Montag, 18. Dezember 2017

England - Black Forest an einem Tag.

Nein, es müssen 2 Tage gewesen sein: Abreise mit dem Auto, gestern, in Yorkshire. Wir luden das Auto voll, denn so bald werden wir nicht zurückkommen. Kleider, Schuhe, Bücher, halt all den Kram, den wir für die nächste Zeit benötigen. Außerdem steht Weihnachten vor der Tür. In Hull wartete die Pride of Bruges auf uns, die Fähre, die abwechselnd mit der Pride of Hull, Auto - und Busreisende über Nacht nach Seebrügge bringt. Und irgendwann wieder zurück.


Am Abend geht es los. Dann nehmen viele schon an der Bar ein Bier oder einen Gin&Tonic. Ein mäßig begabter Sänger begleitet, ebenfalls mäßig, sich selbst mit einer Guitarre. Es kommt Gemütlichkeit auf, die ersten, oft schwergewichtigen Seefahrer suchen hoffnungsfroh nach einem Platz um sich zu stärken. Die Teller sind dann meist randgefüllt. Die Flasche Rosé aus Frankreich passt gut dazu. So etwas Leichtes und Verdauliches haben Cath und ich schon lange nicht mehr mehr getrunken.


Der wohlverdiente Gang zum Bett, Cath muss auf die Leiter steigen, ich darf unten bleiben, erfolgte ohne besondere Aufforderung. Das Schiff befindet sich schon lange auf hoher See, den Wellenschlag merkt man so gut wie nicht. Um die 500 Autos sind an Bord der Fähre. Das muss man sich vorstellen. Alle mit angezogener Handbremse. Freundliches asiatisches Personal, darunter ein junger Mann, der aus roten und grünen Servietten eine Rose zwirbelt, die er stolz den Damen überreicht.


Der Morgen ist für mich immer grauenvoll. Eine Lautsprecherdame mit holländischem Akzent sagt in drei Sprachen Guten Morgen und weist darauf hin, dass die Fähre in einer Stunde zu verlassen ist. Also Frühstück mit rätselhaftem Kaffee, zurück in die Kabine, alle Habseligkeiten ins Unterdeck, wo die Autos warten. Motor erst anlassen, wenn aufgefordert. Langsam in Richtung Grenzkontrolle: EU-Bürger links, andere rechts. Wartezeit: mäßig.


Dann beginnt der Verkehr auf der rechten Seite. Man hat immer noch nicht verstanden, warum im Königreich der Verkehr andersherum läuft. Ist die Königin daran schuld? Krampft sich das ehemalige Weltreich an Regeln, die es nicht mehr gibt? Australien soll ja ein ganzer Kontinent mit Linksverkehr sein. Wir schaffen es dann bis Luxemburg, ohne zu tanken und zu essen. Im Geiste (nur im Geiste) sehen wir die geliebten Berge des Schwarzwaldes. Doch bis nach Straßburg rollt alles noch unbeschwert. Dann sehen wir sie, die beschneiten Berge hinter unserem Haus. Um es kurz zu machen: Heizung hochdrehen, Koffer aus dem Wagen, ein Glas Bier, und hinauf in die Betten. Was dann geschieht, ist der Schlaf der Gerechten.

Freitag, 15. Dezember 2017

Pechschwarze Nacht

Nacht ist die Steigerung von Dunkel. Wer geistig umnachtet ist, sieht schwarz. Wenn der Winter kommt, bestimmen die Raben, was hell und was dunkel ist. Das Dunkel kommt nicht nur, es bricht herein. Rabenschwarz ist die Nacht. Sie dauert ihre Zeit. Ist Weihnachten deshalb unser Lichterfest?


Ein riesiger Versuch, das Dunkel zu besiegen? Kinder leiden sehr an dieser Nacht. Brennende Kerzen lassen der Nacht das Dunkel. Wer sich hineinbegibt, benötigt die Hoffnung auf Helle. Licht ist also das Warten auf das Ende der Nacht. A Long Day's Journey Into Night. Eugene O'Neill. Eines langen Tages Reise in die Nacht. Geschrieben während des Krieges, öffentlich aufgeführt 1956, zeigt dieses amerikaniche Theaterstück scheue Liebe und Bitterkeit im Alltagsleben einer von Drogen abhängigen Familie.


