Sonntag, 5. Oktober 2014

Berliner Geschichten - eine Stadt mit Pfiff und NSA

Er hieß Anton. Seine Mutter nannte ihn Töni. Als erstes biss er meiner Ursula die Finger ab. Ursula war meine Puppe. Töni war eine Art Halbbruder, der aus dem gefährdeten Berlin zu uns aufs Land geschickt wurde. Als die Bombardierungen  am schlimmsten waren, nahm seine Mutter ihn wieder mit sich nach Hause. Dann verliert sich die Spur. Ich dachte oft an ihn, wenn ich auf einen Sprung nach Berlin kam. Wollte immer wissen, was aus ihm geworden ist. Der Wiederaufbau ging ganz langsam voran. Man musste befürchten, dass der eingeschlossene Westteil der Stadt trotz massiver Hilfe durch die Luftbrücke irgendwann würde aufgeben müssen. Doch der Widerstand der Berliner (in Ost und West) zeigte sich in einem Galgenhumor, der heute noch in den Ohren klingt. "Nicht wahr, Herr Wachtmeester, bei Rot kann ich rüber?" "Nee, Muttchen, bei Waldmeester."

25 Jahre danach.

Dann ging der Eiserne Vorhang baden, und in Berlin wuchs zusammen, was zusammen gehörte. Ich saß in meinem Zimmer im 34. Stock des Plazahotels in New York und schaute fern, als es passierte. Nie wieder wird Geschichte so knüppeldick auf die Menschheit niedersausen. Lasst uns das nie vergessen. Die amerikanische Botschaft liegt heute ganz in der Nähe des Brandenburger Tors. Das Bundeskanzler- und andere Ämter ein Katzensprung davon entfernt.


Auf dem Dach sind die Schnüffel-Einrichtungen der NSA. Oder wurden sie etwa aus Scham woanders hin verlegt? So ändern sich die Zeiten. "Ich bin ein Berliner" sagte Kennedy einst und meinte damit, dass die USA unser Freund sind. Die böse Sowjetunion war unser Freund nicht. Heute ist Berlin Teil der freien Welt. Wie frei ist sie aber, diese Welt? Das trotzige Schlagwort von früher, dass Berlin ist eine Reise wert sei, hat heute eine wohlverdiente Aktualität erhalten. Die Trauer der Deutschen, in einem missglückten Landgebilde mit einer geteilten Hauptstadt zu leben, ist verflogen. Die Wunden des Krieges und des Nachkriegs verheilen allmählich. Das neue Berlin scheint für alle da. Auch für die vielen Neugierigen.

Die Baustelle Berlin, verblichener Glanz, Neuanfang und die unbezähmbare Lebenslust einer Metropole. Wer möchte nicht dabei sein?


"Die Russen kommen" hieß es einmal. Auch ihnen verdanken wir die Wiedervereinigung. Lasst es uns genießen. Heute sind sie da, die Russen, aber auch die vielen anderen. Willkommen in einer Stadt, die fast für immer geschlossen worden wäre, wenn die Geschichte nicht aufs Gaspedal getreten wäre.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen