Montag, 11. April 2016

Didi Hallervorden - Kann man dich beleidigen?

Ich will das natürlich nicht. Warum sollte man? Du hast uns jahrzehntelang mit deinen Blödeleien erquickt. Die ganze Nation hat zugesehen. Was haben wir gelacht. Dass du auch ernste Züge gezeigt hast, haben die meisten verstanden. Du hast mitgeholfen, aus einer humoristischen Wüste eine lachende Bundesrepublik zu machen. Bei diesem türkischen Herrn,  Erdogan oder so, gibt es allerdings nichts zu lachen. Er sitzt auf der Weltbühne, hält sich für dort angekommen und droht mit Strafanzeige wegen Beleidigung eines Staatsmannes.


Was hat Jan Böhmermann eigentlich getan? Lächerliches der Lächerlichkeit preisgegeben? Charlie Chaplin hat es auf seine Weise versucht. Doch "Der große Diktator" war zu groß für den kleinen Adolf. Oder, hat dieser auch in den (Perser)Teppich gebissen, als er von dieser Satire erfuhr? Wir werden es nie erfahren. Und Klaus Staeck, auf seine Art jetzt mit von der Partie wie es scheint, hat damals die fromme CDU aus dem Häuschen gebracht, als er das Wahlkampfplakat schuf: Wir von der SPD wollen euch die Häuser wegnehmen, oder so. Das hat gesessen. Das muss aber nicht heißen, dass wir älteren Zeitgenossen die Drecksarbeit tun müssen.

Drum, ihr wisst worum es geht. Obwohl ich in diesem Jahr nochmal Freunde in Istanbul besuchen werde, sage ich gerne hier meine Meinung. Sollen sie mich doch am Flughafen abfangen und mich wegen Erdoganbeleidigung einsperren. Ich kann nicht anders als mein Recht auf Meinung und Meinungsäußerung wahrnehmen und diesem aufgeblasenen Villenbesitzer aus Ankara meine Verachtung kund tun. Auch Angela Merkel hätte dies schon lange tun können. Die "mächtigste" Frau der Welt kannte doch Diktaturen von Kind auf. Warum jetzt dieses diplomatische Geschnatter wegen eines (deutschen) Satirikers? Das Problem meiner türkischen Freunde, von denen ich viele habe, ist, dass sie über ihren Präsidenten nicht mehr lachen können, und über die viel bewunderte Merkel verärgert sind.

Didi, ich weiß, dass du zu den goldenen Witzemachern unserer Republik gehörst. Lass dich nicht durch Bundesverdienstkreuze aus der Bahn werfen. Wer dich kennt, weiß, dass zum Spaßmachen auch viel Mut gehört. Ich stehe an deiner Seite. Als ich 9 war, sagte ich meiner Lehrerin, sie sei gar keine richtige Lehrerin (sondern im Schnellverfahren dazu gemacht und recht schlecht). Ich hatte recht, und sie fing an zu weinen. Dann schämte ich mich, trotz meines Mutes. Sie sich vielleicht auch. Und meine Mama sagte, "du hattest recht". Es ist gut, eine Mama zu haben. Sie muss, bitte, nicht, Angela heißen.

Lieber Didi, jetzt greif ich tief in meine fast 8ojährige Kiste und sage es einfach: Es ist immer besser, einem verirrten Schaf auf den rechten rechten Weg zu helfen, (hier in Yorkshire, dem typischen Schafland, weiß man das), als einem geilen Bock in den Hintern zu kriechen. Habe ich geiler Bock gesagt? Machtgeil, natürlich. Ja, wen meine ich damit? Eine Strafanzeige, bitte.




Daffodil Country - Narzissen überall.

Manchmal hält man die Dinge für einfacher als sie sind. Eine Osterglocke ist eine Narzisse, aber eine Narzisse ist nicht automatisch eine Osterglocke. Die Briten haben damit ein ähnliches Problem. Ich führte eine Befragung durch, as one does, und fand heraus, dass auch hier, wo die Narzissen/Osterglocken/Daffodils wie die Pilze aus dem Boden schießen, die Narzissen in zwei Teile zerfallen: die später erblühenden weißen und die absoluten Frühlingsbringer, die gelben Narzissen.