Viele haben versucht, Licht in das Dunkel zu bringen. Es geht nicht. Wir müssen warten, bis es wieder hell wird. O'Neills Stück führt alle an den Abgrund, in einer suggestiven Art. Doch der 21. Dezember ist der Tag der Wintersonnenwende. Der kürzeste Tag im Jahr. Ab dann wird es wieder heller. Jeden Tag ein paar Minuten.


Auch die Wintersonnenwende hat ihre Symbolitk und wird entsprechend gefeiert. Die Sonne erreicht da am Mittag den höchsten Punkt über dem Horizont. Doch nur auf der nördlichen Halbkugel. Und nur, wenn sie will. Wir kennen ja das Wetter um diese Zeit. Licht und Feuerfeste gibt es immer noch, wohl aus germanischen oder keltischen Zeiten.

Paradies im Licht mit dunklen Schatten 
 Es gab Spekulationen, die wissen wollten, ob und wie man riesige Spiegel an den Himmel setzt, um für die Menschen den Bedarf an Licht zu decken. Wenn Krösusse wie Donald Trump solches untermähmen, hätten sie etliche Anhänger. Weil der Mensch auch im Winter gerne Licht sieht. Doch, was hat ein Reicher davon? Der kann sich doch die teuerste Taschenlampe der Welt leisten. Und wir anderen, die Licht suchenden, wir pfeifen auf solche Kinkerlitzchen und warten, bis die Sommersonnenwende anbricht. Das wäre dann der 21. 22. oder 23. Juni des kommenden Jahres.

Dichterfürst 
Was hat unser Dichter, Johann Wolfgang von Goethe eigentlich gemeint, als er im Sterben lag? Mehr Licht, soll er gesagt haben. Wusste er nicht, dass man bei dieser einmaligen Gelegenheit durch ein helles Tor geht?








Donnerstag, 14. Dezember 2017

Wien, immer wieder schön.

In Erinnerungen schwelgen, das wollten wir,  und Freunde treffen, das taten wir. Drei Jahre lebten wir in der Wiener Blutgasse Nummer 9, gleich hinter dem Stephansdom. Viele schöne Erinnerungen blieben hängen. Die Vampirin Elisabeth Bathory soll hier gewohnt haben, vor 400 Jahren. Sie war reich, heiratete mit 15 einen Herrn, der erst 19 war. Das könnte in etwa stimmen.

Üppig, üppig. 
Das meiste, das man von ihr behauptet, kann jedoch nicht stimmen. Doch die Menschheit liebt Horrorgeschichten. Sie gilt als die größte Massenkillerin aller Zeiten. Über 650 junge Frauen und Mädchen soll sie abgemurkst haben. Sie badete ihn deren Blut, weil sie hoffte, dadurch jung zu bleiben. Die Blutgasse trägt ihren Namen. Das Haus Nummer 9 hat Stiegen, die die Mordgräfin durchaus hätten wendeltreppen lassen können. Besucher unserer schönen Wohnung liebten das leichte Gruseln, das wir durch unseren Hinweis verursachten.

Blutgasse, Eingang links 
Zwei Filme schildern ihre Geschichte: Les comptes immoraux und Die Blutgräfin. Wobei die Schönheit des Todes in Wien immer schon ein Thema war. Ich erinnere micht an ein Büchlein: Der Tod muss ein Wiener sein. Unser  Freund, dessen 50sten Geburtstag wir mitzufeiern eingeladen waren, hatte den Ort so gewählt, dass wir mit der Straßenbahn bis zum Zentralfriedhof fahren  mussten.

Hofburg 
Trotz strenger Kälte, durften wir auch in die Sonne blinzeln. Ansonsten hat der Ruch einer teuren Stadt das schöne Wien längst erreicht. Dann das morbide Verhaften in der Vergangenheit, woran kann man es sehen? An den dekorativen Fassaden? An den gemütlich ältlichen Cafés? An den Hinterhöfen? Nun, Wien hat etwas. Man liebt dieses Pflaster sofort. Beim Vorbeigehen in der Blutgasse entdeckte ich noch an der Klingel unsere Namen, die wir vor 2 Jahren zurückgelassen haben. Ich entfernte sie, sonst wäre vieleicht jemand auf den Gedanken gekommen, eine jener rätselhaften Geschichten zu erfinden, bei denen über 600 Opfer ihr schönes Leben verlieren mussten, nur um neues Grauen entstehen zu lassen. Der Dritte Mann muss für Wien schlimm genug gewesen sein.


