen. 1964 hatte er Che Guevara versprochen, das Monster des Kapitalismus zu bekämpfen, dann hat er mit Kofi Annan zusammengearbeitet. Heute hofft und kämpft er immer noch, als ob man eine sozialistische Welt der Gerechtigkeit aufbauen könnte. Leicht kann man zur Zeit den Eindruck gewinnen, dass mehr Krieg als früher geführt wird. Nordkorea, die USA und andere scheinen mit neuem Elan an der Kriegswalze zu drehen. Die Angst friedlicher Bürger nimmt zu.

Washington, bewege dich! 
Gerade ist der Schweizer Thomas Greminger zum Generalsekretär der OSZE ernannt worden, mit 57 Mitgliedsländern eine der größten, dem Frieden verpflichteten Schaltstellen der Welt. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hat ihren Sitz in Wien, verfügt jedoch über zahlreiche Außentellen mit besonderen Aufgaben. Russland und die USA gehören dazu, sowie die meisten in Krisen jeder Art verstrickten Länder. Neben Medienunabhängigkeit, Terrorbekämpfung, Menschenrechten, Migration, den Rechten von Minderheiten, Roma und Sinti, befasst sich die OSZE heute auch mit einer Frage, die angesichts der global bedingten Entwicklungen in der Welt, der Spannungen und Bedrohungen, immer dringlicher zu werden scheint: der Verhinderung und der Lösung von Konflikten. Dazu sind neutrale Positionen unerlässlich. Welches Land wäre da besser plaziert als die Schweiz? Natürlich können nur Erfolge erzielt werden, wenn die beteiligten Länder da ernsthaft und entschieden mitmachen. Vorschusslorbeeren passen nicht in diesen Prozess. Aber der feste Glaube an Erreichbares, weil die Alternative dazu Krieg, Konflikt und Misere bedeutet.

Denken wir daran, dass vor über 60 Jahren große Hoffnungen und ein fester Wille mobilisiert wurden, um in Europa wenigsten eine Ordnung zu schaffen, von der wir heute ganz gut leben können. Die Bewältigung von Konflikten benötigt heute vor allem starke Visionen und soliden Optimismus.











Freitag, 28. Juli 2017

Schau hin und vergiss nicht!

Wegschauen und gleich wieder vergessen. So könnte man die Haltung vieler Europäer, nicht nur in früheren Jahren, umschreiben. Vor allem in Deutschland standen die Zigeuner im Ruf, kleine Kinder zu stehlen, die Wäsche von der Leine zu klauen und auch sonst, was nicht niet- und nagelfest war. Natürlich hat das fahrende Volk die ansäßige Bevölkerung oft bestohlen. Die Versuchung ist bei armen Menschen immer groß. Was heute die Banken und Konzerne im Großformat und ganz legal vollbringen, haben die Nichtsesshaften im Kleinen getan. Nehmen wo es nur geht. Es gab deshalb auch kaum Widerspruch, als die Nazis alles was sie für minderwertig hielten, auszurotten suchten. Der "Erfolg" machte manche sogar noch stolz, wie wir wissen.

Hassprediger Goebbels 
Der Europarat in Straßburg unterstützt deshalb heute die Bemühungen der Jugendgruppe "Schau hin und vergiss nicht" Dikh He Na Bister, eine Jugendorganisation mit Roma und nicht Roma Jugendlichen, die ab Morgen Veranstaltungen in Krakau und Auschwitz durchführen. Am Ausgangspunkt steht der Völkermord an den Romas und die heutige Hass-Rassismus- und Extremismuswelle in Europa. Die Romas werden jetzt immer noch diskriminiert. Dieses Unrecht wird durch das "anständige" Bürgertum geleugnet und praktiziert, was die Sache nicht leichter macht.

Budapest, Washington, wir  zuerst.
Was uns schwer fällt, ist der Gedanke, dass das fahrende Volk und die inzwischen sesshaften Angehörigen dieses Volkes die gleichen Rechte haben wie wir. In vielen Ländern wohnen heute sogar  Menschen in Hausboten und Wohnwagen, die keine Pauschalverurteilungen verdienen. Nur wer einen festen Wohnsitz hat, gilt als vollwertiger Bürger? Lasst uns diese Zwangsvorstellung vergessen und uns des großen Unrechts erinnern, das Minderheiten immer und überall zu erleiden hatten.

