Dienstag, 23. Juni 2015

Der gesunde Menschenverstand: weg mit dem Paternoster?

Großbritannien wird oft für den allgemeinen Common Sense, den gesunden Menschenverstand gelobt. Völlig zurecht. Schließlich hat man dort auch den Paternoster entwickelt, eine Art Personenlift, bei dem man unentwegt rauf und runter fahren konnte. Für Kinder nur vergleichbar mit dem Radelrutsch. Man bleibt fasziniert bis ins hohe Alter. Deutschland war jedoch paternostermäßig immer eine Weltmacht und ist es heute noch.

Ich bin Paternosterfan
 

Eine in Deutschland bürokratisch ausgeheckte Attacke gegen den Paternoster, ein ohnehin aussterbendes Technologieprodukt, wurde jetzt erst einmal abgewehrt. Die Paternosterverehrer in Deutschland protestierten sofort heftig gegen das Verbot für Privatpersonen, den Paternoster zu benutzen. Es sei zu gefährlich. Dabei hat es in der gloriosen Vergangenheit dieses Auf- und Abstuhls bisher kaum Unfälle gegeben. Jetzt scheint den Sesselfurzern (sorry!) das Motto eingefallen zu sein: "Kein Streudienst. Betreten auf eigene Gefahr" oder so. In Analoganwendung, da man keine anderen Sorgen hat, soll also der ehrwürdige Paternoster vertrieben werden. Nur Befugte in Gebäuden, die noch über Paternoster verfügen, sollen in den Genuss des überholten Transportmittels kommen. Wir wissen bereits, dass dahinter die Lobby der Fahrstuhlindustrie steckt, die Geschäfte machen will, nicht eine echte Gefahr für Leib und Leben. Wogegen man sich heute alles wehren muss!

Dr. Murkes gesammeltes Schweigen, eine Novelle von Heinrich Böll, beschreibt das Paternosterfahren ausgiebig. Sonst ist dieses Gefährt in der Literatur weniger bekannt. Doch die wenigen, die schon einmal Paternoster gefahren sind, lieben es inbrünstig. 1936 gab es noch 679 Paternosters in Deutschland. Heute sind noch etwa 240 übrig geblieben. In Österreich sogar nur noch 20 bis 25. In Berlin nannte man den Paternoster Proletenbagger, während der populärer werdende Fahrstuhl im Volksmund Bozenheber genannt wurde.

Wer haftet, wenn etwas passiert? Diese unnötige Frage soll durch eine Verordnung aus dem Arbeitsministerium beantwortet werden. Unsinn, Schwachsinn, hieß es in wütenden Protesten, von denen man hoffen darf, dass die wenigen österreichischen Paternosterfahrer sich gegeistert anschließen werden. Ein Besuch im Springerhochhaus in Berlin oder im Tagblattturm in Stuttgart könnte auch die Fans von der Donau zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Allen Bürokraten sei gesagt: Ihr werdet uns den Paternoster nicht vergällen, womöglich durch privates Nutzungsverbot. Der Widerstand hat sich bereits formiert: tretet dem Verein zur Rettung der letzten Paternosteraufzüge bei!


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