Freitag, 10. November 2017

Yorkshire Tagebuch - 24 - wann wird es Weihnachten?

Nein, heute kann die Wäsche nicht auf die Leine gehängt werden. Du hast einen Garten, eher ein Gärtelchen, die Sonne scheint ungemein grell, die Waschmaschine spuckt gerade frisch Gewaschenes aus, und die Frage, wie trockne ich das, ergibt sich urplötzlich. Die Nachbarin war schneller: ihre Wäsche flattert gefährlich an der Leine, befestigt wie mit Drahtseilen. Ich glaube, es ist besser, das Gewaschene im sogenannten Wintergarten aufzuhängen, denn es steht zu befürchten, dass der lebhafte Wind, den man in Mitteleuropa einen Sturm nennen würde, ein ganzes Bettlaken losreisst, um es lange unauffindbar in der heckenreichen Umgebung aufzuspießen.


Andererseits fuchtelt Theresa May, die Dame aus der Downing Street, immer noch mit ihren Absichten herum, aus dem omnipräsenten Brexit einen lange ersehnten Spaziergang durch das uninteressierte Europa zu basteln. Politik kann ganz schön unrealistisch sein. Die Brexitbeauftragten ahnen, dass demnächst Entscheidungen getroffen werden, die dem Bürger nicht gefallen. Die Wolke des Austritts aus der EU kommt immer näher. Der Preis, so fürchten viele, wird hoch sein, doch hält man sich im Königreich vornehm zurück. Nur keine Zahlen nennen. Der kleine Mann spürt aber die Preislawine schon deutlich rollen. Eine besondere Scham ist mit den Preiserhöhungen im Lande nicht verbunden. Im Zweifelsfalle sind es die Europäer, die das verursachen. Eine ganze Nation lässt ihren Kopf im Sand verschwinden.

Kopf im Sand? 
Verbale Sehnsucht kommt aus den USA. Der Präsident, dem Psychospezialisten bereits alle Geisteskrankheiten der Welt zugeordnet haben, möchte mit China klar kommen. Die negativen Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern seien nicht Chinas Schuld. Es ist Trumps Vorgänger Obama, der die Verantwortung habe. Präsident Xi Jinping, der gerade besuchte China-Chef, wird es besser wissen. Trumps Ungenauigkeit scheint die Stärke auf der diplomatischen Ebene zu sein. Trump hat, wie immer, recht und wahrscheinlich keinen größeren Schaden angerichtet. Wie schön für uns alle.

                                                                Poole/Getty Images 
Cath erhielt vor ein paar Minuten das Ergebnis ihrer Arbeit über Konfliktbewältigung und -Beratung zugestellt. Eine sehr komplizierte Studie über die Möglichkeiten, bei Spannungen jeder Art schlichtend zu beraten. Vor allem die Schweiz als ein Land mit großer mediativer Erfahrung und Spezialisierung stand im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Was ich als privilegierter Leser dieser ihrer Arbeiten von Anfang an wusste, ist eingetreten: Die Universität Bradford hat ihr die bestmögliche Beurteilung ausgestellt: 70 Punkte. Jetzt sitzen wir hier herum und ärgern uns, dass wir außer Wein und  Gin&Tonic nichts im Hause haben, um gebührend zu feiern. Also finden wir uns damit ab, dass Cathies intellektuelle Anstrengungen vorerst noch ungekrönt bleiben.

Die Schweiz als Mediator 
Doch unsere Weihnachtsbemühungen dürfen wir fortsetzen. Die schwarzen Tafeln in Haworth/Keighley's Kneipen überschlagen sich schon, um Vorschläge für das Fest zu machen. Für uns bleiben noch Schönheitsarbeiten durchzuführen. Bodenteppiche verlegen, Garten leerräumen, Dann werden wir, wenn alles gut geht, nach Wien fliegen und danach, gegen Weihnachten in Richtung Schwarzwald davonbrausen.









Mittwoch, 8. November 2017

Das Dritte Geschlecht.

Was das Bundesverfassungsgericht bis Ende 2018 möchte, ist, dass es eine offizielle Nennung eines dritten Geschlechtes gibt. Das mutet abenteuerlich an, doch wer das Zögern der Bürokratie im Allgemeinen und auch im Besonderen kennt, wundert sich schon, dass die Diskussion um ein drittes Geschlecht offensichtlich nicht auf die lange Bank geschoben wird. Unser bekannt eingleisiges Denken, hier Mann, da Frau, ist schon seit langem erschüttert. Ganz schmerzhaft setzt sich die Vorstellung durch, dass eine Geschlechtsbestimmung oft nicht eindeutig ist.


