Mittwoch, 27. Dezember 2017

Drei Sterne Schmaus

Er hat gerade einen von drei Michelin-Sternen verloren. Alle würden jetzt sagen: immerhin habe ich noch zwei. Doch, wer mal drei hatte, kann sich mit zwei Sternen nicht mehr zufrieden geben. Das ist wie Kartoffelsalat ohne Würstchen. Man ist (mit sich und vielleicht mit den Essenstestern) unzufrieden. Die Firma Michelin kann unerbittlich sein. Als geborener Feinschmecker (meine Mama sagte das) braucht man diese Sterne nicht. Der Gaumen sagt dir, was los ist. Bei mir kam als Kind ein besonderes Lächeln hinzu, ein Dreisternelächeln, das für meine Mami eine untrügliche Richtschnur war.


Dann kam die Zeit, wo ich selbst verdiente und mir auch gelegentlich ein besonderes Gasthaus gönnte. Im Elsaß war es ein Dreisterneresto, über das ich schon viel Gutes gehört hatte. Cath und ich gingen hin, das Gefühl der Mulmigkeit hätte uns warnen sollen. Wir wurden hochnäsig behandelt, und das Essen war eine Katastrophe. Wer jedoch dem Hörensagen folgt, seiner Neugier freien Lauf läßt, der kann auch echt gute Überraschungen erleben. Diesesmal schmeckte es so gut, dass ich den Chef in ein Gespräch verwickelte. Haben sie jemals daran gedacht, einen Michelin-Stern anzustreben? fragte ich ihn. Warum?, fragte er zurück, mein Haus ist immer voll und die Sterne müssen immer neu erobert werden. Ein gesunder Standpunkt.


Wer den Sternezwang abgeschüttelt hat und trotzdem ehrgeizig und gut ist, kann frei drauflosballern, denn der Mensch liebt die Abwechslung und nicht so sehr althergebrachtes Ritual. Wenn ich Chef wäre, würden mir die verklärten Augen meiner Esser genügen. Die Segnungen eines strengen Vereins sind da nicht so wichtig. Ein britischer Kritiker tadelte neulich eines der ersten Häuser um die Champs-Elysées, dreifach besternt natürlich, als überkandidelt, sauteuer und alles andere als gut. Das kann passieren, wenn engstirnige Lobeshymnen den Sinn vernebeln. Die verdiente Kritik (ich kannte das Restaurant aus den "guten Zeiten") ist dann total und für immer unausrottbar.


Andererseits, wenn ich ein kochendes Mäuschen wäre, würde ich eine Reihe von Vorschlägen machen, die kaum sternefähig wären mir aber ungemein schmecken würden:
Vorspeisen: -ein klares Hühnersüppchen mit selbstgemachten Nüdelchen (Schnittlauch nicht vergessen)  -oder Mausöhrchen, mit frisch gebratener Gänseleber, gedämpfter Apfelschnitte, ein paar Tropfen Balsamico und Nussöl.
                   -oder, vegetarisch: Kürbissüppchen mit Dill und Petersilie.
Hauptgang: -knusprige Entenschlegel in Orangensoße, Kartoffelschnee oder Schupfnudeln.
                    -oder: Griesnockerl mit buttergedämpften Mangostücken.
Nachspeise: -dazu will ich nichts sagen.
Der Wein:   -ein badischer Weißwein, Riesling Spätlese von Angelika Kimmig, Tiergarten, oder
                   -ein Klevner-Traminer aus Durbach.


Ihn hole ich jetzt aus dem Kühlschrank, denn die Flasche wartet da schon, während Cath sich sicherlich wieder an ihrem roten Ullenburg zu schaffen macht.


Prosit Neujahr!



