Freitag, 30. August 2013

Island - mon amour

Ich muss es so sagen: Island war vor dreißig Jahren eine gastronomische Wüste, wobei Lachs und Lamm natürlich immer zur Verfügung standen. Doch es gab kaum Gasthäuser, die über eine rudimentäre Küche hinauskamen. Und der Wein: fast alles teurer Import von zweifelhafter Herkunft. In Reykjavik gab es meines Wissens zwei "Abgabestellen" für Alkohol, eine im Osten und eine im Westen der Stadt. Diese waren nur am Freitagabend und Samstag früh geöffnet. Die Alkoholsituation in Island konnte man da bildhaft studieren. In manchen Schaufenstern sah man schwarz angesengte Schafsköpfe, die Augen daneben liegend, ebenfalls gerne gegessen. Das machte reine Esstouren nach Island äußerst selten. Kulinarisch gesehen war Island der wilde Norden.


Das hat sich nach und nach geändert. Guten Wein und feines Bier findet man jetzt überall. Bei unseren Freunden auf den Westmännerinseln aßen wir uns schon letztes Jahr an Hummerschwänzen dumm und dusselig. Dieses Jahr stießen wir überall auf originelle und sehr gute Restaurants. Einige der vorgefundenen Leckereien haben uns kräftig beeindruckt. So in Borganes, das einfache Gasthaus eines Museums: hier gab es geräuchertes Schafstatar mit weißem Meerrettich und etwas Roter Beete, die das Tatar in ein aufregendes Lila tauchte. Auf den drei Tatarhäufchen thronten je eine Blaubeere. Das Ganze eingerahmt von Rauke, die von vielen auch Ruccola genannt wird. Bei Yrsa, Carlos und Marta aßen wir zu neunt im Sommerhaus der Familie, in einer wahren Wildnis, 4 kg frischen Lachs, im Fluss daneben gefangen, auf beiden Seiten angebraten. Dazu gab es isländische "Kartöffele", gebraten, und reichlich Wein. Köstlich. A memorable meal, indeed.



Letztes Jahr bekamen wir, hoch im Norden, Fohlencarpaccio, das ich noch nie gegessen hatte. Auch dieses für Pferdefleischgegner eigentlich erstaunlich gut. Island weiß oft nicht, wohin mit dem stolzen Tier, das alle lieben und als Art Lebenskamerad betrachten. Zu beachten ist auch die köstliche Hummersuppe, die man im Hafencafé in Grindavik bekommt. Man geht einfach an den Suppentopf, holt sich die Hummerstücke heraus und isst bis man keine Lust mehr hat. Preis für 4mal Hummersuppe satt: 4.800 isl. Kronen (30 €). Recht preiswert. Auch die überall angebotene Lammfleischsuppe, mit viel Gemüse, ist sehr schmackhaft. Man kann jetzt sogar von einer neuen nordischen Küche sprechen. Überall im Lande entstehen neue Essmöglichkeiten für den Kenner. Dazu kommt der ständig wachsende Tourismus, der diese Angebote lebhaft goutiert.



Kein Isländer würde aus dieser Entwicklung eine wichtige Angelegenheit machen. Man ist immer noch
beeindruckt von den kulinarischen Errungenschaften der großen Kochländer wie Frankreich, Italien, Spanien. Dabei sind ganz andere Länder auf dem Vormarsch: Thailand, China, Indien usw. Typisch isländisch ist jedoch die frische Art, mit der man an die nordische Küche herangeht: Ohne Aufhebens, aber mit einem gestrichenen Maß an Experimentierfreude.





Mittwoch, 28. August 2013

Island, Island, Island

Am Tag vor ihrer Heimreise begleiteten wir Sue und Richard zur Blauen Lagune, wo wir das heilsbringende Wasserbad in der eisblauen Flut nehmen wollten. Es war mehr als das: Cath hatte für uns vier eine volle Stunde Massage gebucht, der wir uns unterziehen mussten, bevor wir zu Wasser gelassen wurden. Wir wurden auf wackeligen Luftmatratzen freundlich in ein Sonderbecken abgeschoben, wo uns die Masseure im Wasser stehend empfingen. "Ich bin Tom" hieß es da. Es war eine Ganzkörperbehandlung zu erwarten, also gab ich mich etwas schüchtern. Schließlich lässt man sich nicht alle Tage von einem jungen Mann an den Zehen befummeln. Alles in allem waren wir hochzufrieden, ja begeistert und für ein mehrstündiges Bad in der Lagune gerüstet

Rich und Sue

Die weltberühmte Blaue Lagune ist eines der 25, von den Vereinten Nationen beschriebenen Weltwunder. Das schwefelhaltige Quellwasser kommt mit über 200 °C aus der Erde und hat alle Bakterien bereits getötet, bevor Meerwasser dazu strömt und es auf 38 °C abkühlt. Daher die gesunde Art, mit der man in der Lagune sitzt. Etwa dreißig Minuten von Reykjavik entfernt, ist die Lagune ein gefundenes Fressen für viele Touristen, zumal dort auch viele wirksame Naturprodukte der kosmetischen Art angeboten werden. Ich hatte die Lagune schon vor 30 Jahren entdeckt, als kaum jemand davon Notiz nahm. Heute geht es da her wie auf dem Petersplatz in Rom. An Gebäude mit Wechselkabinen, Restaurants und Bars für im Wasser Sitzende kann ich mich nicht erinnern.

