Dienstag, 9. Januar 2018

Das 60ste Geschlecht.

Wo habe ich das gelesen? Ach ja, der Spiegel hat sich wieder mal mit der Geschlechtlichkeit des Menschen beschäftigt. Frauen, Männer und alles andere verkündet die erste Ausgabe im Neuen Jahr auf dem Titelblatt. Er behauptet, im Facebook könne man auf 60 verschiedene Geschlechtszugehörigkeiten zurückgreifen. Also, was bin ich?, lässt sich nicht mehr so klar bestimmen. Mann oder Frau, das klingt einfach, aber immer mehr(?) Menschen können damit nicht zufrieden sein. Was mache ich mit einer Geschlechtszugehörigkeit, die sich zwischen - sagen wir - 29 und 59 ansiedelt? Seit Tagen versuche ich, mir über meinen eigenen Zustand klar zu werden.

Mann? Frau? 
Nun, ich bin ein Mann. Was dann? Neige ich zur Weiblichkeit? Bin ich ein marodierender Geschlechtsumwander? Liebe ich Teegebäck? Und wenn ja, was bedeutet es für mich? Gibt es Anlässe, für die ich mich schämen muss? Was bin ich, wenn ich sowohl Männer als auch Frauen liebe? Das tue ich übrigens, wenn sie mir intellektuell angenehm genug sind und ein freundliches Lächeln für mich haben.  Ist es da wichtig, ob ich Frauenkleider trage? Ein BH käme für mich allerdings nicht in Frage. Das klemmt und dauert mir zu lange mit dem An- und Ausziehen.

Männerkleidung? Frauenkleidung? 
Wie weiblich darf man sein, um andere als Mann nicht abzustoßen? Ich hatte eine süße Kinderfreundin. Sie hatte ein burschikoses Lachen, eine tiefe Stimme, trug eine Lederhose und kletterte mit mir auf Bäumen herum. Für uns die normalste Sache der Welt. Geschlechtliches gab es zwischen uns nicht. Aber ich mochte sie sehr. Manchmal war sie tollkühn und inspirierte mich in meinem Knabendasein. Seit wir etwa 10 Jahre alt waren, haben wir uns nicht mehr gesehen oder etwas übereinander erfahren. Ich gehe aber davon aus, dass sie mit Begeisterung Zigarren raucht, sich gerne mit Männern anlegt und immer schon auf übertriebenes Make Up gepfiffen hat. Sie schien sich immer pudelwohl zu fühlen. Aus mir, meinerseits, ist ein Mann geworden, bei dem nie über seine Männlichkeit Zweifel aufkamen. Damit decke ich wohl facebookmäßig die ersten 25-30 Felder ab.

Klare Geschlechtsmerkmale? 
Kann es sein, um ein wenig zu vereinfachen, dass wir die Dinge nicht scharf genug sehen und es auch nicht sehen wollen? Wir wissen, dass ein Mann weinen und zarte Gefühle hegen darf, Schwächen für Goldkettchen und Weihrauchduft haben darf, Parfüm nicht verachten muss und in der Küche werkeln kann soviel er will. Frauen, ihrerseits, können es bis zur Staatspräsidentin bringen, Fallschirm springen und vieles Männliche nicht ausgeschlossen. Beim Orchesterdirigieren, Bahngleiseverlegen und Hammerwerfen scheinen sie nicht so begeisterungsfähig. Wobei die russische Hammerwerferin Tamara noch in lebhafter Erinnerung ist. Doch wer legt das fest? Die Natur? Ich vermute stark, dass diese Zuweisungen heute mehr denn je rein zufällig sind. Also, 60 Geschlechtszugehörigkeiten oder ein durchaus geschlechtlich interessantes Treffen in der Mitte? Der Schwabe sagt, mir zählet net, wenn man sich noch ein Stück Kuchen nehmen möchte. Also, 60 mal geschlechtlich, irgendwie. Das gefällt mir.

Geschlechtlich eindeutig? 
Die Skala des Geschlechtlichseins kann also für jede und für jeden sehr individuell aussehen. Wir sollten uns darüber keine großen Sorgen machen. Wer zu sehr vom Klischee Hetero-Homo abweicht, muss eine Nische finden, in die man passt. Wie gesagt, im Facebook geistern 60 Varianten herum, von denen die meisten - bis auf 2 oder 3 - nur darauf warten, von uns ausgesucht zu werden.




Sonntag, 7. Januar 2018

Männlein, Weiblein, Menschlein.