Dienstag, 26. Dezember 2017

Nichts ist schwerer zu ertragen

als eine Reihe von Feiertagen. So, oder irgendwie ähnlich lautet der Spruch. Viel zu ernst, als dass er von Wilhelm Busch sein könnte.  Was mich dieser Tage mit Neugier belastete, war die Entdeckung, dass ganz viele, um nicht zu sagen, alle, die in den Jahren 1930-1940 interessante Karrieren hatten, der NSDAP angehörten. Sogar mein äußerst integrer Onkel, der in München Professor war. Ich wollte es genau wissen, hatte auch seine Assistentin gekannt, die als erste Frau auf seinem Lehrstuhl nachrückte, und kam zu dieser Erkenntnis, weil Google bei den Biografien jener Zeit hinzufügte: diese Person war Mitglied der NSDAP, wenn dies zutraf. Für die ganz Jungen: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.


Ich ging der Sache nach, bis ich herausfand, dass man der Nazipartei beitrat, weil es sonst keine berufliche Laufbahn gegeben hätte. Also, nur wenn man in die Partei eintrat, ging es beruflich weiter. Deshalb mussten so viele Menschen sich nach dem Krieg auch entnazifizieren lassen. Meine geliebte Tante, eine bekannte Kratzbürste und Autorität auf ihrem Gebiet, sie war Ernährungsspezialistin, hielt nützliche Vorträge über sinnvolle moderne Ernährung, war selbstverständlich nicht in der Partei und hat niemals Heil Hitler gerufen, muss den Nazis irgendwie Achtung eingeflößt haben. Mit einem Bein im Gefängnis, schaffte sie es sogar, jüdische Freunde und Freundinnen klug zu beraten. Genaueres habe ich nicht erfahren.

Mutiges Tantchen! 
Als Direktorin einer Mädchenschule hielt sie ihre Ernährungsvorträge vor Frauen, die es nötig hatten.
Diese Frauen waren alle igendwie nationalsozialistisch zusammengefasst. Meinem Tantchen war das egal. Sie musste auch nicht mühevoll entnazifiziert werden, da sie der Partei nicht angehörte. Bürokraten haben jedoch nach dem Krieg dafür gesorgt, dass sie fast ein Jahr nicht arbeiten durfte, weil sie angeblich dem Naziregime diente. Der Erlass des zuständigen Kultusministeriums, als es ihr die Neuzulassung mitteilte, formulierte es so: Die (Familienname, ohne Titel) kann ab dem (Datum) ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Als ich diesen Brief in den Sachen meiner Tante vorfand, fühlte ich ganz stark, dass ich diesen Bürokraten hätte ermorden sollen. Doch war .nicht (nur) er, sondern das ganze schreckliche System daran schuld.
Bürokraten. 
Beamtentum, das es in vielen Ländern garnicht gibt, geht leicht mit der Verachtung des Menschen einher. Gehorsam und Untertanentum sind ein wichtiger Bestandteil dieses "Tums". Das wissen wir. Warum jedoch nicht gleichzeitig menschlicher Ungehorsam und störrischer Mut entwickelt werden, ist unverständlich. Meine Sympathie gehört zuerst einmal dem, der nicht alles einfach hinnimmt, sondern sich seine Entscheidungsfreiheit bewahrt. Wir wollen in Würde leben und keine trotteligen Würdenträger werden, denn dafür ist das Leben zu kurz.

New Year 2018 
Die Reihe von Feiertagen, die uns verdient oder unverdient aufgebürdet wird, sind also ganz einfach zu ertragen: Ruhe, Frieden, Sattheit (dazu ein gutes Glas Wein), Liebe im Überfluss, Schlafen und Frühstücken, das alles, bei bedingungsloser Wahrung der Menschenwürde und gelegentlichem Abschalten des Fernsehgerätes, bringt uns dem geruhsamen Jahresende deutlich näher. Wenn dann noch regelmäßige Spaziergänge hinzukommen, kann dem Jahr 2018 gnadenlos ins Auge geschaut werden.







Sonntag, 24. Dezember 2017

Bethlehem, nur nicht hochmütig werden.

Also, das Fest kommt wie auf dem letzten Drücker daher. Das ist immer so. Der Advent stimmt dich ein in die Tage voller Stille, Besinnung und Einkehr. Ein paar Geschenke gehören auch dazu, und, in Mitteleuropa, der zeitweilige Stillstand des Straßenverkehrs. Alles recht wohltuend. Der Baum wurde dieses Mal im tiefen Schwarzwald ausgsucht. Von der Bäuerin gab es dann noch herzhaft Linzertorte.