Wie dem auch sei, die Unterschiede scheinen philosophischer Natur zu sein. Oder gar politischer? Der OB von London, ein seltsamer Konservativer und politischer "Freund" und ehemaliger Schulfreund von David Cameron, wird gerne als Narziss bezeichnet. Er scheint total in sich selbst verliebt zu sein, was jeder sehen kann, der das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht beobachtet.


Also, das Land steht voll von Narzissen. Die Briten haben dazu ein ähnlich erotisches Verhältnis wie die Deutschen zum Veilchen oder Maiglöckchen. Manche Franzosen gehen (politisch) sogar so weit, einen wesentlich gallischen Zug "notre culture narcissique" zu nennen. Die Welt hat es längst bemerkt. Wie der Franzose an sich zur Erscheinung der Narzissen steht, ist jedoch völlig unklar. Ich halte den blühenden Lavendel für Frankreichs Lieblingsblume, kann mich aber irren.


Da fällt mir ein, dass Deutschland eher zum Neuwagen eine erotische Beziehung unterhält als zur Narzisse.  Ich könnte mir aber vorstellen, dass in der Erotik eine Schnittstelle zwischen den beiden Nationen zu finden ist. Vereinigtes Königreich: die Daffodils sind die nicht angreifbaren Symbole des Landes, auch wenn der eine oder andere Frechdachs von Daffodildos spricht. Die Daffodils herunter zu machen, sie etwa als eine Art Unkraut zu bezeichnen, würde das Referendum über den Brexit eindeutig zugunsten der EU-Aussteiger entscheiden, was wir nicht hoffen wollen. Andererseits, den Deutschen das Auto madig zu machen, würde eine sofortige Mobilmachung auslösen.


Knorrig aber wetterfest


So ist es in Europa, die einen haben etwas gegen das unnötige Schlangestehen, die anderen wehren sich gegen kontinentales Denken. Warum lassen wir nicht den Wetterbericht sprechen? Was an der
Themse "heavy rain with sunny spells" ist, heißt am Rhein Starkregen mit gelegentlicher Aufhellung. Wen kann das jucken? 

Sonntag, 10. April 2016

Yorkshire Moor - Mich tritt ein Schaf.

Ja, man kann es vermeiden, das Getrampel auf den Wanderpfaden an einem sonnigen Aprilwochenende. Aber wie? Nun, andere Wege gehen. Doch der Moorbewohner muss und will am Sonntag an die frische Luft. Und er/sie ist erstaunlich fit, um nicht zu sagen, olympiareif. Die kärgliche Beschilderung der Wege geschieht im Lande der Bronte-Schwestern auch auf Japanisch, denn große Mengen japanischer Touristen kennen die Wuthering Heights (Stürmische Höhen) der Emily Bronte, die mit ihren Schwestern hier in Haworth lebte und diese schaurige Geschichte verfasst hat.

Alles ist heute auf den Beinen. Wir wandern an Schafen und Pfützen vorbei. Die groben Überlandschuhe tun ihr bestes, um den tiefsten Wasserlöchern auszuweichen. Dieses Moor verschlingt alles. Was nicht verschlungen wird, liegt noch tagelang der Verwesung anheim herum. Mehrere tote Kaninchen sahen wir herumliegen, auch einen Frosch.




Die Vegetation ist ganz nach dem Geschmack der Moormenschen: mit Felsbrocken übersät, windgeprüft, herb und derb. Auch nach Ostern scheint keine Wärmewelle in Sicht. Steinig-monoton ist der Weg, bitter-romantische Erzählungen geradezu heraufbeschwörend. Für Kinder und Hunde eine einzige Herausforderung. Dickleibige sind hier nicht zu sehen. Eher der behende Bergsteigertyp, wie man ihn in den Alpen antrifft.


Cath und ich nehmen uns heute 2 - 3 Stunden vor. Danach ist man ehrlich erschöpft. Das Geplänkel mit der Sonne ist längst vorbei, doch regnet es nicht. Man spürt, dass ein solcher Marsch die ganze Kraft beansprucht. Arme Japanerinnen, die eine solche Moorwanderung unternehmen. Ich habe hier allerdings noch nie eine gesehen.


Freitag, 8. April 2016

Ausgrabungen - musikalisch und technicolor

Wer alt genug ist, hat einen Kinohelden in Erinnerung, der damals alle Frauen kirre machte. Und wohl auch Männer. Er war "handsome", good looking und umwerfend männlich, obwohl die männliche Seite ihn gerne etwas herunter machte. Er sei gar kein richtiger Held, keine richtigen Muskeln und so. Der Held aus "Die Abenteuer des Robin Hood" war zweifellos Errol Flynn, der mit Olivia de Havilland der große Star war. Wir Jungs wollten damals alle Errol Flynn sein. Doch ging dabei mancher Pfeil daneben.


Und wer hat die großartige Filmmusik dazu geschrieben? Schon sind wir wieder in der Gegenwart angekommen, nämlich in Westyorkshire. Ich höre mal wieder Classic FM, das beste, was einem beim Frühstückskaffee passieren kann. Der putzmuntere, immer fröhlich gelaunte Moderator des BBC-Musikkanals spricht geheimnisvoll von einem Komponisten, von dem ich zu meiner Schande noch nie etwas gehört hatte: Erich Wolfgang Korngold. Österreicher? Deutscher? Amerikaner? Er stammte aus Mähren, als es die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn noch gab. Korngold pendelte in den Dreißigerjahren zwischen USA und Europa hin und her. Filmmusik und andere Werke waren seine Spezialität. In Wien war sein Zuhause.


Die tote Stadt nannte sich eines seiner Werke. Daraus hörte ich Mariettas Lied. Eigenartig berührend. Wie konnte es kommen, dass so viele Melomanen den Namen Korngold nicht kennen? Als die Nazis Österreich eingenommen hatten, blieb er in Amerika, wie so viele. Jetzt werde ich mir die tote Stadt anhören. Aus purem Interesse und Trotz.



Wie eng die Dinge doch oft verknüpft sind. Mariettas Lied wurde im Duett mit Lotte Lehmann und Richard Tauber gesungen. Der weltberühmte Kammersänger war  Halb-Jude, was für ein Schmäh. Mein Vater begegnete ihm, als er von Freunden, die gerade geschieden wurden, deren Möbel kaufte. Das war im Hochzeitsjahr meiner Eltern, 1930. In diesem Jahr wurde der romantische Tenor von seiner ersten Frau geschieden. Adolf Hitler war noch nicht an der Macht. Der Schreibtisch meines Vaters, den ich später über viele Jahre nutzte, war für mich etwas Besonderes: Auf ihm hatte Richard Tauber gesessen, als Vater ihn (den Schreibtisch!!!) abholen ließ. Weltberühmter konnte es nicht sein. Richard Tauber liegt auf dem Friedhof von Brompton/London.

Immer im April, wenn die Sonne zu lange zögert, packt es mich. Sehnsüchtige Melodien steigen in mir hoch. Ich denke dann an die Wunschkonzerte von damals im Radio. Heute ist es Classic FM, das mir alle Wünsche erfüllt. "Dein ist mein ganzes Herz. Wo du nicht bist, kann ich nicht sein". 
WIE WUNDERBAR IST DEIN LEUCHTENDES HAAR! 


Donnerstag, 7. April 2016

Betty, unsere Queen.

Es ist unfassbar, wie respektlos die Amerikaner sein können, wenn es um ihr Land geht. Die Königin eines anderen, befreundeten Landes, Betty zu nennen statt Elizabeth, ist unverfroren. Dann auch noch im Zusammenhang mit einem anderen Lachobjekt, Donald Trump. Andererseits erinnere ich mich gerne, wie verachtend Martin Luther behandelt wurde, besonders von Katholiken, wobei der Reformator offiziell kein Protestant war, sondern ein hinausgeschmissener  Katholik. Ich habe mir diese Sache einmal genauer angesehen. Wen kann es stören, wenn andere die eigene Person verbal heruntersetzen? Majestätsbeleidigung wurde eigens als Strafbestand eingeführt, damit man dafür eine Handhabe hat. Es hat nichts genützt. In Zeiten emotionalen Aufruhrs wird mit Steinen geschmissen und beleidigt, was das Zeug hält.