Schon als Kinder haben wir die Erfahrung gemacht, dass es Wesen gibt, die über ihre eigene Geschlechtlichkeit (oder Nichtgeschlechtlichkeit) nicht genug wissen, oder total anderes wissen, als wir es uns vorstellen. Das verlangt unsere größte Hochachtung. Witzeleien sind da nicht angebracht. Obwohl es ganz schön wäre, diese Problematik mit distanzierter Heiterkeit angehen zu können. Was zu bewundern ist, ist der Mut (oder ist es Verzweiflung?), mit dem Betroffene sich manchmal exponieren. Und wer hat die größeren Probleme mit dem Umgang mit anderen? Gut aussehende, intellektuell interessante Wesen, oder die weniger auffallenden, eher unattraktiven Wesen?


Menschen mit einer ungenauen geschlechtlichen Bestimmung gibt es mehr als man denkt. Statt sie unbewusst oder bewusst vom Lauf des Lebens auszuschließen, muss man ihnen entgegenkommen. Niemand ist perfekt, doch je bereitwilliger man Außenseiter das "Normale" am Leben empfinden lässt, desto harmonischer ist eine Gesellschaft. Schließlich wollen wir auch anderen Hautfarben und ethnischen Eigenheiten unabhängig vom Geschlecht einen Platz "bei uns" bereithalten. Das Gelabere von Rechtsaußen über sogenannte Minderheiten verhüllt nur schlecht das wahre Gesicht dieser Zurückgebliebenen. Wir müssen laut für unsere Mitmenschen, vor allem die mit  den zusätzlichen Problemen im Leben, eintreten. Da ist es gut, wenn der sonst recht schwerfällige Gesetzgeber auch in der Geschlechterfrage neue Maßstäbe setzt.


Auch Sexualität ist ein Menschenrecht. Eigenen Kindern wünscht man eine glückliche Entwicklung und für später ein volles Ausleben ihrer Geschlechtlichkeit.  Anderen möchte man nur das "Minimum" zugestehen, dabei ist alles was mit Sex zu tun hat und auf Konsens beruht, rein persönlich. Niemand hat sich da einzumischen. Niemand hat da zu werten. Jede Art von sexuellem Ausleben ist auch Teil unserer Lebensfreude. Doch für das Dritte Geschlecht muss in jeder Hinsicht die richtige Sprache noch gefunden werden.

Montag, 6. November 2017

Paradise Papers.

Reiche Leute, die reicher werden. Wie sie es anstellen, erahnt man nur an der Stille, mit der sie ihren Reichtum verhüllen. Was wir beobachten, ist der Wunsch der Begüterten, nicht nur neidlos anerkannt, sondern auch noch auf einen möglichst hohen Sockel gehievt zu werden. Im Falle der Paradise Papers, was immer das bedeutet, glaubt man gerne an einen aesthetischen Effekt. Jemand mit Sinn für Stil und Eleganz muss diesen Begriff geprägt haben. Viele stellen sich den Reichtum ohnehin wie ein permanentes Schweben auf einer fetten Wolke vor, aus der noch gelegentlich Goldmünzen heraustropfen, damit man nicht ganz vergisst, wie begütert man ist.

Der kann sich alles leisten 
Den neu geprägten Begriff von den Paradise Papers möchte man  gar nicht erst übersetzen. Er geht so nahtlos in unsere Vorstellungen vom sorgenfreien Umgang mit Geld und Gut über, dass auch noch genug Platz für Träumereien bleibt. Kein Zweifel: wir könnten dazu gehören. Nicht zu den Neureichen, (wie vulgär), sondern zu den anderen, denen, die kein Sterbenswörtchen über ihre Besitztümer verlauten lassen. Die neue Klasse ist endgültig international-kosmopolitisch. Schluss mit dem leicht schwäbisch angehauchten Wer hat, der hat. Dazu gehört auch, dass Schweigen Gold ist.

