Sonntag, 29. Januar 2012

Ahmet und Kristina - Zwanzig Jahre später - Teil 8




Tina hatte noch keine Zeit gehabt, über ihre Reise nachzudenken. Sie war froh, so kurzfristig noch einen Flug buchen zu können. Ihr britischer Pass machte es möglich, ohne Schwierigkeiten nach Nordzypern einzureisen. Bei der Ankunft erhielt sie ohne Verzögerung ein Visum für drei Monate. An die Möglichkeit, während ihres Aufenthaltes einen „Ausflug“ über die Demarkationslinie in Nikosia nach dem griechischen Teil zu machen, dachte sie zunächst nicht. Sie wusste nicht einmal, ob dies erlaubt war. Sie wollte vor allem Leila kennenlernen und etwas über Ahmets Aufenthalt erfahren. Nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hatte, war kein Anhaltspunkt über seinen Verbleib zu finden. Sie hatte große Angst, dass er sich etwas antun würde, wenn nicht bereits etwas geschehen ist. Da sie nur Handgepäck hatte, konnte sie gleich durch den Zoll gehen. Sie wurde von Leila sofort erkannt und in die Arme geschlossen. Beide Frauen empfanden gleichzeitig eine tiefe Sympathie für einander. Leila saß am Steuer und Tina wunderte sich ein wenig, dass im türkisch-zyprischen Teil der Insel, genau wie im griechischen, Linksverkehr herrschte, obwohl die Schutzmacht Türkei den kontinentalen Rechtsverkehr praktizierte. Die Fahrt ging nach dem Verlassen der Autobahn Ercan-Nikosia quer durch das Kyreniagebirge auf die Nordseite der Insel. Bei Dunkelheit konnte man in geringer Entfernung aus der Vogelperspektive das Lichtermeer von ganz Nikosia erkennen. Die Teilung der Stadt war nicht zu sehen. Die Lichter glänzten auf allen Seiten wie Edelsteine. Auch andere, kleinere Siedlungen flimmerten friedlich unter einem klaren Sternenhimmel. Irgendwie zögerte Tina, mit Leila ein Gespräch zu beginnen, bevor sie zu Hause angelangt waren. Auch Leila war nicht gesprächig. Eine Dreiviertelstunde war vergangen, als Leila von der Landstraße nach Kyrenia abbog, um nach Ozanköy hinauf zu fahren. 



Kristina konnte nicht viel sehen, aber sie ahnte die Nähe des Meeres, und sie konnte die angestrahlte Ruine der Abtei vor sich sehen. Leila steuerte eine abenteuerlich gestaltete Auffahrt hinauf und hielt vor einem älteren, aber sehr gepflegten Haus, das von allen Seiten beleuchtet war. Am Rande des Grundstückes konnte man ein türkisleuchtendes Schwimmbecken erkennen, das in Erwartung steigender Temperaturen bereits gefüllt war. Ein älterer Verwandter oder Nachbar kam herbeigeeilt, um den Frauen aus dem Auto zu helfen und das Gepäck die Stufen zum Eingang hinauf zu tragen. Zwei Hunde kamen freundlich angepirscht und schnupperten an Tina hinauf. Leila und Tina gingen sofort in einen großzügigen Wohnraum und erfrischten sich mit Orangensaft, der auf sie wartete. 
„Sprechen wir Englisch oder Türkisch?“ fragte Leila, „Griechisch kann ich leider nicht“. „Mein Griechisch ist auch nicht sehr gut zur Zeit, wenn dich meine Fehler nicht stören, können wir Türkisch sprechen,“ sagte Tina und dankte etwas förmlich für Leilas herzliches Willkommen. „Möchtest du etwas essen? Jetzt gleich? Oder später?“ Tina hatte keinen Appetit und sagte, sie würde vielleicht vor dem Schlafengehen eine Kleinigkeit zu sich nehmen. „Bist du zum ersten Mal im Norden Zyperns?“ wollte Leila wissen, die ihrerseits keine Erinnerungen mehr an ihre Geburtsstadt Limassol hatte. „Die Neugier ist schon lange da, aber du kannst dir nicht vorstellen, unter welchen Druck man gerät, wenn man Verwandten oder Freunden von einer Reise nach Nordzypern berichten würde. Ganz zu schweigen vom Verdacht der Spionage, dem man sich automatisch aussetzen würde.“ „Ich kann dir morgen eine ganze Reihe griechisch-orthodoxer Kirchen in der Region zeigen, die nicht zerstört wurden. Du bleibst doch hoffentlich lange genug, dass wir zusammen etwas unternehmen können. Ich würde dir gerne das Andreaskloster zeigen und dich dort mit unserer griechischen Minderheit zusammen bringen. Als Journalistin müsste dich das doch interessieren.“ „Sicher. Aber als Frau möchte ich vor allem mehr über Ahmet erfahren. Was kann nach deiner Meinung mit ihm geschehen sein?“ Leila merkte, dass sie die ganze Zeit um das eigentliche Thema herum geredet hatte.