Früh morgens verließen wir die Stadt, irgendwie Ungemach fürchtend, das sich jedoch nicht einstellte. Der Flug war pünktlich. Die Toiletten, die wir nie aufsuchten, waren wohl in Ordnung. Von oben konnte man einen leichten weißen Schleier beobachten, der sich über die Landschaft gelegt hatte. Schnee, der uns auch in Manchester erwartete, jedoch in hauchdünner Ausgabe. Winter eben.






Montag, 11. Dezember 2017

Wien, eiskalt.

Es ist üblich, dass in der ersten Dezemberhälfte in Wien und anderswo Kältegrade herrschen können. Wer zuhause bleibt, in der beheizten Wohnung, hat es da immer gut. Wer aber - wie Cath und ich - gerade aus England ankommt, in Wien für ein paar Tage eine Wohnung mietet, der sehe sich vor. Die Vermieterin gab uns 2 Paare Schlüssel, einen für die Haustür, und einen für die Wohnungstür. Doch das eine Paar war kein Paar sondern ein Einzelschlüssel.

Verloren in Wien 
Dann nahm das Unglück seinen Lauf. Cath ruhte aus, ich nahm einen Einkaufsbeutel, den Schlüssel und begab mich zu einem Laden, wo Milch, Butter, Brot und Bier gekauft wurden. Als ich zur Pillergasse zurück kam, vermutete ich, dass unsere Wohnung No.15 oder so war. War sie jedoch nicht. Der Schlüssel war auch nicht der Haus- sondern der Wohnungsschlüssel, mit dem ich nicht in ein Haus kam. Meine Verwirrung steigerte sich, nachdem ich 20 Minuten lang dem eiskalten Wind widerstanden und den richtigen Hauseingang immer noch nicht gefunden hatte.

Der richtige Hauseingang? 
Mit klammen Fingern suchte ich mein Mobilfon, fand es, und versuchte, Cath in der Wohnung anzurufen. Ihre Nummer musste ich gespeichert haben. Inzwischen war auch mein Gedächtnis klamm, ich konnte mich nicht erinnern, welche Wohnung es war, und wie ich zur warm und kuschelig untergebrachten Cath kommen konnte, zumal meine Finger inzwischen kleinen Eisstäbchen ähnelten.

Nach 2 Stunden gab ich schlotternd auf und fand ein Taxi, das mich zu einer Polizeiwache brachte. Der Jungpolizist muss nicht sofort begriffen haben, welche Lebensaufgabe da neu auf ihn zu kam. Entgeistert starrte er mich an, als ich ihn fragte, ob die Wiener Polizei von einer Engländerin kontaktiert worden war, die ihren abgängigen Mann suchte. Unter Vorlage meines Reisepasses, den ich immer bei mir führe, seit er mir aus einem Hotelzimmer in Budapest entwendet wurde, konnte ich den leichten Verdacht ausräumen, ich sei total von der Rolle und ein Fall für den Psychiater.


Der Jungpolizist fand die gespeicherte Nummer von Cath, rief bei ihr an, und das Problem war fast gelöst. Mein Freund und Helfer von der Polizei hatte sogar die Hausnummer ausfindig gemacht, mir ein Taxi  bestellt und mich frei von jedem Verdacht entlassen. Ich war in Wien verloren gegangen. Jetzt wartete Cath in der Pillergasse vor der Tür auf mich. Es ist nicht mehr die Rede davon, dass ich ohne sie in Wien herumstrolche, um all die schönen Orte zu besichtigen, die wir drei Jahre lang vor der Haustür hatten, als wir in Wien wohnten.




Samstag, 9. Dezember 2017

Toilettenflug Manchester - Wien

Die fliegenden Toiletten von Austrian Airlines verdienen,  erwähnt zu werden. Wo soll man da beginnen? Der Bekanntheitsgrad dieser himmelwärts orientierten Kloanlagen ist noch gering. Es war eine Tagereise von Yorkshire nach Wien, obwohl die Bahnreise nach Manchester nur etwa 1 Stunde dauern sollte,  der Flug nach Wien etwa 2 Stunden und die Taxifahrt zum Hotel etwa 40 Minuten. Um das Wichtigste vorwegzunehmen, ja, Cath und ich kamen zum Abendessen im Hotel nh an, hatten nach vielen Jahren ein echtes Wiener Schnitzel von der Tellerrandgröße, denn wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen.


