Mittwoch, 2. März 2016

Hallo, Mama

Weißt du noch, wie ich als Säugling auf einem Hocker in der Küche stand und die gefüllte Milchflasche auf den Boden warf, wo sie zu meinem Vergnügen zerschellte? Ich konnte gerade stehen, muss unter einem Jahr gewesen sein, höchstens anderthalb Jahre, und ich erinnere mich genau, dass mich Neugier gepackt hatte, zu sehen was passiert, wenn ich die Flasche wegwerfe. Du kamst herbeigeeilt, sahst die Katastrophe und lächeltest mich freundlich an. Das ist meine älteste Erinnerung an dich - und an mich.


Dein Kleiner 

Später konntest du an meinem zufriedenen Gesicht ablesen, wie sehr mir das Essen schmeckte, das du köstlich zubereitet hast. Es machte dir Spaß, mir beim Genießen zuzuschauen. Ich war immer dein bester Kunde, denn das Essen schmeckte mir fast immer. Bei frischem Spinat aus dem Garten musste ich allerdings passen. Auch heute noch treibt mir Spinat als Gemüse Schauer der Abneigung über den Rücken.

Einmal hast du mich vor dem Tod gerettet, oder vor dem was ich dafür hielt. Ich war 9 und hatte beschlossen, mich gegen die französische Besatzung zu wehren. Der Krieg war gerade zu Ende gegangen. Französische Truppen hatten unser Haus besetzt, es sich im Erdgeschoss gemütlich gemacht, eine Fahne aufgezogen und ein Schilderhaus vor den Eingang gestellt. Abwechselnd stand da ein Wachhabender mit einem Gewehr. Ich schlief im ersten Stock: Genau um sieben Uhr morgens wurde die Wache abgelöst. Dabei schossen zwei Soldaten auf Befehl an der Trikolore vorbei, riefen etwas auf Französisch, während ich mir die Ohren zuhielt, denn die Schüsse gingen dicht an meinem Zimmer und an der Fahne vorbei. Ich beschloss, Widerstand zu leisten, schlich mich am hellen Tag mit der ledernen Einkaufstasche von Mama an den arglosen Wachposten heran, holte plötzlich die mit Wasser gefüllte Luftpumpe heraus und spritzte ihm das Wasser ins Gesicht. Empört warf er das Gewehr zur Seite und rannte mir nach. Da ich die Tasche nicht dem Feind überlassen wollte, wurde ich von dem wütenden und nassen Kämpfer eingeholt und bei uns im Hause in das Zimmer geführt, wo sich etwa 20 Soldaten aufhielten. Ein dunkelhäutiger Afrikaner band mich an einen Stuhl. Dann umringten mich die Krieger mit gezogenem Bajonett und schauten mich bedrohlich an. Für mich war der Moment höchster Lebensgefahr gekommen. Das amüsierte Lächeln einiger Soldaten sah ich nicht. In meiner Not schrie ich wie noch nie in meinem Leben. Meine Mama, die etwas Französisch konnte, hörte mich schreien, kam die Treppe herunter, riss die Tür auf, sah in welchem Zustand ich mich befand und wurde zur Tigerin. Unter empörten Schreien band sie mich los und zog mich hinter sich her. Sie hatte mich gerettet. Erst 2 Tage danach war ich in der Lage, Muttern   mein gefährliches Tun ungeflunkert darzulegen.



Als ich viele Jahre später einen Job in Paris antrat, sagte Mama traurig: Jetzt werden wir dich überhaupt nur noch selten zu sehen bekommen. Nein, sagte ich, und schaffte es, trotz Familie und Kindern wenigstens 2mal im Monat meine Eltern zu sehen. Die Zeiten, wo ich mit Papa und den im Wald gepflückten Maiglöckchen schon frühmorgens am Bett meiner Mutter stand, um zum Muttertag zu gratulieren, waren längst verflossen. Die Eltern hatten ein paar schöne Jahre, dann kam die Nachricht: Mama hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. An ihrem Bett sagte Mama zu mir, sie fürchte sich vor dem Altersheim. Entsetzt rief ich ihr zu, dass dies nie geschehen würde. Ich hätte es auch nie zugelassen.



Dann arbeitete ich in Straßburg. Ich musste eine internationale Sitzung leiten, als sich gegen Mittag die Tür  öffnete und eine Kollegin darauf wartete, dass die Sitzung beendet wurde. Eine schreckliche Ahnung packte mich als ich ihr Gesicht sah. "Deine Mutter ist gestorben", sagte sie mir. Diesen  Schmerz habe ich nach vielen Jahren noch nicht überwunden. Ich konnte nicht bei ihr sein, als sie sich aus der Welt verabschiedete.



