Sonntag, 4. November 2012

Ein (Meh)Dorn im Auge der DB: der Kunde

Die Deutsche Bahn, ein uraltes Ding mit viel erFAHRung, sollte man meinen, erlaubt sich Schnitzer, die zum Himmel schreien. Wir wissen, dass jährlich Millionen Reisende von A nach B gebracht werden, nicht nur durch die Bahn, übrigens. Ein Herr Mehdorn, der sich zu Airberlin abgesetzt hat, bestimmte jahrelang den Kurs dieser Unternehmung. Ob er alleinig für die technischen Pannen, oder die krassen Preisanhebungen zuständig war, ist nicht verbrieft. Das Schaffnerpotenzial aber reichte schon immer vom autoritären Griffelspitzer zum normalen Menschenfreund, der sich und andere möglichst in Ruhe ließ. Deren Arbeitgeber jedenfalls scheint dieser Spezies von Dienstleister jetzt ganz mächtig zu misstrauen. Anders können bürokratische Übergriffe nicht erklärt werden.


Ich war ein junger Mensch, saß in einem Nachtzug von Freiburg nach Hamburg und Kopenhagen. Reservierungen gab es in der ersten Klasse in den Fünfzigerjahren wohl schon, jedoch nicht in der zweiten. Ich hatte einen Sitzplatz ergattert und legte mich schlafen. Gegen 2 Uhr morgens kam der Schaffner: "sie müssen in den nächsten Wagen umsteigen, denn dieser wird um 6 Uhr in Hannover angehängt". Meine Gegenfrage lautete, ob es dort etwa einen freien Sitzplatz gäbe, wurde vage verneint. Meine Erwiderung gefiel dem Herren aber nicht: "Dann bleibe ich hier, bis nach Hannover".  Nachdem durch den unnötigen Streit das ganze Abteil aufgewacht war, gewann ich diesen, indem ich den Herrn Schaffner einen Weihnachtsmann nannte. Er zog ab, und ich schämte mich meiner  Heftigkeit. Inzwischen, dachte ich, wäre die Bahn insgesamt etwas mehr userfriendly geworden. Pustekuchen!

Vor ein paar Tagen trug sich folgendes zu: Auf dem Weg zum Flughafen Düsseldorf mussten wir die Bahn nehmen, von Offenburg, über Köln nach D-Hbf. So weit, so gut. Im Hauptbahnhof stellten wir fest, dass das Hotel nicht 30 Meter entfernt vom Bahnhofsvorplatz lag, sondern 30 Meter von einem anderen Bahnhof in Düsseldorf, zu dem wir mit der S-Bahn fahren mussten. Unsere mangelnde Weltläufigkeit muss uns diesen Streich gespielt haben. Am anderen Morgen ging's dann wieder per S-Bahn zum Hbf, von dort zum Flughafen. Erstes Missgeschick: Der einzige Entwerter für den Fahrschein (Stempler) war sichtbar außer Betrieb. Fröhlich stiegen wir dennoch ein, denn wir hatten keine andere Wahl. Es gab eine Kontrolle, der ein neben uns sitzender älterer Tippelbruder zum Opfer fiel. Auch unsere ungestempelten Fahrscheine wurden misstrauisch beäugt. Dann bestätigte man uns, dass die Entwerterpanne bereits bekannt war. "Dennoch müssen sie ein Ticket nachzahlen. Das andere behält seine Gültigkeit. Bei der Rückfahrt vom Flughafen lösen sie dann nur noch ein Ticket. Dafür müssen sie jetzt Name und Adresse angeben. Personalausweis, bitte. Wir teilen ihnen dann später mit, ob alles korrekt war". Mein Einwand: "ist das nicht etwas schwachsinnig?", wurde wohlwollend bejaht. Wir bekamen eine Art Vordruckbestätigung, die wir während des gesamten Urlaubes ängstlich bei uns trugen. Sie wartet jetzt auf das erlösende Schreiben.

Nach dem Urlaub: Hauptbahnhof Düsseldorf. Die Übernachtung im Hotel hat geklappt. 20 Minuten vor der Abreise des Zuges nach Offenburg, mit Umstieg in Köln, waren wir am Bahnsteig. Die Durchsage, auch in relativ schneidigem Englisch, wies darauf hin, dass der Zug etwa 25 Minuten Verspätung haben könnte. Wir sorgten uns um den Anschluss in Köln und gingen zum sogenannten Reisecenter. Da schon viele Menschen dort warteten, hieß es: ziehen sie eine Nummer. Das ging nicht, denn die Nummernkiste war außer Betrieb. Da entdeckten wir ein Schild: erster Klasse, Reisen mit Comfort, Schalter 13. Wir umgingen die Wartezeit und trugen Schalter 13 unser Anliegen vor. Kein Problem, hörten wir die kompetent wirkende Auskunftsdame sagen, ich erstelle ein neues Ticket für den nächsten Zug, bei dem sie aber in Mannheim umsteigen müssen. Das klang vielversprechend. Wir willigten fröhlich ein. Dann kam der Schaffner: er sah die neuen Papiere, die alten Reservierungen, die Bahncard und war gar nicht zufrieden: Sie hätten sich die Änderungen bestätigen lassen müssen, fauchte er. Woher sollen wir das wissen, fauchten wir zurück. Schließlich sah er ein, dass wir unschuldig waren, und ging seiner Wege, aber nicht, ohne noch gesagt zu haben, wir hätten ja eine Preisermäßigung bekommen. Deshalb! Ich dachte etwas aufmüpfig: Bürokratenfürze!

Leider verspätete sich dieser Zug ebenfalls so, dass der Anschluss in Mannheim futsch war. Jetzt gaben wir auf. Wir bestiegen einen Zug, der eine Stunde später nach Basel fahren wollte. Unser Vertrauen war beschädigt. Wir hatten dreimal bei der geliebten Enkelin anrufen müssen, die uns am Bahnhof abholen wollte, um eine neue Ankunftszeit andeutungsweise bekannt zu geben. Vor der nun bevorstehenden Kontrolle im Zug fürchteten wir uns sehr. Die resolute Schaffnerin schaute sich die verschiedenen Unterlagen an. "Sie haben aber einiges mitgemacht", sagte sie mitfühlend, "Ich gebe ihnen ein Formular, das sie bitte ausgefüllt an die Deutsche Bahn schicken, damit sie einen Teil des Betrages zurückerstattet bekommen. Das hat unseren Urlaub gerettet. Dennoch: die Deutsche Bahn hat bereits einen schlechten Ruf. Warum arbeitet sie weiter daran? Statt Preise zu erhöhen und Comfortgebrabbel ertönen zu lassen, sollte sie mal auf den Kunden schauen. Sonst ist dieser schneller weg als es der Bahn lieb sein kann.






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