Dienstag, 6. März 2018

Alte Freunde anrufen...

Ich habe zwei beidseitig beschriebene Zettel, auf denen etwa 100 Telefonnummern aufgeschrieben sind. Natürlich besitze ich einen Rechner, dem ich kinderleicht diese Telefonnummern, auch noch alphabethisch, oder nach Ländern geordnet, anvertrauen könnte. Tu ich aber nicht. Mein vorgerücktes Alter erlaubt mir, auch Nummern stehen zu lassen, deren Besitzer das Zeitliche gesegnet haben. Dann kommt gelegentlich der Moment, wo ich beschließe, zu telefonieren.


Erste Priorität: Geburtstage. Es hat wenig Sinn, zu warten, bis ein Geburtstag vorbei ist. Nächste Priorität: eine geliebte Telefonnummer befindet sich im Krankenhaus und hat gerade die Intensivstation verlassen. Dann kommt das Handy voll zum Einsatz. Es tut, und der Angeklingelte antwortet freudig, als hätte er/sie darauf gewartet.


Sollte man im Lotto gewonnen haben und einem Freund schon seit Jahren 1000 € schulden, ist überhaupt keine Eile geboten. Entweder hat er die Leihgabe längst vergessen, oder du hast seine Nummer verlegt. Priorität: keine. Und überhaupt: gute Freunde wissen was sie zu tun haben. Und beim Gelde hört die Freundschaft NICHT auf, wie man so schön sagt. Eines Tages bat mich ein solcher Freund um einen hohen Betrag. Es war dringend. Ich glaube, es ging um 25.000.- französische Francs. Ich hatte es geschafft, Freund zu bleiben und diese auch für mich recht hohe Summe irgendwie innerlich abzuschreiben.


Die Freundschaft war jedoch eine echte. Deshalb nahm ich seine Einladung zum Mittagessen in einem bescheidenen Lokal an. Wie plauderten, aßen und tranken. Als es ans Zahlen ging, nahm mein Freund die Rechnung und bezahlte sie. Dann sagte er zu mir: Ich habe nur einen Grund, dich heute einzuladen und reichte mir einen gefüllten Umschlag. Tut mir leid, dass du so lange warten musstest, sagte er noch. Ich steckte das Geld ein und dachte nicht einmal daran, nachzuzählen. Bei dieser Freundschaft stimmte alles. Deshalb gibt es sie heute noch.

Montag, 5. März 2018

Badisches Tagebuch. März 2018.

Ich hatte eine schwere Nacht. Zurück in Baden, das heißt etwas. Heute scheint die Sonne zum erstenmal in diesem Jahr, als wolle sie die Kälte endlich vertreiben. Die wintergeplagten Kirschbäume tun so, als stünden sie kurz vor dem Ausschlagen. Ich traue diesem Frühlingsgetue überhaupt nicht. Doch die Aufbruchstimmung lasse ich wehrlos in mir aufkommen. Auch wenn es Rückschläge geben sollte, nach jeder Nacht mit schweren Träumen breche ich hoffnungsfroh in einen zögerlichen Frühlingswahn auf. Er kommt, auch in Baden. Der Frühling.

Bisschen zu dick? 
Man bemüht sich, was die Kuchen betrifft, im Badischen nichts ins Kraut schießen zu lassen. Einmal die Woche, Linzertorte, oder Käsekuchen, für den Kirschplotzer ist es noch zu früh. Ich durfte als Kind noch die Haselnüsse oder Mandeln mahlen. Die Himbeermermelade war im Überfluss vorhanden. Die Teigstreifen, die das Linzerhafte am Kuchen deutlich unterstreichen, mussten mit dem Radel gerädelt und über Kreuz auf den Kuchen verlegt werden. Irgendwie kam dann noch Zimt über alles.

Schwer zu erkennen, aber gut. 
Eine Mutter wird schon deshalb geliebt, weil sie Linzertorte macht. Manchmal wird diese wegen der langen Haltbarkeit wochenlang irgendwo versteckt, bis die Backmeisterin sie freigibt. Fast würde man sagen, je älter desto besser. Linzertorten leiden ohnehin nicht darunter, dass sie alt werden. Väter und Söhne sind die Hauptesser. In Baden hat die Linzertorte, die über die Habsburger nach Westen ausgewandert ist, schon vor Jahrhunderten Fuß gefasst. Deshalb darf sie auch badische Grundnahrung genannt werden, vor allem, wenn sie liebevoll mit Puderzucker bestäubt wurde.