Die Gerechten dieser Welt? 
Die Tötungsmaschinerie des Dritten Reiches hat im übrigen nicht nur bei Juden funktioniert, was die Welt am meisten schockierte, sondern auch die Roma, die Zeugen Jehovas, Kommunisten, Homosexuellen, geistig und körperlich Behinderten und alle, die man als Dissidenten bezeichnen konnte, wurden zu Opfern. Wenn Fortschritt in unserer Gesellschaft etwas bedeuten soll, dann dieses: das Erreichte muss auch Wirklichkeit werden. Menschenrechte, Fairness gegenüber Minderheiten, Rechtstaatlichkeit, Achtung des anderen. Das alles muss sichtbar gelten. Das Schlimme unserer Vergangenheit darf nicht vergessen werden.

Das Angenehme im Leben. 
Wer auf Biogemüse, artgerechte Tierhaltung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und all das andere Angenehme in unserem Leben wertlegt, darf nicht uralte Vorurteile pflegen und auch noch stolz darauf sein wollen.


Rundungen sind nicht zum Anecken.

Wie kann man auf eine solche Idee kommen? Nun, ich weiß, warum. Doch davon später. Selbst das Rund in der Hakenkreuzfahne kann nichts dafür, tadellos rund zu sein. Irgendwo sagen sie Rundstücker und meinen leckere Brötchen. Das kommt für mich der Sinnlichkeit recht nahe. Den Vogel jedoch schießt die badische Dampfnudel ab, die es kaum mehr gibt, außer in manchen badischen Filialen à la Lidl oder Aldi. Davor möchte ich warnen.

Eine runde Sache 
Die Köstlichkeit einer mamagemachten Dampfnudel von einst wird nie mehr erreicht. Dabei hat sie wenig mit Dampf und schon gar nichts mit Nudel zu tun gehabt. Dafür ließ mich die Dampfnudel schon als Knabe genüsslich nach großen Busen schielen, das schlechte Gewissen inbegriffen. Ja, ich liebe immer noch die Rundungen der erotischen Art, die man immer und überall erspähen kann, wenn  man dafür ein Auge hat. Zwei Augen sind allerdings besser, wegen der Dreidimensionalität.

Dawn French, herrlich rund. 
Der liebe Gott muss sich bei der Schaffung der Dampfnudel ja etwas gedacht haben. Dieser Schlingel, dieser himmlische! Manchen Kirchenmann hat er damit kirre gemacht. Und auch sonst. Die Rundung scheint sich auch bei amerikanischen Präsidenten eingeprägt zu haben, sonst würde Trump nicht so dummes Zeug über Frauen sagen und dabei seine Fingerchen gefährlich in Bewegung setzen. Nun, Schweine gibt es immer und überall.

Sorry, Mister Trump. 
Auch der Pokult kommt nicht von ungefähr. Wobei das Geschlecht des Po gesegneten Wesens eigentlich egal ist. Hauptsache rund. Ich war immer ein sinnlicher Mensch. Und bin es immer noch immer. Heute viel bewusster als früher. Doch was Sinnlichkeit nicht verträgt, ist die moraldurchsäuerte Sinnlosigkeit. Ich meine damit die unbedachte Ablehnung alles Sinnlichen, vor allem, wenn man kaum eine Ahnung davon hat.

Nicht sinnlos, aber unsinnlich. 
In der Werbung wird deshalb mit den Rundungen oft Schindluder getrieben. Der liebe Gott guckt sich das an, hat jedoch keine Ader für so etwas. Das Hinschielen hat er nicht nötig, denn er hat Sinn und Verstand selbst erfunden. Deshalb habe ich auch kein Verständnis dafür, der Sinnlichkeit ihre Rundungen abzusprechen. Rund und sinnlich: so will ich es haben. Punkt.

Donnerstag, 27. Juli 2017

See you later - Abschiedsgebrabbel.

Schwer zu sagen, ob Aufwiedersehn das selbe bedeutet wie Tschüss oder Servus. Hier in England sagt man zwar "See you later", meint es jedoch in den meisten Fällen nicht. Auch das "Aufnimmerwiedersehen" gibt keine Garantie, dass man sich nicht doch wieder über den Weg läuft. Ich habe ein Alter erreicht, wo ich mir oft sage: ihn oder sie werde ich wohl nie mehr sehen. Das Leben ist ein Kommen und gehen. Unseren Dani aus Innsbruck haben Cath und ich nach einem dreiwöchigen Besuch heute Morgen wieder zum Bahnhof gebracht. Keighley-Leeds-Manchester, Abflug von dort nach München, dann per Bus nach Tirol. Achtzehn Jahre jung. Da wird noch mancher Abschied (für immer?) auf ihn zukommen.

