Dienstag, 19. November 2013

Die Zeit mit Luise

Wer an Jahren reich, und gewohnt ist, ein Tagträumer zu sein, dem kommen Bilder aus der Jugend zurück, immer wieder, die man nicht beiseite schieben möchte. Plötzlich kam mir Luise in den Sinn. Eine Erinnerung aus jugendlichen Jahren. Heute sehe ich das so: ich war ein Jüngling, gerade der Pubertät entronnen, etwa 17 oder 18 Jahre alt. Die Tanzstunde hatte ich bereits hinter mir. Unter Akne litt ich nicht. Und, wenn man zwei katholische Großmütter hatte, war in diesem Alter an Sex natürlich nicht zu denken. Die Gefahren waren zu groß, in finanzieller Abhängigkeit von den Eltern ein Kind zu zeugen.  Das Allheilmittel Pille gab es noch nicht. Konrad Adenauer, der rabenschwarze Bundeskanzler, regierte, wie viele dachten, für immer. Westdeutschland war noch eine christlich-jüdische Wertegemeinschaft. Obwohl: die Anzeichen einer neuen Zeit waren schon deutlich zu erkennen: Supermacht Amerika, Kalter Krieg und Bedrohung aus dem Osten. Italiener und Spanier wurden allmählich durch Jugoslawen und Türken abgelöst. Die Teilung Deutschlands, das noch unter den Kriegszerstörungen zu leiden hatte, überall sichtbar. Straßenkreuzer und Bildzeitung gab es schon.

Ich lebte mit meinen Eltern in Pforzheim, einer bescheidenen süddeutschen Großstadt, deren Zentrum im Februar 1945 zu über 90 % durch einen britischen Luftangriff zerstört worden war und dann hässlich und uninteressant wieder aufgebaut wurde. Aufbruchstimmung, aber auch noch Zarah Leander und Operetten wie der Zigeunerbaron. Bei Woolworth konnte man noch Socken und Postkarten kaufen. Die Verkäuferinnen waren freundlich, manche sogar hübsch. Am Sonntag ging man ins Kino oder ins Café Adler am Leopoldsplatz. Als junger Mann trug man gelegentlich Anzug und Krawatte. Mit den Haaren hatte ich keine Probleme. Die waren schwarz und wuchsen schnell.

Luise war die Nichte einer unverheirateten Studienrätin. Luises Eltern waren in den Kriegswirren im deutschen Norden umgekommen, und Tante Anne kümmerte sich um die Waise. Luise war hübsch, intelligent und stürmisch. Ein wenig selbstbezogen auch. Sie hatte keine Freundinnen, und ein Bruder fehlte ihr schmerzlich. Es kann sein, dass ich da ins Spiel kam. Bei Luise und Tante war ich gerne gesehener Gast. Vielleicht, weil ich die gepflegte Gesellschaft der beiden Damen liebte und so etwas wie ein jugendlicher Hahn im Korb sein konnte. Es wurden schöne Platten aufgelegt, und es gab für mich, den Älteren, ein Glas Wein und Salzstangen. Auch einmal einen Toast Hawaii. Luise blieb beim Apfelsaft.

Ich liebte Luise wie eine kleine Schwester. Meine ständige Verliebtheit in andere Mädels lief unberührt so nebenher. Es gab nur eine kurze Zeit, wo alles zu explodieren schien: Luise setzte sich gegen die autoritäre Mutterrolle ihrer Tante zur Wehr. Sie hegte Gedanken, - für Luises Kreise damals undenkbar - das Abitur nicht zu machen und irgend etwas Künstlerisches zu versuchen. Ich sollte auf Drängen der Tante auf Luise einwirken. Das fiel mir leicht, doch Luise hielt mich von nun an für
Tantes Trojanisches Pferd. Jedenfalls ist dieses Wort im Scherz einmal gefallen.

Warum haben wir mitten in der Nacht einmal 2 Stunden miteinander telefoniert? Missverständnisse waren aufgekommen. Luise begann, meine Rolle als Freund zu hinterfragen. Dabei waren wir uns einig, dass unsere Beziehung unplatonisch zu sein hatte. Bruder-Schwester, oder so. Das ging nicht immer gut, denn ich musste im oft heftigen Kampf der beiden Frauen versuchen, zu vermitteln. War ich ein potenzieller Verräter? Luise konnte unerbittlich sein, ihre Tante konnte gelegentlich den Geldhahn zudrehen, was für Luise einer harten Strafe gleichkam.

Dann trat ER in ihr Leben: Blutjung, himself a motherless child, der Sohn geschiedener Eltern. Vater deutsch, Mutter Engländerin. Er brauchte Liebe. Der Vater ein gut bekannter Journalist und Schriftsteller, der in Rom lebte, die Mutter hatte Martin großgezogen und ihm solide Kenntnisse der englischen Sprache vermittelt, mit denen er jetzt an der Berlitz-Schule in Pforzheim junge Deutsche unterrichtete. Luise lernte ihn kennen, ich weiß nicht, wie. Absprungbereit wie sie war, musste sie sich in ihn verlieben. Auch Martin wirkte verknallt, und wir, die Tante und ich, hatten ein Problem. Martin war natürlich ein netter Junge, doch er wollte Luise für sich haben. Tante Anne war auf ungeschickte Weise dagegen und wollte meine Vermittlung in Anspruch nehmen. Doch meine Warnungen, die nicht ganz ernst gemeint sein konnten, denn ich verstand Luise, mussten in den Wind geschlagen werden.

Es geschah, was geschehen musste: Luise und Martin verschwanden für immer. Die Tante haderte mit ihrem Schicksal. Ihre aufopfernde Mutterrolle hatte nicht gefruchtet. Luise und Martin waren nach Gretna Green aufgebrochen und kamen als minderjährig verheiratete nicht mehr zur Tante zurück. Als ich nach einiger Zeit von Tante Anne eine Telefonnummer in Italien erhielt, war Luise schwanger. Ich rief sie an. Sie beendete das Gespräch mit mir sehr schnell und sagte mir, dass ich sie verraten habe. Seit dieser Zeit grüble ich gelegentlich darüber nach und versuche, herauszufinden, was ich falsch gemacht habe.

Ein ganzes Leben ist nun vorbei: Ich googelte zuerst nach Martins prominentem Vater. Er starb in den Achtzigerjahren. Auch Martin wurde Schriftsteller. Bei Wikipedia fand ich ihn und erkannte ihn sofort auf dem Foto. Aber, wo war Luise? Er starb vor ein paar Jahren. Seine Bücher sagten mir nichts. Kinder wurden keine erwähnt, und die große Liebe seines Lebens auch nicht. Seitdem frage ich mich, was aus Luise geworden ist. Ich wäre auch gerne ihr großer Bruder geblieben, aber, das Schicksal muss irgendwo eine scharfe Linie gezogen haben. Die Zeit mit Luise war kurz und schön.








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