Donnerstag, 4. Januar 2018

Vigdís, Dottír von Finnboga?

Der erste Film in meinem kindlichen Leben wurde von meinem Vater an die Küchentür auf ein weißes Laken projiziert. Es war ein Stummfilm in Schwarz/Weiß, für Schulen. Der Titel: Island. Vielleicht war ich 5, als ich sah, wie eine ins Kopftuch gehüllte Isländerin Brot buk (buk=backte). Der Teig wurde in ein milchkannenähnliches Behältnis gesenkt, eine Schnur darumgewickelt und das Ganze in ein tiefes enges Loch versenkt, in dem glühende Hitze lagerte. Nach einer Weile zog die Bäckerin das Brot gebacken heraus. Das war mein erstes Islanderlebnis. Die bekannten heißen Quellen machten es möglich.


Dann erinnere ich mich an mehrere berufliche und private Aufenthalte, die mich die brutale Schönheit dieser Insel kennen lernen und lieben ließen. Die Geysire, die heißen Seen, die Wasserfälle, die echte Hummersuppe, ein äußerst hübsches Mädchen, das sehr bald Botschafterin ihres Landes, irgendwo im Ausland wurde und das Fleisch vom Galway-Rind, das damals nur in Akurery gegessen wurde, wucherpreis inbegriffen. Akurery war die zweitgrößte Stadt Islands, am Beginn des größten Fjordes, der direkt bis zum Polarkreis reichte.


Seltsames Land: jahrelang war das Brauen von Bier dort verboten, der Import auf 1-2 Flaschen beschränkt. Und Brennivín, ein nicht jedem schmeckender Aquavit, den man damals in ganz Island in nur zwei Läden zwischen Freitagabend und Samstagmittag kaufen konnte. Kein Wunder, dass mancher Isländer, der sich für einen echten Vikinger hielt, sich mit Hilfe eines käuflichen "Kits" sein Gebräu selbst herstellte. Gerne wurden dafür importierte Leerflaschen, etwa von Erdinger Weißbier oder Münchener Hofbräu als Dekoration verwendet .

Vigdís 
Dann kam sie: Vigdís. Eine hübsche Frau, die auch perfekt Französisch, Englisch und wohl auch Deutsch spricht. Sie wurde die erste gewählte Präsidentin der Welt. Dreimal hintereinander. Mehrmals siegreich gegen männliche Kandidaten. Sie ist heute noch (mit 87 Jahren) so etwas wie ehrenhalber Präsidentin der Council of Women World Leaders, des Welt-Rates für weibliche Führerinnen. Das klingt bescheiden, ist jedoch sensationell, wenn man sich die Liste der berühmten Frauen anschaut.

Natur pur 
Vigdís Finnbogadottír durfte ich sogar fürs Fernsehen interviewen. Soviel menschliche Nähe, mit Weiblichkeit, Intelligenz und Witz gepaart, habe ich selten erlebt. Was ich immer wieder bewundere, sind Frauen, die in der üblichen Männerwelt einfach gleichberechtigt sind, und wenn man sie nicht voll respektiert, nehmen sie sich das Recht, das ihnen zusteht.






Dienstag, 2. Januar 2018

1918 - 2018: Hundert Jahre Krieg.

Es wäre schön und beruhigend, könnten wir sagen, dass zwischen dem Ende des Ersten sogenannten Weltkrieges und dem gerade begonnenen, noch friedlichen Jahr ein Jahrhundert des Friedens stattgefunden hätte. Dem war nicht so. Was wir schon vermuten können, ist, dass die Zahlen 1918/2018 schon längst keine rein europäischen Zahlen mehr sind. Die große Welt hat einen Teil unserer Alten Welt zurückgeholt.

Schöne Alte Welt 
Großbritannien macht gerade eine internationale Verzwergung durch, obwohl Theresa May, Boris Johnson und Nigel Farage sich auf ihre eigene Weise heftig dagegen auflehnen. Spätfolgen eines Niedergangs, der schon lange stattgefunden hat. Die Kolonialmacht Frankreich, mit ihren Eroberungen (Martinique, Guadeloupe, Französisch-Guyana?) und den größeren Brocken wie Algerien, Sahara, Quebec, alles Überreste aus einer Zeit des kolonialen Raffens, ist ebenfalls zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Andere europäische Mächte sind, eine nach der anderen, auf ihre heutigen Dimensionen zusammengeschnurrt: Österreich, Spanien, Holland, Belgien, Dänemark, Deutschland, Italien: es hat sie alle irgendwann erwischt.

