Donnerstag, 9. Januar 2014

Wiener G'schichten - Zeit zum Meckern

Es gibt sicher Gründe, einen Geländewagen zu fahren: Gelände, Platz, Eindruckschinden? Letzteres kann man auch anders: Persönlichkeit des Halters, Mut zur Bescheidenheit, Understatement. Es gibt noch andere Fragwürdigkeiten, die mit dem Auto zusammenhängen: Jaguar, S-Klasse, Carrera usw. Statussymbole sind eben fragwürdig. Jeep in Island: aber, ja. Dort kann das normale Autöchen zur Gefahr werden. Afrika: da, wo es genügend Gelände gibt. Alpen: Unter Umständen. In Wien: reiner Blödsinn. Das denke ich, wenn ich sehe, wie unnötig so ein Gefährt sein kann. Wenn es dann noch falsch parkt, dann denke ich was ich denke.

Genug Gelände!

Mit der Bescheidenheit ist es so: eine falsche solche geht nach hinten los. Nur die ehrliche Bescheidenheit kann überzeugen. Das sollte vor allem Würdenträger, Amtsvorstände und selbsternannte Autoritätspersonen interessieren. Das ist Bestandteil der verlorenen Achtung vor Möchtegerngrößen. Der neidlose, aber auch der neidische Beobachter der Szene, mag dieses Gehabe nicht. Es ist wie mit dem Doktortitel und dem Magistertitel. Wer zu oft damit herumwedelt, macht sich bestrafbar, zumindest aber als ehrsüchtiger Gockel verdächtig.

Hastu nich n Euro füa mich?

Um einem Tippelbruder oder einem Stadtbettler, auch wenn er wie ein Alkoholiker aussieht, diskret einen Euro zuzustecken, benötigt man keinen Geländewagen und keinen Doktortitel. Nur etwas Menschenfreundlichkeit. Das verträgt sich, so glaube ich, nur wenig mit Geländewagen, Doktortiteln und sonstigem Brimborium.

Samstag, 4. Januar 2014

Ich, ein schlimmer Finger???

Irgendwas ist immer dran. Bei einem Gerücht. Bei einem schlimmen Finger weiß man nicht so recht, woran man ist. Mit dem Alter kommen ohnehin die Wehwehchen. In meinem Fall gab es Anlass, mein chirurgisches Töchterchen anzurufen. "Vater, was du hast, ist ein schnellender Finger. Ruf mich an, wenn du Zeit hast, und ich mache dir das ambulant in der Klinik. Nach einer Stunde kannst du wieder nach Hause", tönte es aus ihrem wohlwollenden Munde. Nichts tat ich und litt ein wenig. Der linke Ringfinger schnellte unerwartet zusammen, und ich hatte Schwierigkeiten, ihn wieder zurückzuklappen. Tat weh, sagte ich das schon?

Schlimme Finger

Einen Finger kann man nicht aussitzen, wie Seehofers Mautgebrabbel (Angela, du schaffst es schon), man massiert ihn ein wenig, und mit etwas Glück begibt er sich wieder in eine erträgliche Lage. Dieser Finger tat es, aber beschwerdefrei wurde ich dadurch nicht, denn jetzt begann der rechte Zeigefinger, Fissematenten zu machen, während der linke sich wieder ordentlich benahm. Er schnellte. Und schnellte. Nach unserem Umzug in die österreichische Hauptstadt fanden wir dann heraus, dass Klaus, ein Kollege meiner knochensägenden Tochter, sich in Klosterneuburg niedergelassen hatte, wo er, ganz nahe bei Wien, auch Handchirurgie betreibt, berufsmäßig und kompetent. Es gibt Zufälle, denen man gerne die Hände küsst.

Der Termin war am Morgen im Landesklinikum von Klosterneuburg. Klaus wartete schon, doch die Anmeldung war noch nicht erledigt. Geburtsdatum? Vorstrafen? Nein, Vorgeschichte, an Operationen Allergien, Gebrechen jeder Art. Tragen sie eine Zahn- oder andere Prothese? Nein. Rauchen sie? Nein! Trinken sie? Jawohl. Viel? Ja, aber in Grenzen. Wer sind ihre nächsten Verwandten? Telefonnummer? Adresse? Nach alledem wurde ich in ein Krankenzimmer gebracht, bekam eines jener Hemdchen verpasst, die hinten offen sind. Meine Wertsachen, bestehend aus Brille, Geldbeutel und Armbanduhr, wurden sicher weggeschlossen.