Allmählich fällt es mir schwer, noch an die üblichen Klischees zu glauben. Ich Mann, du Frau. In allen Sprachen lernt man zuerst, sich zu bekennen. Das Religiöse lassen wir mal weg und halten uns an das Geschlechtliche. Damit nichts Falsches geglaubt wird: wer sich klar und eindeutig zum einen oder anderen Geschlecht bekennt, oder bekennen kann, dem steht die Tür zum Glück weit offen. Wie schwer haben es aber diejenigen,  deren Geschlecht ihnen nicht zu sagen bereit ist, wohin der Hase läuft. Bei schwachem Sexualdrang kann das noch akzeptiert werden. Doch, wenn die Lust täglich an die Tür klopft, musst du was tun. Partnerschaft kann sehr schön sein, doch nur ein wenig Tändeln reicht nicht. Der Mensch setzt sich aus Vielfalt zusammen, wobei Sex schon sehr wichtig sein kann. Doch Geist, Gefühle, Moral, Lust und Bedarf spielen auch mit. Und (warum nicht?), der Zufall.

Männlein, Weiblein, Teebeutel? 
Nehmen wir mal an, du bist alt genug, um deine Geschlechtlichkeit zu erkennen. Nehmen wir mal an, du neigst zum eigenen Geschlecht. Dann lauert wohl schon der moralische Konflikt. In unserer Gesellschaft muss man bekennen. Zwar geht es heute mehr oder weniger leicht, offen mit dem Partner gleichen Geschlechts umzugehen, doch alles was außerhalb von Normen geschieht, unterliegt immer noch dem leicht gefundenen Urteil. Das ist noch in manchen Ländern das Todesurteil. Das kann auch Berufliches, rein Menschliches oder Religiöses bedeuten. Fühlen wir uns also heute freier?  Schwer zu sagen. Andererseits fühlt man mit den Betroffenen. Möchte ihnen helfen, aber wie? Immerhin geht es um den Intimbereich. Da ist Vorsicht geboten. Das berühmte Outen ist nicht jedermanns Sache.

Outen-tisch? 
Mein eigener Umgang mit dem Unsäglichen ist eher problemlos. Eines anderen Menschen Sexualdrang berührt mich nicht direkt. Als Mann genießt man da noch Privilegien. Ich erinnere mich kaum an irgendwelche Anfechtungen. Der Vollmond kann, wie wir wissen, den Menschen ganz schön aufputschen. Oder ist es die Sonne? Der Alkohol? Wichtig war für mich immer, das Überschreiten von Grenzen nicht einsam, sondern immer gemeinsamen zu machen. Oder es ganz zu lassen. Auch damit fährt man meist gut. Da menschliche Stellungen beim Sex recht bizarr sein können, ist es erlaubt, den einen oder anderen Lacher anzubringen. Mit Humor geht es nicht nur besser, es macht auch mehr Spaß.


Schön wäre es, wenn wir alles, was Freude macht, mit dem lachenden Auge sehen könnten. Das gute Essen, den unverhofften Besuch von Tante Frieda, das Tor beim Fussballspiel, das Stolpern des Herrn Pfarrers bei der Beerdigung, das Verrutschen der Perrücke bei der Premiere von der Vetter von Dingsda. Denn der Ernst der Sache geht gerne verloren. Wenn ich als Kind bei einer Bestattung mitmachen musste, konnte ich mir oft einen Lacher nicht verkneifen. Total fehl am Platz. Dann ärgerte und schämte ich mich. Was ich nie konnte, war, eine traurige Miene aufzusetzen, nur weil alle ernst dreinblickten.

Nein, das sind Avocados! 
Wir haben über Sex gesprochen. Das geht nicht mit Bierernst. Nur mit liebevollem Verständnis. Also, egal, ob du es so herum oder anders herum möchtest, oder überhaupt nicht: ich bin ein Mann. Das macht mich glücklich, sogar ein wenig stolz. Dabei wissen wir alle, dass auch Männer als Männer eine jämmerliche Figur abgeben können. Bei Frauen bin ich mir nicht sicher, wie sie fühlen. Lassen wir die Göttin der Liebe entscheiden. Sie macht alles richtig.













Donnerstag, 4. Januar 2018

Jetzt heißt er Dieter Wedel.