Schweigen ist Gold 
Diese plötzlich aufgetauchten Paradise Papers sind buchstäblich über Nacht in die Welt gesetzt worden. Von wem, weiß man nicht. Oder doch? Einige Zeitungen wie die Süddeutsche, der Guardian, die BBC, die New York Times, scheinen gemeinsam einen journalistischen Schatz an Land gezogen zu haben: Millionen Unterlagen über Superreiche, Prominente, Adelige und Mächtige, die legal und illegal Gelder verschoben haben, um sie dem Fiskus zu entziehen. Leute wie Elisabeth (Königin), Putin (Präsident), Trump (Milliardär und Irrer) und sogenannte kleine Leute mit viel Zaster, sind auf noch unklare Weise in diese Machenschaften verstrickt. Wir scheinen nur zu wissen, dass vor allem eine Masse an Reichen, um noch reicher zu werden, diskret alles tun, um die Armen noch ärmer zu machen
Reich und fett 
Bei Kindern wird immer noch Wert gelegt auf Begriffe wie Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand undsoweiter. Doch seit das Internet Friede, Freude und Eierkuchen einerseits und Hass, Lüge, Sexismus, Rassismus andererseits uns täglich ins Haus fächert, haben sich unsere Maßstäbe vebogen. Gerecht ist, wer Geld hat. Ehrlich ist, wer es zu behalten weiß. Anständig ist, wer mehrere Häuser und Grundstücke besitzt und den Habenichtsen und Bedürftigen freundlich und zivilisiert zulächelt. Oder, man lässt lächeln. Den Begriff des Strohmannes gibt es kaum mehr, sondern Spezialmanager für Bermuda und die Cayman Inseln haben heute das Sagen. Beauftragte für Off-shore Management, Schwiegersöhne von Politikern mit Unschuldsmine.

Die Reichen und die Schönen 
Wir kennen das schon: ein paar Bauernopfer müssen schon sein, damit der Empörung die Luft ein wenig rausgelassen wird. Die eine oder andere öffentliche Verurteilung. Und dann, neuerdings, die Masse der unschuldigen Mitläufer, bei denen alles unklar bleibt. Je mehr Nebelkerzen angezündet werden, desto weniger gibt es zu sehen. Der gerecht Empfindende traut sich nicht, Herrn Trudeau, oder andere Prominente, Gauner zu nennen. Wir haben also jetzt die Verschwörung der Reichen und Superreichen dieser Welt. Ein internationales Kartell, nicht der Machtergreifung, sondern der Machterhaltung um jeden Preis. Vergesst diese kleinen Schreier vom rechten Spektrum. AfD ist Kinderkram. Die eigentlichen Machthaber sind längst unter uns. Diese Entwicklung haben wir wohl verschlafen. Es ist alles bereits in Paradise Paper eingewickelt.







Dienstag, 31. Oktober 2017

Martin Luther - ein Teufelsbraten?

Mit seinen 95 Thesen, heute vor genau 500 Jahren an der Kirche von Wittenberg angeschlagen, hat der katholische Mönch Martin Luther deutlich gegen die Korruptheit seiner Kirche protestiert. Es war die menschliche Gier, die damals unter dem Deckmäntelchen der frommen Sündhaftigkeit den armen Gläubigen das Geld aus den Taschen zog. Ablass nannte man das. Eine Art Rabatt für begangene Sünden. Wir kennen die Geschichte. Mit dem Ablass war richtig Geld zu verdienen, wobei die Bäuche vieler immer dicker wurden.

Noch heute gibt es Menschen, die behaupten, der Protestler Martin Luther schmore deshalb dafür in der Hölle. Von der wahren, heiligen Kirche abgefallen, dafür gibt es Strafen. Reich gemacht hat es Martin nicht. Sonst hätte er seinen Namen eher einer Bank überlassen, die Kredite an fromme Protestanten vergibt und auch noch passende Denkmäler herstellen lässt, zum Ruhme des Gründers.  Statt dessen hat Luther viel für die Erneuerung der Religion(nen) getan und so eine Art Renaissance ausgelöst. Jetzt leben wir frei vom Druck, ständig an etwas Heiliges denken zu müssen, aber, wenn wir wollen, dürfen wir echt fromm und gläubig sein.


Was geblieben ist, sind die Zehn Gebote, mit denen wir oft recht schlampig umgehen. Luthers Schuld ist das nicht, doch seine Thesen hätten, bankenmäßig, ruhig etwas deutlicher sein können. Dann wäre Mutter Theresa nicht passiert, was schließlich ihrem angehäuften Milliardenvermögen zugestoßen ist. Als die Dame nach Jahren aufopfernder Kinderliebe das Zeitliche gesegnet hatte, hinterließ sie ein Milliarden-Konto von erbettelten Geldern, die in den Schoß der Kirche zurückkehrten. Wieviele Millionen hungernder Kinder gibt es zur Zeit auf der Welt? Das Problem ist die "gerechte" Verteilung. Die Verantwortlichkeit, mit der man umgehen muss. Wer weiß denn, wieviele dieser Kleinen den rechten Glauben haben?