Mutters Stolz.
Seltsamerweise ist der Käskuchen im badischen Sinne etwas viel Kniffligeres. Er darf nicht zu dick sein, etwa 4-6cm. Die Oberfläche sollte leicht bräunliche Backspuren aufweisen, und der Puderzucker muss jenen sagenhaften Karamellüberzug haben, der auch fantasielose Kuchenesser in gastronomische Höhen hinauf schleudert. Eine Mutter, die diesen Käskuchen zustande bringt, muss sich über fehlende Lobpreisungen ihrer Kinder nie mehr Sorgen machen.


Mit einem solchen Stück Kuchen im Magen, bleiben schwere Nächte undenkbar. Gedanken an solche Köstlichkeiten lassen jede Erwähnung dieses ungenießbaren amerikanischen Meisterjodlers - ihr wisst schon, wen ich meine - der jetzt als Präsident fungiert, im Nichts verschwinden. Linzertorte oder Käskuchen, wenn badisch, dann OK.




Sonntag, 4. März 2018

Warte, warte nur ein Weilchen...

Bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir... Das Lied hat uns Kindern Gruseln beigebracht, obwohl der Schlächter von Hannover schon längst tot war. Der Serienmörder Fritz Haarmann war weltberühmt geworden, weil er seine Opfer auch noch zu Fleisch und Wurst verarbeitet hatte. Wohl um die 30 junge Männer und Knaben fielen in den 20er Jahren dieser Bestie zum Opfer. Ganze Generationen von Psychotherapeuten und Sexforschern haben versucht, die Motive für diese Morde zu erforschen.

Fritz Haarmann, 30 Jungen und Jungmänner 
Auch bei Jürgen Bartsch, der vielen noch in Erinnerung sein dürfte, war im Leben einiges schiefgelaufen. Von Pflegeeltern kühl behandelt, mit einer pädo-und sado-Veranlagung hat er seine vier Opfer grausam zerstückelt. Jahrelang wurde er als Kind isoliert in Kellerräumen gehalten. Dann  von einem katholischen Priester vergewaltigt. Kein Wunder, dass er seine Opfer in einer Höhle versteckte. Das Böse vertuschte. Ein zerstörtes Leben, das selbst Leben zerstörte.

Jürgen Bartsch, vier Opfer zerstückelt. 
Was in Gesellschaften der vorindustriellen Zeit an sexuell motivierten Grausamkeiten geschah,  kann nur geahnt werden. Doch das Industriezeitalter hat in vielen Ländern einschlägige Serienmorde zuhauf bekannt werden lassen. Es muss einen Drang geben, in der modernen Gesellschaft Gewalt auszuüben. Will man damit Aufmerksamkeit auf sich lenken? Ist es der verzweifelte Versuch, aus der Anonymität der Masse auszubrechen? Oder ist diese Gewalt einfach ein uraltes Ding, das in einem modernen Kleid daherkommt?

Fritz Honka, 4 Frauen zersägt 
Viele der Täter lassen sich nach ihren Verbrechen psychiatrisch nicht durchschauen, obwohl sie oft selbst nach Erklärungen suchen. Man ist auf Spekulationen angewiesen. Ist Fritz Honka ein Sonderfall? Er ermordete vier Prostituierte in St. Pauli. Er zersägte sie und ließ die Leichenteile in seiner Wohnung verwesen. Das wurde 1975 bekannt. Viel mehr weiß man nicht. Es macht wenig Sinn, diese "Einzelfälle" mit den bekannten Grausamkeiten unserer Zeit zu vergleichen. Wieviele wurden in Syrien hingerichtet? Was geschah in den USA? Wieviele sind es in Afrika? Was ist mit China? Man kommt mit dem Nachrechnen nicht mehr mit. Wir haben die Welt zu unseren Füßen liegen und wissen doch nur wenig.

