Mittwoch, 15. November 2017

Da gibt es einiges zu berichten.

Wenn man älter wird, auf Kinder und Enkel zurückblickt und gelernt hat, wichtige Begebnisse im Leben einfach einmal auszulassen, beim Erzählen, dann bleibt immer noch genug, um Erstaunen auszulösen.


Mit 20, also fast noch blutjung, befand ich mich (im Sommer 1956) mit drei Freunden in Cannes, an der französischen Cote d'Azur. Während wir darauf warteten, dass die Türen des Festivalkinos sich öffneten, erschien ein weltbekannter Künstler auf der Freitreppe, der sich gerade einen Film über sich angesehen hatte. Es war drei Uhr nachmittags und sommerlich heiß. Fotografen und Kameraleute warteten geduldig. Es war Pablo Picasso, der auf uns zukam, sein hellblaues Wolljäckchen auszog, das ich bereitwillig über meinen Arm legte, während der Meister sofort damit begann, in die Kameras zu blicken und Fragen zu beantworten. Als ich ihm die Weste zurückgab, bedankte er sich herzlich bei mir. Ein Foto mit Picasso und mir muss als Beweis irgendwo in einem meiner Alben ruhen.


Er heißt Martin und war Student der Medizin in der damaligen DDR, genauer, in Erfurt, als ich ein Visum erhielt, um Tante Liesel in Freiberg/Sachsen zu besuchen. Es war der November 1962. Mein Freund Christian, mit dem ich in Freiburg studierte, hatte seit seiner "Flucht in den Westen" seine Eltern  und Geschwister nicht mehr gesehen. Ich wurde gebeten, einen Versuch zu unternehmen, diese zu treffen. Großes Misstrauen beherrschte damals die DDR, die mit eiserner Hand durch KGB und Stasi kontrolliert wurden. Auf dem kleinen Umsteigebahnhof von Sömmerda erkannte ich den jüngeren Bruder Christians, dessen Nase so etwas wie ein Familienabzeichen war. Er stand im Verdacht, einer Gruppe von Studenten anzugehören, die anti-russische Flugblätter verteilt hatten. Martin wurde Tag und Nacht überwacht. Sein Studium war in Frage gestellt. Ich berichtete das seinem Bruder im Westen.

Ich blättere weiter: die DDR kollabiert friedlich im November 1989. Meine europäische Mission brachte mich Anfang 1990 zu einem Kongress über Kriminalität in den Städten nach Erfurt. Von Christian hatte ich erfahren, dass sein Bruder Martin als Frauenarzt in Weimar tätig war. Wir trafen uns: es wurde zu einer zweiten Begegnung, nach 28 Jahren. Als wäre nichts geschehen, setzten wir unser Gespräch von 1962 fort. Es blieb bei diesen zwei Begegnungen. Die Umstände haben uns nicht mehr zusammengeführt. Doch Christian werde ich hoffentlich noch in diesem Jahr treffen.


Der Eiserne Vorhang schien sich allmählich zu öffnen. Man konnte gelegentlich schon Menschen aus Ungarn, Polen oder dem Baltikum treffen. Ich konnte sogar schon 1989 eine dreiköpfige Mannschaft des sowjetischen Fernsehens in Straßburg zum Essen einladen und sehen, wie einer den anderen noch zu überwachen hatte. Vor allem der Kameramann, dem der elsäßische Wein besonders zu munden schien, wurde deshalb ständig von den beiden anderen genörgelt. Diese verstanden kein Deutsch, sodass mir der Kamaramann in meiner Sprache alles mockant berichten konnte. Ich fand diese Zeit des Umbruches aufregend und von unglaublicher historischer Bedeutung. Das bekam ich voll zu spüren, als ich am 9. November 1989 im 34. Stock des Plaza Hotels in New York am Fernsehschirm den Fall der Berliner Mauer miterlebte. Menschen, die mich kannten umarmten mich. Ich hatte nur einen Gedanken: wie erreiche ich meine Tochter  und meinen Sohn, die beide in Westberlin studierten. Der Sohn war gerade unterwegs nach Süddeutschland, und meine Tochter berichtete mir später, dass sie von DDR-Beamten freundlich über die Mauer zurück in den Westen geschubst wurde.

Der Hauch der Geschichte 
Manchmal bekommt man die Geschichte voll um die Ohren, doch dann gibt es Momente, die uns wissen lassen, dass wir dabeisein durften. Danke, Pablo Picasso, Danke, Martin, und Danke, Berliner Mauer, dass du nach all den Jahren von uns gegangen bist.

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