Wer in der Öffentlichkeit steht muss über den Dingen stehen. Das betrifft auch mehr oder weniger milde Beleidigungen. Eine Königin hat das Privileg, über den Dingen zu stehen. Dabei kann "Betty" nur eine humorvolle, etwas frivole Anmache sein, die man mit links aushält. Politiker müssen sich da viel mehr gefallen lassen. Inzwischen auch die kirchlichen Würdenträger. Und dieser Donald Trump erst. Vor dem macht kein Witzbold mehr halt. Man denkt da mit Genugtuung, dass er sich das alles selbst zugezogen hat.

Delikater wird es, wenn es um einen Präsidenten geht, der Kritik geradezu auf sich zieht. Und es auch verdient hat. Warum muss er seinem wahrlich nicht begüterten Millionenvolk auch einen Palast vorsetzen, der nur zu einem größenwahnsinnigen Potentaten passt? So geschehen in Ankara. Das reizt zum permanenten Ärger und zur internationalen Lächerlichkeit. Dann ärgert sich dieser Mensch auch noch über kritische Journalisten. Wer diesen Kampf gewinnen wird, kann man sich lebhaft vorstellen. Auch wegen solcher provokanten Maßlosigkeit steht jeder vernünftige Lacher auf der Seite der kritischen Weltbetrachter. Erdogan, du hast es dir selbst vermasselt.


Angela Merkel hat es bisher geschafft, karikaturalen Angriffen geschickt aus dem Weg zu gehen. Nur die Griechen machten aus ihr eine Nazidame mit der berüchtigten hitlerschen Rotzbremse. Die NSA bekam zu hören, "das geht gar nicht", ein Verdikt, das nach der Schnüffelattacke der NSA so unschuldig erscneint wie ihr Gesicht, wenn sie es gefährlich an das von Francois Hollande heranschiebt, um es eventuell zu küssen, obwohl er ein Sozialist ist. Man kann trotzdem jemanden achten. Auch der liebe Gott muss sich vieles gefallen lassen. Und wenn Jesus über den See Genezareth schreitet und dabei auf einer schwimmenden Bananenschale ausrutscht und in den Fluten versinkt, müssen wir lachen. So ist das eben.








Mittwoch, 6. April 2016

The weather here, what shall one say?

A conservatory is a wonderful thing. It rains outside. Classic FM presents Gustav Holst, a British composer (The Planets or so). A few minutes ago spells of sun seemed to brighten life up a bit, but the sky is ever so black. Shiver, shiver. The apple tree in the garden hesitates too long to put its blossoms out. I day dream a bit, sitting well sheltered under the glass roof of what I call the winter garden. Now, they play a clarinet concert by someone I never heared of. It is beautiful.


It is Spring in Yorkshire. I am told that it can behave like a real bastard. So it is.  The country tries to keep a stiff upper lip about current political matters such as Brexit. This is too much for most people. And there is no inspiration to be expected from the weather forecast. Heavy winds and lots of rain they say. How disgusting is this? For once, no murder, no child molestation reported by the radio. Or has Putin again stolen the political limelight as he does eventually?


I do hope that Her Majesty is not too worried over such daily events. They happen as it happens: always as some unforeseen surprise. The steel industry will, hopefully, not suffer too much. The weather is horrible enough. So, let us look ahead and wait for better times and an impeccable sustainable climate change as a starter.  

Steppes of Central Asia - Alexander Borodin

Die deutsche Fassung nennt sich: Eine Steppenskizze aus Mittelasien. Mir hätte besser gepasst: Endlose Weite der Steppe. Aber mich hat niemand gefragt. Doch schon als Kind hat mich diese Musik rasend vor Sehnsucht gemacht. Sobald ich sie hörte, war ich gefangen. Tagelang schwirrte sie mir im Kopf herum. Der Komponist hat mich damals nicht interessiert.


Inzwischen weiß ich, dass er 1833 in Georgien als Sohn der russischen Mätresse eines Fürsten zur Welt kam. Diese hat klein Alexander mit nach St. Petersburg genommen, wo er gut erzogen aufwuchs, Chemie und Medizin studierte und 1853 zum Dr. med. promovierte. Seine Leidenschaft galt der experimentellen Chemie, die ihn in ein damals hochinteressantes chemisches Labor in die Karpfengasse 2 nach Heidelberg brachte. Man muss dazu sagen, dass er schon als 9jähriger Knabe eine "Helenenpolka" komponiert hatte, man stelle sich das vor.