Hackebeilchen 





Samstag, 3. März 2018

Die Dinge des Lebens.

Langsam entdecke ich, wie wichtig alles ist. Ich lese den Guardian, weil er eine der wenigen Zeitungen ist, die ihren Instinkt als Gazette, als Nachrichtenverkünder nicht ganz verloren haben. Das Geschlechtliche hat dabei immer Vorrang, weil wir alle irgendwie daran beteiligt sind. Nachrichten von verstorbenen Zelebritäten sind dann doch nicht so attraktiv. Vor nicht langer Zeit hatte dort eine Autorin über eine Studie berichtet, in der die Unterschiedlichkeiten der männlichen Geschlechtsteile hundertfach beschrieben und mit einem Foto auch hundertfach belegt wurden. Das rang mir Achtung ab. Ein Gebiet, von einer Zeitung aufgegriffen, das nicht den Anschein des Alltäglichen wiederspiegelte. Ich hatte noch nie ein ganzseitiges Foto mit hundert Penissen gesehen.


Überhaupt helfen die Zeitungen mit der Vorführung von Dingen, denen man nicht einfach so über den Weg läuft. Der Absturz eines Flugzeuges, wenn zufälligt jemand auf den Knopf gedrückt hat. Oder, das Kleid der Marylin Monroe, das von unten einen Windstoß erhält und sich in die Lüfte erhebt, als gerade jemand am Knipsen ist. Die Monroe wurde weltberühmt. Der Fotograf nicht.


Welche Bedeutung kann da noch eine schnoddrig gemachte Bemerkung eines Donald Trump haben, der Import von Motorrädern in die USA (oder umgekehrt) könne mit soundsoviel % Zoll belegt werden? Die wahren Dinge des Lebens prallen an solchem Gebrabbel ab, auch wenn sie aus dem Munde eines gestörten Präsidenten kommen. Was soll daran wichtig sein?


Dass sich über Nacht eine erkleckliche Schneedecke über unser Land legte, obwohl keiner mehr damit rechnen konnte, ist natürlich eine Überraschung, die heute schon zahlreiche Zeitungen würdigten. Dennoch, die Neuigkeiten übertreffen sich manchmal: In Großbritannien legte es über Nacht einen solchen Schnee hin, dass seit Menschengedenken niemand mehr dazu etwas sagen kann. Die Geschichtsschreiber hatten jegliche Erwähnung der Schneehöhe geflissentlich unterlassen.

Die Dinge des Lebens 
Doch hören wir immer wieder gern von den Dingen des Lebens. Und mir wird gesagt, dass es wieder an der Zeit sei, mir die Haare schneiden zu lassen. Also habe ich wieder etwas zu tun. Jaja, die Dinge des Lebens. Wie wichtig sie sind, hängt ganz von uns selbst ab.


Freitag, 2. März 2018

Als Enkelin nicht schlecht.

Sie ist erwachsen, hübsch und intelligent. Wer so seine nicht einzige Enkelin beschreibt, ist bescheuert. Dass sie mit drei Jahren mit mir durch den Wald stiefelte und ein Hexenhäuschen besuchte, gehört zu den Leistungen eines dynamisch-gütigen Opas. Dass sie dann ausrief: Der Wind, der Wind, das schimmelige Kind, bleibt unvergesslich. Auch: Knusper Knusper Knäuschen, wer knabbert an meinem Häuschen, war ihr ureigenster Beitrag zur Verschönerung dieses Märchens von Hänsel und Gretel.

Der Oktober ist wie der April: er macht was er will. 
Ihr Drang zum künstlerischen Tun richtete sich damals auf die Illustration eines Kalenders, der für Opa bestimmt war: Für jeden Monat gab es die Zeichnung einer üppigen Frau. Von ihr gemalt.
Der Monat Dezember war dann der Höhepunkt. Warum ich annahm, sie sei erwachsen, hübsch und auch intelligent? Weil sie schon früh ahnte, dass ihr  Opa ein Frauenverehrer war. Nie hätte ich ein Mädchen geschlagen. Wie so oft, gehen Lügen seelenruhig neben der Wahrheit einher. Einmal schlug ich zu: Es war mein Töchterchen. Ich wischte ihr eine, wobei meine Reue zu gleicher Zeit mit meiner Hand auf ihrer Wange landete.