Das Unglück begann, als bei 2 Minus, sich eine satte Schneedecke auf unser Auto gelegt hatte und der Taxifahrer sich weigerte, uns zum Flughafen zu bringen. Also wurde unser eigenes Auto freigekratzt, damit wir nach Manchester fahren konnten. Der Dauerparkplatz im Freien wurde gefunden, und der Zirkus zum Einbuchen begann. Eigentlich kennt man die Langsamkeit mit der das geschieht, schon lange. Dass man jedoch von der Gürtelabnahme und anderen Sicherheitsprozeduren bis zum heiß ersehnten Start über 3 Stunden warten musste, war ungewöhnlich.

Es wienachtet sehr 
Und das kam so. Piloten sind meist männlich, meist beherrschen sie neben ihrer Muttersprache auch Englisch, und wenn es um heikle Dinge geht, benehmen sie sich wie normale Menschen. Wir, als Fluggäste, wissen das. Der Pilot ersuchte uns in wienerisch gefärbtem Deutsch und ebenso gefärbtem Englisch um Verständnis für die nicht funktionierende Toilettenanlage, die wir als gerade seßhaft gewordene Fluggäste noch nicht inspiziert hatten. Nach 2 Stunden wuchs jedoch das Interesse an den Kloanlagen, zumal der eine oder andere einen wunderlichen Drang zu den Latrinen verspürt haben mag. Der Pilot versuchte weiterhin, uns bei Laune zu halten, indem er die neuesten Entwicklungen in Sachen Lokus bekannt gab. Der Bordcomputer hatte das Funktionieren der Anlage angezeigt, nicht aber das Vorhandensein von Spülwasser.


Das schnell erstellte Notprogramm erlaubte dann bis höchstens 7 Personen zum Urinieren von Bord gehen zu lassen, natürlich ausgerüstet mit Pass, und Flug- sowie Bordkarte. Also, der gesamte bürokratische Aufwand, der zur Erleichterung manchmal nötig ist. Wieviele das Angebot in Anspruch nahmen, hat wohl nur der Bordcomputer festgehalten. Die Verspätung hatte unter 3 Stunden zu bleiben, damit die Fluglinie keine Kostenerstattungen vornehmen musste. Dunkel war es jedoch schon, als die Maschine unter fürchterlichen Turbulenzen schließlich landete.




Beim Wiener Schnitzel bediente uns ein junger Mann, der sich sofort als Bayer zu erkennen gab, und als Weinkenner. Wir hatten zum Abschluss eines endlosen Reisetages unterhaltende Minuten mit einem Menschen, der auch unser Freund hätte sein können und den wir wohl nie mehr wiedersehen werden.










Donnerstag, 7. Dezember 2017

Woran merkt man es???

Dass man älter wird? Es gibt gesegnete Senioren, die auch noch behaupten, das Toupet des amerikanischen Präsidenten sei nicht echt, und denen die Zahl ihrer Enkel momentan entglitten zu sein scheint. Sie mögen in einem Zustand leichter Benommenheit ihr nicht immer gesegnetes Alter erreicht haben,  ihre Enkel haben es ohnehin nicht gemerkt. Trump gehört tatsächlich zu den wenigen Lebenden, denen man ihre generelle Losigkeit ansieht: Geist-, Geschmack-, Takt- und Lieb-

Trump erfolgreich angelächelt 
Ein richtiger Senior (oder Seniorin) hat sich die sichtbare Würde des Alters irgendwie erkämpft oder verdient. Man muss nicht genau hinschauen, um den Karriereknick, das Hypophysenadenom, die Liebeskatastrophe und andere Schicksalsschläge am faltigen Gesicht abzulesen. Angela Merkel muss da noch warten. Ihr Donald-Trump-Lächeln sprach zwar Bände, doch damals hatte der Jerusalemspezialist noch keine Ahnung von germanischen Hirnwindungen.