Wir haben uns immer gut verstanden. Mama war eine bedingungslose Mutter. Als ihr Sohn kann ich behaupten, dass es nie ein Zerwürfnis zwischen uns gegeben hat. Dass wir nicht voneinander Abschied nehmen konnten, haben wir beide nicht verdient. Deshalb blieben auch viele Dinge ungesagt. Bevor es zu spät ist, sollte man es sagen: Mama, du warst das beste was mir passiert ist. Heute bin ich so alt wie du damals warst, als du starbst. Mama, ich liebe dich heute noch so wie damals als Kind. Verlasse mich nicht. Bald ist wieder Muttertag. Dann werde ich einen Strauß Maiglöckchen kaufen. Die gibt es auch hier, in England.







Rundumschlag

Der Rundumschlag, die beste Verteidigung? Man möchte es meinen. Doch gezielte Schläge, wenn sie treffen, sind besser. Wie sollen wir uns aber gegen die Flut von Schlägen verteidigen, die täglich auf uns niederprasseln? In Deckung gehen? Keine Meinung äußern? Was machen wir dann mit den Trumps und Clintons, die in einem Land, das sich im Wahlkampf befindet, ihre charismatischen Rundumschläge tätigen? Zusehen, wie unsere gebildete Meinung dazu übersehen wird? Irgendwann haben wir dann einen US-Präsidenten, den wir garnicht wollen, zu dem wir aber diplomatische Beziehungen unterhalten.

Der Russe scheint gegenwärtig etwas abgetaucht, bombardiert aber fleißig Syrien und lässt die Ukraine nicht zur Ruhe kommen. Im Auftrag welcher guten Sache? Mehr Opfer, darunter Kinder und Frauen, sind das Ergebnis. Haben wir es nicht immer gesagt? Und die Frauen sollen auf dem Vormarsch sein? Wie viele Jahre wird es dauern, bis die aufgeklärte Welt von Unternehmern dem überaus nützlichen schwachen Geschlecht gleiche Einkommen wie den Männern gewährt? Ihnen ihren Platz in den Machtpositionen einräumt? Die katholische Kirche diese Wesen als gleichwertige andere Hälfte der Weltbevölkerung anerkennt? Sie womöglich auch für geeignet hält, salbungsvolle Rollen als Kardinalinnen, Bischofinnen, gar Päpstinnen, zu übernehmen? Die islamische Welt, in der das Weib kaum Rechte hat, aber gebären muss, damit die Welt der Männer heil bleibt? Worauf warten wir noch?

Wir müssen auswählen, gegen was wir Kämpfe führen. Das Angebot an Unzumutbarkeiten in Politik, Religion, Gesellschaft, Gesundheit und Haushalt ist riesig. Die Medien helfen uns, uns in diesem Chaos von Fehlverhalten, Fehlleistungen und Abnormitäten nicht etwa zurechtzufinden, sondern zu verlieren. Selbsternannte Spezialisten, Experten und Kremldeuter werden vorgelassen und labern uns mit ihren unüberprüfbaren Erkenntnissen voll. Das Unbehagen nimmt zu, der Unmut steigt, was bei Wahlsituationen am deutlichsten sichtbar wird. Hoffen wir, dass das Bundesverfassungsgericht wenigstens diese rechtsgerichtete und geschichtsschwangere NPD jetzt aus dem Verkehr zieht. Dann hätten wir ein bisschen etwas erreicht und könnten uns auf andere Bedrohungen konzentrieren.

Ich wollte einfach mal wieder meckern. Es hört ja doch keiner zu. Draußen tobt ein Sturm, trotz blendender Wintersonne. Auf den Hügeln liegt Schnee, der über Nacht gefallen sein muss. Bald ist er wieder weg. Dann kann mich vielleicht ein Spaziergang in den Yorkshire Mooren etwas beruhigen. Der Winter wird sich noch lange halten. Und hier, in diesem Land hat man auch Sorgen. Brexit oder nicht Brexit? Wir werden sehen.


Dienstag, 1. März 2016

Milliardäre: wieviele dürfen es sein?

Es ist eigentlich zum Kotzen. Die paar Reichsten dieser Welt besitzen so viel wie die Hälfte der Menschheit. Niemand kann sich das vorstellen. Dass die Schere zwischen den Reichen und den Armen weltweit immer weiter auseinander geht, ist der Tatsache zu verdanken, dass niemand diese Entwicklung kontrollieren kann oder möchte. Sicher ist, dass die Mehrheit der Menschen das nicht will. Nicht aus Neid, sondern aus Gerechtigkeitsgefühl. Eine globale Abstimmung, ohne Schummeln, also weitgehend demokratisch, würde die wenigen Reichen und ihr Geld heute schon wie lästige Fliegen hinweg pusten. Statt dessen haben wir auf diesem Planeten jetzt 1810 Dollar-Milliardäre. Ihre Zahl ist innerhalb eines Jahres zwar von 1826  dramatisch(?) gefallen, aber Anlass zur Beunruhigung auf Seiten der Ärmsten besteht nicht. Die Reichen fallen immer wieder auf die Füße. Und wer unter die Milliadärsgrenze fällt, ist selbst schuld.



Das Magazin Forbes stellt jedes Jahr die 20 reichsten Milliardäre zusammen. Bill Gates ist im dritten Jahr der reichste von allen, obwohl sein Vermögen von 79 Milliarden auf 75 gefallen ist. Kleinere Schwankungen werden jedoch locker hingenommen. Die USA haben 541 dieser begüterten Krösusse. Dann folgt bereits China mit 213. Dass Deutschland mit 120 Milliardären weltweit die Nummer drei ist, bedeutet nichts. Indien hat zur Zeit 84 Milliardäre und ist Nummer 4, und das Vereinigte Königreich ist mit 50 Milliardären die Nummer 5. Man kann gerne behaupten, dass jedes Land, das weniger als 100 Milliardäre besitzt, ärmlich dran ist. Der Spruch "lieber arm dran als Arm ab" ist ein alberner Versuch, den Ernst der Lage zu verschleiern.

Diese 1810 Milliardäre sind ohnehin ein Klacks. Sie vernebeln die Situation. Ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat etwa hat keine Chance gewählt zu werden, wenn er nicht mehr als mehrfacher Millionär ist, gesponsert oder ungesponsert.  Und ungesponserte gibt es nicht. Wir müssen uns nicht die hundert Reichsten anschauen, sondern all jene, die auf dem Weg dorthin sind. Dazu gehören unzählige kleinere und größere Millionäre, deren Mittel auch so gut wie unbegrenzt sind. Sie leben unauffällig unter uns. Sie müssen nicht mehr, wie im 19. Jahrhundert in repräsentativen Bürgerhäusern leben, Staatskarossen fahren oder Hochseeyachten besitzen. Manche kommen sehr bescheiden daher: Miniauto, Stadtwohnung, Penthouse, Jogginganzug. Ihre Devise: nur nicht bemerkt werden. Geld kann auch sehr diskret ausgegeben werden.


Also hat die völlig unbegüterte Hälfte der Menschheit nur die Möglichkeit, um Hilfe, um Jobs, um Kredite und Nahrung zu betteln. Oder, soll der Anteil derer, die nicht mehr zurecht kommen stetig anwachsen? Die begüterte Seite neigt schon lange dazu, die Armen für kleine Idioten zu halten, die ihre Notlage selbst verschuldet haben. Wenn ein Normalbürger von seinem Besitz etwas für Arme und Flüchtlinge abgibt, versteht das jeder. als ein aufrichtiges Opfer. Wenn aber ein Milliardär von seinen Milliarden 99% abgäbe, wäre er immer noch reich aber vielleicht nicht mehr so einflussreich wie vorher. Würde so etwas gegen das Recht auf Besitz verstoßen? Wenn genug Menschen mit dem Rücken an der Wand stehen werden - und das wird kommen - könnte sich auch die Rechtslage verändern.







Sonntag, 28. Februar 2016

Brot für die Welt.

Welch herrliches Angebot für die Nase: der Duft, der aus der Backstube kommt wenn gebacken wird.
Ein Duft, den man von Kindesbeinen einatmet. Die Brotfabriken leisten das nicht. Auch unsere Gaumen haben ihre Begeisterung für frisches Brot fast verloren. Es gab eine Zeit, da ging man zum Bäcker und suchte sich sein Lieblingsbrot aus mindestens 10 verschiedenen Sorten aus: Mischbrot, Kommissbrot, Schwarzbrot, Weißbrot, Holzofenbrot, Kümmelbrot undsoweiter. Mein Lieblingsbrot war immer das kastenförmige Kommissbrot, das lange frisch blieb, einen leicht säuerlichen  Geschmack hatte und sich herrlich mit Butter und Tannenhonig vertrug.


Oder das Bauernbrot, an das ich mich erinnere: nach einer langen Wanderung in der Nähe des Feldberges im Schwarzwald, kam ich mit anderen kleinen Jungen am Jockelehof an. Die Bäuerin kam mit einem drei Kilo schweren Laib selbst gebackenen Bauernbrot und einem enormen Messer heraus. Wir saßen und standen erwartungsvoll und ausgehungert vor dem  Eingang zum Bauernhof. Die Bäuerin markierte mit dem Messer ein Kreuzzeichen auf das Brot. Dann holte sie weit aus, um vor ihrer mächtigen Brust eine Riesenscheibe nach der anderen herunter zu säbeln. Dann machte sie sich an die hausgemachte Butter, die sie in großen Scheiben auf die Brote strich. Nun kam die Krönung: aus einem großen Glas holte sie hausgemachte Brombeermarmelade und strich sie großzügig auf die Brote. Wir Kinder waren entzückt. Das Essen nahm kein Ende. Die Erinnerung daran auch nicht. Keine Gänseleberpastete kann solche Wertschätzung erreichen.


Obwohl die Brezel die berühmte Brezelform hat, kann sie mit Fug und Recht zu den Broterzeugnissen gezählt werden. Wer in seinem Leben mehrere Jahre als Deutscher im Ausland verbracht hat, ohne den Duft einer frischen Laugenbrezel in seine Nase zu kriegen, ist aufrichtig zu bedauern. Es ist die Brezel, die brotmäßig das richtige Heimatgefühl vermittelt, auch wenn die Bayern Brezn dazu sagen. Ich wußte, dass Mannheim zu den Brezelhochburgen des Landes zählt. Wenn es ging, stieg ich aus dem Zug (nur 5 Minuten Aufenthalt reichten) im Mannheimer Hauptbahnhof schnell eine Brezel zu kaufen. Jetzt, als Bürger eines Yorksherischen Städtchens, beginne ich wieder, von frischen Brezeln zu tagträumen. Womöglich einer Butterbrezel, bei der die Butter in die letzte Ritze eingedrungen ist.


Man mag über die Käseherstellung der Franzosen lächeln. Es soll über 300 Käsesorten existieren, die zum Teil besondere Behandlung verdienen. Jahrelang kaufte ich in Wien in einem Supermarkt für Diplomaten für 6 € einen runden Briekäse, ein volles Kilo schwer. Verglichen mit dem Käse aus den "normalen" Supermärkten war dieser Brie de Meaux noch von der alten Schule. Er brauchte im gewärmten Raum 1-2 Tage um zur vollen Reife zu gelangen.  Ein Gedicht, das angenehm roch. Karl der Große wusste das schon und ließ sich zweimal jährlich eine ganze Wagenladung davon an den Hof nach Aachen bringen. Bei den Broten hingegen hat die Industrie zugeschlagen: kaum ein Brot schmeckt noch wie das vom  Bäcker, es sei denn, es ist vom Bäcker. Man riecht es, wie man einen guten Wein riechen kann, ohne ihn zu kosten. Die Brotindustrie, bei der alles natürlich Premium ist, das gehört sich so, bietet allerhand Schabernack an, mit möglichst vielen Körnern oder exotischen Namen, hinter denen sich eine mangelnde Brotkultur verbirgt (Ciabatta, Baguette, Fünfkornbrot, Steinofenbrot etc.). Man muss nichts gegen diese Importe haben, aber warum ist die geschmackliche Vielfalt unseres Brotes verschwunden? Dieses Fabrikbrot ist eine Zumutung für den Gaumen.

Seit zwei Monaten versuchen wir, hier im Land der Biere, des Whiskys und des Yorkshire Puddings ein Brot zu finden, das an alte Zeiten erinnert, schmeckt, haltbar ist nicht bei der ersten Berührung von alleine zerkrümelt. Großbritannien hat in der Gastronomie erstaunliche Fortschritte gemacht. Unglaublich freche Menüs werden heute angeboten. Dazu gibt es manchmal auch ganz gutes, selbst gebackenes Brot. Doch im Supermarkt hört der Spaß auf. Da sitzen kilometerlange Brotreihen in den Regalen, alle nur zum Toasten zu gebrauchen. Nach drei Tagen ist auch der Charme des Anblicks weg, und keiner hat Lust, einfach eine Kante Brot zu essen, ohne alles, nur weil man das Brot mag. Das habe ich zuletzt im Brotladen von Joseph in Wien gesehen. Das dortige Dinkelrot (Kenner nennen es Josephbrot) hat noch alle Eigenschaften guten Brotes. Hier in England suchen wir noch, und wir suchen und suchen.......


Samstag, 27. Februar 2016

Clouds, clouds, clouds - die Wolken



Wolken können stink langweilig sein. Man schaut in den Himmel und weiß, was es geschlagen hat. Sie ziehen wieder vorbei, diese grauen Ungetüme, regenschwer, Unheil verkündend. Sie sind für den Mitteleuropäer die Wetterindikatoren. Vor allem die Zirruswölkchen oder die bombastischen Kumuluswolken. Ihre Begleiterscheinung sind oft die Winde, die dann den Ton angeben. Sturm, Unwetter oder einfach langweilig, wenn es um die weißgefederten Wattebäuschchen geht. Wenn der Himmel über Tage hinweg verhangen bleibt, richten wir uns auf eine leichte Depression ein, ducken uns bis alles wieder vorbei ist. Atmen auf, wenn der erste Sonnenstrahl uns trifft. Man kann natürlich auch behaupten, dass man das Wetter  bekommt, das man verdient. Der Zusammenhang ist mir allerdings nicht ganz klar.



Wer im Flugzeug beim Start an Höhe gewinnt, weiß es besser. Bei vorhandener Wolkendecke wird diese durchstoßen, manchmal im beängstigenden Blindflug, bis der Pilot dann routiniert verkündet, dass wir jetzt die gewünschte Flughöhe erreicht haben und hier oben die ewige Sonne scheint. Dann befinden wir uns locker in zehntausend Metern Höhe. Der Orangensaft wird gereicht. Dabei wird aus dem winzigen Fenster geguckt. Weit unter sich sieht man dann die Wolkengebirge, dazwischen auch immer wieder die Löcher, die Seen und Berge, Flüsse und Ortschaften freigeben. Die Wolken von oben betrachtet, sind etwas Erhabenes. Kein Zweifel. Die Stewardess kann jetzt die leeren Orangenbecher  und das lächerliche Serviettchen wieder einsammeln.



Jetzt kommen wir zum Punkt: Hier in Yorkshire (Nordengland), wo das Wetter notorisch mies sein kann und es auch öfter ist, kannst du von einem Wolkenhimmel geradezu erschlagen werden. Das geht so: du schaust hinauf, und es verschlägt dir den Atem. Innerhalb weniger Minuten hat er sich total wieder verändert, dieser Himmel. Wolkengebilde, zum Greifen nahe, ziehen vorbei. Sie hängen oft so tief, dass man fast sehen kann, wie sie dem überall gegenwärtigen Ozean entflohen sind. Dann, wieder, das kalte Grauen: Wolken, die als Ausdruck der Hoffnungslosigkeit vor dir dahinziehen. Natürlich redet der wettergeprüfte Engländer auch gerne und oft darüber. Aber das Schönste können die Sonnenuntergänge sein, selbst wenn die Sonne unsichtbar bleibt. Die Rosatöne, gemischt mit gelb, weiß und schwarz, nur wenige Minuten anhaltend, erheben dich in ungeahnte ästhetische Höhen. Schönheit pur. Danke, Yorkshire, für diesen Wolkenhimmel!




Freitag, 26. Februar 2016

This is the question and why?

It is easy to cruise through life without asking questions. Then everything appears normal. When I asked my 93 year old Aunt Maria whether she remembered a Mr. Neumann, she immediately replied, "Of course, Mr. Neumann was one of my father's best friends". And she added: "He was a Jew and he committed suicide when he saw no other way out". That was in the early Forties, 2-3 years before the end of World War II. One November evening my grandfather had taken me along to see, as he put it, a friend  in the neighbourhood. I had never heard of him before. No wonder, I must have been some 5 years old. Small children mostly don't get all the explanations they want. To stay with my grandparents was one of my favourite doings at the time. I also loved to go with grandfather on extended walks.

My grandparents lived in a town called Pforzheim at the Northern end of the Black Forest in Nazi Germany. On the 23rd of February 1945 Pforzheim's centre got almost totally destroyed by the British Airforce. Some 20 000 people lost their lives. My grandparents and aunt survived, but their house got destroyed and literally everything got lost.



The years after the war were difficult, almost everywhere in Europe. Then came the economic recovery which took several years as one knows. Millions of refugees  had first to get integrated. Damaged and destroyed cities and villages had to be rebuilt and we, the young generation, had to get prepared for a professional life. I opted for a career abroad, after having done a couple of years as a TV reporter in Germany. Paris and Strasbourg were the places I worked. My grandparents died, my parents died.  Every now and then I visited my aunt who lived in a home in Pforzheim. All she could remember about Mr. Neumann was that he must have been informed by someone, maybe by my grandfather, that the Nazis were planning to deport him. I also heared from my aunt, that his wife and 2 daughters had emigrated to the United States at the beginning of the war.

Thousands of details, that is what life is. One not only has to try to find out about things. One has a duty to do so, if one wants to achieve a life in dignity. To know is always better than not to know. To see, better than not to see. How proud I have always been when I remembered what my Grandmother Leopoldine said once - I must have been 3-4 years old, "This Hitler is a devil". My parents never told me what they thought about the Nazis. All I knew was that my grandmother was right and the Führer was wrong. I would never have said a word about this to my best friend, knowing how dangerous it would have been for her.

Donnerstag, 25. Februar 2016

Sir Jimmy Savile, der Junge aus Yorkshire

Seine Freundin, Maggie Thatcher, bei der er mehr als 10mal Weihnachten gefeiert hat, versuchte 4mal, aber ohne Erfolg, ihn adeln zu lassen. Später hat es dann doch noch geklappt, und Jimmy Savile sank 2011, 84jährig und total berühmt, ins Grab. Hochgeehrt, ein nationaler Held, eine Rundfunk- und Fernsehpersönlichkeit erster Klasse. Sein markantes Gesicht war allen vertraut. Leeds, die Stadt in Westyorkshire, seine Geburtsstadt, war besonders stolz auf ihren Sohn. Seine Karriere als Unterhalter, Showmaster und Kinderidol war hauptsächlich der BBC zu danken, die ihn auch als Wohltäter sah, der insgesamt  40 Millionen Pfund Sterling aufbrachte, um Krankenhäusern und anderen Einrichtungen zu helfen. Seit 5 Jahren ist er tot. Jetzt wird wieder von ihm geredet: heute erscheint ein umfassender Bericht über die in die Hunderte gehenden sexuellen Vergehen, Vergewaltigungen und Belästigungen dieses Edelmannes.



Ein landesweites Medienereignis, heute, am 25. Februar 2016. BBC-Radio Leeds wird den ganzen Tag darüber berichten, nicht nur über die "Heimführung" des Flying Scotsman, der einmal 100 Meilen in der Stunde machte, ein legendärer Zug, der auch heute seine letzte Ruhestätte findet, nämlich im National Railway Museum von York. Es ist rührend, mit welcher Anhänglichkeit die Briten Ereignisse verfolgen, die jahrzehntelang zurückliegen können. Der Fliegende Schotte war ein Zug, der von London nach Edinburgh fuhr und noch heute wie ein nationales Gut verehrt wird. Bei den Deutschen ist etwa der Fliegende Hamburger der Dreißigerjahre (zwischen Berlin und Hamburg, mit Antriebspropeller!) so gut wie vergessen.

Vielleicht sitzt der Skandal um Jimmy Savile auch deshalb so intensiv im Gedächtnis der Briten, weil man ihn jahrelang verehrt, sich dann lange gegen die Aufdeckungen gewehrt hatte, und jetzt endgültig alles über diesen Verbrecher wissen möchte. Der Dreck, der dabei hochkommt wird noch lange ausgewertet werden. Savile soll sogar negrophil gewesen sein, worüber heute wohl kaum noch etwas zutage treten wird. Da ich seit Anfang des Jahres in Yorkshire wohne, mit Cath, natürlich, werde auch ich in den täglichen Strudel der Informationsmaschinerie eingesogen. Andererseits muss man dabei den Eindruck gewinnen, dass es in diesem Land fast nur noch um die Aufdeckung sexueller Vergehen geht. Dieser Savile hat es sogar geschafft, Opfer, die sich gegen ihn wehrten, zu verklagen. Er wurde immer wieder reingewaschen  und gedeckt, auch von der Polizei.


Bei der jetzigen Beweislage handelt es sich um einen noch nie vorher bekannt gewordenen Skandal dieses Ausmaßes. Die Medien werden noch lange in diesem Dreck wühlen können, bevor die Politik, auch in vielen anderen Ländern, endlich begreift, dass man mit harten Gesetzen und viel mehr Aufklärung gegen diesen menschenverachtenden Unrat vorgehen muss.  Man versteht nicht mehr, warum unsere konsumorientierte Welt einerseits ein solches Aufhebens mit kleinen Kindern macht und andererseits so gleichgültig bleibt, wenn es um deren sexuellen Missbrauch geht. Jimmy Savile könnte nach den heutigen Veröffentlichungen auch international  zum Inbegriff des Kinderschänders werden. Seine wohltätigen Stiftungen haben inzwischen erklärt, sie würden die Savile-Gelder an andere Einrichtungen weitergeben und den Laden dichtmachen.

Nachtrag: Die heutige Pressekonferenz mit dem Generaldirektor der BBC verlief zivilisiert. Die Reaktionen des ansonsten zurückhaltenden Mannes von der Straße ist sehr deutlich: Savile - ein Verbrecher, ein Monster, ein Arschloch.

  

Montag, 22. Februar 2016

Hatte er einen Orgasmus?

Journalisten versuchen, auch hinter dieses Geheimnis zu kommen. Hat er oder hat er nicht, rein politisch gesehen? Kann man klar definieren, was er wollte und was er erreichte? Eher nicht. Aber, er wollte doch etwas. Hat er etwas erreicht? Wir gönnen es ihm. Die Welt wird er eh nicht runderneuern. Auch nicht in Fetzen zerreißen. Jetzt warten wir wieder, nicht nur in London und Yorkshire, sondern in ganz Europa auf etwas Fassbares. Schließlich hat auch der ratlose britische Wähler ein Recht darauf, ernst genommen zu werden. Auch in den USA geht es jetzt um die Wurst, wie es scheint. Dieser lügenhafte Dollarprinz dort kann es schaffen. Oder wird es die Prinzessin sein, die auch nicht vom Bettlerwagen gefallen ist? Wie gesagt, es geht um die Wurst. Dauerwurst oder verderbliche Ware? Man merkt es oft erst, wenn es anfängt zu stinken. Wichtig bei einer Wurst sind Preis, Qualität und Haltbarkeit. Jetzt haben wir wieder von der Wurst gesprochen. Dabei meinen wir die kommenden Präsidentschaftswahlen in Amerika.



Irrtümlicherweise verwechseln unsere Journalisten oft die Wurst mit dem Essen. Genau genommen ist es ihnen egal, ob Leberwurst, Salami, Mortadella, Streichwurst oder Dauerwurst. Hauptsache es wird gegessen. Der Rest ist wurst. Natürlich könnte man bei solch medialer Aufarbeitung kinderleicht auch passende Namen nennen. Jeder kennt sie. Sie werden ja immer wieder hochgespült. Sind dann in aller Munde, schmecken dann wieder schal und werden runtergespült. Da sie jeder x-mal pro Tag zu hören bekommt, lassen wir sie weg. Nur: in die Geschichtsbücher kommen sie damit noch lange nicht. Wir wissen, wovon wir reden. Wieviele Namen sind uns geblieben? Das Vergessen ist immer größer als das Erinnern. Also: Napoleon, Pinochet, Stalin, Hitler, Sadat. Sie haben ein fatales Recht, genannt zu werden. Kim Jong Un wird es schon deshalb nicht schaffen, weil kein Schwein seinen Namen richtig schreiben kann.

Also hören wir noch eine Weile auf die Propheten aus den Medien, die Aufarbeiter, Wikileaker, Lügenbarone und die Ernsthaften, die versuchen zu retten was noch zu retten ist. Die Wahl bleibt immer dieselbe: Macht, kombiniert mit Orgasmus. Oder Geld, kombiniert mit Orgasmus, oder Geld kombiniert mit Macht. Ob er bei seinem Tun orgasmische Gefühle bekommt, der Politiker von heute, bleibt verborgen. Nur darüber, dass das alles früher oder später wieder in der Geschichte versinken wird, darüber spricht keiner.


Samstag, 20. Februar 2016

Wiener G'schichten: Sag zum Abschied leise Servus.

Jetzt haben wir in Wien fast drei Jahre gelebt. Da kann durchaus mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurückgeblickt werden. Lachendes Auge: weil es so schön war. Weinendes Auge: weil es wieder einmal ein Abschied ist. In Frankreich (da habe ich wohl am längsten gelebt) sagt man: Partir c'est mourir un peu. Abschied heißt ein bisschen sterben. Andererseits nennen Kenner des Französischen den Orgasmus "la petite mort", den kleinen Tod. Was denn nun? Ich habe in mehreren Ländern mindestens über ein Jahr gelebt. Da wird der Abschied zur Dauereinrichtung, und man kann es sich nicht leisten, Trauer zu tragen. Zu neuen Ufern also, denn im kommenden Jahr werden wir in Yorkshire leben. Mein 6. Land also, wenn man von intensiven Kurzaufenthalten absieht, die nicht immer als Touristentrips gewertet werden können.


Jetzt also Abschied aus Wien. Die größte Stadt in der ich lebte, war Paris. Die schönste ist ganz sicher Wien. Unser Privileg: Cathies Arbeitsplatz: die Hofburg. Unser Zuhause: die Blutgasse, gleich hinter dem Stephansdom. Erster Bezirk. Nein, die Wohnung in einem 400jährigen Altbau mit Fahrstuhl und Doppelfenstern. Glockenlärm und Hupgeräusche von der Singerstraße herauf in den 4. Stock. Zu unseren Füßen brodelt die Menschheit. Reiche und Arme mit I-Pads und Smartphones, selten ohne. Gestern zählte ich auf dem kurzen Gang über die Kärntnerstraße 10 Bettler. Die Armut nimmt zu, das Völkergemisch auch. Die Welt, nicht nur Wien, ändert sich ständig. Wir ziehen in ein paar Tagen weiter. Dann wird Wien eine schöne Erinnerung sein.