 Nicht runterfallen, bitte!
Wer alle Tassen im Schrank hat, wendet keine Gewalt bei Kindern an. Die Zeiten sind vorbei. wo man als Vater der strafende Herr war, der alle in Angst und Schrecken versetzte, ist man heute der verständnisvolle Mentor. Meine Enkel(innen), die schon ihren Vätern vertrauen konnten, halten den Opa für eine Festung des Guten und Oma für eine Komplizin in allen Lebenslagen. Ich glaube, die Generationen rücken zusammen. Und Opas verdienen das volle Vertrauen der Nachkommenschaft.

Zeit, zu gehen 
Hat sie deshalb für ihren Opa diese üppigen Frauen auf ihren Kalender gemalt? Ich traue mich nicht, sie dazu zu befragen. Obwohl, mit Appetit hat es zu tun. Sie liebt das gute Essen und ich den Genuss. Wer Frauen liebt, versteht sich mit der Enkelin, weil sie auch als weibliches Wesen ihre Welt verunsichert. Auf ihrem Kalender, den ich wie meinen Augapfel hüte, geht sie pünktlich am 31. Dezember aus dem Bild. Deshalb behaupte ich, sie sei erwachsen, hübsch und intelligent.


Enkelin 
Noch etwas: Selbstbewusst hat mein Enkelmädel ihre Autorenschaft auf ihren Zeichnungen für Opa festgehalten. Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten: 1. Ich besitze die Rechte und kann ihre Werke nach freier Lust verkaufen. Der Gewinn würde jedoch an alle meine Enkel gehen, wenn ich die Wupper von der anderen Seite am Betrachten bin. 2. Ich handle in ihrem Auftrag. Sie sagt aber: Opa, das ist Kinderkram. Dann bleibe ich auf meinen Rechten sitzen. Hier sitze ich also, und beschaue die Werke einer gewissen Maite, die hoffentlich fühlt, dass sie meine Enkelin ist.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Brahms, Violinkonzert in D Dur. Sex würde ich es nicht nennen.

Wenn ich Brahms höre, fällt mit vieles ein. Er sagt mir musikalisch, was Sache ist. Nicht im Sinne von Weinstein, der zahllose Frauen sexuell missbraucht hat. Seltsam, dass ich mich auch im hohen Alter noch als Mann fühle. Vielleicht, weil ich meine Position als solcher nie missbraucht habe. Fröhlich schaue ich in den Spiegel und sage mir, Du bist nicht das letzte Schwein unter der Sonne. Und die Geschichten eines Harvey Weinstein, der über 80 Frauen, meist Schauspielerinnen,  belästigt haben soll, und oft vergewaltigt, sind uninteressant, im Sinne einer Sensation.

Echt? 
Was jedoch heute schon fast unverständlich ist, ist das Leugnen, das Verharmlosen wollen, der Einwand, dass meist Einverständnis zwischen Sexpartnern bestanden haben soll. Das ist der Gipfel des Zynismus. Angesichts zahlreicher Bekenntnisse von missbrauchten Frauen und Kindern, angesichts der heutigen Beweismöglichkeiten, gerade in diesem Fall, ist es absurd, an eingebildete Fantasien auch nur zu denken. Die sexuelle Gier von Männern ist seit Jahrhunderten bekannt und völlig offenkundig. Es scheint für uns Männer heute wichtig, hier eine klare Grenze zu ziehen. Auch wenn es Frauen gibt, die sich mit sexuellen Übergriffen abfinden mögen oder diese sogar heimlich gutheißen, bleibt diese Grenze bestehen: Man muss kein Moralapostel sein, um körperliche Annäherungen und Handlungen, die nicht gewollt werden, klar abzulehnen.