Blaue Lagune, der ungenutzte Teil

Auch das beliebteste Bad der Reykjaviker, das Laugardalslaug ist ein geothermisches Wunder. Auch hier war ich schon, ein heißes Salzwasserbad, das 2011 allein von 750000 Schwimmgästen besucht wurde. Während man bei 30 °C in die Schwimmbäder Zentral-Europas geht, spielt kühles Wetter oder Regen in Island keine Rolle. Das Wasser ist immer warm und duftet manchmal sogar nach faulen Eiern. Kein Wunder, dass in diesem Land die Sagas entstanden sind und Trolle und Elfen unbehelligt ihr Unwesen treiben dürfen.

Dienstag, 27. August 2013

Mitteleuropa - ist die Kaffeehauskultur tot?

Europa zerfällt im mehrere Teile: Nord-Süd, Ost-West und die europäischen Randgebiete, das Maghreb, Skandinavien, Balkan, Mittelmeerländer. Das ist weder eine politische, noch eine kulturelle Ab- oder Ausgrenzung. Bei den Sprachen kann man nur sagen, sie seien ebenso vielfältig wie die politischen Ausrichtungen, die Essgewohnheiten und die religiösen Schattierungen. Ethnisch könnte man Europa in verschiedene Gruppierungen aufteilen, die Minderheiten einmal weglassend: Germanische, romanische und slawische Völker, oder die entsprechenden Mischungen.

Warschau

Es wäre auch mühsam und unrealistisch, an alten politischen Modellen von Europa herumzumachen, etwa: Heiliges römisches Reich deutscher Nation, oder napoleonische Hegemonie oder kommunistischer Ostblock. Die Aufteilung Europas ist endlos, und Europa ist auch heute noch gespalten, wenn auch Ansätze für eine politische Einigung vorhanden sind. Der Eiserne Vorhang ist jedoch verschwunden. Er hat sich überlebt. Alte Trennungen sind in kurzer Zeit zu neuen Verbindungen geworden, die nachdenken lassen.

Das alte Mitteleuropa gibt es noch. Es war nie sehr konkret. Viele haben versucht, es für sich in Anspruch zu nehmen oder es auf eine bestimmte Weise zu interpretieren. Dabei kann es nur auf dem Weg der kulturellen Darstellung erschlossen werden. Und allzu viel davon scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Kafka wäre ein solcher Interpret: jüdisch, deutsch, tschechisch, Kulturzentrum Prag.
Heute lebt noch eine Frau, die dieses Mitteleuropa gelebt hat: die 1932 geborene Barbara von Coudenhove-Kalergi. Als Deutsche in Prag geboren, ihre Familie war gegen die Nazis, wurde sie am Kriegsende ausgewiesen. In ihrem Buch "Zuhause ist überall" spricht sie auch davon, dass man neben der Muttersprache auch tschechisch sprach. Es gehörte zur Kultur Mitteleuropas, mit mehreren Volksgruppen friedlich zusammenzuleben. Die Nazis haben das Ihre dazu beigetragen, dies zu zerstören. Die Kommunisten und Nationalisten wirkten ebenfalls in diese Richtung. Die Konsequenzen  kennen wir.
Zuhause ist überall

Auch Wien war (und ist) eine der Hauptstädte Mitteleuropas. Ein Völkergemisch, zu dem auch ein starkes Judentum gehörte, ein starker Katholizismus und die Kohabitation von Österreichern und Ungarn. Der Balkan wirkte kräftig mit, sodass eine Kultur entstand, die nicht eindeutig genannt werden kann. Mehrvölkerstaaten haben es schwer, eine eindeutige Identität zu finden. Glückliches Frankreich, das sich über solche Identitätsfragen nie den Kopf zerbrochen hat. Elsaß-Lothringen, Korsika, Bretagne, Basken und Katalonen wurden einfach assimiliert. Was gehörte zu diesem "kulturellen" Mitteleuropa? Selbst das war nie eindeutig. Deutschland, Österreich, die Schweiz, Luxemburg, Liechtenstein, Polen Slowakei, Tschechien, Ungarn gehören dazu. Aber auch Slowenien, Kroatien, das Baltikum, Rumänien, Belgien und die Niederlande? Da kommen Zweifel auf.

Bratislava

Was ist also von Mitteleuropa geblieben, wenn es das jemals gegeben hat? Einen Versuch ist es wert. Die Kaffeehäuser, oder die Art, sich darin aufzuhalten, sie zum Lebensmittelpunkt werden zu lassen. Man findet sie in Warschau ebenso, wie in Wien, Budapest, Prag und Bratislava, das dann auch noch auf Deutsch Pressburg genannt wurde. Bei der mitteleuropäischen Architektur kann es schwierig werden: man findet sie in vielen Ländern, bis in den Kaukasus. Eine Formel, die lange vor dem Ersten Weltkrieg vielleicht gelten konnte: (Beispiel Prag) Ein Drittel Tschechen, ein Drittel Deutsch-Österreichisch, ein Drittel Judentum. Man darf nie vergessen, dass es vor hundert Jahren kaum Mittel gab, dies exakt zu messen. Konklusion: Mitteleuropa ist eine gefühlte Größe, von der man nicht weiß, ob und wo es sie gibt. Mitteleuropa sollte jedoch nicht für immer in der Versenkung verschwinden.

Nachtrag: Meine geliebte Julia verstarb vor kurzem 90jährig in Straßburg. Sie war eine polnische Gräfin, in der Tschechoslowakei aufgewachsen, mit einem schwedischen Diplomaten verheiratet. Bei ihr gab es zum Essen manchmal "gefillde Fisch", wienerischen Kaffee und jede Menge Mitteleuropa, das sie wie eine Girlande hinter sich herzog. Mitteleuropa eben.








Montag, 26. August 2013

Wien, Reumannplatz

Ich hatte vergessen, dass der Markt am Reumannplatz montags unterbesetzt ist. So war ich schnell fertig: Eier, Putenbrust, Mango, Hühnerschenkel, Cashewnüsse, Schluss. Dann wanderte ich gemütlich in Richtung U, um die U-Bahn zum Stephansplatz zu nehmen.


Direkt neben mir lief ein Mann her, nach eigener Aussage, 35, der einfach anfing zu reden. "Nein, ich brauche keine drei Sonnenbrillen", höre ich ihn sagen. "Ich denke, eine könnte reichen", erwiderte ich. Damit schien für mich die Unterhaltung zu Ende. Mitnichten! Mein Begleiter, ein untersetzter Mann mit großen dunklen Augen, etwas zu kullerig, erwähnte die Preissteigerungen überall in den Läden. "Wissen sie, ich rechne immer noch in Schilling. Früher habe ich 15 000 Schilling im Monat verdient. Das hat mir gut gereicht. Ich rechne immer öfter zurück in Schilling. Mit 1.800 € im Monat komme ich gerade so hin. 200 gehen für Zigaretten drauf, der Rest ist Essen und Wohnen. Ja, ein Paar Schuhe habe ich mir neulich gekauft, aber das war schon schwierig. Der Euro hat alles kaputt gemacht. Wir sollten aus der EU aussteigen. Allein weitermachen. Das wäre viel besser". Da ich nicht viel sagte, hielt er mich für einen Österreicher. "Ich habe Matura (Abitur) gemacht und dann Ingenieur studiert, auf dem dritten Bildungsweg. Vor sechs Monaten wurde ich entlassen. Ich arbeitete in einer Versicherung und habe 2.400 € verdient. Das war ordentlich. Jetzt habe ich wieder Arbeit, aber, die wollten nur 1800 bezahlen. Sonst hätten sie einen anderen genommen".

Die Armen werden immer reicher!!!

Ich sagte nur, wir sollten die Politiker nicht mehr wählen, die Banker einsperren und die Reichen zur Ader lassen. Er fragte dann nur noch: "Zahlen die Milliardäre den Höchstsatz von 51% für die Vermögenssteuer? Wahrscheinlich nicht". Dann verabschiedeten wir uns mit einem kräftigen Händedruck. Das sind die Gespräche der kleinen Leute heutzutage. Da ist doch etwas oberfaul!

Sonntag, 25. August 2013

Island - Auf Walfang mit den Augen

Wale sind recht große Tiere. Säugetiere, die größten, die es gibt. Wir sind im Norden Islands. Lebertran ein wichtiges Nebenprodukt des Walfangs, vorzugsweise am Frühstückstisch angeboten. Angeblich sehr gesund. Wir wollten diese Tiere lebend wiedersehen. Deshalb fuhren wir von Dalla und Agnars Haus in Richtung Akureyri, wo wir in einem Landhaushotel im Öxnadalur-Tal, dem Engimyri, übernachteten. Dort erfuhren wir, dass unsere Walbeobachtung im Eyjafjord wegen rauer See ins Wasser fiel. Wir fuhren dann durchs Öxnatal nach Akureyri (nur 30 km) und zeigten Sue und Richard die Stadt. Zwei riesige Kreuzschiffe lagen im Hafen. Die vielen Passagiere überschwemmten die relativ kleine Innenstadt. Dort aßen wir Dinkelpizzas von bester Qualität, aber unser Abendessen im Engimyri war absolute Klasse: die berühmte isländische Fleischsuppe, Lamm, bzw. Kabeljau mit Käse überbacken, und davor ein großzügiger Gin'nTonic als Aperitif. Dieses Hotel liegt an der nationalen Ringstraße No. 1, gegenüber einem exotischen Bergmassiv mit spitzen Zacken. Sehr isländisch: einfach ausgestattet, das Hotel, doch mit allem Komfort und extrem ruhig und angenehm. Ich zögere nicht, die Telefonnummer zu verraten: 00354-4627518 oder +354 6631601 (www.engimyri.is). Die Chefin und ihr Sohn haben einige Zeit in Ruhpolding/Bayern verbracht. Man versteht auch Bayrisch.

Im Öxnadalur

Eine Walbeobachtung gab es dann auf andere Weise. Wir gingen ins Walmuseum von Husavik, einer kleinen, belebten Hafenstadt mit vielen Möglichkeiten, auf dem Schiff Wale auszuspähen. Wir zogen das Museum vor, das interessante Hinweise auf allerhand Meerestier gab und einen geschichtlichen Überblick über die ganze Region bot. Hier wird auch die tausendjährige Aufzeichnung von Walstrandungen in Island gezeigt. Als man in Europa immer mehr gewundene Stoßzähne entdeckte, die alle aus Island gekommen sein mussten und als Mittel gegen Impotenz eingesetzt wurden, kam dann 1638 die Wahrheit heraus: der Zahn stammte nicht vom Einhorn, sondern vom Narwal, der bis zu 4,5 Meter lang wird und 1,3 Tonnen wiegen kann. Armes Einhorn, das seinen Mythos allmählich verlor und seinen Namen nur noch in Apotheken und Gasthäusern wiederfindet. Während der Blauwal selten in isländischen Fjorden auftaucht und bis zu 33 m lang werden und 190 Tonnen wiegen kann, misst der Killerwal (auch Schwertwal genannt) nur 9 m und wiegt 9 Tonnen. Wir haben also leider keine lebenden Wale gesehen. Dafür jede Menge Skelette.