Ob er es getan hat, oder nicht, wer weiß es? Zur Zeit erfährt man Geschichten von sexuellem Missbrauch von Frauen, Mädchen, Männern und Kindern. Der eine schwört, der andere verkriecht sich und viele schweigen einfach, obwohl sie beschuldigt werden. Missbrauch hat immer mit Macht zu tun. Machtmissbrauch. Sexuelle Schweinereien - seltsam, man hat kein Problem damit, es klar zu definieren - hat es immer gegeben. Frauen bei uns sind jedoch heute meist nicht mehr gewillt, es hinzunehmen. Gar mancher Übeltäter im hohen Alter trägt gerne das Gewand des gutmütigen Menschenfreundes, dem durch solche Verdächtigungen und Nachreden Unrecht geschieht. Mag sein. Aber vielen nützt es nicht mehr.


Doch wer sich über Eingriffe in die Intimsphäre beklagt, braucht vor allem viel Mut. Nicht nur wegen der fehlenden Beweislast schrecken viele zurück. Und wer solchen Missbrauch in sich hineinfrisst oder ihn in die Jahre kommen lässt, der hat es dann doppelt schwer. Fast könnte man sagen, sie (die Frauen) haben es in der Regel noch schwerer. Im Zuge der sexuellen Befreiung, kam das Outen von Homosexualiät und sexueller Belästigung ganz zuletzt. Wir stecken mitten drin und wissen immer noch nicht wo wir stehen. Ganze Jahrhunderte lang hat man so gut wie nichts öffentlich davon gehört. Doch wurden in alten Sakristeien die Skelette von Kindern gefunden. Auch Kinder, die von Nonnen geboren wurden. Das sagt uns viel. Schon aus Pietät hat man oft nur die Spitzen eines Eisberges sehen und Einzelheiten nicht wissen wollen.


Jetzt wird unser liberaler Alltag ununterbrochen mit Geschichten sexueller Abartigkeiten vollgepumpt. Manchen gefällt es sogar. Wir werden dadurch noch nicht zu Gutmenschen. Aber das Thema ist zu einem Massenthema geworden. Das ist gut so. Ob Wedel, ja oder nein? Ich kann es nicht beurteilen und bin froh darüber. Obwohl mich noch niemand über meine sexuellen Gepflogenheiten, Neigungen und Tätlichkeiten befragt hat, kann ich behaupten, dass ich noch keinem menschlichen Wesen, ob Mann oder Frau, ungefragt an die Wäsche gegangen bin. Zu mehr Bekenntnis bin ich nicht bereit.


rgendwann wird auch der sexuelle Missbrauch missbraucht werden. Dann hilft nur die rückhaltlose Offenheit und, leider, die Konfrontation, denn bloße Unterstellungen ins Blaue hinein dürften dann nicht mehr vorkommen. Womit wir immer rechnen müssen, ist die gnadenlose Unterstellung, derer der Mensch fähig ist. Reiner Diebstahl ist dagegen harmlos. Das Diebesgut wird sich relativ leicht finden lassen. Doch Gestohlenes, wenn es die Unschuld ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Jetzt befindet sich Dieter Wedel auf dem Prüfstand. Morgen wird es ein anderer sein.




Vigdís, Dottír von Finnboga?

Der erste Film in meinem kindlichen Leben wurde von meinem Vater an die Küchentür auf ein weißes Laken projiziert. Es war ein Stummfilm in Schwarz/Weiß, für Schulen. Der Titel: Island. Vielleicht war ich 5, als ich sah, wie eine ins Kopftuch gehüllte Isländerin Brot buk (buk=backte). Der Teig wurde in ein milchkannenähnliches Behältnis gesenkt, eine Schnur darumgewickelt und das Ganze in ein tiefes enges Loch versenkt, in dem glühende Hitze lagerte. Nach einer Weile zog die Bäckerin das Brot gebacken heraus. Das war mein erstes Islanderlebnis. Die bekannten heißen Quellen machten es möglich.


Dann erinnere ich mich an mehrere berufliche und private Aufenthalte, die mich die brutale Schönheit dieser Insel kennen lernen und lieben ließen. Die Geysire, die heißen Seen, die Wasserfälle, die echte Hummersuppe, ein äußerst hübsches Mädchen, das sehr bald Botschafterin ihres Landes, irgendwo im Ausland wurde und das Fleisch vom Galway-Rind, das damals nur in Akurery gegessen wurde, wucherpreis inbegriffen. Akurery war die zweitgrößte Stadt Islands, am Beginn des größten Fjordes, der direkt bis zum Polarkreis reichte.