Angela, your smile... 
Woran man es merkt? Wenn du dreimal hintereinander über einen nicht sonderlich großen Stein gestolpert oder gar jämmerlich gestürzt bist, hast du nicht nur wochenlang über die Hüfte oder den Po zu klagen, nein, du hast deine Lektion gelernt: vorsichtig treppauf, treppab ist das Mindeste, an das du dich gewöhnen musst. Altersvorsorge? Vielleicht einen Spazierstock? Krücken? Rollstuhl? Die Bewegungsskala scheint von nun an offen wie ein Hühnernest.

Brigitte Bardot, das Lächeln des Front National 
Bei vielen meiner Altersgenossen setzt ein beruhigendes Alterslächeln ein, bar jeden drohenden Untertons. Vergessen wir nicht, dass die englische Königin auch schon 92 ist. Oder bin ich um ein unnötiges Jahr vorausgeeilt? Von Rollstuhl hat man da gottseidank noch nichts gehört. Ich gehe allmählich davon aus, dass die Altersfrage im Wesentlichen ein Problem der Jüngeren ist.

Die Erfindung des Schießpulvers 
Gerne hätte ich gewusst, wie ein Chinese mit dieser Sache umgeht. Doch vielleicht bin ich schon zu alt, um das noch herauszufinden. Jahrhundertelang haben wir von Chinesen als den Erfindern des Schießpulvers gewusst. Dann erfand ein deutscher Mönch namens Bertold Melanchton (=Schwarzerd) das Pulver nocheinmal. Zum Segen aller, die daran sterben wollten. Doch heute wird auch aus allerhand anderen Gründen gestorben. Hohes Alter scheint kein besonderer Grund mehr zu sein. Leute wie dieser Donald Trump werden mit etwas Glück und Geld auch dieses Rätsel noch knacken.




Mittwoch, 6. Dezember 2017

Doktorhut und Stöckelschuh - Bradford University.

Niemand behauptet, das würde nicht zusammenpassen. Im Gegengteil, nachdem ich heute in der schönen englischen Universitätsstadt Bradford die feierliche Überreichung von Dutzenden von Doktortiteln, Ehrendoktoren und Masterdiplomen an Studierende aus der ganzen Welt miterleben durfte, weiß ich, wie sehr die Engländer an der Akademisierung ihres Lebens hängen.


Der Saal war gespickt mit Jungakademikern und deren Familien. Ein wahres Spektakel. Wer den Doktorhut erwartete, hatte einen roten Talar mit viel Gold umhängen, doch die Mehrheit wartete auf die Ehrung für den Mastertitel, ebenfalls mit Doktorhut, dazu ein schwarzer Talar mit gelber Einlage.
Malerischer ging es nicht.



Auch die Unikanzlerin, sowie Vizekanzler, manche Professoren und das Unipersonal gaben sich bunt.  Die Reden und musikalischen Einlagen sorgten für die notwendige Feierlichkeit. Kein Wunder, dass der bekannt hohe Frauenanteil höchst auffällig in zwei Lager zerfiel: die einen machten mit ihrem Fußschmuck wenig Aufhebens, die anderen hingegen fielen durch zierliche Stöckelschuhe auf, sozusagen, das Neueste auf diesem Gebiet. Doch die feierliche Bestallung zum Master of Arts  durch die Universität war der Hauptanlass für die knapp unter 200 Anwärter, die sich jetzt zurecht akademische Würdenträger nennen dürfen.





Cath gehörte zu den älteren Studenten. Ihr Studiengebiet ist die Konfliktbewältigung (Conflict Resolution) über die sie ernsthaft nachgedacht und die sie mit Auszeichnung sehr erfolgreich abgeschlossen hat. Das Zeremoniell dauerte entsprechend lange, dafür findet es nur einmal im akademischen Leben statt.









Sonntag, 3. Dezember 2017

Auf der Insel begraben.

Hier, im fernen Nordengland, fällt mir der Name eines Freundes ein, von dem ich schon sehr lange nichts gehört habe. Mein letzter Anruf, vor etwa 15 Jahren, traf ihn mitten bei der Arbeit. Kurz und herzlich, es gab unendlich viele Anlässe zur Erinnerung. Es wurde viel gelacht und Blödsinn veranstaltet. Freiburg war der Ort, wo wir uns zuletzt sahen. Er war Arzt und auf dem Wege zu einer zweiten Heirat, die ich aus vollem Herzen gutheißen konnte. Seiner ersten ehelichen Bindung konnte ich noch als Trauzeuge beiwohnen. Dann kamen die Jahre, in denen der gelegentliche Gruß hin- und herwanderte. Mehr nicht.