Schluss mit Indien 
Wenn man genauer hinschaut, waren alle geografischen und politischen Veränderungen durch grausame Konflikte verursacht worden. Statt durch Hinzugewinne, zerbröselte alles immer mehr. Wir Europäer hatten immer wieder gerade noch genug Zeit, uns irgendwie anzupassen. Das gelang nicht immer. So blieben "unerledigte Aufgaben", an denen wir als "noch nicht Europäer" zu kauen haben. Dass Russland die Krim an sich gerissen hat, ist ein Beispiel kleineuropäischer Schwäche. Dass die Deutschen trotz ihres Reichtums Ostpreußen nicht zurückkaufen können, ein anderes. Es sieht so aus, müssten wir mit dem Ungemach, für das wir selbst verantwortlich sind, weiterleben.

Little Britain 
Europa, ein Kontinent der Friedhöfe und Denkmäler. Unser Fazit: wir müssen uns zu neuen Ufern zwingen. Aber wie? Die alles erschütternde Wahrheit ist, dass die Welt etwas von Europa erwartet, das es (noch?) nicht geben kann: Verabschiedung von Althergebrachtem, mutiges Vorwärtsschreiten zu einer neuen globalen Sichtweite. Die Gesellschaft funktioniert nur schwer. China, Indien, Brasilien laufen Europa schon längst den Rang ab. Als Merkel sagte, wir seien eine christlich-jüdische Wertegemeinschaft, hat sie gewiss nicht richtig getickt. Die Werte haben sich verändert: das Christliche ist am Verblassen, das Jüdische ist schwer einzuordnen, das Muslimische muss jetzt auch seinen Platz einnehmen, und unsere Gesellschaft muss sich öffnen können für neue Werte und Taten.

Das Neue 
Das Annähern an wertneutrale sexuelle Verhaltensweisen, homo-lesb-bi-un-sexuell, scheint jetzt angesagt, ohne, dass dramatische Stürme enstehen müssen. Das Sexempfinden anderer sollte total tabu sein. Der religiöse Bereich ebenso. Und ob nun jemand SPD, CDU oder liberal wählt, kann vergessen werden. Wo aber die Augenbraue unbedingt nach oben muss - das ist eine Charaktersache - ist bei rechtsanstößigem Gedankengut (AfD, CSU). Hier sind keine Scherze mehr möglich. Wertegemeinschaft, ja, Frau Merkel, aber lasst uns darüber friedlich streiten. Beleidugung bleibt Beleidigung.

   







Montag, 1. Januar 2018

Rudolf Nurejew - Erinnerungen.

Man kann nicht behaupten, er sei ein schöner Mann gewesen. Seine Beine waren ihm wichtiger. Für mich war Nurejew der größte Tänzer aller Zeiten. Neben Nijinski kannte man ohnehin keine Namen von Tänzern. Doch Nurejew, das Tatarenkind, ist in den Sechzigerjahren zum Weltstar des Balletts aufgestiegen. Seine Traumpartnerin: Margot Fonteyn. Als Junge war ich am Ballett genauso interessiert wie am Tanz in den Mai, nämlich garnicht. Allerdings verliebte ich mich einmal in eine Ballettratte, als ich in meinem Gymnasiastenleben auf ein Miniballett mit 4 Tänzerinnen stieß. Ich war nebenbei als Statist am Stadttheater Pforzheim "tätig" und verdiente pro Auftritt DM 6.-. Da musste ich mich verlieben.

Nurejew-Körper 
Wie kommt man von einem unschuldigen Ballett in einer Provinzstadt zum großen Meister Rudolf, der übrigens nicht nur mit Männern, sondern gelegentlich auch mit Frauen verbandelt war? Nicht über den Tanz. Außerdem hatte ich Nurejew logischerweise nie auf einer Bühne gesehen. Doch habe ich mir sagen lassen, dass er über ungeheures Charisma verfügte. Und, seine betont männliche Ausbuchtung an den zu eng anliegenden Hosen war oft eine Erwähnung in den Medien wert. Schließlich war er der einzige bekannte Weltstar des Tanzes, schon bevor er  in den Sechzigerjahren (1961?) in Paris auftauchte.