Seltsames Land: jahrelang war das Brauen von Bier dort verboten, der Import auf 1-2 Flaschen beschränkt. Und Brennivín, ein nicht jedem schmeckender Aquavit, den man damals in ganz Island in nur zwei Läden zwischen Freitagabend und Samstagmittag kaufen konnte. Kein Wunder, dass mancher Isländer, der sich für einen echten Vikinger hielt, sich mit Hilfe eines käuflichen "Kits" sein Gebräu selbst herstellte. Gerne wurden dafür importierte Leerflaschen, etwa von Erdinger Weißbier oder Münchener Hofbräu als Dekoration verwendet .

Vigdís 
Dann kam sie: Vigdís. Eine hübsche Frau, die auch perfekt Französisch, Englisch und wohl auch Deutsch spricht. Sie wurde die erste gewählte Präsidentin der Welt. Dreimal hintereinander. Mehrmals siegreich gegen männliche Kandidaten. Sie ist heute noch (mit 87 Jahren) so etwas wie ehrenhalber Präsidentin der Council of Women World Leaders, des Welt-Rates für weibliche Führerinnen. Das klingt bescheiden, ist jedoch sensationell, wenn man sich die Liste der berühmten Frauen anschaut.

Natur pur 
Vigdís Finnbogadottír durfte ich sogar fürs Fernsehen interviewen. Soviel menschliche Nähe, mit Weiblichkeit, Intelligenz und Witz gepaart, habe ich selten erlebt. Was ich immer wieder bewundere, sind Frauen, die in der üblichen Männerwelt einfach gleichberechtigt sind, und wenn man sie nicht voll respektiert, nehmen sie sich das Recht, das ihnen zusteht.






Dienstag, 2. Januar 2018

1918 - 2018: Hundert Jahre Krieg.

Es wäre schön und beruhigend, könnten wir sagen, dass zwischen dem Ende des Ersten sogenannten Weltkrieges und dem gerade begonnenen, noch friedlichen Jahr ein Jahrhundert des Friedens stattgefunden hätte. Dem war nicht so. Was wir schon vermuten können, ist, dass die Zahlen 1918/2018 schon längst keine rein europäischen Zahlen mehr sind. Die große Welt hat einen Teil unserer Alten Welt zurückgeholt.

Schöne Alte Welt 
Großbritannien macht gerade eine internationale Verzwergung durch, obwohl Theresa May, Boris Johnson und Nigel Farage sich auf ihre eigene Weise heftig dagegen auflehnen. Spätfolgen eines Niedergangs, der schon lange stattgefunden hat. Die Kolonialmacht Frankreich, mit ihren Eroberungen (Martinique, Guadeloupe, Französisch-Guyana?) und den größeren Brocken wie Algerien, Sahara, Quebec, alles Überreste aus einer Zeit des kolonialen Raffens, ist ebenfalls zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Andere europäische Mächte sind, eine nach der anderen, auf ihre heutigen Dimensionen zusammengeschnurrt: Österreich, Spanien, Holland, Belgien, Dänemark, Deutschland, Italien: es hat sie alle irgendwann erwischt.

Schluss mit Indien 
Wenn man genauer hinschaut, waren alle geografischen und politischen Veränderungen durch grausame Konflikte verursacht worden. Statt durch Hinzugewinne, zerbröselte alles immer mehr. Wir Europäer hatten immer wieder gerade noch genug Zeit, uns irgendwie anzupassen. Das gelang nicht immer. So blieben "unerledigte Aufgaben", an denen wir als "noch nicht Europäer" zu kauen haben. Dass Russland die Krim an sich gerissen hat, ist ein Beispiel kleineuropäischer Schwäche. Dass die Deutschen trotz ihres Reichtums Ostpreußen nicht zurückkaufen können, ein anderes. Es sieht so aus, müssten wir mit dem Ungemach, für das wir selbst verantwortlich sind, weiterleben.

Little Britain 
Europa, ein Kontinent der Friedhöfe und Denkmäler. Unser Fazit: wir müssen uns zu neuen Ufern zwingen. Aber wie? Die alles erschütternde Wahrheit ist, dass die Welt etwas von Europa erwartet, das es (noch?) nicht geben kann: Verabschiedung von Althergebrachtem, mutiges Vorwärtsschreiten zu einer neuen globalen Sichtweite. Die Gesellschaft funktioniert nur schwer. China, Indien, Brasilien laufen Europa schon längst den Rang ab. Als Merkel sagte, wir seien eine christlich-jüdische Wertegemeinschaft, hat sie gewiss nicht richtig getickt. Die Werte haben sich verändert: das Christliche ist am Verblassen, das Jüdische ist schwer einzuordnen, das Muslimische muss jetzt auch seinen Platz einnehmen, und unsere Gesellschaft muss sich öffnen können für neue Werte und Taten.

