Montag, 24. Juli 2017

Wolfi macht ein Selfi.

Ich über mich: das geht garnicht. Außerdem habe ich gelernt, dass man sich nicht so wichtig nehmen soll. Gerade lese ich das Buch eines Holländers: The Secret Diary of Hendrik Groen, 83 1/4 Years Old. Cath hat es mir auf Englisch hingelegt. Du wirst dich kringeln vor lachen, meinte sie. Doch soweit bin ich noch nicht. Ein Dreiundachtzigjähriger, in dreißig Sprachen übersetzt, frech wie Anton, lebt in einem Pflegeheim und eckt überall an. Sein literarisches Selfie interessiert mich. Nicht, dass ich so alt wäre wie dieser schüttere Knabe, doch an den schicken Großstadtmarathonen nehme ich schon lange nicht mehr teil. Nicht einmal am Fernseher. Ich sehe unter Umständen erheblich jünger aus und habe im Gegensatz zu Hendrik nie versucht, meine Gutmütigkeit auf andere zu übertragen.


Meiner unglaublich jüngeren Cath habe ich neulich mitgeteilt, dass auf meinem Grabstein folgendes zu stehen hat: EIGENTLICH WOLLTE ICH WEITERLEBEN. Als musikalische Begleitung wünsche ich mir einige Takte aus Debussys L'après-midi d'un faune. Was ich jedoch bis heute nicht geschafft habe und dringend nachholen muss, ist das Herstellen eines Selfies. Ich werde mich bei meinen japanischen Touristenfreundinnen erkundigen. Aber einen Selfiestick benutze ich nicht. Ich kann mich auch anderweitig lächerlich machen. Man denke an Adolf Hitler. Ein Hitlerselfie, von Frauke Petry gekonnt gefaked. Das würde in mindestens 5% unserer bunten Bevölkerung die Runde machen.  Nach den Bundestagswahlen.


Wenn ich 83 bin, werde ich meine letzten Geheimnisse von mir preisgeben, zum Beispiel, wie ich die englische Königin vor Paparazzis rettete, oder Pablo Picassos hellblaues Wolljäckchen hielt während er Interviews gab, oder den schüchternen Julio Iglesias an der Hand durch den Plenarsaal des Europäischen Parlaments führte. Weitere Geheimnisse: eine verschwindend kurze Zeit meines Lebens als Kind muss ich Bettnässer gewesen sein, und Kirschen kann ich essen wie kein zweiter. Ich werde nie davon satt. Meine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindng beendete ich nach zwei Monaten, weil ich im Biertrinken grottenschlecht bin und das pubertäre Gequassel meiner Kameraden nicht mehr ausgehalten habe. Vor allem der Oberbursche, ein 16. Zahnsemester, ging mir auf den Geist.

Kuckt euch doch selbst an" 
Gesellschaftlich bin ich erledigt. Keiner möchte mit mir gesehen werden. Also versuche ich es mit dem Selfie. Hier, in Haworth/Keighley fordert ein Gastwirt seine liebe Kundschaft im Mai schon auf, das Weihnachtsessen zu reservieren.  Kein Wunder, dass zur Zeit auch schon die Blumen für die eigene Beerdigung vorausbestellt werden können. Wer schon jetzt bezahlt, spart Geld. Wir müssen uns auf vieles vorbereiten. Auch auf Selfies danach. Aber auf die eigene Beerdigung? Ich wende mich von allem ab und richte mich auf das Leben danach ein: das Selfie hält mein Aussehen fest, wie es leider ist. Ich selbst bin nicht mehr gefragt. Die Erinnerung an ein Selfie genügt. Hauptsache, man sieht im Hintergrund etwas Nettes. Jetzt lese ich das geheime Tagebuch des Hendrik Groen. Ich möchte nicht so lange warten bis ich sein Alter erreicht habe. Lieber ignoriere ich, dass es mit uns allen bergab geht. Lasst bitte die Hitleradepten nicht auf einen grünen Zweig kommen.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen