Sonntag, 28. Juni 2015

Nachrichten auf dem Klo: der Dauerschock

So ist es doch heute: man hat sein Radio dabei und wartet auf die Nachrichten, auch wenn man sich auf der Toilette befindet. Nicht nur wegen der vollen Stunde, sondern des stillen Örtchens. Dann tritt eine Art Hierarchie ein: zuerst die wichtigsten nationalen oder internationalen News, mit Grabesstimme, Neutralität verheißend, vorgetragen. Damit ist die Information eine offizielle Ansage, an der nicht mehr gezweifelt werden kann.

Antike Toilette als Nachrichtenbörse

Das Fernsehen hat ebenfalls seine Nachrichtenzeiten. Das beginnt mit einer Erkennungsmelodie, die oft etwas pompös ausfällt. Manchmal sind die Sprecher/innen aufgemacht wie strafversetzte Laufstegtiger. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Manche schieben ein dünnes Lächeln vor sich her. Es soll vermieden werden, Stellung zu beziehen, was die Nachricht als solche betrifft. Diese nimmt heute den gleichen Platz in unserem Leben ein, wie einst die Religion, nur dass nicht gewertet werden darf.

Andererseits sind wir der Nachrichtenmaschinerie pausenlos ausgesetzten wissen nicht so recht, was mit uns geschieht. Eine Sensation jagt die andere: Flugzeugabstürze, Mord und Attentate, Politskandale, Affären, Statistiken. Wollen wir das? Brauchen wir das? Was geschieht mit uns, wenn wir täglich berieselt werden? Wer regelmäßig Nachrichten hört und sieht, weil wir, süchtig wie wir sind, auf dem neuesten Stand sein müssen, hat noch mit etwas anderem zu tun: Stündlich wird alles wiederholt und aufgearbeitet. Auf dem Klo erfährt man womöglich, ein paar Minuten nachdem es geschehen ist, schon von dem Tsunami mit hunderttausenden von Opfern. Da bleibt man am Ball. Die ersten Bilder werden gezeigt. Nur Königshäuser halten sich ein wenig zurück, bevor sie das Neugeborene vor die Kameras lassen. Das kann schon ein paar Tage dauern, bis der öffentliche Druck zu groß wird.


Damit wurden noch Depeschen ausgeliefert 

In all dem liegt eine angsterregende Gesetzmäßigkeit. Was, wenn eine Nachricht getürkt ist? Ein Politskandal einseitig dargestellt wird? Vorverurteilungen vermutet werden müssen? Wie entsteht unser Weltbild? Ist es noch unser Weltbild? Es wird doch von anderen gemacht. Unsere ständigen Ängste, Tabus zu überschreiten, werden täglich bedient: hier der Vater, der Frau und zwei Kinder mit der Axt erschlägt. Dort der Filmstar, der zum sechstenmal heiratet. Dann, der honorige Priester, der Knaben missbraucht und der Bankangestellte, der Millionen veruntreut. Manchmal kann man am Bildschirm das Bedauern erkennen, dass nicht das ganz Schlimme eingetreten ist. Dass eine Nachricht nur halb zur Verfügung steht.

Die täglichen Nachrichten machen uns zu süchtigen Produkten. Wer wir sind, können wir nur noch aus den Informationen erschließen, die wir erhalten. Die Medien sagen uns, wer wir sind. Sie bestimmen, was uns zu interessieren hat. Wird uns auch etwas vorenthalten? In der Politik ganz sicher! Im Geschäftsgehabe ebenfalls. Die Nachricht wäre, dass Bio genau das Gegenteil davon ist. Beweise werden nicht geliefert. Selten hört man auch etwas über die tägliche Herstellung von Nachrichten. Das bleibt das Geheimnis der Macher. Die begrüßen uns täglich mehrere Male und wünschen uns einen schönen Tag.