In Heidelberg nahm das Schicksal seinen Lauf: er lernte eine junge russische Pianistin kennen, die nach einer Tuberkulose zur Kur weilte. Auf einer gemeinsamen Reise nach Baden-Baden verliebte man sich ineinander, und der Chemiker Dr. Alexander Borodin heiratete Jekaterina Protopopowa. Bekannt wurde er durch seine Musik, die von impressionistischer Farbgebung und orientalischem Kolorit geprägt war. In Mannheim, im Nationaltheater, stieß Borodin auf Richard Wagners Musik. Die Mischung von Expressionismus, Romantk und orientalischer Steppenluft war perfekt. Kein Wunder, dass ich als Kind ein leichtes Opfer nicht nur der Polowetzer Tänze sondern auch der Karawanenweisen aus der weiten asiatischen Steppe wurde.


Mit 54 Jahren starb Alexander Borodin. Der Tod seines Freundes Franz Liszt  hatte ihm sehr zu schaffen gemacht. Wenn man sein Werk betrachtet wundert man sich, was er trotz seines beruflichen Alltags so alles zusammenkomponierte: Opern, Sinfonien, Streichquartette, Lieder, Mazurkas und vieles mehr. Seine Musik wurde auch für Musicals üppig ausgeschlachtet. Unzählig sind die Werke und Fragmente die verloren gingen. Ich verdanke diesem Wahnsinnsgenie mehr als nur ein paar Takte Ohrwürmer. Jetzt werde ich wieder in Borodin hineinhören.

Dienstag, 5. April 2016

Dinkelmehl, was sonst?

Großbritannien ist keine große Brotbacknation. Man findet zwar hundert Sorten in den Supermärkten, aber keine entspricht europäischen Maßstäben. Brösel, Brösel. Und Cath hat eine Weizenunverträglichkeit, die ihr nur den Verzehr von Dinkelbrot erlaubt. Dieses findet sich äußerst selten in britischen Landen. Also greift Wolfi zum letzten Mittel: Hausgebackenes Dinkelbrot für Cath.

Man nehme: Spelt flour, Quick yeast, Honey, Salt, Olive oil, Warm water, some Dried raisins and Walnuts from the Black Forest. Also: Dinkelmehl, Trockenhefe, Honig, Salz, Olivenöl, warmes Wasser, Rosinen und Nüsse vom Schwarzwald. Alles in genau vorgeschriebener Menge. Der Klumpen Teig muss vorsichtig geknetet werden. Dann kommt die Masse in einen vorgeheizten Ofen für 2o Minuten, zum Aufgehen. Wir formen dann den Teig liebevoll in einen runden Bollen und geben ihn in eine angemessene Backform, nicht ohne diese vorher mit etwas Fett eingerieben zu haben. Dann wird der Backofen auf 200°C vorgeheizt und der Hoffnungsträger hineingeschoben. Ich denke dabei oft an Hänsel und Gretel.



Jetzt nimmt das Schicksal seinen Lauf. Wir warten ca. 20 Minuten und sehen durch das Ofenfenster die angenehme Bräune. Lecker, lecker, denkt man. Dann kommt der Augenblick der Wahrheit. Inzwischen zeigen die Musikstrategen von Radio BBC, Classic FM, ihr wahres Gesicht: mein Brot interessiert sie überhaupt nicht, aber sie spielen Franz Lehars Land des Lächelns. Zum hundertsten Male höre ich es mit Wehmut und heimatlichen Gefühlen an, obwohl er es im fernen China angesiedelt hat, das Land des Lächelns. Doch, wie's da drinnen (im Ofen) aussieht, geht niemand was an.