Sex ist etwas schönes. Es gehören zwei dazu. Auch, um dieses Vergnügen zu teilen, bis ins hohe Alter. Man kann es auch diskret genießen und muss keine Worte darüber verlieren. Schweine wie Weinstein sollte man totschweigen können. Sie verdienen diese Aufmerksamkeit nicht. Aber, woher sollen wir eine moderne Sexmoral nehmen? Sie ist noch nicht definiert. Die althergebrachten Einrichtungen (Kirchen, Gesetzbücher, Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens) lassen uns schon seit Jahren im Stich, und anzügliche Scherze über Kirchenleute, Moralapostel und Meetoo-Vertreter helfen auch nicht weiter.

Als ich als bewusster Vater meiner Kinder mir diese zur Aufklärung beiseite nahm, Tochter und erster Sohn, beide um die 5 bis 7 Jahre, verstand das Töchterchen mehr  als sie mir verriet. Der Kleine sagte vorlaut: So ist das also. Bei seiner an die Zwanzig gehenden Tochter hätte ich diesen Mut nicht mehr. Doch, wann sie ins Internet ging, um sich in Sachen Sex kundig zu machen, werde ich wohl auch nie erfahren. Und vor Typen wie Weinstein ist sie gewarnt. Gottseidank!


Montag, 26. Februar 2018

Rudi Carrell - Talent und Sunnyboy.

Er konnte alles: singen, trällern, summen, blödeln, unterhalten, sich und andere. Ich denke auch, dass er noch zu den älteren Schwiegermütteridealen gehörte, die sich ihn als Schwiegersohn herbeisehnten. Ein Wunscheidam wie er im Buche stand. Tochtermann klingt etwas trocken. Eidam ist seit dem 9. Jahrhundert belegt.


Aggressiv war er nicht, eher respektlos und für einen Witz immer zu haben. Seine Kettenraucherei brachte ihm schließlich den Lungenkrebs ein, den er bis zu seinem Tod mutig wegsteckte.  Er war ganz nebenbei auch der bekannteste Holländer in deutschen Landen, ein Fernsehstar, der vor keiner Albernheit zurückschreckte.

Ich lernte ihn in Köln kennen. Seine Bescheidenheit war echt. Ich kam zweimal mit ihm zusammen. Das Europäiche Parlament und der Europarat waren ihm fremd. Parlamentarische Debatten machten für ihn keinen Sinn. Wir gingen an einem Samstag durch den Plenarsaal, wo er sich an das Rednerpult stellte und Faxen machte. Dieses Foto von ihm zeige ich nicht. Es ist immer noch herrlich anzuschauen.

Danke Rudi 
Rudi Carrell war wohl einer der wenigen Menschen, die nur auf der Welt gewesen zu scheinen, um anderen Freude zu machen. Ich wünsche mir, dass er nicht gänzlich vergessen wird. Irgendwo sah ich ein Foto von ihm. Darauf lächelte er freundlich. Und die Aufschrift lautete: Danke Rudi.



Samstag, 24. Februar 2018

Ich bin ein fauler Hund.

Wie kommt man dazu, einen Hund einen faulen Hund zu nennen? Mit 10 Jahren fragte ich mich ob ich faul sei. Die total entspannte Antwort, die ich mir selbst gab, war, ja, ich bin faul. Deshalb, wohl, war ich auch immer zu faul, andere faul zu nennen. Vielleicht auch eine brüderliche Sympathiekundgebung. Als ich in jungen Jahren nach Frankreich kam, hatte ich die Faulheit meiner Natur total verinnerlicht. Jemand sagte damals über mich: il est studieux et travailleur (er ist eifrig und arbeitsam).


Manche Menschen legen sich den Habitus des ständig Beschäftigten zu. Eine meiner Kolleginnen, intelligent aber faul, trieb es besonders weit. Ich durchschaute ihre Faulheit, weil sie mehere Male in der Woche die Tür ihres Büros, wenn sie am Nachmittag verschwand, um in der Stadt bummeln zu gehen, offenstehen ließ, indem sie eine Brille, die sie sonst nie benutzte, sichtbar auf ihrem Schreibtisch aufgebaut hatte, als wäre sie gerade mal auf die Toilette gegangen. Erst gegen Büroschluss tauchte sie wieder auf.