Das Neue 
Das Annähern an wertneutrale sexuelle Verhaltensweisen, homo-lesb-bi-un-sexuell, scheint jetzt angesagt, ohne, dass dramatische Stürme enstehen müssen. Das Sexempfinden anderer sollte total tabu sein. Der religiöse Bereich ebenso. Und ob nun jemand SPD, CDU oder liberal wählt, kann vergessen werden. Wo aber die Augenbraue unbedingt nach oben muss - das ist eine Charaktersache - ist bei rechtsanstößigem Gedankengut (AfD, CSU). Hier sind keine Scherze mehr möglich. Wertegemeinschaft, ja, Frau Merkel, aber lasst uns darüber friedlich streiten. Beleidugung bleibt Beleidigung.

   







Montag, 1. Januar 2018

Rudolf Nurejew - Erinnerungen.

Man kann nicht behaupten, er sei ein schöner Mann gewesen. Seine Beine waren ihm wichtiger. Für mich war Nurejew der größte Tänzer aller Zeiten. Neben Nijinski kannte man ohnehin keine Namen von Tänzern. Doch Nurejew, das Tatarenkind, ist in den Sechzigerjahren zum Weltstar des Balletts aufgestiegen. Seine Traumpartnerin: Margot Fonteyn. Als Junge war ich am Ballett genauso interessiert wie am Tanz in den Mai, nämlich garnicht. Allerdings verliebte ich mich einmal in eine Ballettratte, als ich in meinem Gymnasiastenleben auf ein Miniballett mit 4 Tänzerinnen stieß. Ich war nebenbei als Statist am Stadttheater Pforzheim "tätig" und verdiente pro Auftritt DM 6.-. Da musste ich mich verlieben.

Nurejew-Körper 
Wie kommt man von einem unschuldigen Ballett in einer Provinzstadt zum großen Meister Rudolf, der übrigens nicht nur mit Männern, sondern gelegentlich auch mit Frauen verbandelt war? Nicht über den Tanz. Außerdem hatte ich Nurejew logischerweise nie auf einer Bühne gesehen. Doch habe ich mir sagen lassen, dass er über ungeheures Charisma verfügte. Und, seine betont männliche Ausbuchtung an den zu eng anliegenden Hosen war oft eine Erwähnung in den Medien wert. Schließlich war er der einzige bekannte Weltstar des Tanzes, schon bevor er  in den Sechzigerjahren (1961?) in Paris auftauchte.



Meine Erinnerungen an den begabten Tänzer, der erkrankt und unglücklich an Aids starb, kann auf ganze fünf Minuten reduziert werden. Ich war gerade dabei, in Istanbul den berühmten Topkapi-Palast zu besichtigen, wo 400 Jahre lang die Sultane mit ihren Familien, Haremsdamen und Bediensteten wohnten. Interessiert hatte mich damals besonders der Harem. So viele hübsche Frauen, malerisch drapiert auf den sofa-ähnlichen Liegekissen: wer träumt nicht gelegentlich ganz orientalisch davon?



Da stand er plötzlich im Harem, ganz der Weltstar, mit gelbbraunen Halbstiefeln, in Begleitung zweier Damen. Nein, ich machte kein Foto und ich bat nicht um ein Autogramm. Solches habe ich nie getan. Sonst hätte ich vielleicht heute auch eine Unterschrift von Prinz Charles, der immer noch nicht König ist und es womöglich nicht mehr werden wird. Natürlich hätte ich kinderleicht auch ein Autogramm von Prinz Louis-Ferdinand von Preußen, dem Kaiserenkel, haben können. Das gemeinsame Mittagessen auf der Hohenzollernburg in Hechingen hätte mir dazu Gelegenheit gegeben. Nurejew hatte eine majestätische Haltung. Er schritt wie (ein Storch im Salat?) ein selbstbewusster Megastar.


Dann starb er und wurde bestattet, wo ich später gewohnt habe: in Levallois-Perret, im Norden von Paris. Ein hochbegabter Traumtänzer wie ihn heute keiner mehr kennt.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Sylvesterblog. Afrika. Indien.