Ende mit Schrecken - Schrecken ohne Ende: Griechenland

Seit Wochen halten sie uns auf Trab, diese beiden Gesandten aus dem Griechenland. Leicht haben sie es nicht. Aber warum müssen sie denn dauernd grinsen? Wie hoch ihre Reisespesen inzwischen sein müssen. Wer will was retten? Natürlich müssen sie gegen allerhand Vorwürfe angehen. Dass ihr Land seine Aufgaben nicht gemacht hat. Dass sie realitätsfremd sind. Dass ihre Arroganz nur durch ihre Unbedarftheit übertroffen wird. Sie pokern, und alle merken es.

Andererseits haben sie erfolgreich den Stinke-Finger in die europäische Wunde gelegt. Ja, sie bohren darin herum. Wie soll eine ganze Regierungsmaschinerie diesen schwerfälligen Europa-Apparat in Bewegung bringen? Geschafft haben sie es, alle gegen sich aufzubringen. Es geht um Geld, da hört der Spaß doch immer schnell auf. Jetzt werden solidarisch gemeinte Hasstiraden laut: die Merkel dies, der Schäuble das. Diese Altnazis, die uns demütigen wollen! Wir sind die wahren Demokraten. Griechenland hat die Demokratie erfunden. Das klingt ein wenig großkotzig.


Das Tafelgold ist längst verzockt 

Dabei steht Griechenland seit langem mit dem Rücken zur Wand. Die europäische Finanz-Seite - das sind Gottseidank nicht alleine die Deutschen - sträubt sich, findet aber keine gemeinsame Sprache für das, was geschehen soll. Also geht das Ganze bergab. Eine Hinwendung zur Vernunft, aber bitte, nicht auf unsere Kosten, möchte man meinen. Vielleicht hätte eine klare Sprache geholfen. Den Griechen zu zeigen, dass man nicht einfach in den Milliarden anderer herumwühlen darf. Der gute Wille hätte sich in sichtbarer Eigenleistung zeigen müssen. Es ist nicht nur die Inkompetenz einer unerfahrenen Regierungshorde, nein, es müssen auch versteckte Absichten vorhanden sein, wenn ein solches Theater international angezettelt wird. Wollten die von Anfang an alles platzen lassen? Jetzt soll ein Referendum kommen? Die Griechen wissen nichteinmal, worüber sie abstimmen sollen. Das griechische Gehabe lässt übrigens mit Grauen erahnen, was in anderen Ländern passieren kann, wenn nicht alle Kräfte zusammengerissen werden, um eine Karre aus dem Dreck zu ziehen. Der gesunde Menschenverstand siegt dann hoffentlich immer wieder, nur nicht in diesem Fall.


Antik oder verstaubt? 

Das könnte die Lehre sein, die wir alle aus dieser Katastrophe ziehen müssen: Geld darf nicht alles sein. Hilfe ist immer nötig. Wir alle brauchen sie. Aber: man darf den Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht, nicht verpassen, sonst droht das Aus, schneller als gedacht. Griechenland hat sich die eigene Verblendung, eine unkritische Illusion erlaubt. Jetzt muss bezahlt werden. Wenn es sein muss, mit europäischem Geld. Wie wäre es mit Umdenken, Reformen, Neuwahlen, Zurückhaltung und Bescheidenheit? Solange aus diesem Land keine neuen Signale eintreffen, wird nichts mehr geschehen. Also, ihr Hellenen, ihr müsst euch aufraffen. Die Methode ist einfach: Ehrlichkeit in der Analyse. Konsequenzen erarbeiten. Selbst Hand anlegen und zeigen, dass man auch ohne die anderen zurecht kommt. Nur das überzeugt noch. Lügen und Propaganda sind dabei nicht sehr hilfreich. Dann wird es sich auch zeigen, wie solidarisch die Europäer sein können. Seit der Aufnahme Griechenlands in die EU wurde gelogen, betrogen, geschönt und versprochen. Die Quittung kommt spät, aber sie kommt.