Dann kam ein junger Pfleger, machte sich an meinem Bett zu schaffen, und wir fuhren los. Über ausgedehnte Krankenhauslandschaften steuerte er das Bett geschickt um die Ecken, doch musste ich ihn ermahnen, die Geschwindigkeitsbegrenzung für Betten einzuhalten. Eine Maut wurde nicht erhoben, sondern wir landeten in einer unübersichtlichen OP, direkt unter einer  Scheinwerferanlage, deren dreigeteilte krakenartige Schwenkeinrichtung das Richtige für eine Fingeroperation waren. Gelassen machten mich mehrere Schwestern klinisch zurecht: Ich bekam ein Namensarmband, eine Blutentnahmevorrichtung am linken Oberarm. Ein strenges Band zum Blutstoppen. Eine grünliche Duschhaube, die meinen schönen Kopf total verunstaltete. Zum wievielten Mal wurde ich gefragt welcher Finger an welcher Hand es eigentlich sei?

Kopf ab, Finger dran?
Den chirurgischen Vorgang möchte ich nicht überkommentiern. Er war sachlich, Vertrauen erweckend und länger als ich dachte. Die rechte Hand wurde vor meinen ängstlichen Blicken geschützt, und beruhigende Bemerkungen fielen allenthalben. Klaus konnte sich nicht enthalten, zu bemerken: "Wie eiskalt ist dein Händchen". Puccini? Wer gern Auto fährt, fährt auch gerne Betten. Ich wurde, diesmal von einem anderen Fahrer, wieder in mein ursprüngliches Zimmer zurückgefahren, ein irgendwie angenehmer, aber viel zu kurzer Zeitvertreib. Vergessen habe ich, zu betonen, dass, abgesehen von den Stichen, die mit der Lokalanästesie zusammenhingen und die sauweh taten, nichts Schlimmes geschah. Der Operateur waltete seines Amtes, das allem Anschein nach ein kniffeliges war, und entließ mich mit beiderseitiger Erleichterung. In meinem Ruhebett konnte ich dann 1 gute Stunde dösen, die örtliche Betäubung überwinden und ein gar leckeres Gemüsesüppchen essen. Dann wurde ich mit Klausens und seiner Helfer guten Wünschen nach Hause geschickt.

Operation gelungen, Patient: hungrig, denn das alles musste nüchtern durchgeführt werden, und es war Nachmittag. Zu Hause hörte ich mir als erstes Gustav Mahlers Neunte an, vom Gewandhausorchester göttlich gespielt. Debussy, der oft ein wenig virulant ist, hätte es nicht geschafft, mich in kurzer Zeit wieder in eine Normallage zu bringen. Jetzt darf ich mich darauf freuen, dass Klaus mir in einer Woche die Fäden zieht. Die Flasche Wein, um das Ganze zu begießen, werde ICH aufbringen müssen, denn ein kaltes Händchen wäscht das andere.






Donnerstag, 2. Januar 2014

Das Land mit den kecken Hütchen

Weihnachten in England, oder wie der Purist sagt: Großbritannien. Da kommt allerhand zusammen: Familie, Merry Christmas, der ewige Jux im Fernsehen, der Glitzerlämpchenwahn an den Fenstern. Beschaulichkeit auf die feine englische Art. Mit einem gehörigen Schuss an Sentimentalität, Gelächter und Kommerz.


Dem Weihnachtstrubel in Österreich, wo, wie in Deutschland, die Uhren immer noch anders gehen, sind wir entkommen: Also, dem Kommerz und der verhaltenen Humorlosigkeit. Einerseits, Stille Nacht, Heilige Nacht, oder andererseits: die Masche mit dem total verjuxten Fest, wo beim Essen Papierbonbons von je 2 Menschen auseinandergezogen werden. Dann macht es blubb, und ein Zettel mit weisen Sprüchen kommt heraus, den du vorliest, und dann bekommst du ein äußerst mageres Papierkrönchen aufgesetzt. Warum, weiß keiner. Die Queen würde sich ekeln. Oder, deutscherseits: der falsch verstandene Ernst, weil auf dem europäischen Kontinent Jesus arm geboren wurde, wobei die historische Geburt im Juni stattgefunden haben soll. Hier, Betroffenheit wegen der Armut in der Krippe, unverständliche Fröhlichkeit, da. Und viel Alkohol hier und da, und Heidentum.