Friesische Karibik??? 
Er in der Nähe von Flensburg, ich an verschiedenen Orten (Paris, Schweiz, Zypern, Straßburg, Wien). Über einen gemeinsamen Freund aus Schleswig-Holstein, hielten wir eine Art lose Kontaktlosigkeit, nur gerade mal wissend, wo der andere steckte und was er tat. Manchmal kann das genügen, total aus dem Auge muss man sich deshalb nicht verlieren. Wie gesagt, unser letztes Telefongespräch traf uns an verschiedenen Orten, er im Norden, ich im Süden. Bald versanken die Abende, wo wir unendlich viel tranken, meist guten Wein, in einer komatischen Erinnerung. Das Klauen von Kirschen im Kaiserstuhl, war damals bei Freiburger Studenten teil ihres akademischen Tuns. Eine schöne Zeit. Und natürlich auch eine Erinnerung.

Die Jahre des Rückzuges aus dem Berufsleben waren wie ein Neubeginn. Man lässt vieles zurück, verabschiedet sich von manchem. Beginnt vielleicht ein neues Leben der Muße und des Reisens. Statt Kirschen, die es in Yorkshire nicht gibt, knackt man süße Äpfel, was als Genuß überaus akzeptabel ist. Freunde verschwinden irgendwie. Von manchen hört man nie mehr etwas. Andere tauchen nach Jahrzehnten wieder auf und verkünden dir mit ihren Falten, wie alt du geworden bist.

Kirsche im Kaiserstuhl 
Mein Freund, der zuletzt noch als Arzt im Norden tätig war, fiel mir plötzlich wieder ein. Sein Name ist unvergesslich: A.J.A. Meine Neugier ließ mich googeln, denn seine Telefonnummer schien mir etwas veraltet. Das Schöne an Google ist, dass man die ganze Welt aufrufen kann, wenn man an etwas interessiert ist. Doch auch der Schock läuft oft über Google. Bei der Suche nach Arfst-J. A. stieß ich sofort auf einen Grabstein. Find A Grave Memorial, hieß es da in einer Sprache, die wirklich nicht notwendig war. Arfst, Du lieber Freund, Du bist im Jahr 2011 von uns gegangen. Niemand hat es mir gesagt. Deine Lieblingsinsel war immer Föhr, ganz oben im Norden Frieslands. Die friesische Karibik, immer etwas unterkühlt.




Samstag, 2. Dezember 2017

Schwarzwald, zwei Jahre ohne dich!

Das zweite Jahr in Yorkshire, auf dem Land, nicht weit von Manchester, der Stadt mit dem Flughafen, die den Männern die Cordhose überlassen hat, ein Kleidungsstück, das der Erzfeind der Jeans zu sein scheint, der Nietenhose. Dieser Ausflug in Hosen scheint mir notwendig, denn es ist wieder sehr kühl geworden, und meine Cordhosen hängen immer noch in unserem Haus im Schwarzwald. Um dem eiskalten Wind hier entgegenzutreten, ziehe ich den kiloschweren Pullover an, unter den ich noch ein wollenes T-Shirt ziehe. Dann denke ich an meinen Schwarzwald.


Dort weiß man: wenn er kommt, dann kommt er, der Winter. Frostnächte, die es im Norden Englands kaum gibt, sind im Schwarzwald an der Tagesordnung. Sie künden sich an, während die Herbstsonne noch freundlich blinzelt. Was ich jedoch an meinem Lieblingswald am meisten schätze, sind die oft etwas verfrüht vollgeschneiten Tannen. Und schnell gibt es wieder einen blauen Himmel.


In Yorkshire gibt sich der Himmel oft bescheiden. Ein verschämtes Grau (verun)ziert ihn allzu oft. Das erschwert es dem Naturliebhaber, sich Hals über Kopf in Wälder und Wiesen zu verlieben. Und Mannheim, um nur eine Großstadt in Süddeutschland zu erwähnen, gilt auch nicht gerade als das Mekka unter den Städten. Dafür liegt es auch genügend weit weg vom Schwarzwald. Das Land, wo einst die berühmten Bronte-Schwestern sich literarisch umtaten, ist halt nicht mit dem Schwarzwald zu vergleichen. Dafür bietet es heideähnliche Landschaften, deren leicht lila schimmernde Auen den Betrachter in nostalgische Erregung versetzen können.