Adieu, Dani. 
Mama starb, als ich im Ausland eine Sitzung leitete. Papa starb, als ich im Ausland eine Sitzung leitete. Nur das Telefon war unser fast täglicher Kontakt. Es blieb so vieles ungesagt. Und der Abschied tat unendlich weh, zumal die Schwester in den USA überhaupt keinen Abschied nehmen konnte. Ein Studentenfreund, mit dem ich mich immer etwas ironisch-respektvoll in Gespräche verwickelte, und der mich immer scheinbar respektlos mit meinem Familiennamen ansprach, wobei er mich duzte, dieser Freund besuchte mich eines Abends. Wir sprachen kurz miteinander, und statt "Tschüss" sagte er dann zu mir "Aufwiedersehn, Wolfgang" und reichte mir die Hand. Mit einem seltsamen Gefühl der Unruhe schlief ich an jenem Abend ein. Am Morgen erfuhr ich, dass Dieter sich aus dem 11. Stockwerk des Studentenwohnheimes in die Tiefe gestürzt hatte. Ein schmerzlicher Abschied für immer.

Tantan, rechts. 
Mein Tantchen, meines Wissens, neben meinen Kindern, die einzige Überlebende meiner Familie, ging auf die 93 zu. Unverheiratet wie sie war, lebte sie in einem Heim, das wir beide gemeinsam ausgesucht hatten. Als der Anruf kam, sie fühle sich nicht wohl, packte mich eine panikartge Unruhe. Ich wollte nicht nocheinmal von einem lieben Menschen unvorbereitet verlassen werden. Mein Vater (ihr Bruder) lebte schon lange nicht mehr. Ich eilte zu ihr. Etwas mehr als 100 km Autobahn. Sie konnte nicht mehr sprechen, schaute mich mit müden Augen an. Ihr Bruder hatte sie einmal eine geizige Kratzbürste genannt, und wegen ihrer konservativen, streng katholischen Einstellung hatten sie und ich uns bei jeder Gelegenheit freundlich gekabelt. Ich fühlte, dass das Ende von Tantan (wie meine Kinder sie nannten) gekommen war.

Es wird kalt in der Nacht 
Bisher habe ich es nur einmal in meinem Leben getan. Ich saß an ihrem Bett und flüsterte: Tantan, wir haben uns oft gestritten. Jetzt musst du wissen, dass ich dich immer geliebt und bewundert habe. Auch die Kinder waren immer von dir fasziniert. Wahrscheinlich werden wir uns nicht mehr lange sehen. Verzeihe mir, wenn ich nicht immer nett zu dir war. Ich weiß, dass du bald im Himmel sein wirst. Woher ich diesen Mut nahm, weiß ich heute nicht mehr. Die Ärztin sagte zu mir: sie wird diese Nacht durchschlafen können.  Ich kam am nächsten Morgen wieder. Sie war friedlich eingeschlafen.

Theresa, see you later. (Brexit) 
Ich habe immer noch Probleme mit dem Abschied. Ist es das letzte Mal, dass wir uns sehen? Wieviele Male werden es sein? Was wohl ein Engländer denkt und fühlt, wenn er sagt See you later? Haben manche deshalb diese Angst, aus der EU auszusteigen? Die Ungewissheit ist es, ja, die Ungewissheit. Tschüss, Brexit.











Mittwoch, 26. Juli 2017

Picasso und ich.

Pablo Picasso war ein Künstler. Neben Kindern hat er auch Kunstwerke gezeugt. Als seine jüngste Tochter Paloma geboren wurde, war Pablo schon an die 7o. Als ich um die 20 war, hatte ich eine Begegnung mit Picasso in Nizza. Da ging er auf die 80 zu. Er sah genau so aus wie eines seiner Selbstbildnisse. Niemand konnte seinen ganzen Namen heruntersagen: Pablo José Diego Francisco de Paula Juan Nepomuceno María de los Remedios Cipriano de la Santísima Trinidad Ruiz y Picasso (über 100 Buchstaben!). Nachzulesen im Taufregister von Málaga. Wen wundert es noch, dass Picasso nicht nur Surrealist, sondern auch Kubist, Expressionist, Realist, Symbolist, Neoklassiker und vieles mehr war.