Was sollen wir mit einem solchen Restfest noch anfangen? Überall riecht es nach Lebkuchen, in Österreich dazu noch nach Vanillekipferln. Wir sollten dieses Fest schleunigst an Ungläubige weiterverkaufen. Damit eventuell dessen Sinn wieder entdeckt wird. Lasst uns dann damit beginnen: nichts essen, nichts trinken, die Feiertage jedoch behalten und schöne Gespräche führen. Oh, Tannenbaum!

Mittwoch, 1. Januar 2014

Das Jahr - Vorbei ist vorbei!

Es hilft nichts, das Jahr ist vorbei. Des regrets, il y en avait. Des retrouvailles il y en avait aussi. Wir zogen im Februar aus dem Schwarzwald weg. Erkältet, beide, und unfroh. Nach Wien. Der Trubel des Stephansplatzes hielt uns seitdem im Bann. Cath reiste viel: Washington, Warschau, Brüssel, Genf, Zagreb, Straßburg, Reykjavik, Kiew, Istanbul, um nur einige Plätze, ohne Reihenfolge, zu nennen. Ich musste Abschied nehmen von Freunden. Für immer. Das schmerzt. Der abrupte Abschied ist eine ständige Bedrohung geworden.


Höhepunkte? Viele hat es gegeben. Lange Spaziergänge und Schwimmen auf der 21 km langen Donauinsel, als die Temperaturen auf über 30° kletterten. Der große Ball in der Hofburg, wo ich einen Frack tragen musste? Die mächtigen Wasserfälle in Island, oder das hemmungslose Hummerschwanzessen auf den Westmännerinseln, bei Thordurs jüngster Tochter? Ich bin kein Erbsenzähler. Es war fast alles schön. Auch die Besuche in England. Oder die verschwiegenen Entspann-Essen irgendwo in Wien. Oder die Nussernte in unserem geliebten Tiergarten, back home for 3 days. Das Wiedersehen mit Freunden und Familie. Leider verpufft mein Dank immer irgendwo im All.

Marcel Reich-Ranicki und Dieter Hildebrandt sind für immer von uns gegangen. Ein öffentlicher Verlust. In diesem Jahr 2013 ist vieles geschehen. Es gibt keinen Anspruch auf Glück. Es gibt nur die Hoffnung. Und regelmäßiges Anklopfen bei Ärzten. Doch das muss unser Leben nicht bestimmen. Willy Brandt wäre im November 100 Jahre alt geworden. Ein schwieriges, kluges, Politikerleben. Wo ist der Willy Brandt von heute, der auf die Knie geht, und die Welt bewegt?


Es hat heftig gekracht, letzte Nacht. Schon lange vor Mitternacht zeigten sie am Fernseher den Jahreswechsel in Australien. Das kam mir vor wie unverdienter Vorschuss. Verrückte Welt. Heute schreiben wir 2014. Draußen ist es unheimlich ruhig. Erst nach dem Frühstück räumen wir die Sektgläser weg. Es war eine Flasche Taittinger. Die Veuve Clicquot kommt etwas später dran, wenn wieder einer jener Höhepunkte naht.

                                                           Prosit Neujahr!




Dienstag, 31. Dezember 2013

Japan - müssen wir uns Sorgen machen?

Von China wissen wir, dass man den Babyboom abbremsen wollte. Bei 1,4 Milliarden Chinabürgern darf man schon ein bisschen eingreifen, um die Bevölkerungsexplosion etwas zu mildern. Die größte Stadt der Welt, Chongqing, hat geschätzte 31 Millionen Einwohner. Allein um die Mülleimer zu leeren wird ein ganzes Heer an Müllfrauen und -Männern benötigt. Wer aus einer einkindigen Familie kam durfte bisher auch nur ein Kind zeugen. Jetzt hat sich das schlagartig geändert: Wenn zwei Einzelkinder heiraten, dürfen sie bis zu zwei Kinder haben. Welch ausufernde Freiheit.