Sie, ohne Brille. 
Wenn sie sich auf dem Korridor bewegte, atmete sie stoßweise, als würde sie rennen, aus Zeitmangel.  Neben vielen vertraulichen Telefonaten, die man bei ihr immer für dringend halten musste, schrieb sie scheinbar unermüdlich Notizen auf kleine Zettel, die sie an wichtige Mitarbeiter zu richten schien, die es nicht gab. Das Spiel wirkte bei mir nicht, denn ich hatte mein Büro schräg gegenüber dem ihren und konnte ihr geschäftiges Tun fast immer mitverfolgen.


Wir haben es hier also mit zwei verschiedenen Mentalitäten zu tun, man könnte auch sagen, Verhaltensweisen: der Fleißmensch, der bei permant schlechtem Gewissen tätig wird, und dann der scheinbar hochbegabte Faulpelz, dem alles gelingt, obwohl er fast nichts tut. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass es sich bei mir um eine seltene Mischung handeln musste: Fauler Hund mit schlechtem Gewissen. Auch damit kommt der Mensch allmählich ins Rentenalter.

Fauler Hund in Rente 
Was dann noch bleibt, ist die berechtigte Sorge um den guten Ruf, von dem man sich wünscht, dass er grabsteinfähig bleibt. Er/sie hat sich stets bemüht, ein guter Vater/eine gute Mutter zu sein. Sein/ihr Dahinscheiden kam völlig unerwartet und viel zu früh. Die neuerdings dritte Option wäre, zu warten, bis der Bürgermeister den Gruß mit den Blumen (Nelken, Rosen?) persönlich ins Haus bringt. Auf der Glückwunschkarte steht dann wir gratulieren dem Jubilar/der Jubilarin zum Hundertsten. Doch faul wie ich bin, möchte ich auf diesen Zirkus lieber verzichten.





Mittwoch, 21. Februar 2018

Cogito ergo Konsum

Jedes Kind wurde einmal von der Mutter zum Konsum geschickt. Mit der Einkaufstasche. Das Geld, genau abgezählt im Händchen haltend. Früher nannte man es Konsum. Die Lidls, Pennys und Aldis wirken daegen heute wie Invasoren. Es gab keine Auswahl. Und nur einen Konsum, weit und breit. Es gab dort alles, außer frischen Spargel oder Mangos. Die Ladeninhaberin legte Wert darauf, das Kind mit der gewünschten Ware und dem notwendigen "Rausgeld" wieder weiterziehen zu lassen. Manchmal gab es noch ein Bonbon.

Der großartige Gedanke der Konsumgenossenschaft leuchtete ein: Zentraler Einkauf, kein unverhohlenes Gewinnstreben, nichts Verderbliches, das auf dem Mist landete. Die Preise irgendwie leicht nachvollziehbar. Die leeren Flaschen wurden zurückgegeben. Als dann die Konkurrenten auftauchten, veraltete das Bild vom Konsumladen. Viele kauften besser ein, neben dem Laden mit Monopolstellung gab es plötzlich eine größere Vielfalt, auch mit schickeren Ladentheken. Die Co-operative hatte sich zwar in vielen Ländern durchgesetzt, obwohl der Verkaufsgeist etwas ins Verträumte abdriftete und das Ansehen dieser Läden nicht sehr hoch war.

Dann kamen amerikanische Verkaufsmethoden. Alles etwas billiger, dafür mehr Massenprodukte. Für die Hausfrau wurde der Einkauf zu einem Ratespiel. Wo gibt es was, wo, und billiger, und welchen Rabatt kann ich mitnehmen? Das Kleingedruckte war noch Nebensache. Man vertraute dem Anbieter. Würmer kamen selten zum Vorschein. Mit der Kreditkarte konnte man sogar in Grenznähe auch noch die Angebote  aus dem Nachbarland leichter einpacken. Schnäppchen waren jedoch etwas ganz anderes.

Heute weiß die Konsumindustrie, über wieviel Geld die Kundin verfügt. Entsprechend wird angeboten und werbegesäuselt. Wer Angebote ablehnt, ist verbraucherfeindlich. Wir sind Verfüger über eine gewisse Geldmenge geworden und müssen vorgeben, einer gewissen Einkommensgruppe anzugehören. Das Idealbild ist der gutaussehende Hobbymillionär, der ohne mit der Wimper zu zucken, alles kaufen kann, was ihm über den Weg läuft.