Meine Erinnerungen an den begabten Tänzer, der erkrankt und unglücklich an Aids starb, kann auf ganze fünf Minuten reduziert werden. Ich war gerade dabei, in Istanbul den berühmten Topkapi-Palast zu besichtigen, wo 400 Jahre lang die Sultane mit ihren Familien, Haremsdamen und Bediensteten wohnten. Interessiert hatte mich damals besonders der Harem. So viele hübsche Frauen, malerisch drapiert auf den sofa-ähnlichen Liegekissen: wer träumt nicht gelegentlich ganz orientalisch davon?



Da stand er plötzlich im Harem, ganz der Weltstar, mit gelbbraunen Halbstiefeln, in Begleitung zweier Damen. Nein, ich machte kein Foto und ich bat nicht um ein Autogramm. Solches habe ich nie getan. Sonst hätte ich vielleicht heute auch eine Unterschrift von Prinz Charles, der immer noch nicht König ist und es womöglich nicht mehr werden wird. Natürlich hätte ich kinderleicht auch ein Autogramm von Prinz Louis-Ferdinand von Preußen, dem Kaiserenkel, haben können. Das gemeinsame Mittagessen auf der Hohenzollernburg in Hechingen hätte mir dazu Gelegenheit gegeben. Nurejew hatte eine majestätische Haltung. Er schritt wie (ein Storch im Salat?) ein selbstbewusster Megastar.


Dann starb er und wurde bestattet, wo ich später gewohnt habe: in Levallois-Perret, im Norden von Paris. Ein hochbegabter Traumtänzer wie ihn heute keiner mehr kennt.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Sylvesterblog. Afrika. Indien.

Irgendwann muss ich in Afrika gewesen sein. Heute will ich mich erinnern. Mein noch nicht ganz volljähriges Töchterchen wollte Tropenärztin werden. Klug (wie sie immer noch ist), beschloss sie, sich Afrika erst einmal anzuschauen. Vater (ich), im höchsten Maße beunruhigt, denn es könnte sich um eine gefährliche Marotte handeln, zeigte sich vorsichtig optimistisch und beschloss, 10 Tage Urlaub zu nehmen um seine geliebte Tochter nach Kamerun zu begleiten.


Als wir durch Ngaundere liefen - es war unerträglich heiß und im Norden des Landes - setzte der Regen ein. Zur Regenzeit trägt man einen Schirm bei sich. Den spannte ich auf. Sofort wurden wir angesprochen, en mauvais francais. Bruder, gib mir deinen Schirm. Meine Antwort lautete etwa so: Bruder, ich habe zuhause 10 Kinder. Die brauchen ihn. Der Schirm war gerettet.


Um meine künftige Tropenärztin in den Urwald zu bringen, wo ich sie in einer Urwaldklinik für 3 Monate in die Obhut eines dunkelhäutigen Chefarztes geben sollte, heuerten wir ein Taxi an und machten einen Preis aus. Bei der Ankunft wollten die Fahrer jedoch mehr Geld haben, als ausgemacht war. Meine europäische Seele wurde wütend, während auf afrikanisher Seite nur der Wunsch herrschte, ein wenig mehr herauszuholen. Dabei blieb es dann. Mit der Zeit jedoch gewöhnte sich Töchterchen an den heißen Kontinent. Doch nach 2 Monaten kam ein Anruf aus Afrika: Vater, ich komme nach Hause. Es klang erschöpft.


In der Klinik musste sie hauptsächlich als Geburtshelferin dienen. Bis zu 8 Geburten an einem Tag. Die drei Monate waren dem zarten Töchterchen damals zuviel. Sie wickelte die Säuglinge in die mitgebrachten Tücher und entließ sie mit den Müttern in den Busch. So krass an die Rolle der Ärztin herangeführt zu werden, ist nicht Jedermanns Sache. Heute, als Vollblutchirurgin, weiß sie die afrikanischen Erfahrungen zu schätzen, zumal sie auch als Ärztin ohne Grenzen in der Afrikanischen Republik gearbeitet hat.