Der Killerwal
Einhorn oder Fisch?
Nach so viel ichthyologischer Belehrung mussten wir einfach den Myvatn aufsuchen, den mystischen See leicht nordöstlich von der isländischen Mitte. Dort gibt es die Myvatn-Forelle, geräuchert schmeckt sie himmlisch-zart. Die Lagune verwöhnt die Badenden auch bei Temperaturen an der Nullgrenze. wer sich schwimmend den heißen Unterwasserquellen nähert, kann sich die Beine ganz schön versengen. Auch der größte Wasserfall, der Dettifoss, ist dort zu sehen. Und die vielen Krater, mit Wasser gefüllt. Sie blicken wie irdische Augen ins Weltall.

Nicht weit vom Myvatn
Irgendwie hatten wir mit dem Norden abgeschlossen und unser Weg sollte am kommenden Tag wieder nach Süden führen. Diesmal auf der No.1, die zuerst nach Westen führt. Pferde und Schafe begleiten uns.
                                                                                                        

Freitag, 23. August 2013

Island - der Gang durch die Wüste.

Isländische Oasen sehen etwa so aus: ringsum Schotter, Geröll, Gesteinsbrocken, Felsen links ein Gletscher, rechts ein Gletscher. Massive Gebirge, von Schnee bedeckt mit Eis, der größte Gletscher über 100 km lang: der Vatnajökull. Wir, (Cath und ich), Cathies Bruder Richard und Frau Sue, hatten uns vorgenommen, einen Jeep zu mieten und hinauf in den Norden zu fahren. Gute dreihundert Kilometer, wenn man die Krummen weglässt. Eine Schotterstraße gibt es, auf der man angeblich an einen Ort namens Kjölur kommt, sozusagen auf halbem Weg. Jeder kennt es, aber es sind nur drei Häuser, ein Kiosk und eine Zeltmöglichkeit an einem See. Wer nicht aufpasst, fährt an Kjölur vorbei und durchfährt mit 50, zwischen dem Langjökull und dem Hofsjökull, eine absolut menschenleere Gegend. Isländische Oasen sind ein Stück Grün, ohne Palmen oder andere Bäume. Wir hatten meinen Lieblingsvulkan Hekla weit im Süden hinter uns gelassen und waren nur für einen kurzen Halt am Gulfoss ausgestiegen, wo wir eine gute Fleischsuppe aßen, gemacht aus Lammfleisch und viel Gemüse. Der Wasserfall ist überwältigend.

Gulfoss, einer der Größten Islands
Wir hatten noch etwa 100 km zu fahren, um zu unseren Freunden Dalla und Agnar zu kommen. Gut zwei Stunden. Dann, mitten in der Wüste, kein Haus, kein Straßenschild, kein Verkehr, es rumpelt kurz, der Jeep stellt sich quer und lässt sich nicht mehr bewegen. Es konnte nicht der Motor gewesen sein. Eine Reifenpanne hätte mich auch nicht daran gehindert, den Wagen ordnungsgemäß an den Rand zu stellen. Doch das ging nicht. Das linke Vorderrad blockierte. Wir waren geschockt, denn es war schon gegen 2o Uhr, und wir wollten noch rechtzeitig in "unser" Sommerhäuschen bei Dalla und Agnar kommen.

Die Wüste lebt!

Kaum waren wir am Verzweifeln, als ein englische Paar anhielt, um zu helfen. Sie wussten jedoch nicht, wie. Dann, welch Glück, ein tschechisches Reisemobil mit tatkräftigen Helfern. Jedoch: es fehlten an der Bremsbacke zwei Bolzen (für die Genauigkeit meiner Angabe gebe ich keine Garantie), von denen wir nach langem Suchen nur einen auflesen konnten. Wir saßen also fest.

Agnar, der Retter

Großes Glück hatten wir, als wir Agnar telefonisch erreichen konnten und er uns versprach, in etwa 2 Stunden bei uns zu sein. Die Jeepvermieter hatten wir auch erreicht. Sie wollten den Jeep abholen (etwa 4 Stunden) und ein neues Fahrzeug bringen. Doch inzwischen war Agnar da, wir luden um und fuhren in den sicheren Hafen nach Miklibaer. Köstlichste Lammfleischsuppe und viel Wein brachten uns dann erlöst, abgeschlafft aber glücklich in das Sommerhäuschen. Der Tag war schon wieder am Anbrechen.

Sommerhaus von Dalla und Agnar: süß!

Um sechs Uhr morgens piepte ich aus dem Fenster, und was sah ich da? Oben auf dem Parkplatz vor Agnars Haus stand er: größer denn je, ein Ford Jeep. Den Schlüssel fanden wir unter der Matte des Fahrersitzes. Es war also alles in Ordnung, und wir konnten unsere Expedition gemächlich fortsetzen. Zuerst jedoch mussten wir in aller Ruhe mit Dalla (ausgesprochen: Dadla), Agnar und deren Sohn lange Gespräche führen, denn wir hatten uns viel zu sagen. So kam es an diesem Erholungstag nur zu einem Besuch im nahen Glaumbaer, einem Örtchen mit Häusern in Torfrasenbauweise aus dem 18. und 19. Jahrhundert. So hatte ich isländische Häuser gesehen, als mir mein Vater einen schwarzweißen UFA-Film zeigte. Ich muss fünf Jahre alt gewesen sein. Die Häuser waren auch mit Torfrasen gedeckt. Der Film über Island hatte mich für mein Leben eingenommen: Ich musste Island besuchen und habe dies mehrere Male getan.

Glaumbaer

Das Leben und Schlafen in solchen Katen war kompliziert und von Regeln bestimmt. Die Frauen schliefen an der Fensterseite der Bettstube (badstofa), denn sie mussten spinnen und nähen und brauchten mehr Licht. Die Männer machten Seile aus Pferdehaar oder kämmten Wolle, was mit einer kleinen Öllampe möglich war. Bei der Arbeit im Wohnbereich wurde oft von jemand aus den Sagas vorgelesen oder es wurden Gedichte aufgesagt. Die Torfrasenbebauung hielt die Temperatur auf normal, denn die Körpertemperatur der Schlafenden erwärmte das Gemach. Körpergeruch soll es nicht gegeben haben, die Luft in Island ist weitgehend frei von Bakterien.

Hier wurde gesponnen

Die Menschen sind schweigsam, aber erzählen gerne. Ich habe den Verdacht, dass sie einerseits die Begegnung mit anderen lieben. Sie zeigen es auch. Andererseits hat die Zahl der ausländischen Besucher stark zugenommen. Dieses Jahr sollen es über 800 000 sein. Früher waren es weniger als
10 000. Manche befürchten, von Touristen überschwemmt zu werden. Der Kommerz hat sich allerdings schon darauf eingestellt.













Mittwoch, 21. August 2013

Island - Gesammelte Penisse in Reykjavik

"A Phallological Museum" wird es auf Englisch genannt. Gehen wir wissenschaftlich an die Sache ran: es ist das einzige Phallusmuseum auf der Welt. 217 Phallen und Phallusteile von fast allen Land- und Meeressäugetieren sind hier vertreten. Darunter - das ist die Fischnation Island - Penisse von 17 Walarten. 40 ausländische Exemplare sind hier auch zu sehen. Was man nicht sieht, ist die Nationalität dieser Importe.Was man auch sieht: jede Menge männliche Glieder von verschiedener Machart und Größe. Ich habe den Verdacht, dass überwiegend Frauen und Mädchen an den eher albernen Aspekten dieser Ausstellung interessiert sind. Kichern ist da nicht zu überhören. obwohl der eine oder andere Besucher auch wissenschaftliche Neugier zeigen mag.


Homo Sapiens ist durch viele künstlerische Darstellungen vertreten, die zum Teil abenteuerlich anmuten. Beispiel: ein hölzerner Phallus, längs geteilt und durch Scharniere wie eine Schatulle zu öffnen. Im Hohlraum befinden sich sage und schreibe zwei Fläschchen (Schnaps?) ein Flaschenöffner mit Korkenzieher, ein Korken und zwei Becher. Das Ganze ist wie ein Handtäschchen zu tragen. Wie gesagt, man kann auch unwissenschaftlich an die Besichtigung rangehen. Männlicher Mut wird sichtbar, wenn man die versilberten Pimmel der isländischen Nationalmannschaft betrachtet, steht doch das Foto mit den Fussballspielern gleich daneben. Deutschland darf da nicht fehlen. Ein Herr aus Kassel, dessen Namen ich ergoogelt habe, und der angibt, Island-und Nepalreisen unternommen zu haben, stellte 1999 ein Foto seines Allerbesten zur Verfügung, mit der Versicherung, bei seinem Ableben diesen dem Museum als Schenkung zu übermachen. Zwei weitere Helden haben solche Schenkungen versprochen. Hoffentlich kommt da kein Flugzeugabsturz dazwischen.


Wer die Laugavegur weiter hinauf wandert, nähert sich einem anderen Symbol männlicher Größe: die Statue von Leifr Eriksson, dem Entdecker Amerikas. Er steht vor dem Wahrzeichen Reykjaviks, der Hallgrímskirche, die, wenn man aus dem obigen Museum kommt, fast an das Gemächt eines Wals erinnert. Im kahlen Innern ist dann eine Orgel zu besichtigen, die über 5275 Orgelpfeifen verfügt. Wie so oft im Leben, liegen eben die irdischen Dinge ganz nahe bei den geistigen. Der Mensch hält das aus.






Dienstag, 20. August 2013

Hilfe, wir schrumpfen!

Frauen sind etwas Schönes. Wir Männer, dagegen, sind ungeschickt, plump und zu einfach gestrickt. Und: es gibt auf dem Büchermarkt unendlich viele Bestseller, die alle irgendwie den Titel tragen, "Iss dich schlank!" Frauen überkommt manchmal das schlechte Gewissen, für das Glas Wein am Abend, das Bier zum Mittagessen, die Butter auf dem Brötchen beim Frühstück und für das zarte Bäuchlein, das allzu geschickt unter einem großzügigen T-shirt weggezaubert wird. "Schatz, ich habe Übergewicht!" "Red' keinen Unsinn", sagt plump der Angesprochene. "Du weißt ganz genau, dass ich nicht sehr schlank bin", erwidert sie in leicht scharfem Ton, und fügt hinzu: "Schau du dich doch mal an! Schau einfach an dir runter! Siehst du was?" Ich sah, und war betroffen.

Mein Bauch gehört mir!