Doch die Zehn Gebote Gottes sind noch nicht außer Kraft gesetzt. 1. Du sollst keine fremden Götter neben mir haben und meinen Namen nicht missbrauchen(2). Das dritte der Top Ten ist gerade heute aktuell. 3. den Feiertag heiligen. Also kein Schlagbohrer und auch kein Rasenmäher. 4. Vater und  Mutter ehren. Aber, was ist mit den Adoptiveltern? Den Gleichgeschlechtlichen? Den Alkoholikern? 5. Du sollst nicht töten. Wie ist es mit dem Gebrauch von Schusswaffen an den Grenzen? 6. Nicht ehebrechen, wenn alle Beteiligten nicht verheiratet sind? 7. Nicht stehlen. Steuerflucht??? 8. Kein falsches Zeugnis ablegen. 9. und 10. Nicht deines Nächsten Haus, Weib, Magd usw. begehren. Aber, bitte auch das Auto nicht vergessen.

Martin Luther King 
Die Auffrischung der Zehn Gebote scheint heute notwendig, denn die Dinge haben sich verändert, die  Zehn Gebote nicht. Fremde Götter gibt es wie Sand am Meer. Ihre Namen werden nur noch missbraucht. Feiertage werden regelmäßig in der Kneipe geheiligt, Für Schlagbohrer gibt es Ohrenschützer. Vater und Mutter kann man sich im Fernsehen anschauen. Töten kann man auch mit Drogen. Es dauert nur etwas länger. Ich kürze etwas ab: Deines Nächsten Magd ist vielleicht ein Mann, Hauptsache, es kommt nichts ans Auto.

Lieber Martin Luther, ich konnte nicht anders. Du ragst als Protestant derart in die Gegenwart hinein, dass wir heute Deine 500 Jahre Anschlag an der Kirchentür so richtig feiern müssen. Ach, gäbe es doch mehr Martin Luthers auf dieser Welt. Unsere Trägheit, Selbstgefälligkeit, Heuchelei, Lieblosigkeit, Vergesslichkeit und menschliche Schlamperei stinkt zum Himmel, und manche behaupten immer noch, Du seist in der Hölle.  

Montag, 30. Oktober 2017

Ich bin am Ende, oder so.

Es gibt solche Augenblicke, da möchte man in der Erde versinken, aber vorher noch laut aufschreien. Gesten Abend schauten Cath und ich einen Thriller an, der im 17. Jahrhundert angesiedelt war. Vielleicht hatten wir auch nicht herzhaft genug zu Abend gegessen. Ganz zu Beginn wurde eine sehr stolze Frau zu Tode gefoltert. Dann wurde ein bekennender Katholik dermaßen zugerichtet, dass es ein Kinderspiel war, seinen Kopf wie eine Trophäe herumzutragen. Da mein Schüttelfrost wieder eingesetzt hatte, verabschiedete ich mich ins Bett, nicht ohne zu denken, dass zu viel Grausamkeit den Schlaf rauben könnte.


Zur Ablenkung las ich noch ein paar Seiten in meinem Buch. The North Water von Ian McGuire: "Ein Schiff läuft aus, mit einem Killer an Bord", heißt es da. Sofort bin ich gefangen in einem entsetzlichen Mord: Ein Kerl namens Drax schändet einen Schiffsjungen, erdrosselt ihn und macht keine Anstalten, das zu bereuen. Man entdeckt einen Kinderzahn, mit dem sich der Knabe im Arm des Mörders festgebissen hatte. Der Beweis ist geliefert. Er wird in Fesseln gelegt und soll später an Land der gerechten Strafe zugeführt werden. Erhängen. Dann fährt das Schiff auf einen Eisberg. Die Seeleute haben anderes zu tun als auf einen Mörder aufzupassen. Dieser läuft dann frei auf dem sinkenden Schiff herum. Ich lege das Buch weg, um besser einschlafen zu können. Der Husten macht sich nochmal breit. Ich finde meinen Hustensaft nicht, von dem ich vermute, dass er ohnehin zwischen Placebo und Kindergeburtstag angesiedelt ist. Ich überstehe eine schwierige Nacht.


