Dienstag, 25. Oktober 2016

Himmel un Ääd: die Schweitzer kocht vor Wut.

Leichenschmaus, Kirschtote, Mordstafel und Eisbombe, vier von Brigitte Glasers Esskrimis habe ich genüsslich gelesen. Dann entstand eine dreijährige Pause, wo Cath und ich in Wien lebten. Dort kann man auch gut essen. Hier, in Yorkshire/Nordengland, sind wir seit Anfang 2016 fest verankert. Yorkshire Pudding ist das Nationalgericht, eher eine Beilage, die viele hier längst durch experimentelle Schmankerl aus aller Welt ersetzt haben. Nein, eine Essprovinz muss nicht immer kulinarisches Brachland sein, und ein Lammcurry kann auch hier gut schmecken.

Yorkshire Lammcurry an Mintsauce? 
Ich sitze in Haworth/Keighley am - mehr als herbstlichen - Morgen und lese in Brigitte Glasers Köln-Krimi Himmel un Ääd, den Cath auf Deutsch vor mich hingelegt hatte, wahrscheinlich, um mich über eine jesusmäßige Erkältung hinwegzutrösten. Ich sage jesusmäßig, weil dieses naughty word in meiner badischen Heimat gerne gebraucht wird. Die Katharina Schweitzer, eine gestandene Krimiköchin, arbeitet in Köln, wo sie mit ihrem Wiener Freund Ecki ein Spitzenrestaurant betreibt. Oder betrieb? Wer weiß! Sie preist das Kölner Wetter. Seit 2 Wochen nur Sonnenschein. Kein Wölkchen am Himmel. In Yorkshire hängen sie drohend am Himmel. Sonne wird nur in kleinen Dosen verabreicht.


Nie würde ich einer Krimi-Autorin die Suppe verderben, indem ich meinen Lesern den Ausgang ihrer Geschichte verrate. Bei Himmel un Ääd mache ich insofern eine Ausnahme, als ich intensiv auf ihre Herkunft und Kochleidenschaft eingehe. Nicht nur liebt sie, ganz wie ich, ihre badische Heimat, nein, sie preist ein kleines kulinarisches Blümelein, die bescheiden köchelnde badische Küche, von der auch ich etwas zu verstehen glaube. Schließlich haben Cath und ich in Durbach/Baden geheiratet. Die englische Verwandtschaft entdeckte dort die badische Schneckensuppe, die Kratzede, die gebratene Gänseleber als Vorspeise, den badischen Sauerbraten und die Markklößchensuppe. Und den badischen Wein. Der Guide Michelin hat dort wenig zu suchen. Hier herrschen die Chefs, deren Klienten diskret aus dem Elsaß anreisen, um am Sonntag badisches Essen zu genießen. Einen extra Stern wollen sie nicht.


Als ich Kind war, herrschte meine Mama als unumstrittene Köchin im Hause. Die Gemüse, das Obst, die Radieschen und alles andere kam aus unserem Garten. Ich durfte  es oft aussuchen und daran riechen. Das war in der Nähe von Karsruhe. Später verlief mein Weg von West nach Ost: Paris, Straßburg, Oberkirch, Sprung nach Wien. Kulinarisch gesehen, eine west-östliche Reise, die jedoch nicht nach Köln führte. Deshalb lese ich jetzt Brigitte Glasers Köln-Krimi. Ihr Esstempel heißt Weiße Lilie. Ihre Wurzeln aber ruhen sanft in Baden (Offenburg, Freiburg, Öhnsbach, Mösbach). Ihr Resto liegt irgendwo westrheinisch.

Brigitte Glaser 
Katharina, du und ich haben viel gemeinsam. Die Liebe für die badische Küche, (Studium in Freiburg), die sonnigen Hänge des mittleren Schwarzwaldes, eine detaillierte Vorliebe für das Köstliche, sogar Paris- und Brüsselerfahrung mit Mort subite und allem Pipapo. Zuletzt, die österreiche Küche, die Ecki so liebt. Dann die, wie soll ich sagen, Hinwendung zum anderen Geschlecht. Du liebst die Männer und schreckst auch nicht vor einem Zwischenspiel mit deinem Exfreund Taifun zurück, der immer noch leicht nach Zimt riecht. Ich erschrecke auch nicht, wenn sich ein interessierter weiblicher Blick auf mich richtet.

Im Taj Mahal Palace in Mumbay isst man auch ganz gut! 
Jetzt muss ich weiterlesen. Ich bespreche Brigitte Glasers Krimi und weiß nicht einmal, wie es weitergeht. War Minka eine Schlampe? Wird Ecki zurückkehren? Warum ist Kommissar Brandt so nett? Wird Katharina den Waldmeister richtig zubereiten? Ich wüsste gerne, wie. Wird sie den Mietvertrag endlich unterzeichnen? Die Weiße Lilie retten können? Fragen über Fragen. Brigitte, schon wegen des kulinarischen Nebenschauplatzes kann ich dir eine Höchstnote erteilen. Das Schöne an diesem Krimi ist, dass er den Leser sättigt und dann ruhig einschlafen lässt, während Katharina Schweitzer sich verständlicherweise in ihrem Bett wälzt und versucht, ihr empörtes Herz zu beruhigen. Bei mir ist es nur eine banale Erkältung. Ach, hätte ich doch ein Glas Durbacher Clevener-Traminer oder eine Hex vom Dasenstein. Da fällt mir ein, dass noch eine Flasche Riesling Spätlese von Angelika in Tiergarten im Kühlschrank steht. Der Tag ist gerettet.


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