Einmal Indien und zurück
Am Vorabend des Rückfluges nach Paris und Straßburg, saß ich unglücklich im Hotel in Duala und weinte. Eine nicht ganz erwachsene Tochter alleine einem ungewissen Schicksal im Urwald zu überlassen, kommt  dem Rabenvater gleich. Sie hat es mir nie zum Vorwurf gemacht. Auch im Falle Island hatten wir nichts zu bereuen. Töchterchen, mit dem ich dort war, beschloss "eigenhändig", noch ein paar Wochen dranzuhängen und per Anhalter durchs Land zu fahren. Das war OK. Und in Indien verließen ihr Bruder und ich sie nach drei Wochen. Sie wollte sich ein Motorrad kaufen und damit durchs Land ziehen. Das konnte ich verhindern. Sie schloss sich dann einer englischen Medizinstudentin an, mit der sie per Bahn und Bus durchs Land zog.

Abenteuer: "Tropenmedizin" 
Man behauptet gerne, dass Männer die richtigen Abenteurer sind. Ich überlasse es jedem, dies selbst zu überprüfen. Ihr ältestes Töchterlein, kaum in ihren Zwanzigern, hat schon Kuba bereist. Wie exotisch ist das denn? Ich möchte endlich mal als Mädchen auf die Welt kommen.











Samstag, 30. Dezember 2017

Öffne dich, verdammtnochmal!

Das Jahr schließt gerade. Ein neues öffnet sich. Wir können nichts tun. Es geschieht einfach. Wieviele davon haben wir auf dem Buckel? Spielt das eine Rolle? Mit meiner Schwester in Amerika rede ich manchmal vertraut. Zuweilen tauschen wir alte Erlebnisse aus. Übers Telefon. Doch auch vor Donald Trump schrecken wir nicht zurück. Erlebnisse mit diesem Schreck haben wir gottseidank nicht. Wir sind uns einig, dass über diesen schwulstigen Unhold schon viel zu viel geredet wurde. Vor allem am Jahresende. Als hätte dieser Gnom überhaupt etwas geleistet. Nichteinmal die Mauer nach Mexiko hat er zustande gekriegt. Angeber und Blödmann. Und amerikanischer Präsident, immer noch.


Kim Jong Trump 

Fast wäre es wegen dieses Präsidenten schon zu einem Nuklearkonflikt gekommen. Das schwulstige  Gegenstück haust nämlich im nördlichen Teil Koreas, dessen südliche Hälfte mit Amerika verschwistert ist. Kim Jong Un oder so. Er ist juvenil, von der eher unintelligenten Art. Wir werden noch von ihm hören müssen. Ein globales Playerchen. Dem ganz großen Player aus Moskau scheint er auch nicht geheuer, sonst wäre es da schon zu symbolischen Verbrüderungen gekommen. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil der Jahreswechsel in Korea wegen Neumond am 17. Februar 2018 stattfindet, ein Umstand, mit dem sich nicht leicht umgehen lässt.

Chinesisch-koreanisch 
Was das Jahr 2018 sonst noch alles bieten wird, werden wir sehen, etwa in Deutschland, oder England wo Neuwahlen anstehen. In beiden Fällen sind Spekulationen mehr als angebracht. Obwohl, wenn man bedenkt, Angela würde nicht mehr antreten? Kaum zu glauben. Wobei ihre englische Kollegin, Theresa May, schon jetzt einen total zerschlissenen Eindruck macht.


Ach, könnte das neue Jahr sich ein wenig öffnen und uns verraten, was auf uns zukommt. Leider helfen uns die Jahresrückblicke des ausgehenden Jahres nicht. Nicht einmal die Schlittschuhweltmeisterschaften können da weiterhelfen. Sie nennen sich übrigens Eiskunstlaufmeisterschaften, sind nach Geschlechtern getrennt und fanden in diesem Jahr in Helsinki statt. Nächstes Jahr? Keine Ahnung.


Selbst in verrauchten Hinterzimmern, wo gelegentlich gepokert oder Politik gemacht wird, öffnet sich die Tür gelegentlich einen Spalt und gibt Vertraulichkeiten frei. Frau Müller, beispielsweise,  sitzt auf dem Schoß ihres Nachbarn, der schon etliche Gläser Wein intus und eine dicke Zigarre im Mund hat. Fritz Maiers Schlips ist total verrutscht (warum???) , und der Herr Pfarrer schielt bedenklich irgendwo hin. Dabei sollte gerade er, der seine Neujahrspredigt noch nicht einmal im Ansatz fertig hat, wenigstens jetzt aus sich herausgehen und über seine friedlichen Absichten sprechen.

