Mittwoch, 22. November 2017

Wir buchen uns dumm und dusselig.

Bankverbindung in Frankreich, mit Konto und allem Pipapo. Postadressen noch nicht endgültig geändert: Frankreich, Deutschland, Österreich und England sind noch nicht um-an-oder abgemeldet: Uff! Daueraufträge nach England, Deutschland. Einmalige Zahlung nach USA. Kann sich jemand vorstellen, wie kompliziert das ist? International Bank Account Number? BIC? Du hast einige Jahre verschlafen und hattest anderes zu tun, als elektronisch auf Trab zu bleiben. Jetzt sitzt man zwischen den Stühlen und weiß oft nicht, wie es weitergeht.


Also, der Flug von Manchester nach Wien und zurück? Über Düsseldorf oder direkt? Etwas billiger, aber, wer will schon in Düsseldorf zwischenlanden? Das Hotel in Wien? Nicht zu teuer, deshalb mehr Zeit zum aussuchen. Dann, die Autofähre von Hull im Dezember, nach Seebrügge, mit Weiterfahrt in den Schwarzwald. Der Wochentag ist wichtig, denn Brüssel muss umfahren werden. Da können fatale Staus entstehen.


Was der Mensch heute alles erlebt, wenn er auf Draht sein möchte. Man stelle sich vor, das Telefon zu vergessen oder zu verlieren. Manche haben sich angewöhnt, alle 10 Minuten ins Internet zu schauen. Andere müssen jeden Anruf entgegennehmen, der ihnen zugeflogen  kommt. Das Wetter (der Wind, der Regen) macht immer was es will. Wie oft sind die Straßen zur Unzeit total zermatscht. Auch das noch! Vor allem die dunkle Jahreszeit macht uns zu schaffen.


Wir sitzen hier in Yorkshire. Cath und ich gehen unsere Kalender durch, checken unsere Banksituation, prüfen müde unsere leicht angeschlagene Gesundheit und versuchen, den ganzen elektronischen Müll unter einen Hut zu bringen. Dann tauchen wieder neue Theorien über den Brexit auf. Auch das möchte man wissen. Rein oder raus? Wer bezahlt wieviel? Können EU-Bürger bleiben? Werden die Preise weiter steigen? Werden die Nicht-EU-Ärzte  massenhaft das Land verlassen?


Der hässliche Rechtstrend wabert weiter. Wem kann man noch trauen? Viele, die erbärmlich klein daherkamen, und nie etwas zu sagen hatten, spucken jetzt große Töne. Der Orgasmus ist erreicht, wenn mindestens 20 Facebooker dein Gesicht gesehen und dich geliked haben. Dann bist du weltweit eine celebrity. Oder eine Eintagsluftblase.  Kannst dann über alles reden, ohne zu wissen, was stimmt und was nicht. Fake News von Trump oder Höcke? Das alles ist scheißegal geworden. Auch im Ton müssen wir uns nicht mäßigen. Aber beim Buchen von Reisen müssen wir aufpassen, denn das kann Geld kosten. Leider hat uns niemand auf das internationale Chaos vorbereitet. Wie sagte Winnetou einst? Hugh, ich habe gesprochen.




Sonntag, 19. November 2017

Sie sind schon da: die Außerirdischen.

Amerika glaubt gerne an Extraterrestrisches. Immer wieder werden Bilder aus dem All gezeigt. Die seltsamen Wesen mit den großen Augen haben es uns angetan. Das Unerklärliche ist seit der Überwindung großer Distanzen wahrscheinlicher geworden. Wer in einem Intercity bis zu 300 km in der Stunde zurücklegen kann, fliegt auch problemlos per Film von einer Galaxie zur anderen. Als Kinder haben wir große Augen gemacht, wenn wir etwas sahen, was wir uns nicht erklären konnten.


Keine Angst, der amerikanische Pilot, der vor ein paar Tagen mit Kondenzstreifen einen Penis an den Himmel gemalt hat, ist eher ein fehlgeleiteter Poet als ein unanständiger, völlig humorloser Schmierling. Die amerikanischen Oberen des Pimmelmalers haben zwar ihren Unwillen geäußert, aber wohl nur, weil die bekannte Prüderie im Trumpland ihren Tribut verlangt.