 „Verzeih mir. Ich wusste nicht wie ich beginnen sollte, von meinem Bruder zu sprechen. Es ist nicht gerade ein Glück, von zwei Frauen geliebt zu werden. Vielleicht ist es das, was ihm zu schaffen macht. Vielleicht ist er deshalb verschwunden. Es darf ihm nichts zugestoßen sein.“ „Ich möchte wissen, ob das Ministerium in Ankara ihn auch sucht, oder ob man dort weiß, wo er sich aufhält.“ „Arda und ich wissen nichts. Die Kinder fragen nach ihm. Es wäre nicht zu vertreten, wenn er etwa im Auftrag des Ministeriums irgend eine vertrauliche Mission zu erfüllen hätte, von der wir nichts wissen.“ „Leila, du musst mir glauben, dass Ahmet und ich durch reinen Zufall wieder zusammen gekommen sind. Du weißt jedoch, wie sehr wir uns von Anfang an geliebt haben. Nichts davon war in der Zwischenzeit verloren gegangen. Ich glaube nicht, dass Ahmet Arda jemals betrogen hat. Ich weiß auch, dass er sie immer noch liebt. Aber es muss eine andere Liebe sein. Was zwischen ihm und mir war oder ist, muss man mit einem Schlag des Schicksals vergleichen. Ich habe keine andere Erklärung.“ „Niemand macht dir oder euch Vorwürfe. Aber das löst das Problem nicht.“ „Ich habe es für meinen Teil gelöst. Ich bleibe dabei. Aber ich kann nicht behaupten, ich liebte ihn nicht,“ sagte Tina ganz zaghaft und verfiel in längeres Schweigen. Leila, die für ihren Bruder auch große Liebe empfand, konnte das alles verstehen. Sie schlug vor, dass man nach einem schnellen Imbiss schlafen gehen sollte, um am anderen Morgen etwas unternehmen zu können. Tina hatte ihren tragbaren Computer mitgenommen. Sie wollte versuchen, den Präsidenten der türkischen Republik von Nordzypern, Rauf Denktasch, zu interviewen. Die Tatsache, dass eine griechisch-zyprische Journalistin (mit britischem Pass) zu einem Interview vorgelassen würde, wäre an sich schon eine Sensation. Sie wollte es versuchen. Schließlich hatte sie einen guten Ruf als seriöse Vertreterin ihrer Zunft. Sie hatte noch nie antitürkische Propagandaparolen verbreitet, wie das oft der Fall war. Ahmet wäre natürlich der ideale Helfer in dieser Sache gewesen. So musste sie sich an einen  britischen Bekannten wenden, der in Kyrenia wohnte und gute Kontakte zu Politik und Wirtschaft hatte.
Leila schreckte in der Nacht aus dem Schlaf. Arda war am Telefon und weinte vor Glück. Der Außenminister hatte sie mitten in der Nacht, nach einer Veranstaltung, angerufen, um ihr mitzuteilen, sie solle sich um Ahmet keine Sorgen machen. Es gehe ihm gut, mehr könne er im Augenblick nicht sagen. Leila zögerte nicht lange und ging in Ahmets Zimmer, um Tina zu wecken. Tina fing sofort an, laut zu weinen. Beide umarmten sich und beschlossen, nicht mehr schlafen zu gehen. Leila holte aus der Küche eine Flasche Sekt, die Ahmet ihr vor einiger Zeit gebracht hatte und die sie aus Zeitmangel nicht zusammen hatten trinken können. Mit lachenden Augen betrachteten sich die beiden Frauen und tranken bis nichts mehr in der Flasche war. Leicht angeheitert sagte Leila: „Du weißt, dass du sehr schön bist. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich auch in dich verlieben.“ „Und wenn ich ein Mann wäre, müsstest du dich vor mir verstecken,“ flüsterte Tina in aufgekratztem Zustand. Die innere Spannung über die seltsame Situation und die tagelange Ungewissheit über den Verbleib Ahmets hatte zu einer Entladung geführt, die der Sekt noch schöner machte. Wie kleine Gören alberten die beiden Freundinnen bis zum Tagesanbruch. Dann wurde gefrühstückt. Es war schon gegen 1o Uhr, als Tina telefonisch bis zum Präsidentenpalast in Nikosia vorgedrungen war, um nach dem Interview zu fragen. Die Antwort würde sie am späten Nachmittag erhalten. In der Zwischenzeit wollten die Frauen Ausflüge in die nähere Umgebung machen.

Fortsetzung folgt.

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