Angela, Angela 
Von der Politik erwartet man es kaum, aber, nach einer guten Markklößchensuppe und ein paar Gläsern Wein sollte die gelockerte Zunge zu klaren Aussagen kommen, etwa so: Trump, die Mauer muss weg! Oder: Theresa May: du musst mehr essen. Angela: geh in Rente! Kim Jong Un: verpiss dich. Und, nochmal Trump: Wir brauchen dich nicht.












Freitag, 29. Dezember 2017

In mich hineingeschlunzt.

Woher das Wort Schlunz kommt, kann ich nicht sagen. Ein schwäbischer Freund benutzte es, um sein Gemisch aus Joghurt, Haferflocken, Zucker, Äpfeln und Rosinen zu definieren, das er als Frühstück zu sich nahm. Ein Landsmann half ihm dabei, denn auch er schlunzte gern zum Frühstück. Doch im Sauerländischen soll Schlunz so etwas wie ein unordentlicher Mensch sein, oder der schmutzige Rückstand einer chemischen Mischung. Also auf alle Fälle etwas Schmuddeliges.

Schlunz? 
Schlönzken wäre demnach ein verdrecktes Kind, wobei das Wort Schlönzken etwas durchaus Liebevolles ausstrahlt. Bei den Schwaben, so konnte ich feststellen, wurde Schlunz als etwas leicht Undefinierbares eingestuft, ja, sogar, herabgestuft. Dennoch, wenn der Schlunz in der Schüssel prangte, trat allgmeine Zufriedenheit und essbereite Stille ein.

Schlönzken 
Mein Junggesellenleben war dadurch geprägt. Stolz zeigte ich meine Schlunze den jeweiligen Freundinnen, die ich gelegentlich aufgegabelt hatte. Keine unter ihnen hat je ein gutes Wort darüber fallen lassen, geschweige denn, davon probiert. Ich muss deshalb den Schlunz , der übrigens mit dem Löffel gegessen wird, als etwas Verwerfliches einstufen, etwas, über das nicht gern geredet wird. Dennoch haben meine Nachkommen den Schlunz diskret in ihr Lebensvokabular aufgenommen.

Gerade biegt Cath mit einem wohlriechenden Teller Spaghettikrem mit Spinat auf, also einer grünlichen Masse mit Knoblauchgeschmack, die ich als Spinoschlunz bezeichnen würde, aber ich werde ja nicht gefragt. Cath hat verstanden, dass ich heute in Schlunzstimmung bin. Der grüne Teller wird an mir vorbeigetragen und genüßlich verzehrt. Farblich nicht uninteressant.

Rötlicher Schlunz 
Mein Schlunz besteht aus folgenden Nahrungsteilen: Quark, jede Menge. Brauner Rohrzucker. Eine Prise Zimt. Winzige Apfelstückchen. Zerkleinerte Trockenfeigen. Pinienkerne. Das Ganze gut umgerührt. Ein herrlicher Schlunz. Eventuell schiefe Blicke lasse ich an mir herunterprallen. Jede Art von Kritik oder Missgunst wird gelangweilt abgewiesen.


Während sich der Kautabak etwas überlebt hat - gerollte Tabakblätter werden auch Schlunz genannt - wird seit dem 14. Jahrhundert das Unordentliche ganz allgemein als Schlunz bezeichnet. Das soll auch weiterhin so bleiben. Auf ein schlunziges neues Jahr!


Donnerstag, 28. Dezember 2017

Mein persönlicher Skandal des Jahres.

Wenn ich mich an die Bilder halte, von denen ich tausende in meinem Archiv habe, kommen Dinge zutage, die ich gerne erwähnen möchte. Das Wort Skandal scheint mir jedoch stark übertrieben. Dennoch streift es kinderleicht alle Bereiche des Lebens. Vielleicht schaffe ich es, diesen unsäglichen Donald Trump, ein Fantast und Lügenbaron (immerhin), mal außen vor zu lassen. Dieses Beispiel für irrlichternde Albernheit ist einfach zu billig.

Einfach zu billig? 