Pimmelskörper 
Auch bei den Darstellungen von Außerirdischen wird man das Gefühl nicht los, dass irgendwie Exhibitionisten am Werk waren. Das Wort Fake News gibt es noch nicht lange, aber dass man sich etwas aus den Fingern saugen kann, lief früher zwar unter Märchen, doch wäre das nie erfolgreich gewesen, wenn die professionelle Propaganda à la Goebbels das nicht geziehlt gefördert hätte. Deshalb kann gesagt werden, dass Lügen erstaunliche Chancen bekommen, wenn sie oft genug wiederholt werden.

Der Lügenmeister 
Bei den Außerirdischen kommt noch hinzu, dass man fotografisch alles untermauern kann. Wenn man etwas gesehen hat - es kann auch eine Fotomontage sein - kann man behaupten, dass es es gibt. Von Donald Trump gibt es zahllose Bilder, sonst könnte man es nicht glauben: dass Amerika einen gewählten Präsidenten hat, der sich, wie ein Kind, mit dem Führer eines Ministaates streitet, der auch noch mit Nuklearwaffen herumhantiert.

Außerirdischer? 
Mir soll keiner erzählen, dass Kim Jong Un aus einer unheimlichen Galaxie zu uns gestoßen ist. Oder dass all die anderen, die ihre Existenz dem Internet verdanken, nur zufällig hier sind. Nigel Farage, oder der Rechtsaußen Meuthen, das Fräulein von Storch, um nur ein paar solcher Außerirdischen zu benennen, führen eine digitale Existenz, die ans Märchenhafte grenzt. Sie sind da, doch weiß man nicht ob es sie wirklich gibt.  Da sie weitgehend aus dem Nichts aufgetaucht sind, überwiegend im Internet pubertieren, und ihre geistige Heimat rechts von der Mitte zu finden scheinen, darf geglaubt werden, dass der Spuk bald wieder aus unserem Blickwinkel verschwindet, damit wir neben den ideologischen Fantastereien unserer Zeit, wieder die eigentlichen Fragen beantworten können: Wer sind wir? Woher kommen wir? was tun wir? Und: warum? Oder ist jetzt alles Fake?










Alter Sack mit neuem Inhalt?

Es wäre respektlos, einen Greis als alten Sack zu bezeichnen. Als mein viel bewunderter Freund Ernesto mir zum erstenmal gegengüber stand, sagte er in seinem schönen perfekten Deutsch: ich bin 32. Mit meinen damals 29 Jahren ging mir ein kleiner Stich durchs Herz. Ernesto war schon 32. Ich hatte mir immer großzügigerweise vorgestellt, mein heroisches Leben würde mit 40 enden. Ein schönes Alter für einen, der noch nichts geleistet hat und dennoch die Bewunderung aller auf sich ziehen möchte.

Ernesto, Du fehlst uns. 
Ernesto, mit dem mich eine lebenslange Freundschaft verband, ein Frauenbewunderer, der spät in seinem intellektuellen Leben die ideale Partnerin fand, musste früh sterben. Wir hatten über alles gescherzt und schütteten uns aus vor Lachen, wenn der Anlass besonders albern erschien. Plötzlich war auch ich über 40. Das war die Zeit, da man anfing, zu leben. Also lebte man. Die berühmteren unter uns wurden beim Nennen ihrer Namen in Zeitungen immer mit dem Alter versehen: Dr. XYZ, in Klammern (69) oder (75), wenn verstorben, das gleiche, eine Art Zwang, mitzuteilen, in welche Altersstufe man passte.

Als ich mein eigenes biblisches Alter erreicht hatte, ich präzisiere es nicht, aus Achtung vor der Methusalemität der anderen, merkte ich selbst, dass ich das Radfahren, den Skilauf und vieles andere bereits aufgegeben hatte. Man hatte gelernt, sich zu verabschieden, wenn man etwas nicht mehr ausführen konnte. Die Frage bleibt, wozu bin ich noch fähig? Lohnt es sich überhaupt noch? Sich mit dem Hasbeeneffekt abzufinden, genügt jedoch den meisten nicht. Mein spanischer Freund hatte begonnen, Gedichte aus dem Russischen ins Spanische zu übersetzen. Das hatte Ernesto bis zu seinem Tod beschäftigt. Eine neue Aufgabe zu finden, war sein Wunsch. Ich erinnere mich, wie zufrieden er war.