In Japan laufen die Uhren irgendwie anders. Wir erfahren, dass in dem Land des Kirschblütenkultes und der exotisch daherkommenden Kimonoträger der Sex so gut wie verschwunden ist. Ich erinnere mich an schaurige fernöstliche Sitten, um den lockeren Sex schmackhaft zu machen, ja, zu erleichtern. Reden wir nicht davon, denn es grenzt manchmal schon an geschmackliche Verwirrung. Doch, wo gibt es das nicht? Aber jetzt erfahren wir, dass der Umgang mit dem anderen Geschlecht aus der Mode zu kommen scheint. Soundsoviele Männer zwischen 20 und 40 Jahren treiben lieber etwas anderes, und mehr und mehr Frauen finden das Ganze total uninteressant. Sex bis zu 1 Mal im Monat, das grenzt an Askese. Wie wollen die Japaner auf Dauer den Stand von 120 Millionen Japanesen halten, wenn sie nicht mehr bereit sind, das Übliche zu tun? Ist die Pubertät einmal ausgestanden, beginnt das Leben.



Dazu gehören auch die schönen Dinge. Wie anders kann man sich erklären, dass Japaner eine fatale Vorliebe für polnische Gänse entwickelt haben? Nicht das Gänsefleisch ist gefragt, das geht tonnenweise nach Deutschland, wo es als Festbraten verzehrt wird. Es sind die Daunen der weißen Koludzker Gans, die mit dem blassgelben Schnabel und den blauen Augen, die in japanische Kissen und Schlafsäcke wandern. Schnäbel und Füße dieser begehrten Gans wandern sogar nach China (wohl per Flugzeug), wo sie als Aphrodisiakum die chinesische Lust anregen. Wer will da keine Zusammenhänge sehen? Einerseits die fernöstliche Unlust im Land der aufgehenden Kirschblüte, andererseits die Korrekturen der chinesischen Geburtenpolitik. Der bittere Kampf um unwesentliche Inseln - ein Ersatzkrieg für was denn? Lust auf mehr?


Ich mache mir Sorgen um unsere fernöstlichen Preußen: sie müssen unbedingt vor dem allmählichen Aussterben gerettet werden. Weniger japanische Touristen am Wiener Stephansplatz, auf Schloss Neuschwanstein oder am Geburtshaus der Bronte-Schwestern in Yorkshire, würde die Welt nur schwer ertragen. Also, lächelt ein wenig mehr und: traut euch was!





Samstag, 21. Dezember 2013

Das Fest fest im Griff - Maria und Joseph vor der Niederkunft

Jeder kennt die Geschichte: Maria, hochschwanger, und Joseph, ihr Gemahl, klopfen an viele Türen, weil sie eine Unterkunft für die bevorstehende Niederkunft suchen und kein Geld haben. Den Rest kennen wir auch: der Erlöser wird in einem Stall in Bethlehem geboren. Um etwas Glanz in die Hütte zu bringen, machen sich die drei Weisen aus dem Morgenland auf den Weg und präsentieren dem Gottessohn ihre Geschenke.

Jetzt, kurz vor dem Weihnachtsfest, lesen wir, dass 60% der Männer noch nicht eingekauft haben, dass Frauen schon längst alles in trockenen Tüchern haben, schön verpackt, auf das Christkind wartend. Hier, in Wien, gibt es sogar süße Luxusnaschereien, die mit edlem Blattgold überzogen sind. Christkindlsmärkte gibt es über 20 in der Stadt, und Parkanlagen ebenso viele , in denen Obdachlose am heiligen Abend ein geduldetes Zuhause finden werden, denn die Ordnungsmacht feiert ja auch.

Die Werbung und die Medien peitschen den zögerlichen Verbraucher bis zum festlichen Ladenschluss noch in die Geschäfte, damit sie ihrer Konsumpflicht Genüge tun. Bereits werden die Umsätze errechnet, damit nach Weihnachten auch positive Nachrichten gemeldet werden können. Und für 5 € kann man die Tropfen kaufen (ich sage nicht, wo!), die man den Kindern am Hl Abend in die Augen tut, damit der festliche Glanz entsteht.


