Mittwoch, 24. April 2013

Einmal Jude - immer Jude?

Wir Nicht-Juden in Deutschland und Österreich haben es auch nicht leicht. Über 10% unserer Bevölkerungen sollen antisemitisch sein, woran ich keinen Augenblick zweifle. Interessant ist jedoch auch, was die 80-90% Anderen denken. Viele von ihnen wurden in der Scham erzogen, Nachfahren von Massenmördern zu sein. Manche revoltieren dagegen, jedoch mit den falschen Argumenten? Es waren keine 6 Millionen? Auschwitz - eine Lüge? Zionistische Verschwörung? Das Kapital in jüdischen Händen?
Von Horst Köbele

Dies alles geht an einer Sache vorbei, die wir vergessen: dass der Mensch dazu neigt, zu verdrängen. Was haben wir nicht alles verdrängt? Vor allem die Gewalt der Vergangenheit lässt sich großartig wegleugnen. Wenn sich dann kein Schwein mehr darüber aufregt, ist die Sache gegessen. Deshalb haben wir eine Pflicht: die Gewalt, gerade heute, überall da zu sehen, wo sie gerade ist, ohne das Gewesene zu verdrängen.

Mir gelingt das manchmal mit der Vorstellung, ich sei Jude. Bei "nur" 10% Rassismus, Antisemitismus gehört dazu schon etwas Mut. Mehr Courage verlangt aber das Hinstehen und Bekennen, dass man dies oder jenes ist. Zeugen Jehovas können ein Lied davon singen. Auch sie gehörten zu den "Ausgesonderten". Da war es fast noch ein "Vergnügen", bloß entarteter Künstler zu sein.

Welche "Geradlinigkeit" gehörte einst schon dazu, wegen einem jüdischen Bekannten den Bürgersteig nicht zu wechseln. Welcher Todesmut auch, einem solchen Mitbürger zu helfen, ihn gar zu verstecken. Auch das hat es gegeben. Das zarte Pflänzchen Menschlichkeit muss uns auch heute erhalten bleiben:
Muslime, Juden, religiöse Minderheiten, sexuell anders Orientierte, Zugezogene und Gebrechliche sind auch Menschen. Vergessen wir das nicht. Lebensunwertes Leben hat es nie gegeben, nur Fanatiker, die laut schreien. Sie scheinen auf dem Vormarsch. Hier hilft nur Mut zum Hinstehen. Einmal Jude sein: warum nicht?



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