Donnerstag, 12. April 2012

Grüß Gott, ich bin die Gallenblase

Es ist sieben Uhr morgens, ich melde mich in der Klinik an, um meine Gallenblase mit den Steinen operativ entfernen zu lassen. Die Gallenflüssigkeit fließt über die Vater'sche Papille in den Zwölffingerdarm und ist für die Fettverdauung wichtig. Das kann man verstehen. Die Gallenblase selbst wird nicht gebraucht. Also holt man sie raus. Wenn sie Gallensteine enthält, ist Vorsicht geboten. Später erhält man die Gallensteine als Souvenir mit nach Hause. Wenn alles gut geht, sagt der zuständige Arzt nach zwei bis drei Tagen, dass man wieder gehen kann.

Es geht zunächst alles gut: ich komme in ein Zimmer, in dem schon ein Patient liegt. Hallo, ich bin die Gallenblase. Und ich bin der Bypass, der auch noch an die Dialyse muss. Kaum habe ich mich in meinem neuen Bett eingerichtet, fährt dieses in ein anderes Stockwerk, wo die Anästhesie vorbereitet wird. Schnell bin ich so benebelt, dass ich nichts mehr merke. Als ich wieder aufwache, bin ich schon unterwegs in mein Zimmer, wo mich der Zimmergenosse mit gebührendem Respekt begrüßt. Leidgenossen unter sich.

Die Operation ist gut verlaufen. Mittels Laparoskopie wird im Bauchraum ein Fernsehstudio eingerichtet. Damit kann der Chirurg auf einem Bildschirm sehen, was da los ist. Die Gallenblase wird samt Inhalt entfernt. Ist man wieder bei Sinnen, liegt man im Bett und hat furchtbare Bauchschmerzen. Die Einnahme von Schmerzmitteln wird dringend empfohlen. Zum Essen erhält man erst mal nichts. Irgendwie lassen die Schmerzen nach, wenn man nicht lacht, hustet oder sich wenig bewegt. Man liegt ruhig in Erwartung des Schlafes.



                                                          Gallenblase???

Der Nachbar mit dem Bypass kann nicht schlafen. Unruhig wälzt er sich im Bett. Er hustet unaufhörlich, dann fängt er an zu schnarchen. Längst sind die Lichter aus. Die letzte Schwester hat ihre Spritzen und Infusionen getätigt. Das Schnarchen wird aggressiver. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Kurz vor meinem Einnicken wirft er sich vehement herum, stößt an Armaturen, sucht offensichtlich nach etwas Trinkbarem. Ich denke an alles Mögliche. Nur nicht an Schlaf. Gerädert versuche ich, den Nachholbedarf zu decken. Da ist die Nacht vorbei. Um 7Uhr30 beginnen die Umbauten in einem oberen Stockwerk. Eine Bohrmaschine ist deutlich zu hören. Auch Hammerschläge. So ein Krankenhaus ist gegen nichts gefeit. Doch ich erhalte ein Frühstück: ein Brötchen, eine Scheibe Graubrot, 15 g Butter, etwas Magerquark und Sauerkirschmarmelade. Dazu Kaffee. Krankenhauskaffee. Mein Nachbar weiß um seine lärmende Existenz. Er redet beruhigend auf mich ein. Ich versuche, zu verzeihen. Nach zwei Tagen habe ich es geschafft: Die Ärztin kommt und sagt, es sei alles in Ordnung. Ich könne wieder nach Hause. Zum Glück hat der Mensch nur eine Gallenblase.

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