Er war auch schon mal eine Briefmarke 
Warum komme ich gerade auf Picasso? Eigentlich wollte ich ein Selbstporträt von mir erstellen, um endlich herauszufinden wer ich bin und war. Ich wollte ein guter Junge sein und einmal ein Mann werden. Das habe ich dann auch geschafft. Als ich im Kindergarten einen spontanen Kuss bekam, wusste ich, dass es neben den Knaben auch noch Mädchen gab. Das war etwas Ungewohntes, obwohl es auch schon eine kleine Schwester gab, aber das andere Geschlecht sah nur irgendwie etwas eigenartig aus, zart und weich, weinte ganz schnell und fand immer in Mamas oder Papas Armen Zuflucht. Ich hingegen hielt mich eher für eine Art Enkelkind, denn ich fühlte mich auch zu Oma und Opa hingezogen.

Pablo Picasso, José Diego Francisco....... 
Meinen Widerspruch weckte meine Tante, die fromm war, immer recht hatte, eine stachelige Warze auf der Backe und sich oft über meine Kleinheit lustig machte. Ihren Geiz bekam ich schnell zu spüren. Meine kindliche Auflehnung dagegen kann so zusammengefasst werden: nein, so möchte ich nicht werden. Außerdem liebte sie das männliche Geschlecht nicht besonders. Das merkte ich schon. Damit muss man als Knabe erst mal fertig werden. Zumal man einem männlichen Kind vieles unterstellen konnte: das Zündeln mit Streichhölzern, das Stibizzen von Bonbons aus der Nachttischschublade, nicht die Wahrheit sagen und, viel später, sich mit Mädchen herumtreiben. Das hat meinen Begriff von der Moral nachhaltig geprägt.

Davon träumte ich. 
Dabei musste man sich als Junge mit den Pickeln im Gesicht ganz schön anstrengen, von der jeweiligen Angehimmelten beachtet zu werden, womöglich sogar ein Lächeln geschenkt zu bekommen. Der großzügige Kuss, den mir Rosa zum Abschied von unserer Schule verabreichte, hat mich noch jahrelang beschäftigt. Ihren Namen hätte ich gerne geändert gewusst, aber ansonsten hat sie mir die Augen geöffnet über die manigfaltigen Dimensionen eines weiblichen Wesens. Mit Sex hatte dies jedoch nichts zu tun.

Zieht es uns hinan, das Weibliche? 
Dass ich gelernt habe, entschieden nein zu sagen, wenn ich gegen etwas bin, verdanke ich dem Vater von zwei lieben Freunden, die dank ihrer herzensguten Mutter kein Wässerchen trüben konnten. Dieser Vater war Fabrikbesitzer, Großgrundinhaber und ein männliches Ekel. Dr. B., mehr möchte ich dazu nicht sagen. Er sorgte dafür, dass ich ab dem 10. Lebensjahr nie mehr den damals noch üblichen "Diener" machte. Das hat mir mein Leben lang gut getan.

Seht, was aus mir geworden ist! 
Mein Verhältnis zu Frauen ist ein positives. Ich halte sie im Allgemeinen für die besseren Erdenbürger, was ich meiner (doch auch) geliebten Tante nicht anlasten möchte. Heute bin ich zutiefst überzeugt, dass eine einzige Lotusblüte im Leben des Mannes genügt, wenn er in der Lage ist, sie aufrichtig und leidenschaftlich zu lieben. Deshalb stimmt mit den Kardinälen im Vatikan etwas nicht. Da bin ich mir sicher. Mein Verhältnis zu Männern: da muss ich Papa viel verdanken, denn er war kein Macho, konnte auch mal weinen, war nicht schwul, hatte aber gute männliche Freunde.


Bei mir kommt noch dazu, dass ich die sexuellen Regungen meiner Freunde und Freundinnen zwar mit Interesse zur Kenntnis mehme, mich jedoch nicht in der Lage fühle, mich einzumischen oder Urteile zu fällen. Nie in meinem Leben habe ich eine Anmache seitens eines Freundes erlebt, obwohl meine Natur auf Neugier getrimmt ist. Wie ich mich verhalten hätte, weiß ich nicht, und das ist gut so.









Dienstag, 25. Juli 2017

Menschenwürde, was ist das?

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das muss wörtlich genommen werden. Ein Kind zu schlagen, ist würdelos, menschenwürdelos. Eine Nonne an den Busen fassen, verdient eine schallende Ohrfeige. Einem Bettler die Groschen klauen ist mies. Alle, denen die Würde genommen wird, können oder wollen sich nicht verteidigen. Viele merken nicht einmal, dass sie eine wesentliche Überschreitung begangen haben. Angela Merkel wurde abgehört. Das ging garnicht. Ihre Kanzlerwürde wurde beschädigt.