Samstag, 27. Juni 2015

Schreiben, aber blumig, verrückt, weise, sarkastisch, blutarm, blutrünstig, gereimt, ungereimt oder mörderisch

Das kommt davon, wenn man sich einbildet, schreiben zu können. Nun, man versucht es. Wozu hat man seine Muttersprache? Wie in der Malerei, vertrödelt man etwas Zeit, um zu sehen, wie es klappen könnte. Wie man seinen Stil findet. Aus der Sprache etwas herausholen, ist ja ganz witzig, aber einen Leser irgendwo hinbringen, ist auch ein Ziel. Wer voller Hintergedanken ist, kann es ja mit einem Krimi versuchen. Verdächtige gibt es ja immer genug. Mit Witz und auch ein wenig Sex kann das Verbrechen so richtig schillernd um sich greifen. Noch etwas Lokalstimmung, und der perfekte Krimi ist fertig. Die Krimiliteratur scheint Hochkonjunktur zu haben: Londonkrimi, Wienkrimi, Berlin/Wienkrimi, Kölnkrimi, Bonn Krimi, Friesen Porno, der erotische Heimatkrimi. Das schreibende Talent wandert in den Kriminalroman ab. Diese Dinger sind gar nicht schlecht und vom literarischen Standpunkt durchaus erfrischend und lesbar.


Max Ernst 

Hat die schöngeistige Literatur ihren Sexappeal verloren? Manche glauben sogar an das Ableben dieser bestsellerschaffenden Gattung. Große Gefühle abgestanden? Verlogen? Überholt? Dennoch, der Deutsch-Österreicher Daniel Kehlmann (Die Vermessung der Welt) zeigt, dass die Sprache zählt, nicht die Nationalität. Dass fast alles literarisch bearbeitet wurde, es immer wieder erstaunliche Werke gibt, von denen wenig Weltgeltung erreichen. Franz Kafka fällt da ein. Oder Stefan Zweig. Oder Günter Grass. Es ist gut, dass es diesen Ozean Literatur gibt. Thematisch ohne Grenzen. Was zählt, ist das Interesse, das geweckt wird.

Manche denken jetzt, dass Literatur ausgedient hat. Das Internet kümmert sich um literarische Ausdrucksformen. Dabei wird an die sprachlichen Grenzen gestoßen. Auch der gedankliche Müll ist nicht zu übersehen. Die menschliche Abstrusität. Wenn dahinter ein anonymer Autor steckt, kann nur Voyeurismus das Lesemotiv sein. Ist es aber nicht so, dass man anderen auf gleicher Augenhöhe begegnen möchte? Ein Buch mit sich herumtragen möchte? Den Großteil des Uninteressanten nicht kaufen und nicht lesen möchte? Literatur scheint keine Geschmacksfrage zu sein. Aber die neue Krimiwelle kann interessieren. Es muss ja am Ende nicht immer einer im Gefängnis sitzen.


Freitag, 26. Juni 2015

The atrocity of feeling fat, or so.

Everything has a beginning and an end. The beginning: you have a wife whom you love dearly until she starts complaining about her body shape which seems to have gone a bit negligent. I, her loving husband, now begin to move on slippery ground, wanting to summarise what happens to her: she must have read something about metabolic balance. If all this would stay within the generally abstract borders of human self esteem, nobody would be worried. However, being dynamic, curious as well as an unmitigated admirer of Captain Janeway from Startrek, my beloved spouse has taken a frightful decision: she wants to control her eating and drinking and, at the same time, be admired by her husband. And, alarmingly enough, lose weight and feel more healthy.


Carrot, yes, apricot, no! 

First step: having a thorough blood test and studying your lab values. Then follows a lot of reading about how to go about. A German nutritional engineer, Silvia Bürkle, describes her eyebrow raising methods with a lot of seriousness and scientifically based insight. A number of rules have to be taken into consideration and from now on your nutrition is tailored to your own metabolism. As a loving but ignorant husband I allow myself not even to know what metabolism means, whereas my sweet wife has already started to follow Silvia's extremely complicated and golden 8 rules.


Calorie Bomb 

Eat exactly 3 meals a day. Take a break of at least 5 hours in between. Extent the overnight break between meals to 14 hours, if possible, twice weekly. Regulate your insulin level by having one or two bites of your protein portion (beans, fish or cheese). With each meal, you must eat only one type of protein. Drink enough water, preferably not carbonated. Coffee or tea, only permitted with meals. Eat an apple a day, because it keeps the doctor away and contains lots of vitamins and minerals etc.


Some vegetable? 

I, the loving husband, am fully aware that my description of Silvia's endeavours to make you more healthy are incomplete, amateurish and ridiculous. So, it is anyhow better to ask a specialist than to moan to an incompetent husband. How shocked I was, when I saw that the first day of eating sophistication started with "eating the food that's right for you", meaning that my wife gobbled one and a half kilos of tiny new potatoes and nothing else. Every day she has a different program. Thus we hope to loose every day a few grams of weight. Never would I admit that I then would love my wife a bit more than before. This is not possible. I myself have to acknowledge a few kilos too many. Does that make me unhappy? No! Love and happiness are not a matter of kilos.*

* for the rest, please, google Silvia Bürkle and her colleague Wolf Funfack (also German?). They know a lot about you and your body.






Donnerstag, 25. Juni 2015

Im falschen Körper: das tut weh!

Sie stöckelte etwas unsicher ins Café Central, in Wien, ging auf ein älteres Paar zu und begrüßte die beiden herzlich. Sie sah gut aus, wohl um die zwanzig, schlank, war gut geschminkt und trug ihr langes blondes Haar nicht ohne Stolz. Ein Meter achtzig? Sofort erkannte ich den Mann in ihr. Sie spielte sehr anmutig eine Frau. Neugierig starrte ich ihr hinterher. Sie schien glücklich, doch sah man auch erlittenen Schmerz, irgendwie.

Flughafen Wien, alle warten auf den Flug nach Manchester, der einige Stunden Verspätung hat. Man bekommt Orangensaft und hilflose Erklärungen. Die Innentemperatur in der Maschine ist außer Kontrolle. Verärgert und gelangweilt schlängelt man sich durch die Reihen im Abflugbereich. Da sehe ich sie sitzen: um die vierzig, sieht aus wie ein Mann. Unansehnlich, ungepflegt, grobe Hände. Dann, die Beine in Nylonstrümpfen, ein Rock, hängendes Haar. Ich drehe nocheinmal eine Runde, um genauer hinzusehen. Es ist ein Mann im entscheidenden Zustand auf dem Weg zur Frau. Er versucht, nicht aufzufallen. Bereitet er sich auf eine Geschlechtsumwandlung vor? Solche Dinge sieht man heute gelegentlich.

In der Nummer 07 eines neuen deutschsprachigen Magazins für politische Kultur ("Cicero"), den mir Cath aus Bonn mitgebracht hat, fällt mir ein Artikel auf, der die Befindlichkeit einer polnischen transsexuellen Persönlichkeit beschreibt. Emilia Smechowski porträtiert die Politikerin Anna Grodzka. "Nennt mich Anna" heißt der einfühlsame Artikel. Oder: an guten Tagen wird sie ignoriert, an schlechten mit Rauchgranaten beworfen. Eine "Transe" als Parlamentarierin, wie der unwissende Volksmund behauptet. Was dahinter steckt, ist ein 60jähriges Leben eines Mannes, der schon als kleines Kind im Körper einer Frau leben wollte, und erst spät den Mut zum Wandel aufbrachte. Er versuchte zunächst, ein richtiger Mann zu sein, heiratete und bekam einen Sohn. Seine Mutter hatte mal heimlich in einem Buch gelesen, und er fand heraus, dass sie das Kapitel Transsexualität nachgeschlagen hatte. Dort hieß es, die Transsexualität sei eine Abart der Natur, die aber heilbar sei. Auch andere Abarten kamen da vor: Pädophilie, Koprophilie, Nekrophilie und Zoophilie. Die Mutter hat nie mit ihrem Sohn darüber gesprochen. Wie schrecklich muss es sein, zu erfahren, dass man eigentlich abartig ist. Die Journalistin begleitete Anna eine Weile, um zu sehen, wie ein Mensch lebt, der als Kind schon gehänselt wurde, unglücklich heiratete, von der in Polen Ton angebenden katholischen Kirche erfahren musste, dass alle, die nicht heterosexuell lieben, krank sind.


Dann der entscheidende Schritt: ich muss eine Frau werden, denn ich bin ja eine. Geschlechtsumwandlung ist einfach gesagt. Depressionen, Diskrimination, Vereinsamung gehen vor- aus und müssen verkraftet werden. Sexualtherapie ist notwendig, gerichtliche Schritte zur Änderung des Geschlechts. Ein Leidensweg, den die meisten sich nicht vorstellen können.