Kurz, mein besseres Ich hatte ein Buch gelesen, von dem mir beim Einschlafen immer wieder in den höchsten Tönen erzählt wurde. "The Fast Metabolism" (ich übersetze das nicht!). Man muss nicht hungern, nur intelligent essen, hieß es da. Essen als Medizin, ist die Devise der Autorin. Das verfehlt seine Wirkung nicht. Nach zwei Wochen freundlicher Bearbeitung sagte ich dann "ja". Der Beginn dieser (Tor)Tour wurde auf den bereits vergangenen Montag festgesetzt. 28 Tage müssen wir jetzt durchhalten.

Der erste Morgen: glibberiger Haferflockenbrei, mit Heidelbeeren durchsetzt, Engländer könnten das seelenruhig "Porridge" nennen. Ich bin diesem gegenüber eher etwas unfreundlich eingestellt. Und auch noch zuckerfrei. Dann: alle drei Stunden irgendetwas zusichnehmen: einen Apfel, eine Zwetschge, ein Stück Dinkelbrot. Dazu, am Tag, zwei Liter Wasser. Abends, der Lichtblick: 150 Gramm Fleisch, ohne Fett gebraten, fast unbegrenzt Gemüse. Schon nach dem ersten Tag hatte ich 1 kg Gewicht weggepinkelt. Von meiner Schönen habe ich keine Angaben erhalten. Sie schwört darauf, erst nach dem abgeschlossenen Schrumpfprozess auf die Waage zu klettern.


Wir fassen zusammen: die ersten vier Tage (bei uns Montag bis Donnerstag): keinen Kaffee (dafür Tee), keinen Weizen (dafür Dinkel), keine Milch, Butter, Säfte, nix Käse, nix Zucker, nix Öl, Mittwoch, Donnerstag hingegen Proteine, das heißt Eier ohne Dotter, grünes Gemüse, Obst, ohne Trauben, Bananen, Ananas. Über die gesamte Durststrecke keinen Alkohol. Verstärkte Körperbetätigung. Da muss man Halluzinationen bekommen, von Riesenschnitzeln träumen und nächtliche Gesichter haben.

Das geläuterte Paar

Freitag, Samstag, Sonntag darf gutes Fett gegessen werden, also Olivenöl, kaltgepresst, Fisch, Nüsse, Räucherlachs etc. Zwei, von 28 Tagen sind heruntergefuttert. Der Weg ist noch lang. Wenn dann der Gürtel wieder enger geschnallt werden kann, werden die Gefühle einkehren, die den Pionier in früheren Zeiten beflügelt haben. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Dann werde ich meine Schöne auf die Waage stellen und sie schwören lassen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird.




Montag, 19. August 2013

Island: Eruption auf den Westmännerinseln

Im Süden gelegen, vom Festland aus mit der Fähre von Landeyjarhöfn in 35 Minuten zu erreichen, liegen die Westmännerinseln. Wohl dem, der dort Freunde hat und sich so richtig geborgen fühlen kann. Thjóthildur und Stéfan, deren Haus voller Kinder und anderer Gäste ist, haben uns herzlich empfangen.
Wir waren am Vortag in Keflavik angekommen und hatten die Nacht in Reykjavik verbracht, in dem für mich alten Hotel Loftleidir, das jetzt den Namen Icelandairhotel trägt. Die Hauptinsel heißt Heimaey, die Insel Surtsey, ganz im Süden, ist jedoch bekannter. Mit einem Schnellboot fuhren wir hinaus und sahen uns das Archipel vom Meer aus an. Möwen und Papageientaucher bestimmen das Bild. Sie nisten in den Höhlen und an den Felswänden, wo sie einen ohrenbetäubenden Lärm machen.


Surtsey, die Meergeborene, entstand in einem langen Prozess zwischen 1963 und 1967. Das Meer spuckte glühende Lava aus. Wichtig ist heute, zu beobachten, wie auf der keimfreien Insel ganz langsam Vegetation entstand. Doch Surtsey ist nur eine von 14 vulkanischen Inseln. Heimaey ist die größte. Das Pompeji des Nordens hatte 1973 seine Katastrophe, als der Inselvulkan ausbrach und viele Häuser verschüttete. Die Bewohner konnten damals in einer dramatischen Hilfsaktion mit Booten gerettet werden. Mutig wurde vieles wieder aufgebaut. Ein zugeschüttetes Haus ist jetzt Teil eines Museums.

Ausbruch auf Heimaey
Stéphan half uns, die Insel zu besichtigen, das neue Lavaland zu begehen und die Brutstätten der Papageientaucher, Eissturmvögel und Tölpel aufzusuchen. Ein felsiges Paradies, rau und wild wie das ganze Land. Dank an Euch, Ihr Westmänner und -innen!


Während wir bei Thjóthhildur und Stefán massenhaft Hummerschwänze zu essen bekamen - Wiener Schnitzel ist nicht alles auf dieser Welt - hatte der Morgen im Reykjaviker Hotel anders ausgesehen. Sild, Hering und Räucherlachs, aber natürlich auch alles Traditionelle, war am Frühstückstisch vertreten. Vor allem der Hering erschien uns etwas krass, doch wir bemühten uns und probierten die verschiedenen Brotsorten aus. Zum Schluss, die Krönung: Lebertran, in kleinen Schnapsgläschen gereicht. Eine Stärkung für kühle Tage. Ein Voraus-Trost für das, was uns in der Wildnis im Norden zustoßen sollte.