Man denkt an die Verstorbenen. Der Grabstein meiner geliebten Eltern war plötzlich verschwunden. 25 Jahre wurde das Grab gepflegt. Dann hatte die Friedhofsverwaltung in Pforzheim meine Adresse (wahrscheinlich Paris) nicht mehr. Als ich sie (die Eltern) besuchen wollte, war der Stein weg. Der Schmerz sitzt heute noch tief. Ich stelle mir das Leid der Flüchtlinge vor, die alles und alle hinter  sich lassen mussten. Ein Zurück kennen sie nicht. Abschiede sind für immer. Ist Weihnachten das Fest dafür? Es versöhnt und bringt näher.

Jascha mit Bäumchen 
Als ich in Bethlehem war und die angebliche Geburtsstätte von Jesus sah, konnte ich keine Beziehung zur wohlhabenden Krippe bei meinen Eltern herstellen. Das eine ist Kindheit Deutschland, das andere eine Fabelwelt, in der man nicht leben möchte. Beides kommt und geht. Die Armut wächst jedoch ständig. Dennoch finden wir unzählige Dinge, die als Geschenke herhalten müssen, obwohl man sie nicht braucht. Der Stress ließe sich besser meistern, wenn Weihnachten sich nicht in eine Geben/Nehmen-Orgie ausgeartet hätte. Das Kind in der Krippe ist zur Nebensache geworden. An den Heilsbringer glaubt keiner mehr.



Man denkt auch an die Freunde, von denen viele weit weg sind, zu denen man den Kontakt verloren hat. Man musste sie aufgeben, irgendwann. Und die vielen, die man sich hat bewahren können. Mit denen möchte man zusammen sein, unterm Weihnachtsbaum stehen und singen. Allen, die freundschaftliche Gefühle für mich hegen und allen, derer ich liebevoll gedenke, überall in der Welt, wünsche ich gute christliche, muslimische, buddhistische und andersweitige Weihnachten und ein gutes, gutes neues Jahr. wolfgangundsoweiter.blogspot.com  💙💙💙

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Werden wir es nie los?

Da schaut man sich im Internet einen alten Herrn an, der über 90 ist, als deutscher Jude dann Amerikaner und Soldat geworden ist. Als GI konnte er am Kriegsende einen Gastwirt verhaften, der ihn in der Zeit der Nazis an das Regime ausgeliefert hatte. Heute sagt er nur noch: ich habe keine Angst vor Nazis. Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Doch der Unterschied ist, dass ich weder Jude bin, noch aus einer Nazifamilie stamme. Da hat man gut reden.


Viele Opfer des Dritten Reiches, wenn sie überlebten, haben es vorgezogen, ihre Peiniger zu verachten, statt sie zur Verantwortung zu ziehen. Schweigen über das Ganze zu breiten, statt Rache zu üben. Aus purer Angst mögen manche damals mitgemacht haben, anderen Menschen Furcht einzujagen. Eine heuchlerische Verhaltensweise, die große Verachtung verdient, weil sie jeden Anstand und Charakter vermissen lässt. Als Kind kannte ich eine junge Frau, sie hieß Lydia, eine stramme Nazidame, die keine Gelegenheit ausließ, den Arm zu heben und Heil Hitler zu rufen. Damit hat sie andere ganz schön unter Druck gesetzt. Dann fuhren französische Marokkaner durch unsere Straße. Der Krieg war verloren, und Lydia stand (angstvoll?) an der Straße, streute als einzige Blumen auf die Panzer und begrüßte den ehemaligen Feind in ihrem besten Sonntagskleid. Später, kein Wort mehr über Nazikram und Blumen. Etwa so: Was war ich doch für eine blöde Nazikuh.



Was mich immer etwas beschämt hat, war die Selbstverständlichkeit, mit der man sich weder für die Leiden der Überlebenden zu interessieren schien, noch für die Schicksale von Menschen, die man sehr wohl kannte. War es Scham?, schlechtes Gewissen? Von Mama weiß ich, dass sie monatelang nicht mehr in unseren ehemaligen Luftschutzkeller ging und auch keine Geschichten über Nazis hören wollte. Der Krieg hatte alle zermürbt, sie anfällig für traurige Begebenheiten gemacht. Begegnungen mit Ausländern wurden schüchtern, oft wortkarg überstanden. Leichtigkeit und Freude kam selten auf.