Einleitung ? Hauptteil? 
Uns nicht vom Gang der Dinge abhängen zu lassen, scheint ein Gebot des Alterns zu sein. Wer sich aufgibt, ohne Neues zu versuchen, wartet nur noch auf den Tod. Das Alter ist nur eine Ansammlung von Jahren. Es sind jedoch nicht die Jahre, die zählen, sondern die Schritte, die man nach vorne macht. Beim Aufsätzeschreiben in der Schule gab es immer und unerbittlich Einleitung, Hauptteil, Schluss.

Man kann immer neu beginnen, den Aufsatz des Lebens zu schreiben: Einleitung, Hauptteil, Schluss. Wir wissen wie es geht. Wer es nicht tut, hat schon aufgehört. Die Ansammlung von Jahren mag der Hauptteil sein. Doch die Jahre zu beenden, ist nicht unsere Sache, und über den Jordan gehen ist auch eine Tätigkeit. Habe ich einmal gemacht, ohne an etwas zu denken. Der Jordan hatte nichts dagegen.

Was für ein Anfang... 
Wie erfrischend, wenn man sagen kann, dass man lebt (und hoffentlich gut). Für den Schluss ist nur der Regisseur zuständig. Kommen wir ihm nicht in die Quere. Und spielen wir unseren Part mit Würde, ja mit schauspielerischer Begeisterung. Das Publikum liebt es. Ich sterbe jetzt, heißt es in der Oper. Der Kerl brauchte Stunden, um seine Arie zu beenden. Ich fand das sterbens langweilig. Schluss.












Samstag, 18. November 2017

Chaos in der Sun Street.

Ein kleines Chaos ist immer willkommen. Das könnte eine Weinsoße sein, die unverhofft auf einer weißen Schürze gelandet ist, oder frisches Eigelb auf dem blütenweißen Hemd. Nichts dergleichen. Etwas anderes ist es, wenn ein neuer Bodenteppich verlegt werden muss. Der eine der Teppichverleger wollte Kaffee, der andere ein Glas Wasser. Jetzt wird ernsthaft herausgerissen und neu verlegt.


Wir dürfen derweil das Haus verlassen und uns auf den neuen Belag freuen. Das Chaos muss dann von uns wieder beseitigt werden. Per aspera ad astra: vom Ungemach zu den Sternen, was immer der Lateiner damit sagen wollte....Das 300 Jahre alte Steinhaus verdient  einen kräftigen Kosmetikschub.


Das Yorkshire Wetter hat uns eingeholt: es nieselt in Maßen, wobei die Sonne einen trotzigen Kampf angesagt hat. In Hebden Bridge haben wir Berge von Büchern gekauft, darunter einen Krimi, der in Reykjavik spielt und eine Spionagegeschichte zum Inhalt hat. Zurück in der Sun Street, sehen wir, dass die Treppe eine neue Teppichverkleidung trägt. Weniger Sturzgefahr? Das Chaos im Haus hat schon andere Züge angenommen. Das Zurückschieben der Möbel scheint ein Kinderspiel. Der Staubsauger lärmt ungemein, was der ersehnten Sauberkeit einen großen Gefallen tut.


Ein Chaos ist also ein Zustand, der ungewollt alles durcheinander bringt. Das Erfrischende daran ist die neu konzipierte Ordnung, von der man hofft, dass sie wieder eine Weile anhält. Wenn dann die ersten Besucher in ein lautes Ahhhhh ausbrechen, ist das Ziel erreicht, nämlich, entschieden weniger Chaos in der Sun Street.


Donnerstag, 16. November 2017

Der Mangobaum - die Verhunzung einer Frucht.

Der Siegeszug der Mango hatte bei mir eine ganz persönliche Note. Ich hatte noch nie vorher diese Frucht gesehen oder deren köstlichen Geschmack gekannt, bevor ich 1985 auf Einladung nach Indien kam. Begleitet von Töchterchen Natascha, noch nicht 20, und Sohn Johannes, gerade 18, fuhren wir von Bombay/Mumbai über Haiderabad nach Madras, dem heutigen Chennai. Ich hatte schon als Kind von Indien geträumt und über Indien gelesen.


Natascha war es wohl, die als erste diese Frucht auf einem Markt entdeckte und neugierig beschnupperte. So wurden wir mit den himmlischen Mangos bekannt, wie sie im reifen Zustand auch heute noch in Europa kaum zu finden sind. Um es krass zu formulieren: Mangos sind heute fast überall in der Welt Industrieware, grün, hart, faserfrei und unreif. In jedem Supermarkt billig zu haben. Geschmack: süßlich, mit Mangoverdacht.


Chandra Batra aus Indien, lebte mit französischer Frau und Kind in Straßburg. Er war ein Filmemacher ohne Frazösisch- oder Deutschkenntnisse, unglücklich, und ohne richtige Beschäftigung. Wir wurden Freunde, indem wir (auf Englisch) lange Gespräche führten und gelegentlich in indischen Restaurants essen gingen. Einmal im Jahr kehrte er zu seiner Familie nach Indien zurück. Wenn er nach einer gewissen Zeit wieder nach Frankreich kam, brachte er 8-10 reife Mangofrüchte mit, von denen ich immer eine geschenkt bekam. Köstlich, wenn man den Unterschied zwischen Original und Nachbildung kennt. Dann starb er aus Sehnsucht nach seiner indischen Heimat.


Irgendwann muss man erkennen, dass Pfirsich nicht mehr Pfirsich, Apfel nicht mehr Apfel und Mango nicht mehr Mango ist. Der Wunsch, immer alles und überall im Supermarkt zu bekommen, führt zu den Geschmackskompromissen, die wir kennen. Das Pfirsichbäumchen aus der Eltern Garten, hatte die besten Pfirsiche. Dann gab es eine Zeitlang Pfirsiche aus Italien, Griechenland, Spanien und die Weinbergpfirsiche aus der Heimat. Diese waren alle noch köstlich. Dann hat auch sie die Gewinnsucht erreicht: sie wurden Massenware, unreif, wetterbeständig, transportfähig, hart und geschmacklos.


Wir wissen, dass unsere Vorfahren, Adam und Eva, aus dem Paradies verjagt wurden, weil Eva einen (?) Apfel geklaut hatte. Aber, dass heutzutage das Apfelangebot auf ein rotes, saftiges, mittelgroßes Ding, (bissfest natürlich), preiswert, international und ganzjährig geschrumpft ist, möchte ich als einen kulinarischen Weltkrieg bezeichnen. Wo sind die Goldparmänen, Boskops, Schafsnasen, Gravensteiner, Weihnachtsrenetten und all die anderen geblieben? Ausgerottet?

Ich war auch mal 'ne Apfelsorte! 
Um den Abschiedsgesang der einst reifen und köstlichen Frucht vorzutragen: Adam und Eva kannten vor ihrer Vertreibung noch das Paradies. Der Apfel - und viele andere Genüsse - standen im Mittelpunkt ihres, zugegebenermaßen etwas kürzeren Lebens. Uns Zeitgenossen hat man das volle Angebot aller "Köstlichkeiten" vor die Füße geknallt. Wir kommen nicht mehr dazu, das Richtige auszuwählen und uns darüber zu freuen. Und der Berg unserer Abfälle wird immer höher. Die Mangofrucht gehört jetzt dazu. Welchem Verbrechen ist diese göttliche Frucht zum Opfer gefallen?





Mittwoch, 15. November 2017

Da gibt es einiges zu berichten.

Wenn man älter wird, auf Kinder und Enkel zurückblickt und gelernt hat, wichtige Begebnisse im Leben einfach einmal auszulassen, beim Erzählen, dann bleibt immer noch genug, um Erstaunen auszulösen.


Mit 20, also fast noch blutjung, befand ich mich (im Sommer 1956) mit drei Freunden in Cannes, an der französischen Cote d'Azur. Während wir darauf warteten, dass die Türen des Festivalkinos sich öffneten, erschien ein weltbekannter Künstler auf der Freitreppe, der sich gerade einen Film über sich angesehen hatte. Es war drei Uhr nachmittags und sommerlich heiß. Fotografen und Kameraleute warteten geduldig. Es war Pablo Picasso, der auf uns zukam, sein hellblaues Wolljäckchen auszog, das ich bereitwillig über meinen Arm legte, während der Meister sofort damit begann, in die Kameras zu blicken und Fragen zu beantworten. Als ich ihm die Weste zurückgab, bedankte er sich herzlich bei mir. Ein Foto mit Picasso und mir muss als Beweis irgendwo in einem meiner Alben ruhen.


Er heißt Martin und war Student der Medizin in der damaligen DDR, genauer, in Erfurt, als ich ein Visum erhielt, um Tante Liesel in Freiberg/Sachsen zu besuchen. Es war der November 1962. Mein Freund Christian, mit dem ich in Freiburg studierte, hatte seit seiner "Flucht in den Westen" seine Eltern  und Geschwister nicht mehr gesehen. Ich wurde gebeten, einen Versuch zu unternehmen, diese zu treffen. Großes Misstrauen beherrschte damals die DDR, die mit eiserner Hand durch KGB und Stasi kontrolliert wurden. Auf dem kleinen Umsteigebahnhof von Sömmerda erkannte ich den jüngeren Bruder Christians, dessen Nase so etwas wie ein Familienabzeichen war. Er stand im Verdacht, einer Gruppe von Studenten anzugehören, die anti-russische Flugblätter verteilt hatten. Martin wurde Tag und Nacht überwacht. Sein Studium war in Frage gestellt. Ich berichtete das seinem Bruder im Westen.

Ich blättere weiter: die DDR kollabiert friedlich im November 1989. Meine europäische Mission brachte mich Anfang 1990 zu einem Kongress über Kriminalität in den Städten nach Erfurt. Von Christian hatte ich erfahren, dass sein Bruder Martin als Frauenarzt in Weimar tätig war. Wir trafen uns: es wurde zu einer zweiten Begegnung, nach 28 Jahren. Als wäre nichts geschehen, setzten wir unser Gespräch von 1962 fort. Es blieb bei diesen zwei Begegnungen. Die Umstände haben uns nicht mehr zusammengeführt. Doch Christian werde ich hoffentlich noch in diesem Jahr treffen.


Der Eiserne Vorhang schien sich allmählich zu öffnen. Man konnte gelegentlich schon Menschen aus Ungarn, Polen oder dem Baltikum treffen. Ich konnte sogar schon 1989 eine dreiköpfige Mannschaft des sowjetischen Fernsehens in Straßburg zum Essen einladen und sehen, wie einer den anderen noch zu überwachen hatte. Vor allem der Kameramann, dem der elsäßische Wein besonders zu munden schien, wurde deshalb ständig von den beiden anderen genörgelt. Diese verstanden kein Deutsch, sodass mir der Kamaramann in meiner Sprache alles mockant berichten konnte. Ich fand diese Zeit des Umbruches aufregend und von unglaublicher historischer Bedeutung. Das bekam ich voll zu spüren, als ich am 9. November 1989 im 34. Stock des Plaza Hotels in New York am Fernsehschirm den Fall der Berliner Mauer miterlebte. Menschen, die mich kannten umarmten mich. Ich hatte nur einen Gedanken: wie erreiche ich meine Tochter  und meinen Sohn, die beide in Westberlin studierten. Der Sohn war gerade unterwegs nach Süddeutschland, und meine Tochter berichtete mir später, dass sie von DDR-Beamten freundlich über die Mauer zurück in den Westen geschubst wurde.

Der Hauch der Geschichte 
Manchmal bekommt man die Geschichte voll um die Ohren, doch dann gibt es Momente, die uns wissen lassen, dass wir dabeisein durften. Danke, Pablo Picasso, Danke, Martin, und Danke, Berliner Mauer, dass du nach all den Jahren von uns gegangen bist.

Samstag, 11. November 2017

Eldorado - die Goldkette um den Hals


Während der Mensch bis zu seiner Pubertät wesentliche Phasen seines Lebens abgeschlossen zu haben scheint, nämlich die Oral- Annal- Latenz- und Genitalphase, verliert er sich leicht in mehr exotischen Phasen, wenn er älter wird. Bei Verliebtheit kann es leicht passieren, dass er die Orientierung gänzlich verliert und nicht mehr weiß, ob Männlein oder Weiblein. Wer bei Sigmund Freud hereingeschaut hat, dem schwant so einiges. Dass manche ihrer Exkremente (Annalphase?) sich symbolisch in pures Gold verwandelt haben. Eine sublime Art Goldwerdung, die glücklich macht, wenn dieses Edelmetall, tonnenweise ständig irgendwo am Körper hängt und glitzert.

Klopapier, golden. 
Obwohl man solche Schwächen gerne dem zarten Geschlecht zuordnet, kann man kaum übersehen, dass der ultimative Goldträger ein stattlicher Mann ist, der sich überwiegend, mit schwerer Goldkette behängt, an Stränden und in Schwimmbädern herumtreibt. Sollten die Schweißperlen am nackten Oberkörper nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken, und hingegen ein zartes Goldkettchen den männlichen Hals umspielen, sind alle Variationen menschlichen Zusammenseins denkbar. Allerdings soll es Männer geben, die gegen die Goldkette eine Art Allergie entwickelt haben. Goldene Uhren, Eheringe und Manschettenknöpfe fallen normalerweise nicht unter diese Abneigung.


Einem krassen Fall von Gold- und Silbersucht begegnete ich neulich auf einer Kreuzfahrt. Ein mittelalterlicher Herr, alleinstehend wie wir vermuteten, tanzwütig, wie man leicht feststellen konnte,  schmückte sich vor allem abends mit riesigen silbernen und goldenen Gehängen. Cath schaffte es sogar, mit ihm ins Gespräch zu kommen, doch dieser besondere Schmückwahn, konnte nicht erörtert werden. Ich musste unwillkürlich an unseren Sigmund Freud denken, dem dazu sicherlich allerhand eingefallen  wäre.


ELDORADO, El dorado, der, die, das Vergoldete, wurde ursprünglich als Traumland oder -Stadt am Orinoco oder Amazonas angesehen, strotzend vor Schätzen, eine ständige Herausforderung für goldsüchtige Antenteurer. Alles, was auch nur im Entferntesten mit Gold zu tun hatte, musste irgendwie aus dem Eldorado der Menschheit stammen. Die Goldmarie aus dem Märchen, die Goldene Gans, der goldene Löffel, die goldene Brücke, über die man geführt wird, all das ist mit der Faszination des Goldes verknüpft.


Sucht und Begehren scheinen alle diejenigen zu begleiten, die ein beonderes (erotisches?) Verhältnis zu diesem Edelmetall haben. Das Gold macht etwas mit dem Menschen. Wer ihm verfallen ist, läuft ihm stumm hinterher. Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold. Wer als Kleinkind auf dem Töpfchen sitzt, kann sein Geschäft durchaus mit Gold vergleichen. Doch die spätere Hinwendung zum Gold sollte deutlich machen, dass die Annalphase überwunden ist.








 


goldene Gans. Goldmarie, godener Käfig. Analkrise. Goldstaub. Schmuck. Elster.
Oral, Annal, Latenz, Genitalphasen, bis zur Pub= abgeschlossen.Eldoado Man on ship.

Freitag, 10. November 2017

Yorkshire Tagebuch - 24 - wann wird es Weihnachten?

Nein, heute kann die Wäsche nicht auf die Leine gehängt werden. Du hast einen Garten, eher ein Gärtelchen, die Sonne scheint ungemein grell, die Waschmaschine spuckt gerade frisch Gewaschenes aus, und die Frage, wie trockne ich das, ergibt sich urplötzlich. Die Nachbarin war schneller: ihre Wäsche flattert gefährlich an der Leine, befestigt wie mit Drahtseilen. Ich glaube, es ist besser, das Gewaschene im sogenannten Wintergarten aufzuhängen, denn es steht zu befürchten, dass der lebhafte Wind, den man in Mitteleuropa einen Sturm nennen würde, ein ganzes Bettlaken losreisst, um es lange unauffindbar in der heckenreichen Umgebung aufzuspießen.


Andererseits fuchtelt Theresa May, die Dame aus der Downing Street, immer noch mit ihren Absichten herum, aus dem omnipräsenten Brexit einen lange ersehnten Spaziergang durch das uninteressierte Europa zu basteln. Politik kann ganz schön unrealistisch sein. Die Brexitbeauftragten ahnen, dass demnächst Entscheidungen getroffen werden, die dem Bürger nicht gefallen. Die Wolke des Austritts aus der EU kommt immer näher. Der Preis, so fürchten viele, wird hoch sein, doch hält man sich im Königreich vornehm zurück. Nur keine Zahlen nennen. Der kleine Mann spürt aber die Preislawine schon deutlich rollen. Eine besondere Scham ist mit den Preiserhöhungen im Lande nicht verbunden. Im Zweifelsfalle sind es die Europäer, die das verursachen. Eine ganze Nation lässt ihren Kopf im Sand verschwinden.

Kopf im Sand? 
Verbale Sehnsucht kommt aus den USA. Der Präsident, dem Psychospezialisten bereits alle Geisteskrankheiten der Welt zugeordnet haben, möchte mit China klar kommen. Die negativen Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern seien nicht Chinas Schuld. Es ist Trumps Vorgänger Obama, der die Verantwortung habe. Präsident Xi Jinping, der gerade besuchte China-Chef, wird es besser wissen. Trumps Ungenauigkeit scheint die Stärke auf der diplomatischen Ebene zu sein. Trump hat, wie immer, recht und wahrscheinlich keinen größeren Schaden angerichtet. Wie schön für uns alle.

                                                                Poole/Getty Images 
Cath erhielt vor ein paar Minuten das Ergebnis ihrer Arbeit über Konfliktbewältigung und -Beratung zugestellt. Eine sehr komplizierte Studie über die Möglichkeiten, bei Spannungen jeder Art schlichtend zu beraten. Vor allem die Schweiz als ein Land mit großer mediativer Erfahrung und Spezialisierung stand im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Was ich als privilegierter Leser dieser ihrer Arbeiten von Anfang an wusste, ist eingetreten: Die Universität Bradford hat ihr die bestmögliche Beurteilung ausgestellt: 70 Punkte. Jetzt sitzen wir hier herum und ärgern uns, dass wir außer Wein und  Gin&Tonic nichts im Hause haben, um gebührend zu feiern. Also finden wir uns damit ab, dass Cathies intellektuelle Anstrengungen vorerst noch ungekrönt bleiben.

Die Schweiz als Mediator 
Doch unsere Weihnachtsbemühungen dürfen wir fortsetzen. Die schwarzen Tafeln in Haworth/Keighley's Kneipen überschlagen sich schon, um Vorschläge für das Fest zu machen. Für uns bleiben noch Schönheitsarbeiten durchzuführen. Bodenteppiche verlegen, Garten leerräumen, Dann werden wir, wenn alles gut geht, nach Wien fliegen und danach, gegen Weihnachten in Richtung Schwarzwald davonbrausen.









Mittwoch, 8. November 2017

Das Dritte Geschlecht.

Was das Bundesverfassungsgericht bis Ende 2018 möchte, ist, dass es eine offizielle Nennung eines dritten Geschlechtes gibt. Das mutet abenteuerlich an, doch wer das Zögern der Bürokratie im Allgemeinen und auch im Besonderen kennt, wundert sich schon, dass die Diskussion um ein drittes Geschlecht offensichtlich nicht auf die lange Bank geschoben wird. Unser bekannt eingleisiges Denken, hier Mann, da Frau, ist schon seit langem erschüttert. Ganz schmerzhaft setzt sich die Vorstellung durch, dass eine Geschlechtsbestimmung oft nicht eindeutig ist.


Schon als Kinder haben wir die Erfahrung gemacht, dass es Wesen gibt, die über ihre eigene Geschlechtlichkeit (oder Nichtgeschlechtlichkeit) nicht genug wissen, oder total anderes wissen, als wir es uns vorstellen. Das verlangt unsere größte Hochachtung. Witzeleien sind da nicht angebracht. Obwohl es ganz schön wäre, diese Problematik mit distanzierter Heiterkeit angehen zu können. Was zu bewundern ist, ist der Mut (oder ist es Verzweiflung?), mit dem Betroffene sich manchmal exponieren. Und wer hat die größeren Probleme mit dem Umgang mit anderen? Gut aussehende, intellektuell interessante Wesen, oder die weniger auffallenden, eher unattraktiven Wesen?


Menschen mit einer ungenauen geschlechtlichen Bestimmung gibt es mehr als man denkt. Statt sie unbewusst oder bewusst vom Lauf des Lebens auszuschließen, muss man ihnen entgegenkommen. Niemand ist perfekt, doch je bereitwilliger man Außenseiter das "Normale" am Leben empfinden lässt, desto harmonischer ist eine Gesellschaft. Schließlich wollen wir auch anderen Hautfarben und ethnischen Eigenheiten unabhängig vom Geschlecht einen Platz "bei uns" bereithalten. Das Gelabere von Rechtsaußen über sogenannte Minderheiten verhüllt nur schlecht das wahre Gesicht dieser Zurückgebliebenen. Wir müssen laut für unsere Mitmenschen, vor allem die mit  den zusätzlichen Problemen im Leben, eintreten. Da ist es gut, wenn der sonst recht schwerfällige Gesetzgeber auch in der Geschlechterfrage neue Maßstäbe setzt.


Auch Sexualität ist ein Menschenrecht. Eigenen Kindern wünscht man eine glückliche Entwicklung und für später ein volles Ausleben ihrer Geschlechtlichkeit.  Anderen möchte man nur das "Minimum" zugestehen, dabei ist alles was mit Sex zu tun hat und auf Konsens beruht, rein persönlich. Niemand hat sich da einzumischen. Niemand hat da zu werten. Jede Art von sexuellem Ausleben ist auch Teil unserer Lebensfreude. Doch für das Dritte Geschlecht muss in jeder Hinsicht die richtige Sprache noch gefunden werden.