Brüste ließ er sich in Thailand machen, weil es dort erschwinglicher schien. Die Beinhaare mussten rasiert werden, und vieles musste mit ihm geschehen, damit er sich wie eine Frau fühlen konnte. Nicht ein Mann, der sich als Frau verkleidet, sondern eine Frau, die sich die meiste Zeit ihres Lebens als Mann verkleidet hat. Ein Leidensweg, der keineswegs selbst verschuldet wurde und der die Solidarität und Sympathie herausfordert. Findet das jemand zum Lachen? Wir müssen mitfühlen, auch wenn wir oft nicht ganz verstehen, was da vor sich geht.


Mittwoch, 24. Juni 2015

So 'ne Königin macht was her.

Deutschland fiebert wieder seit gestern. Die englische Königin und ihr Prinzgemahl Philip sind in Berlin. Der 5. Königinnenbesuch. Berlin steht Kopf. Der Bundespräsident hat sie bereits getroffen, mit seiner Lebenspartnerin. Sind es eigentlich nur alte Damen, die sich ein Königshaus wünschen? Oder gibt es auch noch überzeugte Republikaner? Ich bin einer. Mit Royals habe ich nichts am Hut. Obwohl, meine Mutter hätte die Hüte der Königin geschätzt. Jedesmal wenn der Frühling kam, ließ sie sich einen neuen Hut machen. Ich war dann der erste, der sagte, Mama, dein Hut gefällt mir. Vielleicht habe ich auch aus Höflichkeit ein wenig geflunkert, denn Mama freute sich sehr.


Mama, dein Hut! 

Königin Elizabeth ist natürlich ein echtes Hutwesen. Über den Geschmack wird in der Öffentlichkeit nicht gesprochen. Als Mann habe ich schon manchen Hut an mir vorüber ziehen lassen. Modesachen.   Abenteuerlich. Selten findet man etwas unauffälliges. Ich frage mich immer, wie schlüpft eine süße kleine Prinzessin in ihre spätere Rolle als Königin? Sie wird erzogen, abgerichtet (?), umsorgt, und man lässt sie sehr früh wissen, dass sie die größte ist. Das Prinzessinnengefühl. Wie würde ich als Prinz mit einer solchen Rolle umgehen? Unvorstellbar. Ich möchte alles selber machen. Brauche niemand, der mir die Türen aufhält und das Frühstück vor mich hin stellt. Prolet eben. Das ist eine Einstellung, die im Leben durchaus weiterhilft.

Aus der Sicht einer Königin sind wir alle kleine Proleten, nette und weniger nette. Als Prinz müsste ich mir vorstellen, wie so eine Monarchie einmal begonnen hat. Zuerst wurde etwas erobert. Durch Kraft und Mut. Dann wurde es in Besitz genommen. Meist für immer. Man stilisierte sich zum Machthaber. Verfeinerte seine Erscheinung. Man bekam feine Kleider gestickt, die sich das normale Volk nicht leisten konnte, und schon war man von Adel. Enteignungen, Raub, Machtmissbrauch und Willkür hat es auch gegeben. Der Hochadel machte sich aber unangreifbar. Ich will es nicht so krass darlegen, aber was man heute leicht dem einen oder anderen Milliardär zur Last legen könnte, nämlich, dass er ein Räuber und Betrüger ist, kann man generell auch dem so feinen Hochadel anlasten. Was man aber nicht tut. Denn vornehmes Gebaren weist solche Kritik als unschön zurück.


Zurück zur englischen Königin: sie ist eine süße alte Dame, die sich in ihrem Leben immer vorbildlich benommen hat und jeden Respekt verdient. Oft kommt sie als diplomatische Geheimwaffe zum Einsatz. Für uns Deutsche, deren Kaiser durch die Wirren der jüngeren Geschichte abhanden gekommen ist, bedeutet die Monarchie heute nur ein nostalgisches Hinblicken auf die Gekrönten anderer Länder. Von denen gibt noch viele. Leider auch noch ebensoviele unerwünschte Diktaturen. Das alles läuft unter der Vielfalt menschlichen Lebens. Auch dass David Cameron, der Prime Minister, im Huckepackverfahren mit der Queen in Berlin auftaucht, ist kein Zufall, sondern ein politischer Alleingang.

