Freitag, 16. September 2016

Adölfchen, du weißt schon, dass ich Jüdin bin.

Manchmal wühle ich in unserer Geschichte herum und werde hoffnungslos abgelenkt. Dieses Mal wollte ich mich um Stéphanie von Hohenlohe bemühen, die eine bewegte Geschichte hinter sich hatte, als sie 1972 in Genf verstarb. Im Jahr 2016 wäre sie 125 Jahre alt geworden. Statt dessen ging sie in die Geschichte ein und wäre heute weitgehend vergessen, wenn da nicht die Historikerin und Autorin Martha Schad ein Buch über sie geschrieben hätte, Hitlers geheime Diplomatin, das auf Deutsch 2004 herauskam, aber auch auf Englisch (Hitler's Spy Princess) und vielleicht in weiteren Sprachen zu lesen ist.


Martha Schad 
Eine Autorin, die ständig in der Geschichte kramt, kann nur fündig werden, weil die Menschheit allzuschnell vergisst. Bei Spioninnen wie unserer geadelten Stéphanie, kommt auch noch die Geheimniskrämerei des Schnüffelgewerbes dazu, dessen Schleier zu lüften nicht immer leicht ist. Die Hauptthemen der überaus fruchtbaren Historikerin Schad drehen sich um Königshäuser und deren Frauen. Doch, nicht nur: das weibliche Geschlecht wird mit Neugier durchleuchtet, seine Schwächen und Stärken aufgezeigt. Und Wissenslücken gefüllt.

Stalins Tochter erschien 2013, Sie liebten den Führer (wie Frauen Hitler verehrten), 2009, Hitlers geheime Diplomatin, 2004. Davor: Frauen gegen Hitler. Frauen, die die Welt bewegten (Geniale Frauen, der Vergangenheit entrissen), 2000. Martha Schads Liste ist unendlich lang. Auch als Herausgeberin ist sie tätig: Macht und Mythos. (Die großen Dynastien).


Prinzessin Stéphanie 
Im Deutschlandfunk stieß ich dann auf eine Erinnerung an den 125. Jahrestag ihrer Geburt: Stéphanie  Maria Veronika Juliana Prinzessin zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, geborene Richter. Wer solchermaßen mit wohlklingenden Namen hermetisch eingerüstet ist, muss sich um den Rest des sozialen Aufstiegs nicht mehr kümmern. Ihr leiblicher Vater war wohl Max Wiener, der Steffi ein wohlbehütetes Elternhaus gewährte. Ehrgeizig, intelligent und hübsch wie sie war, lernte sie in Wien Klavier, in Eastbourne englische Konversation, sowie das Metier einer künftigen Dame: Tennis, Segeln, Jagen, Rudern, Schlittschuhlaufen.


In ihrer Heimat gewann sie erstmal einen Schönheitswettbewerb. Erhielt Heiratsanträge und - wie unvermeidlich - lernte den verheirateten Erzherzog Franz Salvator von Toskana kennen, einen Schwiegersohn des österreichischen Kaisers. Sie wurde von ihm schwanger und musste standesgemäß mit Großherzog Friedrich Franz zu Hohenlohe usw. verheiratet werden. Dieser ließ sich 1920 wieder scheiden, und unsere Steffi war eine Dame der Gesellschaft. Dieser Umstand erlaubte ihr, als Hitler die Macht ergriffen hatte, mit dessen persönlichem Adjutanten Fritz Wiedemann in Kontakt zu kommen  und den Außenminister des Reiches, Joachim von Ribbentrop, kennen zu lernen.


Lord Halifax 
Damit war ihre Tür zu Adolf Hitler geöffnet, der sie wohlwollend "liebe Prinzessin" nannte und ihr eine goldene Ehrennadel der NSDAP überreichte. Damit wurde das jüdische Mädchen von einst zur Ehrenarierin. Hitler überging geflissentlich Steffis Herkunft, was eine Reihe von gestandenen Nazis sehr erzürnte, machtlos wie sie waren. Dann ließ sie ihre Beziehungen zu England spielen. Ihre Vermittlertätigkeit zu Lord Halifax brachte ihr 1938 das Schloss Leopoldkron als Residenz ein. Hier wollte sie einen politischen Salon eröffnen. Ob es klappte, weiß ich nicht. Hochrangige Nazisympathisanten in England machten sie zum Ehrendmitglied der Englisch-Deutschen Kameradschaft.

Selbst das Ende des Dritten Reiches konnte sie glimpflich angehen: 1940 zog sie in die USA, wo sie als deutsche Spionin interniert wurde. Am Ende des Krieges, konnte sie dann für Henri Nannen und Axel Springer in Deutschland arbeiten. Stéphanie muss immer den richtigen Ton getroffen haben, sonst hätte sie das alles nicht überlebt. Jetzt ruht sie in Frieden, irgendwo in Genf. Viel wurde über sie geschrieben. Eine französische Zeitung nannte sie einen Vampir der Politik.  "Adölfchen, du weißt schon, dass ich Jüdin bin", hat sie wohl nie gesagt. Es ist meine etwas frivole Art, mit geschichtlichen Tatsachen umzugehen.

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