Samstag, 17. August 2013

Island, die Welt von Morgen

Die tausendjährige Geschichte Islands ist nur der Beweis, dass die Zukunft dieser großen Insel im Atlantik erst am Beginnen ist. Man sieht es an den vielen Chinesen, Japanern und anderen, die Island jetzt erst zu entdecken scheinen. Ist es wegen der zukunftsträchtigen Trinkwasservorkommen? Dem Fischreichtum? Der an Sturmtiefen reichen Wetterstation Island, die uns anderen Europäern viel Energie verspricht? Oder, einfach die herbe Schönheit eines Landes, das wegen der tief ins Landesinnere eindringenden Fjorde und Buchten auf der Landkarte viel größer wirkt als es ist? Man sieht, dass Investoren keinen Bogen um dieses Land knapp südlich des Polarkreises mehr schlagen, auch wenn die Bevölkerungsdichte etwas mehr als 1 Einwohner pro Quadratkilometer beträgt.



Island ist ein junges Land mit vielen Kindern, die mit ihren Eltern das verlängerte Tageslicht des Sommers genießen, oft in romantisch verträumten Sommerhäusern und Hütten. Die lange Winternacht aushalten, indem sie lesen und Sport betreiben und sich mit Lebertran fit halten. Das Obst muss importiert werden, denn außer den herrlich unsichtbaren Blaubeeren und den unendlich spät reifenden Johannisbeeren wächst in Island kein Obst, kühne Versuche in beheizten Gewächshäusern einmal ausgenommen. Die Religiosität des Landes ist ein tief empfundener Protestantismus, durchsetzt mit sehr heidnischen Elementen und dem Glauben an Elfen und Trolle.

Der Troll von Akureyri (Hoher Norden)

Wir haben - nicht zum ersten Mal - das aufregende Nordlandland besucht, diesmal mit Cathies Bruder Richard und dessen Frau Sue. Ein gelungenes Unternehmen, bei dem viel Fisch gegessen wurde und Bier und Wein in Strömen flossen. Letzteres ist relativ, denn die Preise sind etwas erhöht. Sonne ist nicht garantiert, auch im August nicht, doch Regen gab es in zwei Wochen recht selten. Dafür bläst der Wind unablässig, und die Temperaturen bewegen sich zwischen 6 und 15 °C. Island ist das Land, in dem täglich bis zu vier Jahreszeiten herrschen können. Die Stille ist zu hören, vor allem in der hellsichtigen Nacht. Das tut wohl. Wasserfälle, Vulkane, Gletscher und atemberaubende Landschaften machen das Anheuern von riesigen Überlandfahrzeugen unumgänglich, zumal die Straßen irgendwann aufhören und die Weiterreise auf Schotterpisten nur noch im Jeep möglich ist.


Ich möchte über vieles berichten, auch über eine Panne in der einsamen Geröllwüste, doch muss ich aus Zeitgründen meine Saga in Häppchen verpacken, wobei jedes von ihnen verschiedene Themen enthält. Dabei spielen auch die Besuche bei lieben Freunden eine Rolle, die unseren Islandbesuch zum vergnüglichen Erlebnis machten.








Freitag, 2. August 2013

Warschau - Wien, die musikalischen Hochburgen Europas?

Wir dürfen natürlich Salzburg nicht vergessen, und Bayreuth, und die vielen Orte, an denen Musik gemacht wird. Doch Wien und Warschau haben eine große vergleichbare musikalische Vergangenheit, aber auch Gegenwart. Der vergoldete Johann Strauss im Stadtpark ist nur ein kleines Beispiel für die vielen Komponisten, die in Wien gewirkt haben. Sorry, Wolfgang Amadeus Mozart! Friedrich Chopin, der Große, könnte man sagen, wobei ich den Verdacht hege, dass viele Franzosen ihn für einen der ihren halten. Er ist in Paris gestorben, auch seine "Nocturnes" deuten darauf hin. Chopin wäre das Beispiel für Warschau. Sein Denkmal steht dort, und seine "Ballade N° 1" wurde von Wladyslav Szpilman gespielt, dessen Leben im Polanski-Film "Der Pianist" verfilmt wurde.  Dieser Film, der u.a. in Babelsberg und in Warschau gedreht wurde, schildert das Überleben des polnisch-jüdischen Pianisten Szpilman, der durch die Hölle des Warschauer Ghettos geht. Ein Film, den man gesehen haben muss und der in Cannes 2002 die Goldene Palme erhielt. Der Pianist überlebt den Holocaust. Im wirklichen Leben stirbt er 88jährig im Jahre 2000.

Dangerous Moonlight

Ein anderer Pianist, weit weniger berühmt, ist jedoch auch bemerkenswert. Anton Walbrook, ein begabter Pianist und Schauspieler, war der Held in einem patriotischen englischen Film, der 1941 in die Kinos kam: "Dangerous Moonlight". Die Geschichte: ein polnischer Pianist und Komponist gibt seine Karriere auf und wird Pilot im 2. Weltkrieg. Er verliebt sich, wie es so ist, in eine hübsche Reporterin und überlebt gerade mal so. Der Film war etwas mittelmäßig und hat nach dem Ende des Krieges keine Rolle mehr gespielt. Jedoch die Filmmusik ist geblieben. Neben Grieg, Schumann, Brahms und Tschaikovsky wurde sie millionenfach als ebenbürtig verkauft, obwohl der Komponist ein unbekannter Filmmusikmacher war: Richard Addinsell. Sein "Warschauer Konzert" klingt in meinen Ohren seit ich ein Kind war und es im Radio gehört hatte. Ein Lehrer hatte uns davon erzählt. Lehrer können manchmal ganz nützlich sein. Seitdem habe ich diese an Rachmaninoff anklingende Klaviermusik immer mit Warschau und meinen melancholischen Träumen von einer geheimnisvollen Stadt in Verbindung gebracht.