Vielleicht wäre ich vor 500 Jahren auch ein Royalist geworden. Heute bin ich selbstverständlich Prolet und kann es mir nicht verkneifen, über andere Staatsformen laut nachzudenken. Doch uns' Elizabeth ist uns immer herzlich willkommen.





Dienstag, 23. Juni 2015

Der gesunde Menschenverstand: weg mit dem Paternoster?

Großbritannien wird oft für den allgemeinen Common Sense, den gesunden Menschenverstand gelobt. Völlig zurecht. Schließlich hat man dort auch den Paternoster entwickelt, eine Art Personenlift, bei dem man unentwegt rauf und runter fahren konnte. Für Kinder nur vergleichbar mit dem Radelrutsch. Man bleibt fasziniert bis ins hohe Alter. Deutschland war jedoch paternostermäßig immer eine Weltmacht und ist es heute noch.

Ich bin Paternosterfan
 

Eine in Deutschland bürokratisch ausgeheckte Attacke gegen den Paternoster, ein ohnehin aussterbendes Technologieprodukt, wurde jetzt erst einmal abgewehrt. Die Paternosterverehrer in Deutschland protestierten sofort heftig gegen das Verbot für Privatpersonen, den Paternoster zu benutzen. Es sei zu gefährlich. Dabei hat es in der gloriosen Vergangenheit dieses Auf- und Abstuhls bisher kaum Unfälle gegeben. Jetzt scheint den Sesselfurzern (sorry!) das Motto eingefallen zu sein: "Kein Streudienst. Betreten auf eigene Gefahr" oder so. In Analoganwendung, da man keine anderen Sorgen hat, soll also der ehrwürdige Paternoster vertrieben werden. Nur Befugte in Gebäuden, die noch über Paternoster verfügen, sollen in den Genuss des überholten Transportmittels kommen. Wir wissen bereits, dass dahinter die Lobby der Fahrstuhlindustrie steckt, die Geschäfte machen will, nicht eine echte Gefahr für Leib und Leben. Wogegen man sich heute alles wehren muss!

Dr. Murkes gesammeltes Schweigen, eine Novelle von Heinrich Böll, beschreibt das Paternosterfahren ausgiebig. Sonst ist dieses Gefährt in der Literatur weniger bekannt. Doch die wenigen, die schon einmal Paternoster gefahren sind, lieben es inbrünstig. 1936 gab es noch 679 Paternosters in Deutschland. Heute sind noch etwa 240 übrig geblieben. In Österreich sogar nur noch 20 bis 25. In Berlin nannte man den Paternoster Proletenbagger, während der populärer werdende Fahrstuhl im Volksmund Bozenheber genannt wurde.

Wer haftet, wenn etwas passiert? Diese unnötige Frage soll durch eine Verordnung aus dem Arbeitsministerium beantwortet werden. Unsinn, Schwachsinn, hieß es in wütenden Protesten, von denen man hoffen darf, dass die wenigen österreichischen Paternosterfahrer sich gegeistert anschließen werden. Ein Besuch im Springerhochhaus in Berlin oder im Tagblattturm in Stuttgart könnte auch die Fans von der Donau zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Allen Bürokraten sei gesagt: Ihr werdet uns den Paternoster nicht vergällen, womöglich durch privates Nutzungsverbot. Der Widerstand hat sich bereits formiert: tretet dem Verein zur Rettung der letzten Paternosteraufzüge bei!


Sonntag, 21. Juni 2015

Winnetou, Du könntest uns jetzt loslassen!