Irgendwann muss ich in Afrika gewesen sein. Heute will ich mich erinnern. Mein noch nicht ganz volljähriges Töchterchen wollte Tropenärztin werden. Klug (wie sie immer noch ist), beschloss sie, sich Afrika erst einmal anzuschauen. Vater (ich), im höchsten Maße beunruhigt, denn es könnte sich um eine gefährliche Marotte handeln, zeigte sich vorsichtig optimistisch und beschloss, 10 Tage Urlaub zu nehmen um seine geliebte Tochter nach Kamerun zu begleiten.


Als wir durch Ngaundere liefen - es war unerträglich heiß und im Norden des Landes - setzte der Regen ein. Zur Regenzeit trägt man einen Schirm bei sich. Den spannte ich auf. Sofort wurden wir angesprochen, en mauvais francais. Bruder, gib mir deinen Schirm. Meine Antwort lautete etwa so: Bruder, ich habe zuhause 10 Kinder. Die brauchen ihn. Der Schirm war gerettet.


Um meine künftige Tropenärztin in den Urwald zu bringen, wo ich sie in einer Urwaldklinik für 3 Monate in die Obhut eines dunkelhäutigen Chefarztes geben sollte, heuerten wir ein Taxi an und machten einen Preis aus. Bei der Ankunft wollten die Fahrer jedoch mehr Geld haben, als ausgemacht war. Meine europäische Seele wurde wütend, während auf afrikanisher Seite nur der Wunsch herrschte, ein wenig mehr herauszuholen. Dabei blieb es dann. Mit der Zeit jedoch gewöhnte sich Töchterchen an den heißen Kontinent. Doch nach 2 Monaten kam ein Anruf aus Afrika: Vater, ich komme nach Hause. Es klang erschöpft.


In der Klinik musste sie hauptsächlich als Geburtshelferin dienen. Bis zu 8 Geburten an einem Tag. Die drei Monate waren dem zarten Töchterchen damals zuviel. Sie wickelte die Säuglinge in die mitgebrachten Tücher und entließ sie mit den Müttern in den Busch. So krass an die Rolle der Ärztin herangeführt zu werden, ist nicht Jedermanns Sache. Heute, als Vollblutchirurgin, weiß sie die afrikanischen Erfahrungen zu schätzen, zumal sie auch als Ärztin ohne Grenzen in der Afrikanischen Republik gearbeitet hat.

Einmal Indien und zurück
Am Vorabend des Rückfluges nach Paris und Straßburg, saß ich unglücklich im Hotel in Duala und weinte. Eine nicht ganz erwachsene Tochter alleine einem ungewissen Schicksal im Urwald zu überlassen, kommt  dem Rabenvater gleich. Sie hat es mir nie zum Vorwurf gemacht. Auch im Falle Island hatten wir nichts zu bereuen. Töchterchen, mit dem ich dort war, beschloss "eigenhändig", noch ein paar Wochen dranzuhängen und per Anhalter durchs Land zu fahren. Das war OK. Und in Indien verließen ihr Bruder und ich sie nach drei Wochen. Sie wollte sich ein Motorrad kaufen und damit durchs Land ziehen. Das konnte ich verhindern. Sie schloss sich dann einer englischen Medizinstudentin an, mit der sie per Bahn und Bus durchs Land zog.

Abenteuer: "Tropenmedizin" 
Man behauptet gerne, dass Männer die richtigen Abenteurer sind. Ich überlasse es jedem, dies selbst zu überprüfen. Ihr ältestes Töchterlein, kaum in ihren Zwanzigern, hat schon Kuba bereist. Wie exotisch ist das denn? Ich möchte endlich mal als Mädchen auf die Welt kommen.











Samstag, 30. Dezember 2017

Öffne dich, verdammtnochmal!

Das Jahr schließt gerade. Ein neues öffnet sich. Wir können nichts tun. Es geschieht einfach. Wieviele davon haben wir auf dem Buckel? Spielt das eine Rolle? Mit meiner Schwester in Amerika rede ich manchmal vertraut. Zuweilen tauschen wir alte Erlebnisse aus. Übers Telefon. Doch auch vor Donald Trump schrecken wir nicht zurück. Erlebnisse mit diesem Schreck haben wir gottseidank nicht. Wir sind uns einig, dass über diesen schwulstigen Unhold schon viel zu viel geredet wurde. Vor allem am Jahresende. Als hätte dieser Gnom überhaupt etwas geleistet. Nichteinmal die Mauer nach Mexiko hat er zustande gekriegt. Angeber und Blödmann. Und amerikanischer Präsident, immer noch.