Gehe ich meine Bilder durch, so stößt mir jetzt allerhand auf. Teetrinken kann epidemische Dimensionen annehmen. Der britische Klan war zu Besuch. Da hätte auch die betagte Königin ihre Schleußen geöffnet. Berge von aufgebrauchten Teebeuteln, wo anders gibt es denn das? Es ist bezeichnend, dass der amerikanische Wunderpräsident (er wurde von Amerikanern gewählt) noch nie einen Haufen solcher Beutel vor sich hatte. Es wäre der größte Haufen aller Zeiten gewesen.

Größter Haufen Teebeutel 
In diesem Jahr haben wir zum erstenmal große Mengen Mangos gegessen. Über Jahre hinweg waren diese Früchte, die ich zuerst in Indien fand, nur in Indien schmackhaft, wenn sie reif waren. Als Import aus Brasilien, Israel oder Venezuela waren sie hart und faserig. Jetzt kann man die Faserfreien nachreifen lassen. Ihr fruchtiges Fleisch, zitronengelb, schmeckt plötzlich allen. Wir sind Mangofans geworden.

Mangos 
Der Jüngling David von Michelangelo residiert in Florenz. Wo sonst? Neben dem weiblichen Gegenstück Aphrodite hält er den Betrachter in aufreizender Weise in Bann. Manche, nicht nur Männer, preisen seine Wohlgestalt, betrachten ihn verklärt und müssen immer wieder hin zum Schönling. Auch wir taten es in diesem Jahr wieder. Warum, wissen wir auch nicht.


Ganz schön ebenmäßig, der David! 
Was sich in diesem Jahr, vermutlich weltweit, durchgesetzt hat, ist der Mann für den Mann. Es darf gleichgeschlechtlich geheiratet werden. Unerhört. Davor geschah so etwas nichteinmal heimlich. Haben wir es hier mit einem echten Fortschritt zu tun, auf den wir lange warten mussten? Oder ist es nur eine häufig auftretende Verwechslung? Bei den Frauen hat man so etwas schon lange befürchtet. Aber, unter Männern?


Inzwischen gibt es mehrere Väter, die eigentlich Mütter sind, denn sie haben erfolgreich Kinder geboren. Ich vermute, dass diese Väter einmal weiblich waren und im Zustand der Schwangerschaft das Geschlecht gewechselt haben. Wenn dann der Ehepartner das gegenüberliegende Geschlecht annimmt, stimmt die Familie wieder. Mit all diesen Seltsamkeiten haben wir das Gebiet der Skandalgeschichten längst verlassen. Aber wundern dürfen wir uns immer noch.

2017, das Jahr des Staunens 



Mittwoch, 27. Dezember 2017

Drei Sterne Schmaus

Er hat gerade einen von drei Michelin-Sternen verloren. Alle würden jetzt sagen: immerhin habe ich noch zwei. Doch, wer mal drei hatte, kann sich mit zwei Sternen nicht mehr zufrieden geben. Das ist wie Kartoffelsalat ohne Würstchen. Man ist (mit sich und vielleicht mit den Essenstestern) unzufrieden. Die Firma Michelin kann unerbittlich sein. Als geborener Feinschmecker (meine Mama sagte das) braucht man diese Sterne nicht. Der Gaumen sagt dir, was los ist. Bei mir kam als Kind ein besonderes Lächeln hinzu, ein Dreisternelächeln, das für meine Mami eine untrügliche Richtschnur war.


Dann kam die Zeit, wo ich selbst verdiente und mir auch gelegentlich ein besonderes Gasthaus gönnte. Im Elsaß war es ein Dreisterneresto, über das ich schon viel Gutes gehört hatte. Cath und ich gingen hin, das Gefühl der Mulmigkeit hätte uns warnen sollen. Wir wurden hochnäsig behandelt, und das Essen war eine Katastrophe. Wer jedoch dem Hörensagen folgt, seiner Neugier freien Lauf läßt, der kann auch echt gute Überraschungen erleben. Diesesmal schmeckte es so gut, dass ich den Chef in ein Gespräch verwickelte. Haben sie jemals daran gedacht, einen Michelin-Stern anzustreben? fragte ich ihn. Warum?, fragte er zurück, mein Haus ist immer voll und die Sterne müssen immer neu erobert werden. Ein gesunder Standpunkt.


