Mittwoch, 11. Juni 2014

Wiener-Pariser G'schichten - Ramiro und Niní

Das Leben ist voller Geschichten. Manchmal kommen auch Zweifel auf, ob sie stimmen, vor allem, wenn sie Jahre zurückliegen. Wieviele Mythen halten der Nachprüfung nicht stand. Die Sache mit der Herrenrasse ist hoffentlich für immer erledigt. Wahrheiten können sehr weh tun. Manchmal bekommt man lediglich die Spitze des Eisberges zu sehen. Mit meinen zwanzig Jahren wusste ich natürlich, was der Name Auschwitz bedeutete. Allein daran zu zweifeln, ist ein Verbrechen. Dann traf ich Menschen, die diese und ähnliche Höllen überlebt haben.

Ramiro und Niní, mit Sohn Patrick

Ramiro und Niní Santisteban (warum sollte ich diesen Namen ändern?) waren Nachbarn von Maman Guibert und GéGé, die eigentlich Genevieve Guibert hieß. Des "voisins de pallier" sagt der Franzose. Wohnungsnachbarn. Jung, dumm und unschuldig wie man ist, wenn man 20 ist, nahm ich alles als sebstverständlich hin. Die Gastfreundschaft von Maman Guibert und GéGé, der gelegentliche Besuch, gegenüber,  bei Ramiro und Niní. Liebe Nachbarn und Freunde, von Anfang an. Dann erfuhr ich, dass Ramiro in jungen Jahren Häftling in Österreich war. Mauthausen hieß der Ort, von dem er so gut wie nie etwas erzählte.

Die Jahre vergingen. Ich hatte die Santistebans aus den Augen verloren und nicht mehr damit gerechnet, dass ich sie irgendwo lebend wiederfinden würde. Dann stieß ich auf einen Patrick Santisteban im Facebook, von dem ich sofort wusste: es kann nur der einzige Sohn der Santistebans sein. Dann erfuhr ich, dass die Santistebans, hochbetagt, in Mauthausen und in Wien waren, zusammen mit ihrem Sohn, um an einer Gedächtnisreise in das bekannte Konzentrationslager teilzunehmen. Da wir gerade eine Reise nach Paris planten, nahm ich Kontakt mit Patrick auf. Die Santistebans hatte ich zuletzt bei GéGés Beerdigung in Paris gesehen, Ende der Neunzigerjahre.


Das Wiedersehen mit Ramiro, Niní, Patrick und seiner Frau war erschütternd. Das Glück, diese Freunde noch einmal im Leben wiederzusehen, blieb nicht ohne Tränen. Wir hatten ein Glas Champagner und aßen zusammen, ganz wie in alten Zeiten. Über Mauthausen wurde kaum gesprochen. Was ich wusste, war, dass Ramiro als Spanier das Franco-Spanien verlassen musste und dann, im Asyl in Frankreich, von den Nazis deportiert wurde. Fünf Jahre hat Ramiro in Mauthausen überlebt. Jetzt lese ich (mühsam) ein Buch (350 Seiten), das mir die Santistebans geschenkt haben: "Amanece en París", geschrieben von einer spanischen Journalistin (Paloma Sanz) die von Ramiros Geschichte erfuhr. Fünf Jahre seines 18 Jahre jungen Lebens war Ramiro Häftling in diesem Todeslager, in dem allein über 7000 Spanier umgekommen sind. Niní (die Französin) und ihr liebendes Verständnis haben Ramiro über allen Hass hinweg geholfen. Doch vergessen kann man so etwas nie.

Ramiro und Niní

Obwohl mein Spanisch nicht sehr gut ist, verstehe ich genug, um mir immer wieder entsetzt an den Kopf zu fassen. Doch das Leben hat Ramiro und Niní nicht nur einen lieben Sohn geschenkt ( den wieder zu treffen eine übergroße Freude für mich war), sondern viele Jahre der Erfüllung, bis ins hohe Alter. Die große Veränderung in ihrem Leben seither ist, dass sie in ihrem geliebten Viertel von Levallois nur ein Haus weitergezogen sind, in eine größere, schönere Wohnung mit Terrasse. Das Wochenende mit den überraschenden Wiederbegegnungen war damit noch nicht vorbei. Davon später. Der Kreis wird sich irgendwann schließen, wenn wir dazu bereit sind.

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