Völkermosaik??? 
Dabei haben die reisefreudigen Deutschen, wenn sie zu Geld gekommen waren und andere Länder entdecken konnten, oft den gebotenen Takt nicht mitgebracht. Sie waren schnell als neureiche Piefkes verschrien. Großkotzig und rechthaberisch. Erst mit Merkel und ihrer ehrlichen Gastfreundschaft gegenüber hilfesuchenden Migranten hat sich das Blatt gewendet. Bescheidenheit und ein gewisses Maß an Demut packte uns. Wir wurden als "normal" angesehen. Jetzt müssen wir nach Erklärungen dafür suchen, dass viele scheinbar rechtspopulistisch denken. Für mich liegt diese Erklärung in unserer Vergangenheit. Nicht eine Angela Merkel ist für diese Entwicklung verantwortlich, sondern wir selbst, die wir nicht glauben können, dass wir nichts beonderes sind, sondern nur ein leicht schillerndes Teilchen in einem Völkermosaik, das nie vollendet wird.










Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ja wer kommt denn da?

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, weil wir alle Brüder und auch Menschen sind. Im Wust der appetitanregenden Werbung, hysterisch aufgemotzt durch Klingeling, fällt es uns schwer, die Stimmung für Weihnachten so richtig aufkommen zu lassen. Gut, das traditionelle Gebäck - manche nennen es Bredle - scheint das beste am Fest zu sein. Kinder können nicht genug davon bekommen. Vater klaute es für uns aus den Kartons auf dem Bücherschrank, der für uns zu hoch war. Das musste heimlich geschehen. Mutter merkte es natürlich und ließ es geschehen.


Der mütterliche Triumph, am Heiligabend unterm Baum, war die große Schale mit allen 20 Sorten, die meine Erinnerung nicht mehr auflisten kann. Wir durften nach Herzenslust danach greifen. Spritzgebackenes, Hildabredle, Zimtsterne, Anisplätzchen, Zuckerbrezeln, Lebkuchen, Heidesand, usw. Ich bin sicher, das Wesentliche vergessen zu haben. So  geht es mit den Kindheitserinnerungen. Nur ganz selten weckt sie ein Geruch oder eine Bemerkung, vielleicht eine bestimmte Situation. Der Duft von frischem Brot in der Backstube eines echten Bäckers, wer kennt und liebt ihn nicht?


Der Krieg war dann allen egal. Man lebte in der Illusion, feindliche Flugzeuge würden am Weihnachtstag keine Bomben abwerfen. Noch heute weiß ich nicht, ob es eine sogenannte Weihnachtskarenz gab. Eine Art verschämtes Innehalten aus Rücksicht auf das Fest. Auch das Kerzenlicht musste drinnenbleiben, wegen der allgemeinen Verdunkelung. Der Kriegsgegner war zwar unberechenbar, aber die vielen Kinder sollten wenigstens einmal im Jahr in Ruhe die Stille (der) Nacht erleben können.


Vom Himmel hoch hatte schon einen fatalen Klang. Alles Gute kommt von oben, auch. Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei sangen die Optimisten, bitterer Zusatz: am ersten Dezember gibt's wieder ein Ei. Das war ein klarer Hinweis auf die kriegsbedingte Notlage und kommende Hungersnot. Da lernten Hausfrauen, aus Karotten und Sirup eine schmackhafte Rüblitorte zu machen. Der Kaffee wurde zum Muckefuck und hatte mit dem modernen Pubertätsgetue Fuck the Police nichts zu tun.


Warten aufs Christkind: wie geht das? Dürfen wir uns freuen? Ändert sich nichts im wohlbekannten Alltag? Wer bereit ist, zu lernen und sich an die kindliche Vorfreude von einst erinnert, kann sich so etwas wie ein stilles, friedliches, menschenfreundliches Fest vorstellen, das auch ohne rührend-romantische Verschwuchtelungen auskommt. Ein freundliches Lächeln, ein wenig mehr als die übliche Hilfsbereitschaft, ein gutes Wort, und schon ist Weihnachten.