Als ich gerädert erwache, ist es Cath, die nicht sehr gesund zu mir herüberblickt. Sie liest in einem Buch, das offensichtlich genüsslich einen Mord nach dem anderen aufzählt. Sie will heute nicht aufstehen, sondern ihren gequälten Körper - die Erkältung will nicht abklingen - einen Tag ruhen lassen. Ich blicke aus dem Fenster: der Yorkshire Himmel ist so grau, dass der Wind nicht weiß was er tut und die Blätter ratlos herumbläst, grauer geht es nicht. Mein Rezept für heute: eine heitere Lektüre finden, nicht jede Stunde den Deutschlandfunk hören, der gerade das Auseinanderbrechen Spaniens schildert. Zum Glück scheint die AfD mit sich selbst beschäftigt und die Weidel mit ihrem gleichgeschlechtlichen Hang zum Steuersparen gerade in der Schweiz.


Wenn ich jetzt auch noch erfahre, dass dieser Serenissimus Trump Geburtstag feiert, und seine geistige Verwirrung öffentlich eingesteht, dann gehe ich zurück in mein Bett und warte, bis wieder bessere Zeiten kommen.







Samstag, 28. Oktober 2017

Alles Käse? Beweise mir das Gegenteil!

Ich hatte einen entfernten Verwandten, dessen Füße jämmerlich nach Käse stanken. Je entfernter er war, desto wohlriechender war die Welt für mich. Er tat mir unendlich leid. Meine eigentliche Käseentdeckung machte ich als Junge in der Normandie: da war der Camembert, ein Kuhmilchkäse, der gerne auf seine vollendete Reife wartete. Für mich war ein sogenannter "Bec fin" - der gute Schnabel? - der beste. Auch ein "Brie" war ein guter Kuh-Käse und ist es noch.

Käseglocke auf Englisch 
Für uns Nichtfranzosen war in der Regel Ehrfurcht geboten, wenn von Käse gesprochen wurde. Chaource galt ebenfalls als unwiderstehlich, während für den Deutschen damals der Limburger, oder - noch schlimmer - der Harzer Roller die untersten Stufen in der Stinkerskala besetzten. Als gut galten der Tilsiter, der Allgäuer Emmentaler, der Bergkäse und noch viele andere Sorten.

Vor ein paar Jahrzenten schien die Käsewelt noch in Ordnung: Frankreich galt als Käseweltmeister, wahrscheinlich selbsternannt. Ansonsten kabelten sich die Länder um den Vorrang: die Schweiz mit dem Käsefondue. Frankreich brüstete sich mit über 200 berühmten Sorten, die bescheideneren Italiener glaubten an ihren Mozzarella, den süditalienischen Büffelmilchkäse, der unsere Käseteller längst erobert hat. Die Holländer hatten mit ihrem Gouda nie Probleme, wobei auch der Edamer ein viel gepriesener Käseerfolg ist. Vielleicht noch Dänemark, mit dem dänischen Weichkäse mit Blauschimmel? Das könnte zu weit führen.

Doch den Weltmeister in der Käseproduktion zu ermitteln, ist für uns Käseesser von Bedeutung. Die Briten, die lange als Käsezwerge galten, stellen heute 700 Sorten her, 100 mehr als die Franzosen, und der größte Markt, vom produzierten Gewicht her, ist Amerika, mit 5 Millionen Tonnen Käse, Nummer 2 ist Deutschland, No. 3 Frankreich mit knapp 2  Mio. Tonnen. Doch der Export von Käse sieht wieder anders aus. Da führte 2016 Deutschland, gefolgt von Frankreich und Italien. Wir kommen also leicht ins Schleudern, wenn wir den Käse statistisch aufbereiten. Und, wer garantiert, dass nicht Spezialisten ihr eigenes Süppchen kochen?


Etwa, ein gewisser Idrees Khan, Gründer der SEO (Search Engine Optimation), bei dem unter dem sogenannten World Knowing jeweils die Top Ten Länder ermittelt werden, egal, ob es sich um die größten Sojabohnenhersteller, die höchste Bildung, die höchste Mandelproduktion oder die stärksten Armeen handelt. Dieser Top-Ten-Wahn geistert schon einige Zeit durchs Internet. Man fragt sich, ob das alles nicht eingeführt wurde, um die Verwirrung der wenigen, noch gutgläubigen Netzsurfer im Mark zu vervollständigen. Also, der Glaube an Statistik, jetzt alles Käse???