Der Neid der Königin 
Das Schicksal scheint nicht nur dem verwegenen Brotbäcker gnädig. Nein, ein Jahrhundertereignis
kündigt sich an: Die Dinkelgöttin wirft einen milden Blick auf das braune Gebilde, das da, triumphbeladen, aus dem Ofen kommt. Wir haben das Vereinigte Königreich brotmäßig gerade eben in den Stand einer Weltmacht erhoben. Wir erwarten nun die Glückwünsche aus dem Buckinghampalast. Downing Street wird jedoch etwas auf sich warten lassen, wegen der politisch prekären Lage, aber Cath scheint es wieder gut zu schmecken. Und ich werde gelobt.




Montag, 4. April 2016

Yorkshire Tagebuch - 6

Eines muss man ihnen lassen: Sie machen eine göttliche Orangenmarmelade. Die Franzosen setzen mehr auf Hausgemachtes, denkt man: Bonne Maman hat uns bis hierher nach Yorkshire begleitet. Ebenso Angelikas Wein Gelee. Die drei Nationen, zusammen genommen, wären eine Konfitüren produzierende Weltmacht. Die alles überstrahlenden Franzosen mit ihren Himbeer- und Erdbeermarmeladen, die Angelika-Marmeladen mit dem Quittengelee und dem Weingelee und die hausgemachte Orangenmarmelade von Kate, die als Schwägerin aus dem Yorkshirischen Norden ihren Frühstücksaufstrich selbst mitbringt. Ich hatte immer eine gewisse Abneigung gegen eine zu bittere Marmelade, doch die von Kate ist herrlich würzig.


 Während Cath ihren gestrigen Geburtstag ausschläft, frühstücke ich. Kaffee und das Übliche, mit wackeligem englischem Brot, viel Butter und die drei erwähnten Marmeladen. Ich bin eigentlich erst hier auf den Genuss dieser Konfitüren gekommen. Jetzt wird zusätzlich noch die Morgensonne genossen, die eindeutige Frühlingsstimmung ausstrahlt. Die Morgenröte war nach den kühlen Tagen über Ostern geradezu unanständig.



Die Aprilscherze sind vorbei. Was den Brexit angeht, fielen sie hier ziemlich  krass aus: die EU-Kommission soll geheime Rachepläne für den britischen Austritt aus der EU geschmiedet haben. Manche glauben dies sicher gerne. Aber auch unser amerikanisches Kandidatenwunder hat wieder seinen Kopf hingehalten: er grinst überschwul in die Kamera. Das wäre ein Knüller, nach allem was Donald Trump sich bisher geleistet hat.

Gestern aßen wir mit Kate, Rob und Michelle in Thirsk, Richtung Norden. Unterwegs fanden wir endlose, Weg säumende Anlagen von Daffodils. Wir stellten fest, dass das Klima freundlicher ist als bei uns, weiter südlich. Der erste blühende Magnolienbaum stellte sich uns in den Weg. Die Büsche am Straßenrand waren von jenem frühlingshaften Grün, das in uns Gefühle erweckt. Als ich den Wintergarten betrat, maß ich jedoch auch hier satte 25°C. Hurra! Er ist da!




Samstag, 2. April 2016

Beethoven und der Wiener Kongress

Ich glaube, Beethoven war zuerst da. Seine siebte Symphonie entstand um 1813, der Wiener  Kongress begann 1814 und endete erst im  Juni 1815. Beethovens spektakuläres Werk wurde 1811 komponiert, aber erst 1813 als Benefizkonzert in Wien uraufgeführt. Ich hatte immer schon die Vorstellung, dass diese Beethovensymphonie irgend etwas mit dem Wiener Kongress zu tun hat. Heute glaube ich zu wissen, dass die Besiegung Napoleons, die über 200 Diplomaten nach Wien zusammen gebracht hat, auch schon in der feschen Beethovenschen Art dieser neuen Symphonie ihren Ausdruck gefunden haben muss. Und das gerade in Wien, wo die Europäer nach Napoleon eine Neuordnung Europas unternahmen.