Beamte verdienen um 27% mehr als "normale" Arbeitnehmer, und 53 Staatsmanager kassieren mehr Lohn als der österreichische Bundeskanzler. Sonst ist alles in Ordnung. Gut, sinnentleerte Weihnachten hatten wir früher schon. Wenn ich aber das Gewusele um den Stephansplatz ansehe, deucht mir, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Wann hat das ein Ende? Der A-Wei-Wa° geht also weiter. Die Besinnlosigkeit strebt einem Höhepunkt zu, den wir nur erahnen können. Und wer zu viel Punsch trinkt, kann die Engel auch singen hören. Fröhliche Weihnacht!

°Der alljährliche Weihnachtswahnsinn.





Mittwoch, 18. Dezember 2013

Willy Brandt - er fehlt uns!

Heute wäre er Hundert, der Mann, der im Verlaufe seiner politischen Karriere auch einem ehemaligen Nazi als Außenminister diente. Der damalige Bundeskanzler hieß Kurt Georg Kiesinger. Willy Brandt hat das nicht gefallen, aber die Verhältnisse waren halt so: die CDU/CSU stellte den Bundeskanzler, die Sozialdemokraten gingen in diese ungeliebte schwarz-rote Koalition, die Willy Brandt nicht sehr begeistert hat. Auf seinem steinigen Weg zum Friedensnobelpreisträger hat Willy Brandt viele Demütigungen erleben müssen, aber, öffentlich georfeigt wurde er nie.


Als junger Mensch hatte ich so meine Ideale: Konrad Adenauer, der erste westdeutsche Bundeskanzler, das rheinische Schlitzohr, war für mich ein Vorbild, weil ohne Nazivergangenheit. Die katholische BILDPOST, ein der BILD-Zeitung nachempfundenes katholisches Presseorgan, mischte sich massiv in den Wahlkampf ein, als Willy Brandt die SPD anführte. Während Adenauer Willy Brandt " den Herrn Frahm" nannte, weil er 1913 als Sohn der Verkäuferin Martha Frahm geboren wurde, hat dieses fromme Organ ihn als Willy Weinbrandt bezeichnet, um ihn als alkoholsüchtigen Linken zu diffamieren. Das war vielen zu viel. Ich wandte mich angeekelt von solchem Fummeln unter der Gürtellienie ab. Für immer.

Es macht wenig Sinn, den Lebenslauf dieses außerordentlichen Politikers nach zu erzählen. Wozu haben wir Journalisten und Geschichtsbücher? Meine persönlichen Erinnerungen an Willy Brandt sind auch nicht von Pappe. Ich war als Student bei einem Empfang in Westberlin und durfte dem damaligen Regierenden Bürgermeister die Hand reichen. Ansonsten habe ich mit Leidenschaft den Weg dieses großen Kanzlers im Fernsehen verfolgt.

Der Nobelpreisträger

Nachdem er 1933, wie so viele, vor den Nazis nach Norwegen geflohen war, nahm er den Namen Willy Brandt an und wurde Norweger. Weil er nach dem Krieg mit einer norwegischen Uniform nach Deutschland kam, haben konservative Ewiggestrige Brandt als Landesverräter abgestempelt. Diesen Quatsch habe ich immer gekontert, indem ich sagte, ich hätte das Land ebenso verlassen, statt den Naziterror abzunicken. Heute sind diese Gedanken fast nicht mehr zu vermitteln.

Dann, seine Ostpolitik: Als er in Erfurt(?) aus dem Fenster schaute, um sich bescheiden den Massen der DDR-Bürger zu zeigen, die "Willy, Willy" riefen und die Abriegelungen durch die Polizei beiseite schoben,wurde allen klar, dass es trotz der Teilung noch ein deutsches Volk gab. Später wuchs dann wieder zusammen, was zusammen gehörte. Willy Brandt hatte es vorausgeahnt.

Der Kniefall, der berühmte, ging um die Welt, als die Botschaft eines deutschen Kanzlers, der in Warschau die Opfer des Nationalsozialismus symbolisch um Vergebung bat. Die Guillaume-Affäre wollen wir übergehen, sie war ein kleinkariertes Manöver eines bereits dem Untergang geweihten Systems. Seine Ostpolitik aber war in aller Munde und hat nicht nur Vertrauen gezeitigt, sondern auch andere Länder angeregt, bei denen das Wort "Ostpolitik" in den jeweiligen Sprachschatz aufgenommen wurde.