Deshalb sind Vergewaltigungen ein großes Verbrechen. Die Rechte anderer zu missachten, wörtlich, mit den Füßen zu treten, sagt schon alles. Wer den Unterschied zu einem Ladendiebstahl nicht kennt, wird schnell merken, dass er an der Grenze zum Verlust der Würde steht. Wenn er erwischt wird, bekommt er die verdiente Erniedrigung durch die Vertreter des Eigentums zu spüren. Auch Finanzämter und Banken können die Würde des Menschen leicht vergessen. Einem Menschen körperlich nahe zu treten, wenn das nicht gewollt wird, ist auch eine strafbare Grenzüberschreitung. Und das Auge des Gesetzes, die Polizei, muss das besonders beachten. Wobei mancher testosterongeplagte Jüngling eine gelangt bekommen sollte, wenn er sich nicht an die Regeln hält.


Die Peinlichkeit kann sich auch mit dem Erwischtwerden in der Straßenbahn ohne Fahrschein herausstellen. Man möchte im Boden versinken, weil man ein Stück Menschenwürde verloren hat. Die Armut als solche hingegen sollte Achtung hervorrufen, nicht Verachtung, wie dies bei Reichen oft der Fall ist. Wenn wir uns verteidigen, dann hauptsächlich weil wir unsere Würde bewahren wollen.

Ihr einziger Anhänger? 
Ein klassischer Fall von Kindesmissbrauch ist das Zurschaustellen eines Babys auf dem Arm einer Mutter, die eine Alternative für Deutschland möchte. Sie benutzt ihr Kind (ach ist das süß. Und seine Mutter erst!) in schamloser Weise. Diese Kepetry-Mutter wird sich in einigen Jahren vor ihrem Sohn rechtfertigen müssen. Ich sage es nocheinmal: die Würde des Menschen ist unantastbar.

Würdenträger 
Natürlich kann man nicht vergessen, wie die Menschen im Konzentrationslager behandelt wurden. Man hat sie nackt herumgestoßen, sich an ihrer Rechtlosigkeit ergötzt und sie dann als Abschaum vergast. So gesehen ist die Ohrfeige für das Kind unter Umständen verzeihlich, wenn sie im Affekt verabreicht wurde. Eine solch würdelose Behandlung ist jedoch schon der Beginn einer strafbaren Handlung. Aus dem rechten Gezetere der biodeutschen Hetzer entnimmt man leicht, dass sie bereit sind, solche Grenzen permanent zu überschreiten. Sie tun es. Schlagen wir zurück. 

Montag, 24. Juli 2017

Wolfi macht ein Selfi.

Ich über mich: das geht garnicht. Außerdem habe ich gelernt, dass man sich nicht so wichtig nehmen soll. Gerade lese ich das Buch eines Holländers: The Secret Diary of Hendrik Groen, 83 1/4 Years Old. Cath hat es mir auf Englisch hingelegt. Du wirst dich kringeln vor lachen, meinte sie. Doch soweit bin ich noch nicht. Ein Dreiundachtzigjähriger, in dreißig Sprachen übersetzt, frech wie Anton, lebt in einem Pflegeheim und eckt überall an. Sein literarisches Selfie interessiert mich. Nicht, dass ich so alt wäre wie dieser schüttere Knabe, doch an den schicken Großstadtmarathonen nehme ich schon lange nicht mehr teil. Nicht einmal am Fernseher. Ich sehe unter Umständen erheblich jünger aus und habe im Gegensatz zu Hendrik nie versucht, meine Gutmütigkeit auf andere zu übertragen.


Meiner unglaublich jüngeren Cath habe ich neulich mitgeteilt, dass auf meinem Grabstein folgendes zu stehen hat: EIGENTLICH WOLLTE ICH WEITERLEBEN. Als musikalische Begleitung wünsche ich mir einige Takte aus Debussys L'après-midi d'un faune. Was ich jedoch bis heute nicht geschafft habe und dringend nachholen muss, ist das Herstellen eines Selfies. Ich werde mich bei meinen japanischen Touristenfreundinnen erkundigen. Aber einen Selfiestick benutze ich nicht. Ich kann mich auch anderweitig lächerlich machen. Man denke an Adolf Hitler. Ein Hitlerselfie, von Frauke Petry gekonnt gefaked. Das würde in mindestens 5% unserer bunten Bevölkerung die Runde machen.  Nach den Bundestagswahlen.