Wer den Sternezwang abgeschüttelt hat und trotzdem ehrgeizig und gut ist, kann frei drauflosballern, denn der Mensch liebt die Abwechslung und nicht so sehr althergebrachtes Ritual. Wenn ich Chef wäre, würden mir die verklärten Augen meiner Esser genügen. Die Segnungen eines strengen Vereins sind da nicht so wichtig. Ein britischer Kritiker tadelte neulich eines der ersten Häuser um die Champs-Elysées, dreifach besternt natürlich, als überkandidelt, sauteuer und alles andere als gut. Das kann passieren, wenn engstirnige Lobeshymnen den Sinn vernebeln. Die verdiente Kritik (ich kannte das Restaurant aus den "guten Zeiten") ist dann total und für immer unausrottbar.


Andererseits, wenn ich ein kochendes Mäuschen wäre, würde ich eine Reihe von Vorschlägen machen, die kaum sternefähig wären mir aber ungemein schmecken würden:
Vorspeisen: -ein klares Hühnersüppchen mit selbstgemachten Nüdelchen (Schnittlauch nicht vergessen)  -oder Mausöhrchen, mit frisch gebratener Gänseleber, gedämpfter Apfelschnitte, ein paar Tropfen Balsamico und Nussöl.
                   -oder, vegetarisch: Kürbissüppchen mit Dill und Petersilie.
Hauptgang: -knusprige Entenschlegel in Orangensoße, Kartoffelschnee oder Schupfnudeln.
                    -oder: Griesnockerl mit buttergedämpften Mangostücken.
Nachspeise: -dazu will ich nichts sagen.
Der Wein:   -ein badischer Weißwein, Riesling Spätlese von Angelika Kimmig, Tiergarten, oder
                   -ein Klevner-Traminer aus Durbach.


Ihn hole ich jetzt aus dem Kühlschrank, denn die Flasche wartet da schon, während Cath sich sicherlich wieder an ihrem roten Ullenburg zu schaffen macht.


Prosit Neujahr!



Dienstag, 26. Dezember 2017

Nichts ist schwerer zu ertragen

als eine Reihe von Feiertagen. So, oder irgendwie ähnlich lautet der Spruch. Viel zu ernst, als dass er von Wilhelm Busch sein könnte.  Was mich dieser Tage mit Neugier belastete, war die Entdeckung, dass ganz viele, um nicht zu sagen, alle, die in den Jahren 1930-1940 interessante Karrieren hatten, der NSDAP angehörten. Sogar mein äußerst integrer Onkel, der in München Professor war. Ich wollte es genau wissen, hatte auch seine Assistentin gekannt, die als erste Frau auf seinem Lehrstuhl nachrückte, und kam zu dieser Erkenntnis, weil Google bei den Biografien jener Zeit hinzufügte: diese Person war Mitglied der NSDAP, wenn dies zutraf. Für die ganz Jungen: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.


Ich ging der Sache nach, bis ich herausfand, dass man der Nazipartei beitrat, weil es sonst keine berufliche Laufbahn gegeben hätte. Also, nur wenn man in die Partei eintrat, ging es beruflich weiter. Deshalb mussten so viele Menschen sich nach dem Krieg auch entnazifizieren lassen. Meine geliebte Tante, eine bekannte Kratzbürste und Autorität auf ihrem Gebiet, sie war Ernährungsspezialistin, hielt nützliche Vorträge über sinnvolle moderne Ernährung, war selbstverständlich nicht in der Partei und hat niemals Heil Hitler gerufen, muss den Nazis irgendwie Achtung eingeflößt haben. Mit einem Bein im Gefängnis, schaffte sie es sogar, jüdische Freunde und Freundinnen klug zu beraten. Genaueres habe ich nicht erfahren.