Kim Jong Trump 

Fast wäre es wegen dieses Präsidenten schon zu einem Nuklearkonflikt gekommen. Das schwulstige  Gegenstück haust nämlich im nördlichen Teil Koreas, dessen südliche Hälfte mit Amerika verschwistert ist. Kim Jong Un oder so. Er ist juvenil, von der eher unintelligenten Art. Wir werden noch von ihm hören müssen. Ein globales Playerchen. Dem ganz großen Player aus Moskau scheint er auch nicht geheuer, sonst wäre es da schon zu symbolischen Verbrüderungen gekommen. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil der Jahreswechsel in Korea wegen Neumond am 17. Februar 2018 stattfindet, ein Umstand, mit dem sich nicht leicht umgehen lässt.

Chinesisch-koreanisch 
Was das Jahr 2018 sonst noch alles bieten wird, werden wir sehen, etwa in Deutschland, oder England wo Neuwahlen anstehen. In beiden Fällen sind Spekulationen mehr als angebracht. Obwohl, wenn man bedenkt, Angela würde nicht mehr antreten? Kaum zu glauben. Wobei ihre englische Kollegin, Theresa May, schon jetzt einen total zerschlissenen Eindruck macht.


Ach, könnte das neue Jahr sich ein wenig öffnen und uns verraten, was auf uns zukommt. Leider helfen uns die Jahresrückblicke des ausgehenden Jahres nicht. Nicht einmal die Schlittschuhweltmeisterschaften können da weiterhelfen. Sie nennen sich übrigens Eiskunstlaufmeisterschaften, sind nach Geschlechtern getrennt und fanden in diesem Jahr in Helsinki statt. Nächstes Jahr? Keine Ahnung.


Selbst in verrauchten Hinterzimmern, wo gelegentlich gepokert oder Politik gemacht wird, öffnet sich die Tür gelegentlich einen Spalt und gibt Vertraulichkeiten frei. Frau Müller, beispielsweise,  sitzt auf dem Schoß ihres Nachbarn, der schon etliche Gläser Wein intus und eine dicke Zigarre im Mund hat. Fritz Maiers Schlips ist total verrutscht (warum???) , und der Herr Pfarrer schielt bedenklich irgendwo hin. Dabei sollte gerade er, der seine Neujahrspredigt noch nicht einmal im Ansatz fertig hat, wenigstens jetzt aus sich herausgehen und über seine friedlichen Absichten sprechen.

Angela, Angela 
Von der Politik erwartet man es kaum, aber, nach einer guten Markklößchensuppe und ein paar Gläsern Wein sollte die gelockerte Zunge zu klaren Aussagen kommen, etwa so: Trump, die Mauer muss weg! Oder: Theresa May: du musst mehr essen. Angela: geh in Rente! Kim Jong Un: verpiss dich. Und, nochmal Trump: Wir brauchen dich nicht.












Freitag, 29. Dezember 2017

In mich hineingeschlunzt.

Woher das Wort Schlunz kommt, kann ich nicht sagen. Ein schwäbischer Freund benutzte es, um sein Gemisch aus Joghurt, Haferflocken, Zucker, Äpfeln und Rosinen zu definieren, das er als Frühstück zu sich nahm. Ein Landsmann half ihm dabei, denn auch er schlunzte gern zum Frühstück. Doch im Sauerländischen soll Schlunz so etwas wie ein unordentlicher Mensch sein, oder der schmutzige Rückstand einer chemischen Mischung. Also auf alle Fälle etwas Schmuddeliges.

Schlunz? 
Schlönzken wäre demnach ein verdrecktes Kind, wobei das Wort Schlönzken etwas durchaus Liebevolles ausstrahlt. Bei den Schwaben, so konnte ich feststellen, wurde Schlunz als etwas leicht Undefinierbares eingestuft, ja, sogar, herabgestuft. Dennoch, wenn der Schlunz in der Schüssel prangte, trat allgmeine Zufriedenheit und essbereite Stille ein.

Schlönzken 
Mein Junggesellenleben war dadurch geprägt. Stolz zeigte ich meine Schlunze den jeweiligen Freundinnen, die ich gelegentlich aufgegabelt hatte. Keine unter ihnen hat je ein gutes Wort darüber fallen lassen, geschweige denn, davon probiert. Ich muss deshalb den Schlunz , der übrigens mit dem Löffel gegessen wird, als etwas Verwerfliches einstufen, etwas, über das nicht gern geredet wird. Dennoch haben meine Nachkommen den Schlunz diskret in ihr Lebensvokabular aufgenommen.