Dienstag, 19. Dezember 2017

Ein Haarschnitt wie jeder andere.

Mein Opa hatte einen Friseur, der zu ihm nach Hause kam, seine Haare schnitt, den Bart trimmte und die neuesten Geschichten über den Gang der Welt und unserer Stadt erzählte. Sein Beruf, seine Jahre und sein Herumkommen in den verschiedenen Familien und Häusern hatte aus seinem Gesicht so etwas wie die Summe aus allem gemacht. Humor kannte er nicht. Nur trockenes Kommentieren der Schlechtheit der Welt. Warum Opa diesen versäuerten Figaro immer auf mich losließ, wenn ich bei den geliebten Großeltern in Ferien war, verstehe ich noch heute nicht.


Der Friseur tat seine Pflicht, wie andere das Schlachten von Haustieren unternahmen, lustlos und mit einem Fluch auf den Lippen. Nicht weit von unserem Elternhaus gab es einen jungen Friseur, der meine Angst sofort auffing, indem er mir sagte, sein Vorname sei auch Wolfgang. Damit war ich gewonnen. Er hatte auch bemerkt, dass sich auf meinem Köpfchen fünf verschiedene Haarwirbel tummelten,  die ich bis heute nicht losgeworden bin. Er bemühte sich, diese Wirbel beim Haarschnitt so unsichtbar wie möglich werden zu lassen.

Ein Fünfwirbler 
Dann wurde ich erwachsen. Meine ersten Semester verbrachte ich in Heidelberg, wo ein älterer Herr für Studenten einen Sonderpreis von 80 Pfennigen machte. Die Art, wie er mit der Schere von oben auf den Kopf zustieß, machte Angst. Er hätte ums Haar die Kopfhaut verletzen können. Man sah die Gefahr im Spiegel. Das scheinbar wütende Niedersäbeln mit der Schere. Man ging nur zu ihm, wenn man nicht mehr als 80 Pfennige in der Tasche hatte.

Keine Wirbel? 
Dann kam das richtige Leben mit Ortswechseln und der entsprechenden Suche nach einem passenden Haarschnitt. Um es kurz zu machen: Mein Aufenthalt in Paris, fast 2 Jahre, führte dazu, dass ich dort nie zum Friseur ging. Ich fand immer eine andere Lösung. Zur Not ließ ich das Haar wachsen, bis man eindeutige Bemerkungen machte. Nur in Zypern, wo ich auf der türkischen Seite 2 Jahre verbrachte, wurde ich friseurmäßig glücklich. Der junge Haarschneider feierte jeden Haargast wie einen persönlichen Triumpf. Er schnitt bei laufendem Fernseher und offener Tür, sodass er sich beim Schneiden mit vorbeigehenden Bekannten auf der Straße unterhalten konnte. Was ich besonders liebte, war sein Abflämmen der feinen Härchen am Ohr mit einer brennenden Kerze, was garnicht wehtat.

Haarschnitt bei Industry 
Drei Jahre Wien überspringe ich. Nur Cath hat daran gute Erinnerungen, was sie bei einem neuerlichen Kurzbesuch wieder in den Salon beim Dom führte. Doch die beiden letzten Jahre wurden in Yorkshire verbracht. Dort, in Haworth, gibt es einen unscheinbaren Laden, der sich Industry nennt. Meine angeborene Abneigung gegen den professionellen Haarschnitt hörte bei Industry auf: Drei (noch) junge Männer in äußerst einfacher Umgebung, nehmen den Kunden ernst. Sie bemühen sich, ihre handwerkliche Kunst voll zum Einsatz zu bringen, indem sie dich über Gott und die Welt unterhalten. Nur ein glücklicher Kunde ist ein guter Kunde. Doch glücklich als Haarkunde bin ich, weil Cath in der allergrößten Not die Schere selbst in die Hand zu nehmen weiß.








