Dienstag, 18. März 2014

Sex im Altersheim? - Igittigit!

Meine Großeltern starben zuhause. Niemand hätte es ihnen erlaubt, in ein Altenheim zu gehen. Sie müssen sich geliebt haben, denn mein Opa erhielt auch mit 97 noch jeden Tag einen Kuss auf die Stirn, wenn er ins Bett ging. Oma lebte zwar schon lange nicht mehr, aber Opa hatte meine Tante und meinen Vater, beide schon pensioniert, die das besorgten. Von Sex wurde nie gesprochen, denn die katholische Kirche erlaubte das nicht. Was sie immerhin verheirateten Paaren zugestanden hatte, war das Beiwohnen bei gelöschtem Licht. Es entstanden auch insgesamt 5 Kinder, von denen aber nur 2 überlebten.

Als Kind interessierte ich mich brennend für Sex, obwohl ich wusste, dass es irgendwie sündhaft war. Hätte ich es gewagt, in der Pubertät meinen Vater auf Sex anzusprechen, er hätte wohl geantwortet, dass ich davon ja keine Ahnung hatte, und ich hatte auch keine. Das männliche Geschlecht wurde in einem Anfall von Wut von meiner Tante einmal verächtlich "das Gebambel" genannt. Ich wusste, was damit gemeint war und ließ es nie zu einem Aufklärungsgespräch kommen. Die allseitige Scham war zu groß. Also erfuhr ich statt dessen, was entartete Kunst war oder Lebensunwertes, was ich auch nicht verstehen konnte.

Irgendwie bekam ich selbst dann drei Kinder und beschloss, sie aufzuklären, um diese Lücke nicht weiter schwelen zu lassen. Man war aufgeschlossen, die Kinder hatten schon Grundbegriffe mitbekommen und Fragen gestellt. Da sie in einen französischen Kindergarten gegangen waren, musste ich gleichzeitig mit 2 Märchen aufräumen: der Sache mit dem Klapperstorch und dem französischen Wahn, dass Babies in einem Krautkopf (oui, mon chou) heranwachsen. Beides hatte die Älteste nie richtig überzeugen können, und der zwei Jahre jüngere Sohnemann kommentierte das etwas uninteressiert mit: "So ist das also", was mir leicht altklug vorkam.

Wir haben viel erreicht. Die Herren Kinsey und auch Sigmund Freud haben die Szene nach vorne gebracht. Auch ein zart-romantischer Film namens Harry und Maud. Kinsey hat herausgefunden, dass junge Paare mehrere Male in der Woche Sex haben (können) und dass (erinnere ich mich recht?) bis zu 8 % der Männer schwul sind. Ich hielt diese Entdeckungen, die ich mit großem Interesse studierte, noch für ein eher unnützes Herumwühlen in den erotischen Gepflogenheiten von Mann und Frau. Von den vielen Abarten sexuellen Verhaltens wusste ich wenig. Für den jungen Mann im besten Alter war die Verhütung das oberste Gebot, denn die Segnungen der Pille waren noch nicht allgegenwärtig. Sex war also noch ein Vergnügen mit Zittereffekt. Sigmund Freud machte aus einem Teil des Schweinkrams eine wissenschaftliche Einlassung, die immerhin bedeutete, dass man für vieles nicht selbst verantwortlich war, sondern der Vater oder die Mutter. Ältere Frau mit jüngerem Herrn, das ging gar nicht. Junge Frau und älterer Herr, das war eindeutig: sie brauchte sein Geld und seinen Doktortitel. Ein schwules Paar, verheiratet, auch noch mit Kinderwunsch, das war unappetitlich und versteckte sich allenfalls im Dschungel der Großstadt. Harry und Maud war eine zarte Filmfreundschaft zwischen einem jungen Mann und einer alten Dame. Mir gefiel diese Geschichte, weil sie zeigte, dass Liebe viele Wege geht, vor allem, unbürokratische.

Schmetterling im Bauch?

So gesehen ist der Sexualtrieb etwas Wunderbares. Und, wie wir erfahren, etwas, das immer währt. Man studiert jetzt, neben der Pädophilie, der Sodomie und der Nekrophilie, das Sexualverhalten im Altersheim und die Kopulationsbereitschaft der Übersiebzigjährigen. Das ist noch lange nicht das letzte Tabu. Genau wie der Sexualtrieb bei manchen Menschen unter Null gehen kann, ist er andererseits zum Fürchten, denn es gibt auch Sexkranke die es ständig treiben müssen. Ein alter Mensch, das lehrt die Erfahrung, ändert sein sexuelles Begehren nie, auch wenn im hohen Alter, wegen fehlender Partner, oder aus physischen Gründen, ein natürlicher Riegel vorgeschoben wird. Manchmal verschwindet der Sex auch wegen der wachsenden Vergesslichkeit der Beteiligten. Das kann man niemandem vorwerfen. Auch den Sex im Altersheim nicht, so es diesen noch gibt. Nur das Pflegepersonal ist da ein wenig entsetzt. Hinzulernen heißt da die Devise.











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