Bei meinem Besuch, vor ein paar Tagen, in Warschau, wollte ich den jüdischen Friedhof besuchen. Meine Bestrafung für spontanes Loswandern bei großer Hitze: ich lief kilometerlang an einer drei Meter hohen Backsteinmauer entlang, bis ich den Eingang fand. Da stand auf Polnisch und Englisch geschrieben: Männer dürfen nur mit einer Kopfbedeckung hinein. Die hatte ich nicht. Also war alles umsonst? Nein, denn auf dem Weg zurück zum Hotel fand ich wieder allerhand Erinnerungsstücke an die furchtbare Zeit der deutschen Besatzung und an große, mutige Helden.


Nachzutragen wäre, dass Frédérique Chopin natürlich auch ein Beispiel für Paris ist, obwohl wir da schon Debussy haben. Chopin starb 1849 in Paris, wahrscheinlich an chronischer Lungenentzündung. Seine Bestattung fand in der Madeleine-Kirche statt, mit zwei Wochen Aufschub, damit die vielen Trauernden aus London, Berlin und Wien anreisen konnte. Seine Schwester Ludwika nahm sein Herz, in einer Urne in Alkohol gebettet, nach Warschau mit. In der Madeleine wurde als letzter Gruß das Requiem von Mozart gesungen. Damit schließt sich der Kreis kostbarer Erinnerungen an große Musiker, die am Ende ihres Lebens irgendwie heimgekehrt sind.




Donnerstag, 1. August 2013

Warschau, der Umschlagplatz für Mord

Das Wort Umschlagplatz hat im Deutschen eine harmlose, fast abstrakte Bedeutung. Ein Umschlagplatz ist der Ort, an dem Waren aller Art umgeschlagen werden. So weit, so gut. Wenn jedoch Menschen als Ware zum Umschlagplatz gebracht werden, haben wir es mit deutsch-polnischer Geschichte zu tun. In Warschau gibt es einen Gedenkort, wenig auffällig, der den Namen "UMSCHLAGPLATZ" trägt. Er erinnert an den Abtransport, zwischen 1942 und 1943 der Juden aus dem Ghetto in die Konzentrationslager. Betroffenheit kann kein passendes Wort sein, für das, was unter deutscher Besatzung in Warschau geschehen ist. Bestürzung, vielleicht, Erschütterung, tiefe Scham, endlose Trauer, lassen besser erkennen, was mit diesen unschuldigen Menschen gemacht wurde. Es waren Hunderttausende, die verschwanden, ausgelöscht wurden. Ein Umschlagplatz für geplanten, wohlüberlegten Mord.

Umschlagplatz: waren es 6 Millionen oder ein paar weniger?

Abstrakt ist die Geschichte, die nur die Zahl der Toten errechnet, die Zahl der Kriege, Niederlagen oder Siege. Unverständlich auch, wenn man zitiert, wer gerade regiert hat. Ein Hitler nimmt vielleicht mehr Platz in den Geschichtsbüchern ein, als ein Willy Brandt, der auf den Knien in Warschau um Vergebung gebeten hat. Hitler, Stalin, Mussolini, Franco sind nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter haben viele Helfer, Zuträger, Mitläufer die Katastrophe von Warschau möglich gemacht. Manche der Schuldigen leben sogar noch! Im August 1944 haben die Polen einen Aufstand unternommen. Ich glaube, 200.000 verzweifelte und tapfere Kämpfer haben dabei ihr Leben verloren. Man wartete vergeblich auf den Einmarsch der Roten Armee. Sie kam nicht, und die Deutschen machten die Stadt dem Erdboden gleich.

Gedenken an die Gefallenen und Ermordeten im Osten
Bevor wir Warschau verließen, wollten wir das neue Museum der Geschichte der polnischen Juden besuchen. Es wurde gerade eröffnet, ist noch nicht ganz vollständig, wird aber schon lebhaft besucht. Zeugt von jüdischem Leben und von heldenhaften Taten. Die Feigheit muss auf die Seite der Kriegführenden gewechselt haben.

Haus der Geschichte der polnischen Juden

Das Warschauer Ghetto ist nur noch Geschichte. Es wurde dem Erdboden gleich gemacht und teilweise als moderne Stadt wieder erbaut. Beim Durchwandern stößt man immer wieder auf Gedenktafeln, die an das Schreckliche erinnern. Auch das einzige unzerstört gebliebene Haus des Ghettos ist ein Mahnmal, das unvergesslich bleibt. An den Fassaden sind noch siebzigjährige Einschusslöcher zu erkennen. Das Haus hätte auch in Hannover, Dortmund oder Pforzheim stehen können. Es wirkt immer noch vertraut. Die Schicksale, die damit verbunden sind, wer kennt sie noch?

Prozna-Haus: Der Rest des Ghettos
Kann über all diese Schrecken der Schleier des Vergessens oder Vergebens gebreitet werden? Ich glaube, kaum. Das friedliche Zusammenleben in einem europäischen Rahmen sollte uns alle anspornen, ohne Ansehen der Person, oder der Minderheit, oder des Volkes, ohne Aggressionen vermittelnd und verständnisvoll aufeinander zuzugehen. Als Deutsche oder Österreicher haben wir noch viel aufzuarbeiten, bevor wir es schaffen, als "normale" Bürger anerkannt zu werden. Wir müssen hinschauen, statt die Augen verschließen. Helfen, wo wir dazu in der Lage sind. Mit-Erinnerung betreiben.