Sonntag, 7. September 2014

Allesverloren - Wein gefunden. Ungereimtes.

Muttermale, Mongolenfleck. Rhönradfahren und Ehrendoktor. Nicht zuletzt: Der Wein der aus der Kelter kam. Wo soll man da beginnen? Alle Menschen sind klug. Der eine vorher, der andere nachher. Und Legenden sind dazu da, dass man sie sich anschaut und daran glaubt, wenn man will.

Mongolenfleck, auch Hunnenfleck, wer schreckt da nicht zurück? Jedes 10. Kind in Europa ist ein Kuckuckskind. Und 1 % aller Kinder haben bei der Geburt den Hunnen- Mongolen- oder Leberfleck. Meist auf dem Po oder am Steiß. Manchmal verschwindet der Fleck nach ein paar Tagen. Dann könnte es sich um ein banales Hämatom handeln, das bei den Anstrengungen des Niederkommens entstanden ist. Auch andere solche Flecken können nach Wochen wieder unbemerkt verschwinden. Bleiben sie bis zur Pubertät, dann kann man getrost Mongolenfleck oder Hunnenfleck dazu sagen, wobei Mongolen und Hunnen zwei verschiedene paar Stiefel sind. Aber so einfach ist es mit den genetischen Einflüssen nicht. Neben den üblichen Mutationen finden wir immer wieder Sagen von Vorfahren, die in der Familiengeschichte ausgeklammert waren. Man kennt nicht ihre Namen, weiß nicht welche Kinder sie gezeugt haben, woher sie kamen und warum Tante Gisela diesen speziellen mongolischen Zug um ihre Augen hatte. Onkel Gisbert heiratete eine Russin. Da ist alles klar. Aber warum er fernöstliche Mythologie studieren musste, versteht auch keiner. Es ist also unmöglich, herauszufinden, wo der Leberfleck herkommt. Am besten, wir halten uns alle (auch die ganz Blauäugigen) für ein aufregendes Rassengemisch.


Rhönradfahren, hingegen, ist ein Sport, der deutscher nicht sein kann. Als kleiner Junge schon benutzte er die Reifen eines Wagens, baute sich eine Art Gefährt und sauste damit den Berg hinunter. Otto Feick stammte von der bayrischen Rhön, einem Mittelgebirge. 1920 bis 1922 baute er dann an seinem Rhönrad. Kein Wunder. Dass es aber in Ludwigshafen am Rhein geschah, ist der blanke Zufall. Zum Patent wurde es unter der Nummer 442057 angemeldet. Während der Olympischen Spiele in Berlin, 1936, wurde das Rhönrad vorgeführt, aber ein Aufschrei des Entzückens fand nicht statt. Das Rhönradfahren ist also keine olympische Disziplin geworden. Genau so wenig wie der britische Nationalsport Cricket, der außer in ein paar Ländern als total unsexy gilt. Das erste internationale Rhönradturnier fand schon 1930 statt. Das Rhönrad zerfällt in mehrere Teile: Geradeturnen, Spirale, Sprung, Zweikampf, Dreikampf, Mannschaftsturnen, Männer, Frauen. Es ist daher schwierig, zu eindeutigen Weltmeisterschaften zu kommen. Beim Mannschaftswettbewerb hat es weltweit bisher nur deutsche Siege gegeben. Das feuert andere Nationen nicht gerade an, mitzumachen. 2013, ich glaube, es war in Chicago, gewann bei den Männern allerdings erstmals ein Japaner: Kazuya Ezuka, und beim Sprung: Yasuhiko Takahashi. Berühmter als unsere deutschen Rhönradler sind diese Japaner auch nicht geworden.


Bei Ehrendoktoren ist das anders: die Herren Doktoren (wo sind die Frauen? Es gibt sie!) sind meist schon berühmt. Ab dem 5. Doktortitel h.c. kann man vermuten, dass die Zuerkennung weitgehend verdient ist. Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, scheint mit 24 Ehrendoktoren im Halten von Honoris causa Doktor-Titeln ganz gut im Rennen zu liegen. Der Dalai Lama hat jedoch respektable 43 (meist von amerikanischen Hochschulen), und Nelson Mandela hatte sogar über 50. Den Vogel abgeschossen hat jedoch ein US-Amerikaner namens Theodore Hesburgh. Ein Theologe, der sage und schreibe 150 Ehrendoktoren gesammelt hat und natürlich im Guinessbuch der Rekorde steht. Ein Japaner, Daisaku Ikeda, hat über 120 solcher Titel zusammen gerafft, und das als Präsident einer "Soka Gakkai International". Da fragt man sich schon, ob diese Herren ehrenhalber noch die Zeit fanden, bei jeder feierlichen Übergabe auch noch eine Rede zu halten.
Im Internet findet man auch die dubiose Frage: Interessiert an der Doktor-Würde? Wir beraten  Sie gerne. Als Scherzartikel, mit Schmuckurkunde, kann man solches auch schon für 9,99 € erwerben, Versandkosten inbegriffen. Der Markt für Ehrungen ist also etwas unübersichtlich geworden.

Allesverloren  
Da denkt man an nichts Böses und schaut sich bei den Weinimporten um. Hoppla! Was ist denn das? Ein Rotwein, der sich Tinta Barocca nennt und aus Swartland kommt? Wo ist Swartland? Selbst Freunde aus Südafrika sind sich da nicht ganz sicher. Nicht weit von Kapstadt lebt heute die Familie des Danie Malan, die seit 1872 in der 5. Generation dort einen Rotwein anbaut, der einen ungewöhnlichen Namen trägt und seinen Weg bis in die österreichische Hauptstadt gefunden hat. Unter den Kapweinen etwas Besonderes: "Allesverloren" steht auf den Flaschen. Wie kommt das? Der erste Besitzer ging 1806 mit seinen Flaschen nach Kapstadt, um sie dort zu verkaufen. Der Tinta Barocca, eine Port-Rebsorte,  war damals schon - so geht die Legende - fruchtig, rund, weich, aromatisch, mit schöner Balance. Vom Abgang sprach man im 19. Jahrhundert nur bei Politikern, die das Zeitliche segneten, nicht bei Wein. Als er wieder nach Hause kam, war sein Haus abgebrannt, die Farm total zerstört. "Allesverloren" soll er da ausgerufen und mit dem Wiederaufbau begonnen haben.

Mongolenfleck, Rhönrad, Ehrendoktorwürde und Tinta Barocca. Da fragt man sich, ob ich nichts Besseres zu tun habe. Nun, Jean-Pierre Cul de Sac, ein Südfranzose, fuhr auf seinem Rhönrad nach Bad Kissingen zur feierlichen Verleihung seines Ehrendoktordiploms. Anschließend an die launig auf Deutsch gehaltene Rede gab es für ihn und seine Freunde den vin d'honneur, einen ausgezeichneten Gewürtztraminer aus dem Elsaß. Dann kam Jean-Pierre auf dem Heimweg leicht angedudelt bei mir vorbei und wollte, dass ich noch eine Flasche mit ihm köpfe. Etwas zögernd sagte ich, "ich habe Allesverloren". Worauf Jean-Pierre sich in sein Rhönrad schwang und weiterfuhr. Doktor E.h. Jean-Pierre, der mit dem Mongolenfleck auf dem Hintern.













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