Freitag, 27. Oktober 2017

Meine Raumfahrtzeit.

Nein, ich saß nie in einer Trägerrakete, aber nahe genug dran war ich schon. Da wäre die EUROPA II, eine vierstufige, 30 Meter hohe Trägerrakete der ELDO, bei deren Versuchsflug F 11 am 5. November 1971, ich in Paris die Pressearbeit machte. Dieser Flug war der letzte der EUROPA II, denn sie explodierte kurz nach dem Start in Kourou, Südamerika, und machte der Nachfolgerin Ariane Platz, die im Rahmen der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA viel erfolgreicher wurde. Die Europäer waren damals überzeugt, dass Raumfahrt viel zu teuer sei. Die Sowjetunion konnte es sich kaum leisten, und die Amerikaner waren an der Zusammenarbeit mit anderen kaum interessiert. ESA und NASA schienen nicht zusammen zu passen.


Ich war natürlich weiter interessiert, zumal mich die Raumfahrt mit Größen zusammengebracht hatte, wie dem "Vater der Raumfahrt", Professor Hermann Oberth, der mir erzählte, dass er schon mit 14 Jahren an die bemannte Raumfahrt glaubte. Sein "Schüler" Wernher von Braun war damals in den USA, in Huntsville, Alabama, Direktor des Apollo-Programmes, wenn ich mich recht erinnere. Sein Stellvertreter, Kurt Debus, auch einer der Gruppe von Peenemünde, die noch die berühmte V 2 entwickelt hatte, saß mit mir in München an einem Tisch. Er hatte Wernher von Braun verteten, der schon an Krebs erkrankt war. Wir diskutierten den Plan, ein 1 zu 1 Modell der Europa II Rakete vor dem Deutschen Museum aufstellen zu lassen. Der Misserfolg der Europa II machte diesen Plan zunichte.


Von Brauns Saturn V Rakete ist vor allem deshalb in Erinnerung, weil sie den ersten Mondflug möglich gemacht hatte. Mein Lebensweg führte mich weit von den Raketen weg. Doch ließ die Raumfahrt mich nie ganz los. Wer weiß denn schon, dass ich in den Neunzigerjahren, zusammen mit einem deutschen Freund und Kollegen es schaffte, eine Europaflagge ins Weltall zu schaffen, und zwar zur russischen Weltraumstation MIR. Wie das ging, ist schnell erzählt. Sergej war ein Freund aus den ersten Tagen der russischen Mitgliedschaft im Europarat in Straßburg. Er war damals Russlands bekanntester Fernsehreporter im Ausland und offizieller Berichterstatter für die Raumflüge  von Baikonur ins All. Seine Beziehungen zur Station MIR und den Kosmonauten reichten, um eine kleine seidene Europafahne von 40 cm Länge über Baikonur zu den Kosmonauten zu schicken.  Die Fahne wurde in Belgien angefertigt. Die Raumfahrer, ein Russe und ein Amerikaner verlasen vor einer Kamera eine kleine Botschaft auf Russisch und auf Englisch.

Wenn ich am Abend eine Episode aus der Serie Startrek betrachte, um auf neue Gedanken zu kommen, kehre ich in den Weltraum zurück, der mich immer beschäftigt hat. Sie können jederzeit kommen, die Außerirdischen. Ich bin gerüstet.




Donnerstag, 26. Oktober 2017

Nehmen wir mal an.....

Du seist ein kleines Nichts. Annahme richtig? Wir sind einige Milliarden Menschen, von denen täglich Hunderttausende träumen, sie wären jemand, vielleicht sogar berühmt. Wenn damit eine Besonderheit verknüpft ist, wie Gründer einer neuen Partei zu sein, oder ein hervorragender Fussballer, ein Dreisternekoch oder eine Schönheitskönigin, stehen die Chancen etwas besser, Aufmerksameit zu erregen. Und, es gibt noch soooo viel Originelles, das die Menschheit nicht kennt. Als Neunzigjähriger, der transsexuell tätig und ein weltweit bekannter Ameisenforscher ist, muss er noch öffentlich Angela Merkel ohrfeigen, dann haut es hin: er oder sie erregt Interesse, wird sogar berühmt.


Diese Neugier währt so lange bis sie von etwas anderem überlagert wird oder neue Erkenntnisse in Sachen Ameisen oder Angela Merkel hinzukommen. Das ist das Geschäft. Der Chefredakteur würde sagen: "bleib am Ball". Der potenzielle Informationenlieferant würde irgendwann sagen: "die Sache ist abgefrühstückt".  Also drehen wir das Rad weiter und finden was Neues.