Kann man das zusammenfassen? Ganz sicher nicht. Es werden immer wieder Erinnerungsstücke auftauchen, die uns schmunzeln lassen. Lange Abende mit Freunden aus überall. Die Entdeckung guter Weine und gemütlicher Plätze. Der freundliche Nachbar, der noch Küss die Hand sagt. Der Spaziergang durch den Stadtpark, wo die Umlagerung des vergoldeten Johann Strauß durch Japaner und andere stattfindet. Straßenmusiker und verführerische Cafés. Das alles ist Wien. Große Geschichte und weniger große Politik. Dann, neben der Hektik der Weltstadt, plötzlich eine ungeplante Stille. Weltstadt mit der höchsten Lebensqualität, weltweit. Stadt mit Herz und Magen, U-Bahn und Wassertrinkstellen mit bestem Trinkwasser.

Trauer wird es nicht sein, sondern ein langsames Erwachen aus schönen Erinnerungen, wenn alles vorbei ist. Der Möbelwagen ist schon eingeplant. Ich bilde mir ein, es sei immer noch der 29. November 2015. Inzwischen ist es Februar 2016. Wir sind in Yorkshire.














Verdun - Hundert Jahre Symbol für Frieden

Nein, so lange ist Verdun denn doch nicht das Symbol für Frieden. Als vor hundert Jahren der Stellungskrieg zwischen Deutschland und Frankreich dort begann, konnte man dessen Ausgang nicht einmal erahnen. Es hat viele Tote gegeben, auf beiden Seiten, bis es den Deutschen klar wurde, dass sie nicht weiterkommen. Man hat die Schlacht dann an die Somme verlegt. Beide Länder haben schließlich den Krieg verloren, Frankreich jedoch weniger. Zum Glück hat es den warmherzigen Händedruck zwischen Helmut Kohl und Francois Mitterrand bei Verdun gegeben. Seitdem ist ein Anfang gemacht worden, Krieg zwischen den beiden Gegnern von einst für immer auszuschließen. Facit: unzählige Tote, meist junge Männer, krasse Kosten für die beteiligten Länder. Schwindsüchtige Währungen und ein wachsendes Amerika, das aus der europäischen Misere ökonomische Vorteile zog.

Heute hat sich fast schon die Vorstellung durchgesetzt, dass Steuergelder unbedingt anders eingesetzt werden müssen: für Sozial- und Gesundheitsreformen, Forschung und Infrastruktur. Am wenigsten verschleudert ist das Geld, das für unmittelbare Hilfe für Millionen Flüchtlinge und bettelarme Bürger ausgegeben wird. Jedoch, die aufgebrachten Summen werden zu Unsummen, die dann doch nichts bewirken, denn hinter allem stehen die gleichen Konflikte wie vor hundert Jahren, nur, dass sie jetzt eine globalere Dimension besitzen. Wir können damit nichts anfangen und fürchten um unseren Bestand, Besitz, ja, um unsere Sicherheit . Wo sind die Denker, Führer und Reformatoren, die da einen Weg weisen?



Leider sind es die Medien, die alles aufsammeln was an bedrohlichen Ereignissen auf uns zu kommt. Ihre Sensationsgier lässt alles gleich bedrohlich erscheinen. Wir sind dem ausgesetzt, weil wir nicht mehr an die Ernsthaftigkeit der Nachrichten glauben, alles hinterfragen, auch das Seriöse, und uns jedesmal in eine neue Psychose hineinsteigern lassen, ohne die alte vergessen zu können. Ziehen wir überhaupt Lehren aus etwas? Verdun ist vergessen, Auschwitz auf dem Wege dahin, und eine Friedenskultur scheint unendlich weit weg zu sein. Also werden auch unsere Prioritäten von den Medien überwacht und von ihnen hinpräsentiert, wie es gerade passt.

Einmal sind es die Griechen, ohne, dass es bisher zum Grexit kam, dann die Ungarn, die zu allem NEIN sagen, dann kommt Polen mit seltsamen Reformen, die sicher nicht den richtigen Weg weisen, dann setzt Hollande seinen symbolischen IS-Krieg fort, und Cameron tritt gegen Europa an, obwohl sich viele fragen, was er eigentlich wirklich will. Putin spielt sein Spielchen und Merkel ist am Aussitzen. Von der mächtigsten Frau der Welt ist sie zur einsamen Rätselfigur mutiert, jedenfalls, wenn man den eifrigen Medien Glauben schenken darf. Lügenpresse kann man es nicht nennen, doch müssen neue Wege der Wahrheitsfindung gefunden werden.