Montag, 18. Dezember 2017

England - Black Forest an einem Tag.

Nein, es müssen 2 Tage gewesen sein: Abreise mit dem Auto, gestern, in Yorkshire. Wir luden das Auto voll, denn so bald werden wir nicht zurückkommen. Kleider, Schuhe, Bücher, halt all den Kram, den wir für die nächste Zeit benötigen. Außerdem steht Weihnachten vor der Tür. In Hull wartete die Pride of Bruges auf uns, die Fähre, die abwechselnd mit der Pride of Hull, Auto - und Busreisende über Nacht nach Seebrügge bringt. Und irgendwann wieder zurück.


Am Abend geht es los. Dann nehmen viele schon an der Bar ein Bier oder einen Gin&Tonic. Ein mäßig begabter Sänger begleitet, ebenfalls mäßig, sich selbst mit einer Guitarre. Es kommt Gemütlichkeit auf, die ersten, oft schwergewichtigen Seefahrer suchen hoffnungsfroh nach einem Platz um sich zu stärken. Die Teller sind dann meist randgefüllt. Die Flasche Rosé aus Frankreich passt gut dazu. So etwas Leichtes und Verdauliches haben Cath und ich schon lange nicht mehr mehr getrunken.


Der wohlverdiente Gang zum Bett, Cath muss auf die Leiter steigen, ich darf unten bleiben, erfolgte ohne besondere Aufforderung. Das Schiff befindet sich schon lange auf hoher See, den Wellenschlag merkt man so gut wie nicht. Um die 500 Autos sind an Bord der Fähre. Das muss man sich vorstellen. Alle mit angezogener Handbremse. Freundliches asiatisches Personal, darunter ein junger Mann, der aus roten und grünen Servietten eine Rose zwirbelt, die er stolz den Damen überreicht.


Der Morgen ist für mich immer grauenvoll. Eine Lautsprecherdame mit holländischem Akzent sagt in drei Sprachen Guten Morgen und weist darauf hin, dass die Fähre in einer Stunde zu verlassen ist. Also Frühstück mit rätselhaftem Kaffee, zurück in die Kabine, alle Habseligkeiten ins Unterdeck, wo die Autos warten. Motor erst anlassen, wenn aufgefordert. Langsam in Richtung Grenzkontrolle: EU-Bürger links, andere rechts. Wartezeit: mäßig.


Dann beginnt der Verkehr auf der rechten Seite. Man hat immer noch nicht verstanden, warum im Königreich der Verkehr andersherum läuft. Ist die Königin daran schuld? Krampft sich das ehemalige Weltreich an Regeln, die es nicht mehr gibt? Australien soll ja ein ganzer Kontinent mit Linksverkehr sein. Wir schaffen es dann bis Luxemburg, ohne zu tanken und zu essen. Im Geiste (nur im Geiste) sehen wir die geliebten Berge des Schwarzwaldes. Doch bis nach Straßburg rollt alles noch unbeschwert. Dann sehen wir sie, die beschneiten Berge hinter unserem Haus. Um es kurz zu machen: Heizung hochdrehen, Koffer aus dem Wagen, ein Glas Bier, und hinauf in die Betten. Was dann geschieht, ist der Schlaf der Gerechten.

Freitag, 15. Dezember 2017

Pechschwarze Nacht

Nacht ist die Steigerung von Dunkel. Wer geistig umnachtet ist, sieht schwarz. Wenn der Winter kommt, bestimmen die Raben, was hell und was dunkel ist. Das Dunkel kommt nicht nur, es bricht herein. Rabenschwarz ist die Nacht. Sie dauert ihre Zeit. Ist Weihnachten deshalb unser Lichterfest?


Ein riesiger Versuch, das Dunkel zu besiegen? Kinder leiden sehr an dieser Nacht. Brennende Kerzen lassen der Nacht das Dunkel. Wer sich hineinbegibt, benötigt die Hoffnung auf Helle. Licht ist also das Warten auf das Ende der Nacht. A Long Day's Journey Into Night. Eugene O'Neill. Eines langen Tages Reise in die Nacht. Geschrieben während des Krieges, öffentlich aufgeführt 1956, zeigt dieses amerikaniche Theaterstück scheue Liebe und Bitterkeit im Alltagsleben einer von Drogen abhängigen Familie.


