Montag, 20. Januar 2014

Es war eher ein Fraß!

Lucullus, der römische Feldherr, der 56 vor Christus starb, hätte sich eher kastrieren lassen, als etwa in der Küche einen Löffel zu rühren. Dennoch gilt dieser Feinschmecker mit seinen ausgedehnten Festmählern heute als der Vater der Esskultur. Lukull gewährt seinen Namen allem, was  mit Ehrgeiz die gehobene Küche propagiert. Ein lukullisches Mahl steht für üppigen Genuss, auch heute noch. Mit Steckrüben, Schwarzwurz und Rotkraut hat die moderne Kochkunst heute aber wenig am Hut.


Kein Wunder, dass der Humor in Zeiten der Not über weite Hungerstrecken helfen musste. "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei" sang man am Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland, "Am ersten Dezember gibt's wieder ein Ei". Auf Lebensmittelkarte, wie so manches, was zur Grundnahrung zählte und rationiert war. So schrieb eine Karola Moll ein Kochbuch unter dem Titel: "Der heruntergekommene Lucull", das zur rechten Zeit im verhungernden Westdeutschland auf den Markt kam, um verzweifelten Hausfrauen auf die Sprünge zu helfen.

Ich selbst hatte eine viel bewunderte Tante, die damals aus einem alten Schuh mit etwas Zuckerersatz und einer vergammelten Kartoffel eine Linzertorte herstellen konnte, die auch noch schmeckte. Das Wort "Sternekoch" gab es damals noch nicht, aber für missratene Gerichte, die nach Leinöl stanken, gab es schon allerhand euphorische Bezeichnungen. Auch meine Yorkshire Gemahlin weiß von ihrem Vater zu berichten, dass man in England eine undefinierbare Speise gerne mal "a dead man's leg" oder so ähnlich nannte, um über die Dürftigkeit der Nahrung besser hinwegzukommen.

Karolas Buch ist 1947 in Hamburg erschienen. Es ist der Nachkriegsmisere entsprechend kartoniert, beruft sich jedoch auf einen Göttergatten namens Lucull, einen Abkömmling des römischen Feldherren, den zu bekochen ihre schwere Aufgabe war. Mit Hilfe von Steckrüben, Salzheringen (wir sind in Hamburg!) und Sardellenpaste, dazu vielleicht, Jagdwurst, (wenn der Luxus plötzlich ausgebrochen war), versuchte sie, dieses Ziel zu erreichen. Lakonisch, nicht lukullisch, beschrieb sie ihre Rezepte, die heute ein gerührtes Lächeln hervorrufen.


Statt all die Zusatzstoffe, die in den Supermärkten fast unleserlich auf den aufgemotzten Dreisterneartikeln prangen, zur Verfügung zu haben, muss sie Tante Mathilde um Rat fragen und was es eben so gibt zu Essbarem verarbeiten. Da kochen schließlich schwieriger ist, als essen (so die tapfere Autorin), geht es vor allem um die Herstellung, nicht so sehr um den Genuss.  Das sieht dann so aus: Leberknödel: 10 - 12 alte Semmeln, Salz, 3/8 bis 1/2 l Milch, 250 bis 375 g Rindsleber, 1 kleine Zwiebel, 1/2 bis 1 Eßlöffel Majoran, 2-3 Eier. Die feingeschnittenen Semmeln salzen, mit heißer Milch übergießen, zugedeckt ziehen lassen. Die gewaschene Leber häuten, mit Zwiebel zweimal durch die Fleischmaschine drehen, mit den Eiern und den übrigen Zutaten mischen, verarbeiten, zu Knödeln formen und in kochendem Salzwasser langsam 15-20 Minuten ziehen lassen. Für Serviervorschläge hat es nicht mehr gereicht.

Oder: Brotsuppe. Brot in Buttermilch schneiden, aufkochen, durchrühren. Zucker und Salz dran. Kann auch mit Magermilch zubereitet werden. Die Liste der Köstlichkeiten ist fast unerschöpflich, die Illustrationen von Woldemar Hörnig sind mit feinem Humor angereichert.
Apfelmus zu grünen und weißen Bohnen.
Armer Ritter.
Brotpudding.
Grütze mit Sauerkraut oder Salzgemüse. Und so weiter. Wem läuft da nicht das Wasser im Munde zusammen? Das Kochbuch sah ich bei Freunden. Es weckt schaurige Erinnerungen. Ein wahrer Schatz für schlechtere Zeiten, die hoffentlich nie mehr eintreten werden.






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