Wenn ich 83 bin, werde ich meine letzten Geheimnisse von mir preisgeben, zum Beispiel, wie ich die englische Königin vor Paparazzis rettete, oder Pablo Picassos hellblaues Wolljäckchen hielt während er Interviews gab, oder den schüchternen Julio Iglesias an der Hand durch den Plenarsaal des Europäischen Parlaments führte. Weitere Geheimnisse: eine verschwindend kurze Zeit meines Lebens als Kind muss ich Bettnässer gewesen sein, und Kirschen kann ich essen wie kein zweiter. Ich werde nie davon satt. Meine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindng beendete ich nach zwei Monaten, weil ich im Biertrinken grottenschlecht bin und das pubertäre Gequassel meiner Kameraden nicht mehr ausgehalten habe. Vor allem der Oberbursche, ein 16. Zahnsemester, ging mir auf den Geist.

Kuckt euch doch selbst an" 
Gesellschaftlich bin ich erledigt. Keiner möchte mit mir gesehen werden. Also versuche ich es mit dem Selfie. Hier, in Haworth/Keighley fordert ein Gastwirt seine liebe Kundschaft im Mai schon auf, das Weihnachtsessen zu reservieren.  Kein Wunder, dass zur Zeit auch schon die Blumen für die eigene Beerdigung vorausbestellt werden können. Wer schon jetzt bezahlt, spart Geld. Wir müssen uns auf vieles vorbereiten. Auch auf Selfies danach. Aber auf die eigene Beerdigung? Ich wende mich von allem ab und richte mich auf das Leben danach ein: das Selfie hält mein Aussehen fest, wie es leider ist. Ich selbst bin nicht mehr gefragt. Die Erinnerung an ein Selfie genügt. Hauptsache, man sieht im Hintergrund etwas Nettes. Jetzt lese ich das geheime Tagebuch des Hendrik Groen. Ich möchte nicht so lange warten bis ich sein Alter erreicht habe. Lieber ignoriere ich, dass es mit uns allen bergab geht. Lasst bitte die Hitleradepten nicht auf einen grünen Zweig kommen.




Optimismus verlängert das Leben. Vielleicht.

Eine der dringendsten Fragen, die wir uns stellen, ist, ob wir ein langes, gutes Leben haben, oder nicht. Manche grübeln ewig darüber nach, andere kommen klar zum Schluss, dass sie Pechvögel sind und dass ihnen ein frühes Ende drohen könnte. Allerdings ist die Überlebensforschung schon längst einen Schritt weiter. Das soll uns freuen. Denn, wer viel Sex hat, in einer guten Beziehung lebt, sich nicht vor unheilbaren Krankheiten fürchtet, gerne gut isst und eine schöne Kindheit hatte, lebt länger. Das ist jetzt bewiesen. Aber, wie schafft man das?


                                                    Henry Moore 
Zunächst muss man herausfinden, ob man ein Opti- oder ein Pessimist ist. Das beginnt schon sehr früh im Leben. Wird Oma mir das schöne Spielzeug kaufen, ja oder nein? Wird die Mathenote wieder so schlecht ausfallen wie das letzte Mal? Wird sie diesmal (nicht die Oma!) meine Einladung zu einem ersten  Spaziergang in den Wald annehmen oder wieder behaupten, sie hätte keine Zeit (weil sie einen anderen liebt)? Solche lebensbestimmende Grundfragen geben Aufschluss darüber, ob man eher ein ängstlicher Muffel oder ein unverbesserlicher Optimist ist.

                                                                               Das ist Dani 
Um Klarheit zu bekommen, frage ich meinen 18jährigen Besuch aus Österreich. Es handelt sich um Dani, der von seiner Mutter geradezu tierisch geliebt wird, was ihn auf die Frage ob Pessi oder Opti spontan antworten lässt: wenn ich Pessimist wäre, würde das Leben total scheiße daherkommen. Das passt nicht. Mit 18 einen positiven Blick auf das Leben zu werfen, ist ein vielversprechendes Zeichen. Probleme sind lösbar oder man geht ihnen halt aus dem Weg. 'Tu felix Austria nube' sagten schon die Lateiner, indem sie behaupteten, Österreich mache sich durch Heiraten glücklich. Dani jedenfalls erträgt das Yorkshire Wetter ohne Murren. Er ist so etwas wie unser Neffe, obwohl er der Sohn einer Tochter ist (Lucia), deren Mutter aus Yorkshire und der Vater aus Tirol stammt. Auch das kann zu ausgeglichenen, lebensbejahenden Verhaltensmustern führen.


Bei mir fing das Leben ohne Optimismus an. Ich fürchtete mich vor Bomben, und als ich auf einem kriegsbedingten Weihnachtsmarkt eine hölzerne Ritterburg mit Zinnsoldaten erblickte, sagte mein Papa, sie sei leider zu teuer und wahrscheinlich schon verkauft. Ich fügte mich in mein Schicksal, bis ich wenig später meine Traumburg unter dem Weihnachtsbaum stehen sah. Mein Zweckpessimismus war wie von Zauberhand für immer hinweggefegt.

                                       Es wird alles gut. 
Jetzt, im hohen biblischen Alter, fällt mir der Optimismus besonders leicht. Die Bomben haben mich nicht ausgelöscht. Ich stehe seit 20 Jahren in einer Beziehung, die jeden Optimismus rechtfertigt. Ich habe nichts, aber auch garnichts, gegen Sex, gutes Essen, meinen Lieblingswein und freundliche Menschen die ich gerne anlächle. Das gelegentliche Bohren in der Magengegend rührt eher von den unerhörten Rechnungen her, die manchmal ungefragt ins Haus flattern. Aber, was soll's? Ich hatte eine gute Kindheit, kam unbehelligt aus der Pubertät und warte jetzt darauf, dass meine Jahre noch etwas biblischer werden. Ans Zahlen denke ich so gut wie nie.













Samstag, 22. Juli 2017

Nazis: wann werden wir sie los?

2017, das sind über 70 Jahre nachdem das Nazireich, das 12 Jahre dauerte, zuende gegangen war. Was haben wir, die alten Achtundsechziger, uns alles anhören müssen. Und was müssen wir uns heute wieder anhören, wenn wir uns die Hasstiraden der Petrys, Meuthens, Höckes, Storchs und Weidels von der AfD vergegenwärtigen. Sie tun so, als wären die Nazis Chorknaben gewesen. Nach dem Krieg behaupteten die meisten, sie hätten nur Befehle ausgeführt. Dabei wurden sechs Millionen jüdische Mitmenschen, nicht nur in Deutschland, einfach ausgerottet.

Auch die rechte Hobbypatriotin Le Pen  ist eine Hassschleuder
Für uns Jüngere stand die ewige Frage im Raum: was haben unsere Väter, wenn sie Nazis waren, wirklich getan? Nur Befehle ausgeführt? Vieles wurde geradezu pathologisch verdrängt oder geleugnet. Das Schlimmste waren die Überlebenskünstler. Sie passten sich der noch schüchternen Demokratie in Westdeutschland an. Ein Hans Filbinger wurde Ministerpräsident von Baden-Württemberg, obwohl er ganz am Ende des Krieges noch junge Desserteure zum Tode hat verurteilen lassen. Ein anderer Ministerpräsident des gleichen Bundeslandes, Kurt Georg Kiesinger (CDU), wurde als Altnazi Bundeskanzler in der damaligen Hauptstadt Bonn. Nur die Ohrfeige der Beate Klarsfeld, die mit einem französischen Juden verheiratet ist, hat diesen Skandal offengelegt. Bravo, Beate!

Kurt Georg Kiesinger hatte die Ohrfeige verdient! 
Keiner wollte seine Schuld offen bekennen, und viele Nachkriegsdeutsche haben mehr oder weniger gutgläubig diese Ex-Nazis auch noch in Schutz genommen. Die Aufarbeitung dieser Verbrechen wurde hinausgezögert und in der DDR ebenfalls verhindert, wenn der Betroffene eine elegante Hinwendung zur SED vollzogen hat. Die Generation der Achtundsechziger haben an diesem Lügengebäude gerüttelt. Auch das berühmte Niederknien des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos hat dann ein Rückbesinnen der Bevölkerung bewirkt, das zur Folge hatte, dass auch ehemalige Nazis und Kriegsverbrecher von deutschen Gerichten abgeurteilt wurden. Doch relativ wenige Verurteilungen kamen zustande.

Aufarbeitung in Ost und West? 
Seit Angela Merkel die Tore für den Strom der Flüchtlinge geöffnet hat, erscheinen die Deutschen als ein Volk, das Großzügigkeit bewies. Angela Merkel wurde in den Rang einer der besten Politikerinnen der Welt erhoben. Das zu zerstören, sind die Rechten von der Alternative für Deutschland angetreten. Einer nationalistischen Regung folgend, die internationale Züge aufweist, haben sie den alten Antisemitismus aufpoliert. Sie hassen, was nicht rein deutsch ist und mischen sich in gleichgeschlechtliche Verhältnisse ein, die sie nichts angehen, weil jeder das Recht hat, sein eigenes Leben zu gestalten.