1971 erhält er dann den Friedensnobelpreis. Und er hat ihn verdient wie kein anderer. Willy Brandt durfte auch noch den Fall der Mauer erleben. Was er in seinen Reden äußerte, war mehr als überzeugend. Heute fragt man sich bei Politikerreden immer, wer hat sie geschrieben? Warum wird das oder jenes gesagt? Warum gerade jetzt? Man traut der Politik nicht mehr. Weil sie nur werbeträchtig herumfloskelt. Willy Brandt war ein ganz Großer, weltweit.

 14. November 1913 - bis 18. Oktober 1992.
















Dienstag, 10. Dezember 2013

Chanukka - das Licht in der Dunkelheit

Ich liebte meinen Opa. Wenn ich bei den Großeltern war, machte ich mit ihm, der schon 80 war, lange Spaziergänge durch den Stadtpark. Ich muss 5 Jahre alt gewesen sein, als Opa zu mir sagte, es war an einem windigen Novemberabend, "lass' uns zu Herrn Neumann gehen, ich habe etwas mit ihm zu besprechen". Im Kriegsjahr 1942 war Deutschland abends total verdunkelt, Straßenlaternen waren ausgeschaltet, und der Weg zu Herrn Neumann schien mir endlos. Ein alter Herr empfing uns an der Treppe zum ersten Stock, nachdem wir an der Haustür geläutet hatten. Opas langes Gespräch mit Herrn Neumann verbrachte ich spielend unter dem großen runden Tisch. Ich verstand nicht, worum es ging und war froh, als wir wieder zu Hause angekommen waren. Ich hatte Opas Freund vorher nie gesehen und sah ihn auch danach nicht mehr. Am folgenden Abend - ich saß mit Oma und Tante Maria am Tisch, auf Opa und das  Essen wartend. Opa stürzte, weiß im Gesicht, ins Esszimmer und sagte: "Herr Neumann hat sich erschossen".

Einem fünfjährigen Kind wurde nichts Näheres erklärt. Ich wusste, es war etwas Schlimmes, stellte jedoch keine Fragen. Dieser Vorfall blieb in meiner Erinnerung. Es wurde nie mehr darüber gesprochen, auch Jahre nachdem meine Großeltern und Eltern schon verstorben waren. Als ich Tante Maria, die schon über 90 Jahre alt war, in ihrem Heim in Pforzheim/Süddeutschland besuchte und sie ganz beiläufig fragte: "Erinnerst du dich an einen Herrn Neumann?" sagte sie erstaunt über diese Frage, "Aber natürlich, Herr Neumann war Jude, und als er damals keinen Ausweg mehr wusste, hat er sich das Leben genommen".

Kommerzielle Beleuchtung beim Stephansplatz
Diese Finsternis in meinem kindlichen Herzen habe ich bis heute nicht ganz überwunden. Sie erfasst mich, wenn Erinnerungen an die Verfolgung und Tötung Unschuldiger in mir wachgerufen werden.

Finster war es auch bei meiner ersten Teilnahme an einem Chanukka-Fest, am 30. November am Wiener Stephansplatz, wo ein großer neunarmiger Leuchter aufgestellt war und viele jüdische und auch nichtjüdische Bürger aus vielen Ländern auf das Entzünden der Kerzen warteten. Nachdem die ersten 4 Kerzen leuchteten begann das jüdische Lichterfest, man tanzte und sang, trank Punsch und unterhielt sich, wie es in einer großen Familie so üblich ist. Wind und Kälte machten wenig Eindruck. Ich selbst hatte noch nie in meinem Leben davon gehört, dass zum jüdischen Leben dieses eindringliche, ja, fröhliche Lichterfest gehört.