Mittelpünktchen 
Woher kommt das alles? Ich meine, die nie ermüdende Wunderindustrie? Die ununterbrochen updaten  muss? Dabei spielt ein Aspekt kaum eine Rolle: Die Relevanz. Wenn etwas wichtig ist, Interesse wirklich verdient, updatet sich die Sache wie von selbst. Wenn Du ein kleines Nichts bist, sitzt Du nicht im Mittelpunkt. Du heißt vielleicht Donald Trump, Petry Pauli, Dieter Höcke, Amelia von Storch, und/oder Du hast, wie viele Millionen heutzutage, eine Kamera vor Dir, dann wird es interessant.  Du gehst ins Internet, Facebook oder sonstwohin und teilst Dich mit. Bums, können Unzählige Dich hören, sehen und sonstnochwas. Ich rede von der Mitteilungsindustrie, die jeder kleine Fuzzi heute nutzt, um auf sich aufmerksam zu machen. Eine wahre Pest.

Who is she? 
Also auch mehrere Psychiater in den USA, die unserem Donnie gerade bestätigt haben, er sei gewalttätig, unberechenbar und dumm. Haben wir das nicht schon lange geahnt? Warum müssen uns das jetzt Fachleute bestätigen? Wollen sie, dass man von ihnen redet? Diese selbstgeklonten Größen, die sogenannten Experten, die Plätze einnehmen, die sie selbst nicht rechtfertigen können, versperren den Zugang zu wirklich Wesentlichem. Nur wenige Menschen haben Größe. Um ihre Bedeutung müssen wir uns nicht sorgen. Nur, die sich selbst aufblasen, sind das Problem, nicht nur wegen des Senfes, den sie zu allem beifügen, sondern weil ihre Bedeutungslosigkeit unsere Sicht behindert. Ob Trump, Petry, Pauli, Storchi, sie alle sind so "kleini". Ihre Bilder verdienen nur eines: so tief wie möglich gehängt zu werden, aber bitte, nicht in den sozialen Medien. Da hätten wir gerne Größen, die es verdienen. 

Nichts oder fast nichts? 
Nehmen wir mal an, ich sei ein kleines Nichts (was ich bin) und ich kennte den Platz, der mir zusteht. Wäre es da nicht unglaublich schön, diesen Platz selber zu finden und auf die gutgemeinten Hinweise  aus dem Netz zu verzichten? Ich bin ein kleines Nichts, also bin ich. 






Dienstag, 24. Oktober 2017

Brexit gets nowhere! Kapiert das keiner?

Wenn ein Kind in den Brunnen fällt, ist Eile geboten. Warum tut denn keiner was? Es ist so offensichtlich, dass Theresa May von Wirtschaft keine Ahnung hat. Sollte sie ernsthafte Berater haben, sind diese ebenfalls überfordert. Ist das die eigentliche Tragik unseres geeinten Europas? Wir hassen uns so, dass wir auch gut gemeinte Ratschläge unserer Nachbarn nicht annehmen können?


Der überall grassierende Patriotismus scheint in Großbritannien zur Zeit am größten. Die Blicke sind verstellt: Arbeitsplätze werden weniger, die Preise steigen, das Pfund geht langsam den Bach hinunter, der global Player England verkommt zum Zwergstaat, und niemand zieht die Notbremse. Die großen Illusionen sind längst weg. Weder wartet eine Anzahl wichtiger Länder auf den Segen bringenden britischen Aufschwung, noch scheint die Welt bereit, solidarische Initiativen anzukündigen. Die Tendenz nach rechts nimmt jedem den Mut, sich den anderen Nationen anzuvertrauen. Und der große Bruder Amerika, diese so oft beschworene atlantische Freundschaft, wo sind sie? Amerika zuerst. Britain first! Wir alle zuerst.


Wir alle fühlen uns von diesem chauvinistischen Herumgeeiere angesteckt. Genau das wollten unsere langweiligen Vorväter verhindern, wenn sie davon schwärmten, gemeinsam sind wir stark. Im Hintergrund lauerte die Sowjetunion, die vom großen Kuchen mehr abhaben wollte. Jetzt hat sie mehr, doch die wirtschaftliche Großmacht ist inzwischen China. Das wird auch so bleiben. Amerika ist längst dabei, seine hegemonialen Asse zu verspielen. Die Brexit-Leute tönen noch, die Zukunft sei groß. Doch die rattenverseuchten Großbanken verlassen bereits das Schiff. Wen wundert's?