Montag, 6. November 2017

Paradise Papers.

Reiche Leute, die reicher werden. Wie sie es anstellen, erahnt man nur an der Stille, mit der sie ihren Reichtum verhüllen. Was wir beobachten, ist der Wunsch der Begüterten, nicht nur neidlos anerkannt, sondern auch noch auf einen möglichst hohen Sockel gehievt zu werden. Im Falle der Paradise Papers, was immer das bedeutet, glaubt man gerne an einen aesthetischen Effekt. Jemand mit Sinn für Stil und Eleganz muss diesen Begriff geprägt haben. Viele stellen sich den Reichtum ohnehin wie ein permanentes Schweben auf einer fetten Wolke vor, aus der noch gelegentlich Goldmünzen heraustropfen, damit man nicht ganz vergisst, wie begütert man ist.

Der kann sich alles leisten 
Den neu geprägten Begriff von den Paradise Papers möchte man  gar nicht erst übersetzen. Er geht so nahtlos in unsere Vorstellungen vom sorgenfreien Umgang mit Geld und Gut über, dass auch noch genug Platz für Träumereien bleibt. Kein Zweifel: wir könnten dazu gehören. Nicht zu den Neureichen, (wie vulgär), sondern zu den anderen, denen, die kein Sterbenswörtchen über ihre Besitztümer verlauten lassen. Die neue Klasse ist endgültig international-kosmopolitisch. Schluss mit dem leicht schwäbisch angehauchten Wer hat, der hat. Dazu gehört auch, dass Schweigen Gold ist.

Schweigen ist Gold 
Diese plötzlich aufgetauchten Paradise Papers sind buchstäblich über Nacht in die Welt gesetzt worden. Von wem, weiß man nicht. Oder doch? Einige Zeitungen wie die Süddeutsche, der Guardian, die BBC, die New York Times, scheinen gemeinsam einen journalistischen Schatz an Land gezogen zu haben: Millionen Unterlagen über Superreiche, Prominente, Adelige und Mächtige, die legal und illegal Gelder verschoben haben, um sie dem Fiskus zu entziehen. Leute wie Elisabeth (Königin), Putin (Präsident), Trump (Milliardär und Irrer) und sogenannte kleine Leute mit viel Zaster, sind auf noch unklare Weise in diese Machenschaften verstrickt. Wir scheinen nur zu wissen, dass vor allem eine Masse an Reichen, um noch reicher zu werden, diskret alles tun, um die Armen noch ärmer zu machen
Reich und fett 
Bei Kindern wird immer noch Wert gelegt auf Begriffe wie Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand undsoweiter. Doch seit das Internet Friede, Freude und Eierkuchen einerseits und Hass, Lüge, Sexismus, Rassismus andererseits uns täglich ins Haus fächert, haben sich unsere Maßstäbe vebogen. Gerecht ist, wer Geld hat. Ehrlich ist, wer es zu behalten weiß. Anständig ist, wer mehrere Häuser und Grundstücke besitzt und den Habenichtsen und Bedürftigen freundlich und zivilisiert zulächelt. Oder, man lässt lächeln. Den Begriff des Strohmannes gibt es kaum mehr, sondern Spezialmanager für Bermuda und die Cayman Inseln haben heute das Sagen. Beauftragte für Off-shore Management, Schwiegersöhne von Politikern mit Unschuldsmine.

Die Reichen und die Schönen 
Wir kennen das schon: ein paar Bauernopfer müssen schon sein, damit der Empörung die Luft ein wenig rausgelassen wird. Die eine oder andere öffentliche Verurteilung. Und dann, neuerdings, die Masse der unschuldigen Mitläufer, bei denen alles unklar bleibt. Je mehr Nebelkerzen angezündet werden, desto weniger gibt es zu sehen. Der gerecht Empfindende traut sich nicht, Herrn Trudeau, oder andere Prominente, Gauner zu nennen. Wir haben also jetzt die Verschwörung der Reichen und Superreichen dieser Welt. Ein internationales Kartell, nicht der Machtergreifung, sondern der Machterhaltung um jeden Preis. Vergesst diese kleinen Schreier vom rechten Spektrum. AfD ist Kinderkram. Die eigentlichen Machthaber sind längst unter uns. Diese Entwicklung haben wir wohl verschlafen. Es ist alles bereits in Paradise Paper eingewickelt.