Die Welt hat sich verändert. In den Köpfen deutscher und österreichischer Jungen ist Freund Winnetou aber immer präsent geblieben. Ich habe fast alle Bücher von Karl May gelesen. Das gehörte noch in den Fünfzigerjahren zur Grundausbildung eines Jungmannes. Der unglaublich originelle Arno Schmidt hätte es dann fast geschafft, nachdem der Winnetoumythos abgrundtief in unseren knabenhaften Herzen verankert war, uns alles madig zu machen, was uns lieb und heilig war. Mit wohlbegründeter Häme gab er in einer Studie zu verstehen, dass Karl May zumindest homoerotisch gewesen sein musste, damals noch ein anrüchiges Stigma. Die Blutsbrüderschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand kam uns schon ein wenig seltsam vor. Die Tatsache, dass Frauen in all seinen Büchern (es gab über 60 oft mehrbändige Werke) eigentlich keinen Platz hatten, sprach Bände. Nur Winnetous Schwester, ein unbedeutendes Indianerweibchen (nscho tschi) tauchte gelegentlich auf. Mit ganz langen Zöpfen. Für Jungens meiner Altersklasse völlig uninteressant. Ein platonisches Spielzeug auch für Od Shatterhand, der viel zu männerfreundlich war, um mit nscho tschi etwas anfangen zu können. Unsere älter gewordenen Knabenherzen traf ein eiskalter Stich, als Arno Schmidt uns das mit der Homoerotik weismachen wollte. Wir haben es geschluckt, aber ungern.


Der Mythos lebt also weiter. Daran hat auch der "Schuh des Manitou" nichts geändert, der ebenfalls eine respektlose Verehrung der Winnetousaga war. Über diesen Schuh ärgerte sich Pierre Brice, der gebürtige Franzose, der im Film den Winnetou spielte. Er ist gerade hochbetagt in die ewigen Jagdgründe geholt worden. Lex Barker machte den Shatterhand. Weiß man noch, wie schwierig es war, die Karl-May-Bände rechtzeitig zu bekommen, wenn man einen viel zu schnell ausgelesen hatte? Das Tauschgeschäft blühte. Eltern hatten meist keine Ahnung. Und wenn ein Mädchen gar zu den Leserinnen gehörte, war die Welt nicht mehr in Ordnung. Als dann der Band mit Winnetous Tod zum Lesen kam, brach eine Welt zusammen. Die Trauer war ebenso heftig wie ehrlich. Gestern haben sie Winnetou 3 im österreichischen Fernsehen gezeigt. Sein Sterben, in den Armen von Old Shatterhand, war grandios. Schließlich waren sie Blutsbrüder. Danke, ORF, Danke, Karl May, Danke, Winnetou.


Donnerstag, 18. Juni 2015

60 Millionen rennen davon - die Welt tickt falsch!

Es gibt nichts Neues auf diesem Gebiet. Wir sehen es täglich und schämen uns für das Schämen der anderen. Gibt es noch seriöse demokratische Politiker, die den Heimatlosen in die Augen sehen können? Abschieben, unterbringen, aufbewahren, versorgen, ernähren, pflegen dieser Menschen, in friedlichen Zeiten - friedlich in manchen Regionen, nicht überall - ist zu einem rhetorischen Knüller geworden. Nicht zur Suche nach Lösungen. Im deutschsprachigen Raum gab es vor 200 Jahren noch gehäkelte Sprüche wie: "Tritt ein, bring Glück herein", oder einfach "Herzlich willkommen". Damit waren die Fremden gemeint, auch eventuelle Ausländer. Im Orient kennt man die bedingungslose Gastlichkeit ebenfalls. Wer in den USA unbefugt ein Grundstück betritt, kann erschossen werden.


Inzwischen ist das Leben so teuer geworden, die Werbung für Waren aller Art so verlogen, die Regelung des Alltags so bürokratisch,  dass man am liebsten auswandern möchte. Kein Wunder, dass Millionen auf der Flucht sind, vor gierigen, machthungrigen, engstirnigen und fanatischen Herrschern. Man spricht von 60 Millionen Flüchtlingen, weltweit, davon die Hälfte Kinder. Das Problem wird gekonnt verschleppt, heruntergeredet, relativiert. Wer will die schnellere Integration? In Deutschland kann ein Asylverfahren bis zu 7 Monate dauern. Dabei wissen wir, dass an diesen Menschen, wo immer auch sie herkommen, Verbrechen verübt werden. Vom rassistischen Amoklauf bis zum pseudoreligiösen Fanatismus.