Was mich an den geliebten Schwarzwald denken lässt, ist die hemmungslose Blüte der Pflaumen-Kirsch- und Apfelbäume, die auch unsere Freunde aus Holland und Belgien immer wieder anlockt und bezaubert. Trost für die im Norden Festsitzenden: der allenthalben käufliche Brüsseler Paté, eine schmackhaft hergestellte, streichfähige leberwurstähnliche Masse, mit der ich genussvoll mein Frühstück beginne. Cathie hingegen nimmt dazu täglich aufs Neue deutlichen Abstand.


Ich weiß genau, dass unsere Heimkunft in den Schwarzwald uns sofort die herbe Erinnerung an das Nordische in Erinnerung bringen wird. Dann werden wir uns wieder warm anziehen und dem Nachbarkater Arthur und seinem Freund Norman einen längeren Besuch abstatten.

Arthur 











Freitag, 1. Dezember 2017

Der dreifache Doktor.

Den hatte Cathies Vater. Alle in England ehrenvoll erworben. Warum es drei Doktorate sein mussten, hat sich niemandem erschlossen. Nicht ein einziges Mal benutzte er diese Titel. Als ich beim Südwestfunk in Baden-Baden als freier Fernseh-Reporter begann, war ich von Doktoren umzingelt, die alle auf ihren Chefposten saßen und, außer einem erfahrenen Rundfunkmann, der das nicht nötig hatte, den begehrten Titel trugen. Jemand sagte, wenn du hier etwas werden willst, brauchst du den Titel. Damals wollte ich nichts werden und hatte genug Zeit, um eine Dissertation zu beginnen. Das macht nur Sinn, wenn man diese dann auch beendet. Sie wurde beendet. 120 Seiten. Veröffentlicht und von historischer Bedeutungslosigkeit.


Dann kam die Zeit, wo Bewerbungen nötig waren. Stolz setzte ich meinen Doktor darunter. Bis mir das zuviel wurde. Mein Stolz sagte mir dann, es kann auch ohne gehen. Ging auch. Wenn sie deine Papiere sehen, fragt dann schon mal der eine oder andere: sind sie Arzt? Mein Nein klang immer etwas entsetzt, denn wenn ich mir vorstellte, ich sei Arzt, kam ich ins Schwitzen. Ich und Arzt, wo ich schon Schwierigkeiten habe, meine eigene Leber zu orten und von Krankheiten keine Ahnung habe.

Dr. T.? 
Bei Donald Trump wäre ein Doktortitel allerdings eine ganz nützliche Sache gewesen. Man hätte in ihm den Akademiker erkannt. Dr. Trump selbst hätte sich wahrscheinlich diese Mühe nicht gemacht. Mein damaliger Wunsch-Doktor-Vater wollte, dass ich mindestens 4 Jahre für diesen Aufwand ansetze. Ich hatte diese Zeit nicht und schaffte es mit 2 Jahren. Ein Kinderspiel war es nicht. Mein Freund Michael V. hatte vor Jahren eine Studie unternommen, um zu zeigen, wie leicht man mit Geld an einen Doktortitel kommen konnte. Die Vereinigten Staaten waren auf diesem Gebiet Spezialisten. Ich wäre erschüttert, wenn uns Donnie da nicht zugegriffen hätte. Doch er war schon immer zu reich, und sein Verhältnis zur Wahrheit würde ohnehin durch solche Fragen nicht berührt werden.

Dr. von und zu G.? 
Doch, im Ernst, solche akademische Titel können durch eine Spende, etwa an eine kirchliche Einrichtung, erworben werden. In den USA soll der "billigste" Dr. h.c. für 39 Dollar erhältlich sein. Auch einen satten Professor kann man sich einkaufen. Ärgerlich ist allerdings, dass auch Minister , die zurücktreten mussten, und sonstige Promis sich mit diesem Schabernak schmücken, während die echten, akademischen Titelträger jahrelang schuften, lesen und schreiben, und das Ganze (in Deutschland) auch noch beurteilen lassen mussten. Und, ich glaube mich zu erinnern, in 200facher Ausfertigung mussten die Dissertationen für die Unibibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Also: Das Liebesleben der westlichen Twitterameise im 2. Jahr des Klimakteriums. Wie finde ich das? Akademisch.