Zu Konsumzeiten, als der Arbeiter nur Geld hatte, wenn er auch Arbeit hatte, wurde noch angeschrieben. Der Betrag wurde säuberlich in einem Heft festgehalten. Wenn dann wieder Ultimo war, wurde beglichen und gestrichen. Und wieder fröhlich eingekauft. Ein menschlicher Teufelskreis, dem die Begüterten eher nicht unterworfen waren. Auch Überziehungskredite waren selten. Man bemühte sich, mit seinem Konsum in einer Art Frieden zu leben.


Dienstag, 20. Februar 2018

Schal-Krampfenbauer oder so.

Ich habe schon als Kind gelernt, mich nicht über andere lustig zu machen. Donald Trump ist meine Ausnahme. Dieser Kerl hat schon so viel Mist verzapft, dass die hauchdünne Wand, die mich von der Ernsthaftigkeit trennt, jeden Augenblick zu zerreißen droht. Wenn also jemand in den Mittelpunkt rückt, weil er/sie CDU-Chef(in) wird, heißt das, hochgehoben oder hinausgehoben zu werden, um auch im Internet ständig präsent zu sein. Dann beginnt die alltägliche Häme, die viele mit dem eigenen Namen verbinden. Mein Sportlehrer aus Urzeiten nannte unseren Klassenkameraden Roland Ripp genüsslich Prill.


Ob das absichtlich geschah, weiß ich nicht mehr. Der Lehrer, dessen Namen ich vergessen habe, war sonst sehr nett und freundlich. Es geschehen oft solche Ausrutscher. Sei's drum. Doch das nette Mädchen, dessen Vater Arzt war, hauchte seinen/ihren Namen so undeutlich aus, dass ein rüder Freund von mir, als er den Namen hörte, ausrief: B......wie gesenkte Sau? Sie konnte diesen unsäglichen Namen dadurch loswerden, dass sie heiratete. Ein Alptraum muss damals von ihr gegangen sein.

Hieß dieser Joseph nicht Stalin? 
Es gab eine Zeit, da war der Vorname Adolf verpönt und ist es hoffentlich immer noch. Das kann gerne so bleiben. Der historisch gebranntmarkte Träger hat diesen Namen für lange Zeit zugrunde gerichtet. Nicht einmal seinen Hund kann man heute noch Adölfchen nennen, ohne in den Verdacht zu geraten, ein ganz Schlimmer zu sein. Außerdem gibt es genug Hundenamen, die mit A beginnen: Ajax, Adelbert (?), Ameisenbärchen. Das Fiese an Joseph/f Goe/öbbels ist, dass er einerseits zwischen ph und f zögern lässt, andererseits zwischen ö und oe. Wir tragen das  mit Gleichmut.

Schreihals mit ö oder oe? 
Vielleicht benimmt sich auch unsere Sprache etwas fies. Man sollte nicht ständig vor weltanschauliche Fragen gestellt werden. Ich liebe jedoch die regional geborenen Namen wie Simoneit, Guschlbauer oder Brüderle, wobei mir Johann Johannsson etwas bieder vorkommt. Wie also die neue CDU-Chefin richtig heißt, wird sich nach langen Versprechern herausstellen. Man stelle sich vor,  ein Name wie Kramf-Schnadenbauer gehöre einem von der AfD. Diese humoristische Herausforderung würde zu endlosen Heulorgien führen. Zu Gnadenerlassen und Gottweißnochwas.

Ist das nicht die Storch? 
Wir haben uns daran gewöhnt, dass alle möglichen Namen in der Welt herumschwirren, für die wir nichts können. Seien wir überglücklich, nicht Adölfchen zu heißen. Schon Leutheusser-Schnarrenberger erfordert eine grundsätzlich positive Einstellung zur Namensgebung, die für einen auslandsgewöhnten Kosmo-Politiker schon eine wahre Herausforderung sein kann. Dabei ist die Trägerin dieses Namens, mit der ich schon zu tun hatte, in meiner allerbesten Erinnerung.