Zum Glück scheint unser Land so stark in die westliche Welt integriert zu sein, das jede Art von Rassenhass und Ausländerfeindlichkeit, sowie Feindlichkeit gegenüber den verschiedensten sexuellen Neigungen abgelehnt wird. Daran müssen jedoch alle mitarbeiten. Vor allem, was die nationalozialistische Vergangenheit Deutschlands betrifft. Ein zweiter Hitler ist nicht in Sicht, aber die selbsternannten Möchtegernpatrioten der rechten Art müssen mit allen Mitteln bekämpft werden, denn sie sind brandgefährlich.





Yorkshire Tagebuch - 21 - Brussels Pâté.

Eine verfeinerte Leberwurstkrem nennt sich hier in England Pâté, Brussels Pâté. Man besteht auf diesen seltsamen französischen Akzenten, accent aigu und accent circonflexe, weil das echter aussieht. Der circonflexe (^) ist das kleine Dächlein auf dem a, das eigentlich unenglisch ist. Der Pâté schmeckt jedoch und eröffnet gewöhnlich mein Frühstück, das dann mit drei verschiedenen Konfitüren fortgesetzt wird. Nur so komme ich unbeschädigt durch den Tag.

Brussels Pâté zum Frühstück 
Vor allem, wenn das Wetter anhält: 2 Stunden Sonne, 20 Stunden Wind, etwas Regen and sunny spells, as they call it in the weather forecast. Dazu ein gräulicher Himmel der alles verspricht nur kein kontinentaes Hoch. Mich stört es nicht. Das Brussels Pâté hat übrigens gut geschmeckt. Vielleicht ist das der Grund, warum Nachbars Katze Arthur nach vielen Wochen der Sommerfrische (aber wo?) plötzlich wieder vor unserer Tür stand. Das allgemeine freudige Hallooo war nicht zu überhören.

Ein alter Bekannter 
Der allwissende "Guardian" denkt heute über die Zerstörung unserer Zeit, bzw. unseres Zeitbegriffes nach. Der Übeltäter ist das Internet, vor allem das E-mail. Klar, dass ich mich an das Hereinbrechen dieses "sozialen" Mediums erinnere. Als das aufkam, erhielt ich über 80 pro Tag. Der Anspruch, jedes Mail zu beantworten, machte aus der verfügbaren Zeit Hackbrei. Das Ende unserer Tage schien gekommen. Inzwischen gehen viele nicht mehr ans Gerät. E-mails werden nur noch durchgelesen, nicht mehr beantwortet. Doch der Druck der Zeit ist irgendwie geblieben. Es muss inzwischen jemand geben (nein, das kann nicht Gott sein), der Dir Deine Zeit verwaltet, vielleicht sogar zerstückelt. Die entsprechenden Apparaturen kennen wir. Wir fingern ständig daran herum.


Gerade heute fühle ich mich wie Tagträumen. Herumsitzen und Musikhören. Statt dessen haben wir einen Fensterspezialisten im Haus, der kleine und größere Fenster begutachtet, Maß nimmt, Preise errechnet und mögliche Einbautermine nennt. Cath, Richard, Johnnie und Claire kümmern sich darum. Jetzt sind alle gegangen, um einen Bodenbelag auszusuchen, der einen altersbedingten Teppich ersetzen soll.

Fenstererneuerung 
Manchmal ist der Tag einfach verplant. Da hilft kein Zeitmanagement. Stunden vergehen, auch das Leben schleicht unbemerkt weiter, und das Träumen von besseren Tagen wird verschoben. Eine Linda Wenzel aus der Nähe von Dresden soll das vermisste Mädchen sein, von dem man annimmt, dass ein arabischer ISIS-Genosse es überredet haben soll, sich nach dem Irak aufzumachen. Man will sie zuletzt in Istanbul gesehen haben. Wie konfus die Welt doch Menschen machen kann.


Die Sonne ist wieder da. Ich versuche, meine Träumerei zu unterdrücken und ein wenig ins Yorkshire Moor zu starren, wo Schafe und Kühe grasen, ohne sich über das Leben die Köpfe zu zerbrechen. Politik interessiert mich heute nicht. Also: Merkel, May, Erdogan, Trump, sagt heute nichts was mich aus der Ruhe bringen könnte. Keine E-mails, Anrufe, Facebook-Eintragungen, Twitterkram oder sonstige elektronische Zumutungen.