Mutiges Tantchen! 
Als Direktorin einer Mädchenschule hielt sie ihre Ernährungsvorträge vor Frauen, die es nötig hatten.
Diese Frauen waren alle igendwie nationalsozialistisch zusammengefasst. Meinem Tantchen war das egal. Sie musste auch nicht mühevoll entnazifiziert werden, da sie der Partei nicht angehörte. Bürokraten haben jedoch nach dem Krieg dafür gesorgt, dass sie fast ein Jahr nicht arbeiten durfte, weil sie angeblich dem Naziregime diente. Der Erlass des zuständigen Kultusministeriums, als es ihr die Neuzulassung mitteilte, formulierte es so: Die (Familienname, ohne Titel) kann ab dem (Datum) ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Als ich diesen Brief in den Sachen meiner Tante vorfand, fühlte ich ganz stark, dass ich diesen Bürokraten hätte ermorden sollen. Doch war .nicht (nur) er, sondern das ganze schreckliche System daran schuld.
Bürokraten. 
Beamtentum, das es in vielen Ländern garnicht gibt, geht leicht mit der Verachtung des Menschen einher. Gehorsam und Untertanentum sind ein wichtiger Bestandteil dieses "Tums". Das wissen wir. Warum jedoch nicht gleichzeitig menschlicher Ungehorsam und störrischer Mut entwickelt werden, ist unverständlich. Meine Sympathie gehört zuerst einmal dem, der nicht alles einfach hinnimmt, sondern sich seine Entscheidungsfreiheit bewahrt. Wir wollen in Würde leben und keine trotteligen Würdenträger werden, denn dafür ist das Leben zu kurz.

New Year 2018 
Die Reihe von Feiertagen, die uns verdient oder unverdient aufgebürdet wird, sind also ganz einfach zu ertragen: Ruhe, Frieden, Sattheit (dazu ein gutes Glas Wein), Liebe im Überfluss, Schlafen und Frühstücken, das alles, bei bedingungsloser Wahrung der Menschenwürde und gelegentlichem Abschalten des Fernsehgerätes, bringt uns dem geruhsamen Jahresende deutlich näher. Wenn dann noch regelmäßige Spaziergänge hinzukommen, kann dem Jahr 2018 gnadenlos ins Auge geschaut werden.







Sonntag, 24. Dezember 2017

Bethlehem, nur nicht hochmütig werden.

Also, das Fest kommt wie auf dem letzten Drücker daher. Das ist immer so. Der Advent stimmt dich ein in die Tage voller Stille, Besinnung und Einkehr. Ein paar Geschenke gehören auch dazu, und, in Mitteleuropa, der zeitweilige Stillstand des Straßenverkehrs. Alles recht wohltuend. Der Baum wurde dieses Mal im tiefen Schwarzwald ausgsucht. Von der Bäuerin gab es dann noch herzhaft Linzertorte.


Man denkt an die Verstorbenen. Der Grabstein meiner geliebten Eltern war plötzlich verschwunden. 25 Jahre wurde das Grab gepflegt. Dann hatte die Friedhofsverwaltung in Pforzheim meine Adresse (wahrscheinlich Paris) nicht mehr. Als ich sie (die Eltern) besuchen wollte, war der Stein weg. Der Schmerz sitzt heute noch tief. Ich stelle mir das Leid der Flüchtlinge vor, die alles und alle hinter  sich lassen mussten. Ein Zurück kennen sie nicht. Abschiede sind für immer. Ist Weihnachten das Fest dafür? Es versöhnt und bringt näher.

Jascha mit Bäumchen 
Als ich in Bethlehem war und die angebliche Geburtsstätte von Jesus sah, konnte ich keine Beziehung zur wohlhabenden Krippe bei meinen Eltern herstellen. Das eine ist Kindheit Deutschland, das andere eine Fabelwelt, in der man nicht leben möchte. Beides kommt und geht. Die Armut wächst jedoch ständig. Dennoch finden wir unzählige Dinge, die als Geschenke herhalten müssen, obwohl man sie nicht braucht. Der Stress ließe sich besser meistern, wenn Weihnachten sich nicht in eine Geben/Nehmen-Orgie ausgeartet hätte. Das Kind in der Krippe ist zur Nebensache geworden. An den Heilsbringer glaubt keiner mehr.



Man denkt auch an die Freunde, von denen viele weit weg sind, zu denen man den Kontakt verloren hat. Man musste sie aufgeben, irgendwann. Und die vielen, die man sich hat bewahren können. Mit denen möchte man zusammen sein, unterm Weihnachtsbaum stehen und singen. Allen, die freundschaftliche Gefühle für mich hegen und allen, derer ich liebevoll gedenke, überall in der Welt, wünsche ich gute christliche, muslimische, buddhistische und andersweitige Weihnachten und ein gutes, gutes neues Jahr. wolfgangundsoweiter.blogspot.com  💙💙💙