Viele haben versucht, Licht in das Dunkel zu bringen. Es geht nicht. Wir müssen warten, bis es wieder hell wird. O'Neills Stück führt alle an den Abgrund, in einer suggestiven Art. Doch der 21. Dezember ist der Tag der Wintersonnenwende. Der kürzeste Tag im Jahr. Ab dann wird es wieder heller. Jeden Tag ein paar Minuten.


Auch die Wintersonnenwende hat ihre Symbolitk und wird entsprechend gefeiert. Die Sonne erreicht da am Mittag den höchsten Punkt über dem Horizont. Doch nur auf der nördlichen Halbkugel. Und nur, wenn sie will. Wir kennen ja das Wetter um diese Zeit. Licht und Feuerfeste gibt es immer noch, wohl aus germanischen oder keltischen Zeiten.

Paradies im Licht mit dunklen Schatten 
 Es gab Spekulationen, die wissen wollten, ob und wie man riesige Spiegel an den Himmel setzt, um für die Menschen den Bedarf an Licht zu decken. Wenn Krösusse wie Donald Trump solches untermähmen, hätten sie etliche Anhänger. Weil der Mensch auch im Winter gerne Licht sieht. Doch, was hat ein Reicher davon? Der kann sich doch die teuerste Taschenlampe der Welt leisten. Und wir anderen, die Licht suchenden, wir pfeifen auf solche Kinkerlitzchen und warten, bis die Sommersonnenwende anbricht. Das wäre dann der 21. 22. oder 23. Juni des kommenden Jahres.

Dichterfürst 
Was hat unser Dichter, Johann Wolfgang von Goethe eigentlich gemeint, als er im Sterben lag? Mehr Licht, soll er gesagt haben. Wusste er nicht, dass man bei dieser einmaligen Gelegenheit durch ein helles Tor geht?








Donnerstag, 14. Dezember 2017

Wien, immer wieder schön.

In Erinnerungen schwelgen, das wollten wir,  und Freunde treffen, das taten wir. Drei Jahre lebten wir in der Wiener Blutgasse Nummer 9, gleich hinter dem Stephansdom. Viele schöne Erinnerungen blieben hängen. Die Vampirin Elisabeth Bathory soll hier gewohnt haben, vor 400 Jahren. Sie war reich, heiratete mit 15 einen Herrn, der erst 19 war. Das könnte in etwa stimmen.

Üppig, üppig. 
Das meiste, das man von ihr behauptet, kann jedoch nicht stimmen. Doch die Menschheit liebt Horrorgeschichten. Sie gilt als die größte Massenkillerin aller Zeiten. Über 650 junge Frauen und Mädchen soll sie abgemurkst haben. Sie badete ihn deren Blut, weil sie hoffte, dadurch jung zu bleiben. Die Blutgasse trägt ihren Namen. Das Haus Nummer 9 hat Stiegen, die die Mordgräfin durchaus hätten wendeltreppen lassen können. Besucher unserer schönen Wohnung liebten das leichte Gruseln, das wir durch unseren Hinweis verursachten.

Blutgasse, Eingang links 
Zwei Filme schildern ihre Geschichte: Les comptes immoraux und Die Blutgräfin. Wobei die Schönheit des Todes in Wien immer schon ein Thema war. Ich erinnere micht an ein Büchlein: Der Tod muss ein Wiener sein. Unser  Freund, dessen 50sten Geburtstag wir mitzufeiern eingeladen waren, hatte den Ort so gewählt, dass wir mit der Straßenbahn bis zum Zentralfriedhof fahren  mussten.