Was eine Bananenrepublik vor allem nicht gebrauchen kann, sind die Bananen. Sonst ist alles willkommen, was die Wirtschaft am Laufen hält. Wenn Fehler gemacht werden, ist kühle Überlegung geboten. Wo sind die ach so rührigen Medien, die den Spiegel vorhalten? Mein Vorschlag: Kind im Brunnen. Eile geboten. Oder: Brexit ist Katastrophe hoch 4. Tut was, statt euch was vorzulügen! So einfach ist das.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Thema des Tages: Was auch immer.

Die armen Nachrichtenmacher. Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, gibt es immer noch unseren Opa aus Washington, der doch hoffentlich wieder etwas blödes gesagt haben muss. Donald Trump, der Schlagzeilenkönig. Wenn von da nichts kommt, müssen wir auf den kalten Kaffee von gestern zurückgreifen: Hat Putin die Merkel wirklich ausgehorcht? Alle Anzeichen sprechen dafür. Was auch immer: Der Tag muss unter ein Motto gestellt werden, bis er vorbei ist. Wenn gar nichts geht, schlüpft auch mal Prinz Philip in die Rolle des Bösewichts, oder Bernd Höcke, dessen nationalistische Eruptionen allemal einen Aufwärmer wert sind. Wenigstens wir vom Nachrichtengeschäft müssen in der Lage sein, Ordnung in unseren Betrieb zu bringen und einen Björn einen Bernd nennen.

Schagzeile durch Ableben: Hugh Hefner 
Als ich noch beim Südwestfunk in Baden-Baden als freier Mitarbeiter in der Abendschau mitarbeitete, begannen die Sensationen mit dem aufreißerischen Satz: Einmalig in der Bundesrepublik (ist die Kuh mit zwei Köpfen, die gestern in Druhlingen bei Oberpfingsdorf geboren wurde). Schon damals war es völlig egal, ob jemand ein paar Wochen später noch etwas über den Verbleib der Zweiköpfigen erfahren wollte. Sensationen dieser Art halten nur einen Tag. Etwas spießig war das schon.


Deshalb sind wir dem Schlagzeilenlieferanten Donnie so dankbar. Wenn gerade nichts Neues da ist, springt er ein. Obwohl sein Liebesleben tödlich langweilig sein muss, springen seine Trumpnanas nur so herum und lassen sich feiern. Dabei ist die eine, die im Weißen Haus herumsitzt, (seine Tochter???) nicht mal hässlich, und dumm schon gar nicht. Aber zu Titelgeschichten gibt sie auch kaum Anlass.

Kuh, ganz normal! 
Also müssen wir uns mäßigen und uns nach Ereignissen umschauen, die sich gewaschen haben. Da wäre das Wetter. Der Klimawandel müsste mindestens einmal pro Woche etwas liefern: Wie wärs mit: seit 200 Jahren nicht ein solch regnerisches Oktoberweekend gehabt. Weekend bestätigt gleichzeitig den Anschluss an den internationalen Trend, ohne den fast nichts mehr geht. Dann, das heraufziehende Weihnachtsfest: Während hier in England schon im Juli per Plakat zur Reservierung des Christmas Dinners aufgefordert wurde, rüstet Nürnberg zum sensationellen internetgestützten Weihnachtsmarkt, weltweit. Auch die Nachrichtenmacher sind schon dabei. Sollte etwas Schreckliches geschehen, wollen wir die ersten sein. Dabeisein ist alles. Aber, bitte, nur als Beobachter.

Frohe Weihnacht! 
Deshalb achtet kaum jemand auf die ersten Schneeglöckchen. Oder die ersten Schneeflocken. Das erregt nur Kinder, die ihre Weihnachtsgeschenke schon im Facebook gesehen haben. Sollte Mutti jedoch die Auswahl von 15 veschiedenen Weihnachtsbacksachen in den großen Teller legen, ist jeder Kindermagen, der sich schätzt, bereit, sich völlig verderben zu lassen. Ist es nicht auch so bei den Sensationen im Nachrichtengeschäft? Ob Höcke, Trump, Putin oder Merkel: Mal schaffen es diese oder jene, in den Mittelpunkt zu geraten. Es ist allemal besser, als vergessen zu werden. Nicht wahr, Mister Trump? Arme Nachrichtenmacher!