Gerade biegt Cath mit einem wohlriechenden Teller Spaghettikrem mit Spinat auf, also einer grünlichen Masse mit Knoblauchgeschmack, die ich als Spinoschlunz bezeichnen würde, aber ich werde ja nicht gefragt. Cath hat verstanden, dass ich heute in Schlunzstimmung bin. Der grüne Teller wird an mir vorbeigetragen und genüßlich verzehrt. Farblich nicht uninteressant.

Rötlicher Schlunz 
Mein Schlunz besteht aus folgenden Nahrungsteilen: Quark, jede Menge. Brauner Rohrzucker. Eine Prise Zimt. Winzige Apfelstückchen. Zerkleinerte Trockenfeigen. Pinienkerne. Das Ganze gut umgerührt. Ein herrlicher Schlunz. Eventuell schiefe Blicke lasse ich an mir herunterprallen. Jede Art von Kritik oder Missgunst wird gelangweilt abgewiesen.


Während sich der Kautabak etwas überlebt hat - gerollte Tabakblätter werden auch Schlunz genannt - wird seit dem 14. Jahrhundert das Unordentliche ganz allgemein als Schlunz bezeichnet. Das soll auch weiterhin so bleiben. Auf ein schlunziges neues Jahr!


Donnerstag, 28. Dezember 2017

Mein persönlicher Skandal des Jahres.

Wenn ich mich an die Bilder halte, von denen ich tausende in meinem Archiv habe, kommen Dinge zutage, die ich gerne erwähnen möchte. Das Wort Skandal scheint mir jedoch stark übertrieben. Dennoch streift es kinderleicht alle Bereiche des Lebens. Vielleicht schaffe ich es, diesen unsäglichen Donald Trump, ein Fantast und Lügenbaron (immerhin), mal außen vor zu lassen. Dieses Beispiel für irrlichternde Albernheit ist einfach zu billig.

Einfach zu billig? 

Gehe ich meine Bilder durch, so stößt mir jetzt allerhand auf. Teetrinken kann epidemische Dimensionen annehmen. Der britische Klan war zu Besuch. Da hätte auch die betagte Königin ihre Schleußen geöffnet. Berge von aufgebrauchten Teebeuteln, wo anders gibt es denn das? Es ist bezeichnend, dass der amerikanische Wunderpräsident (er wurde von Amerikanern gewählt) noch nie einen Haufen solcher Beutel vor sich hatte. Es wäre der größte Haufen aller Zeiten gewesen.

Größter Haufen Teebeutel 
In diesem Jahr haben wir zum erstenmal große Mengen Mangos gegessen. Über Jahre hinweg waren diese Früchte, die ich zuerst in Indien fand, nur in Indien schmackhaft, wenn sie reif waren. Als Import aus Brasilien, Israel oder Venezuela waren sie hart und faserig. Jetzt kann man die Faserfreien nachreifen lassen. Ihr fruchtiges Fleisch, zitronengelb, schmeckt plötzlich allen. Wir sind Mangofans geworden.

Mangos 
Der Jüngling David von Michelangelo residiert in Florenz. Wo sonst? Neben dem weiblichen Gegenstück Aphrodite hält er den Betrachter in aufreizender Weise in Bann. Manche, nicht nur Männer, preisen seine Wohlgestalt, betrachten ihn verklärt und müssen immer wieder hin zum Schönling. Auch wir taten es in diesem Jahr wieder. Warum, wissen wir auch nicht.


Ganz schön ebenmäßig, der David! 
Was sich in diesem Jahr, vermutlich weltweit, durchgesetzt hat, ist der Mann für den Mann. Es darf gleichgeschlechtlich geheiratet werden. Unerhört. Davor geschah so etwas nichteinmal heimlich. Haben wir es hier mit einem echten Fortschritt zu tun, auf den wir lange warten mussten? Oder ist es nur eine häufig auftretende Verwechslung? Bei den Frauen hat man so etwas schon lange befürchtet. Aber, unter Männern?


Inzwischen gibt es mehrere Väter, die eigentlich Mütter sind, denn sie haben erfolgreich Kinder geboren. Ich vermute, dass diese Väter einmal weiblich waren und im Zustand der Schwangerschaft das Geschlecht gewechselt haben. Wenn dann der Ehepartner das gegenüberliegende Geschlecht annimmt, stimmt die Familie wieder. Mit all diesen Seltsamkeiten haben wir das Gebiet der Skandalgeschichten längst verlassen. Aber wundern dürfen wir uns immer noch.

2017, das Jahr des Staunens