Hofburg 
Trotz strenger Kälte, durften wir auch in die Sonne blinzeln. Ansonsten hat der Ruch einer teuren Stadt das schöne Wien längst erreicht. Dann das morbide Verhaften in der Vergangenheit, woran kann man es sehen? An den dekorativen Fassaden? An den gemütlich ältlichen Cafés? An den Hinterhöfen? Nun, Wien hat etwas. Man liebt dieses Pflaster sofort. Beim Vorbeigehen in der Blutgasse entdeckte ich noch an der Klingel unsere Namen, die wir vor 2 Jahren zurückgelassen haben. Ich entfernte sie, sonst wäre vieleicht jemand auf den Gedanken gekommen, eine jener rätselhaften Geschichten zu erfinden, bei denen über 600 Opfer ihr schönes Leben verlieren mussten, nur um neues Grauen entstehen zu lassen. Der Dritte Mann muss für Wien schlimm genug gewesen sein.


Früh morgens verließen wir die Stadt, irgendwie Ungemach fürchtend, das sich jedoch nicht einstellte. Der Flug war pünktlich. Die Toiletten, die wir nie aufsuchten, waren wohl in Ordnung. Von oben konnte man einen leichten weißen Schleier beobachten, der sich über die Landschaft gelegt hatte. Schnee, der uns auch in Manchester erwartete, jedoch in hauchdünner Ausgabe. Winter eben.






Montag, 11. Dezember 2017

Wien, eiskalt.

Es ist üblich, dass in der ersten Dezemberhälfte in Wien und anderswo Kältegrade herrschen können. Wer zuhause bleibt, in der beheizten Wohnung, hat es da immer gut. Wer aber - wie Cath und ich - gerade aus England ankommt, in Wien für ein paar Tage eine Wohnung mietet, der sehe sich vor. Die Vermieterin gab uns 2 Paare Schlüssel, einen für die Haustür, und einen für die Wohnungstür. Doch das eine Paar war kein Paar sondern ein Einzelschlüssel.

Verloren in Wien 
Dann nahm das Unglück seinen Lauf. Cath ruhte aus, ich nahm einen Einkaufsbeutel, den Schlüssel und begab mich zu einem Laden, wo Milch, Butter, Brot und Bier gekauft wurden. Als ich zur Pillergasse zurück kam, vermutete ich, dass unsere Wohnung No.15 oder so war. War sie jedoch nicht. Der Schlüssel war auch nicht der Haus- sondern der Wohnungsschlüssel, mit dem ich nicht in ein Haus kam. Meine Verwirrung steigerte sich, nachdem ich 20 Minuten lang dem eiskalten Wind widerstanden und den richtigen Hauseingang immer noch nicht gefunden hatte.

Der richtige Hauseingang? 
Mit klammen Fingern suchte ich mein Mobilfon, fand es, und versuchte, Cath in der Wohnung anzurufen. Ihre Nummer musste ich gespeichert haben. Inzwischen war auch mein Gedächtnis klamm, ich konnte mich nicht erinnern, welche Wohnung es war, und wie ich zur warm und kuschelig untergebrachten Cath kommen konnte, zumal meine Finger inzwischen kleinen Eisstäbchen ähnelten.

Nach 2 Stunden gab ich schlotternd auf und fand ein Taxi, das mich zu einer Polizeiwache brachte. Der Jungpolizist muss nicht sofort begriffen haben, welche Lebensaufgabe da neu auf ihn zu kam. Entgeistert starrte er mich an, als ich ihn fragte, ob die Wiener Polizei von einer Engländerin kontaktiert worden war, die ihren abgängigen Mann suchte. Unter Vorlage meines Reisepasses, den ich immer bei mir führe, seit er mir aus einem Hotelzimmer in Budapest entwendet wurde, konnte ich den leichten Verdacht ausräumen, ich sei total von der Rolle und ein Fall für den Psychiater.


Der Jungpolizist fand die gespeicherte Nummer von Cath, rief bei ihr an, und das Problem war fast gelöst. Mein Freund und Helfer von der Polizei hatte sogar die Hausnummer ausfindig gemacht, mir ein Taxi  bestellt und mich frei von jedem Verdacht entlassen. Ich war in Wien verloren gegangen. Jetzt wartete Cath in der Pillergasse vor der Tür auf mich. Es ist nicht mehr die Rede davon, dass ich ohne sie in Wien herumstrolche, um all die schönen Orte zu besichtigen, die wir drei Jahre lang vor der Haustür hatten, als wir in Wien wohnten.