Das "Non plus Ultra" wurde dieses Werk genannt. Es verwies bereits auf die Entstehung der Romantik. Beethoven hatte einen neuen Weg in die Musik gefunden. Als das Radio heute Morgen die Siebte einspielte, überschlug sich der Moderator von BBC Radio Four, Classic FM, geradezu. Er schwärmte von seiner Lieblingssymphonie wie ich so etwas noch nie gehört habe. Also blieb ich dran und hörte mir dieses Werk an, wie ich noch nie zuvor Beethoven angehört habe. Mit neuen Augen sozusagen. Es ist erfrischend, wie man in England klassische Musik aufnimmt. Nicht etwa wie etwas Historisches, der Vergangenheit verhaftetes, sondern wie eben ein ganz neuer Hörgenuss. So hatte ich Beethoven noch nie gehört.


Für Elise ist mir vertraut. Die Eroica, natürlich die Neunte und die Fünfte auch. Ich liebe dich so wie du mich. Wie ich mich erinnere, waren die ersten beiden Symphonien noch stark an Mozart angebunden. Zu meiner Verwunderung höre ich seit heute Beethoven mit neuen Ohren. Ich danke dir, du Genie.









Freitag, 1. April 2016

Obstsalat - A Yummy Pud???

Wenn ein Nachtisch richtig schmeckt, nennen es Kinder in Großbritannien "yummy pudding". Wir  in Deutschland nennen es saulecker oder so. Heute ist 1. April 2016. Wie schnell das Jahr voranschreitet. Genscher ist gestorben. Sein Prager Auftritt wird unvergessen bleiben. Draußen im Yorkshire Umland regnet es. Heute Abend kommt ein ganz lieber Teil von Cathies Familie. Unsere erste Einladung in die Sun Street seit wir hier wohnen. Ich verkünde, dass es eine riesige Lammkeule geben wird, gefolgt von Wolfies weltberühmtem Obstsalat, den ich bei Mama abgeschaut habe als ich ein Junge war.

TRAUrige TRAUben 
Diesen Obstsalat gab es zu allen Jahreszeiten, wenn Mama genügend verschiedene Früchte beisammen hatte. Also, fein geschnippelte Äpfel, Erdbeeren, Ananas, Blaubeeren, Trauben und das ganze saisonal bedingte Angebot an  Kirschen, Pflaumen, Aprikosen, Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren, Birnen usw. Gastronomisch frivol wie Mama sein konnte, krönte sie den obstlichen Nachtisch mit einem guten Schuss Cointreau oder Kirsch. Den schnapsigen Geschmack kannte ich als Kind schon von der Schwarzwälder Kirschtorte, die mir immer wie eine göttliche Dreingabe zum normalen Mahl erschien.


Heute geht es darum, mit meinem Obstsalat nicht wie ein Idiot da zu stehen, wenn das Mahl am Zuendegehen sein wird. Außerdem habe ich bei Cathies Familie mit meinen Obstsalaten, back home in the Black Forest, schon manchen Sieg errungen, um nicht zu sagen, Triumphe gefeiert. Also kauften wir in den vorhandenen Supermärkten was wir an Obst finden konnten, außer den Mangos, die steinhart und völlig geschmacklos daher kamen. Die Erdbeeren aus Spanien: hart und unreif, nicht einmal süß. Äpfel aus Belgien: saftig, knackig aber nicht sehr hübsch. Himbeeren: wurden von Cath aufgegessen, bevor sie zum Einsatz kamen. Ananas: na ja. Eingekauft in Stücken. Süß und Akzeptabel. Trauben: Seedless, kernlos und scheußlich, schon am Verrotten. Rosinen und Nüsse aus Tiergarten kommen dazu. Viel Zucker. Mit dem Kirschwasser warten wir noch. Der Tisch wird gedeckt für 6 Personen.



Die britische Höflichkeit lässt mich mit einem großen Lob rechnen. Für den zweifelhaften Obstsalat. Soll ich das ernst nehmen? Für einen Feinschmecker ist dieser Obstsalat eine wahre Demütigung. Jetzt noch schnell ins Bad. Fertig werden für den Aperitif. Engländer sind so was von pünktlich.* Doch wir haben die Ruhe weg, und das Referendum kommt bestimmt. Dann ist Schluss mit Lammkeule. Oder doch nicht?

*Eine gute Stunde Verspätung hatten sie, verkehrsbedingt. Aber der Obstsalat hat die Prüfung bestanden, acho krachoque, wie der Lateiner früher gesagt hätte. Dank sei der Überdosis an Kirschwasser.