Unsere christlich-jüdische Wertegemeinschaft (das hat Merkel gesagt, die "mächtigste Frau der Welt") zieht kaum eine Augenbraue hoch, wenn es darum geht, einem weltweiten Skandal wirkungsvoll zu begegnen. Den letzten beißen die Hunde, wir können nicht die ganze Welt retten, andere tun auch nichts. Dies sind die Sprüche, die man sich anhören muss, auch von Politikern, die bei ihrem Amtseid das Wohl des Landes beschworen haben. 60 Millionen. Das ist mehr als ein ganzes Volk. Lassen wir sie halt sterben! Wir hatten es auch nicht immer leicht. Kommen wir aus diesem Dilemma in Würde einigermaßen wieder heraus? Oder sind wir wie die anderen?

Mittwoch, 17. Juni 2015

Achthundert Jahre und immer noch Magna Carta

Am 15. Juni 1215 wurde die Magna Carta widerwillig unterzeichnet. Einige rebellierende Barone lagen mit König John im Dauerstreit wegen der Steuerlast und aus anderen Gründen. Johann Ohneland, wie er in deutschen Landen hieß, sollte nicht mehr willkürlich regieren können, was einer kleinen Revolution gleichkam. Der Adel wollte sich dem König nicht mehr fügen, seine Allmacht anerkennen. Das hatte Folgen. Viele bezeichnen die Magna Carta, die zunächst auf Lateinisch verfasst war, bevor sie ins Französische und Englische übersetzt wurde, als die Geburtsurkunde der Freiheit schlechthin.

Die Biertrinker unter uns, denen das deutsche Reinheitsgebot von 1487 heute noch heilig ist, obwohl ständig dagegen verstoßen wird, finden in dieser Carta auch die Einführung eines einheitlichen Biermaßes, zunächst, für die Londoner: das Londoner Quarter enthielt 2 Pints und gilt heute noch. Und das deutsche Reinheitsgebot galt im ganzen Heiligen Römischen Reich und tut es heute noch in Namibia, aus kolonialen Gründen. Biermaß beiseite, die Magna Carta ist ein Dokument, das vor 800 Jahren zunächst dem britischen Adel politische Rechte und Freiheiten einräumte, die teilweise auf den gesamten Globus ausgedehnt und verallgemeinert wurden. Dass kein freier Bürger einfach von (königlichen) Beamten verhaftet werden konnte, ohne, dass es eine Überprüfung der Sachlage gibt. Der König stand auch nicht mehr über dem Recht sondern war ihm ebenfalls verpflichtet.


Die etwas theoretische Frage, ob die englische Königin einen Mord verüben darf,  ohne selbst bestraft zu werden, muss nicht wirklich beantwortet werden. Die Macht der Medien ist bei dieser Frage nie richtig ausgelotet worden, obwohl es weltweit Schurken und Herrscher in höchsten Positionen gibt, die dem Gesetz immer wieder von der Schippe springen und den Mediensturm verdienen. Andererseits hat Mahatma Gandhi die Magna Carta auch genutzt, um sein Land Indien, 1947, von der britischen Kolonialherrschaft zu befreien. Wenn es also darauf ankommt, kann dieses Dokument noch in 4 erhaltenen Exemplaren (auf  Schafleder-Pergamenten) nachgelesen werden. Wie gesagt: in Latein.

Die Kirche wurde damals nicht gefragt und war sofort gegen die Magna Carta, deren diskreter Siegeszug (in welcher Form und Fassung auch immer) um die ganze Welt trotzdem nicht aufzuhalten war. Auch die universelle Erklärung der Menschenrechte (UNO 1948) und die Europäische Menschenrechtskonvention (Europarat 1949) wurden von ihr inspiriert. Eigenartig, dass Großbritannien trotz der Magna Carta bis heute keine geschriebene Verfassung besitzt. Vielleicht fällt David Cameron auf seinem Weg aus der Europäischen Union, oder auch nicht, zu dieser Urkunde der Freiheit noch etwas ein. Wir Europäer würden uns freuen.