Nach dieser ersten Begegnung mit einem Chanukka-Fest kam eine zweite, ein paar Tage später, in Oberwaltersdorf bei Baden/Wien, im Hause der Familie Trink. Meine Freundin Hermine aus Baden war dorthin eingeladen worden. Sie durfte mich mitbringen. Etwa 40 Menschen hatten sich versammelt, um gemeinsam das Fest zu begehen, das im herrlichen Rahmen eines Bürgerhauses, dem "Friedensdom" stattfand. In ungezwungener Athmosphäre wurden gleich zwei Leuchter angezündet. Den Anfang machte ein Rabbiner aus Chicago, der auch in Jerusalem gelebt hatte, bevor er nach Wien kam. Auf Englisch, und mit weisen Worten erklärte er die Bedeutung des Lichtes. Wo Licht ist, muss die Finsternis weichen. Hermine machte die Übersetzung ins Deutsche. Und am Klavier saß ein alter Freund der Familie, der alle Schlager der Dreißigerjahre und mehr parat hatte, darunter auch den jiddischen Dauerbrenner "Bei mir bist du schen". Es wurde gelacht und gesungen. Die verschiedenen Bedeutungen von Chanukka wurden plaudernd erläutert.  Wie etwa Menschlichkeit Licht in das Dunkel bringt. Wie auch düstere Erinnerungen bei gläubigen Menschen mit Licht, das Herz erwärmen können. Gibt es etwas Schöneres?


Nach Essen und Trinken durften wir auch noch die Friedensmission des Hausherren näher bewundern: Franz Trink hat ein Ziel im Leben: nicht nur Geschäfte zu machen, sondern auch für den Frieden in der Welt zu werben. Auf originelle Weise: Mit einem 5 Meter breiten Kolossalgemälde, das er an einem prominenten Ort, vielleicht in Jerusalem, zeigen möchte, will er die Welt aufrütteln und für den Friedensgedanken werben. Eine noble Idee, die sicherlich bei allen kampfbereiten und militärisch ausgerichteten Drahtziehern Heiterkeit auslösen mag. Der Ernst des Gedankens jedoch liegt in seiner universellen Gültigkeit. Wer den Frieden will, lehnt Gewalt jeder Art ab. Wenn die ungeheuren Mittel für Rüstung nach und nach der Bekämpfung der Armut und des Hungers zur Verfügung gestellt würden, wäre ein friedliches Zusammenleben wahrscheinlicher.


Franz Trinks Friedensbild porträtiert viele, die es mit mehr oder weniger Erfolg versucht haben. Viele hat er mit seiner Idee persönlich ansprechen können. Andere sind als Symbole des Friedens festgehalten.  Wichtig ist nur, wer auf der Seite des Friedens steht. So entdeckt man auf dem Gemälde Mutter Theresa, den Papst, Mahatma Ghandi, Nelson Mandela, Gorbatschow, den Dalai Lama, Königin Elizabeth, und viele andere, deren "Friedenspotenzial" vielleicht noch nicht ausgeschöpft ist, oder, die irgendwann in ihrem Leben einen friedlichen Weg gegangen sind oder aufgezeigt haben. Eine verrückte Idee, die der Friedensmaler da in die Welt setzt? Keineswegs! Ein kleiner Spießer setzt normalerweise nicht viel in die Welt.

Das Chanukka-Fest gibt es schon seit Jahrhunderten. Es ist das Licht, das die Herzen erwärmt und die Finsternis verdrängt. Immer wieder muss es neu entzündet werden.

Sonntag, 8. Dezember 2013

Was hat die Ukraine mit Thailand zu tun?

Die Ukraine ist west-östlich orientiert, und Thailand ist bekannt für eine hervorragende Küche und oft auch als touristischer Unterschlupf für pädophile Lüstlinge. Die Frage, ob es sich hier um Demokratien handelt, lassen wir einmal unbeantwortet. Was die Weltöffentlichkeit jedoch zur Zeit beobachtet, ist der Aufruhr, der sich in beiden Ländern breit macht.

Die Ukraine im Blickfeld

In der Ukraine wird gerade vorgeführt, wer offensichtlich das Sagen hat: der Präsident des großen Nachbarlandes. Putin erlaubt sich, der Ukraine zu drohen, wenn sie sich dem Westen annähert. Statt dessen, soll das Land sich dem russischen Diktator unterwerfen. Unter diesem Druck hat der ukrainische Präsident die Assoziationsverhandlungen mit der EU abgebrochen, obwohl das Land in die EU möchte. Eine flagrante Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Landes. Vergangene Woche fand der krönende Abschluss der ukrainischen Präsidentschaft in der 57 Länder starken OSZE satt, die ihren Sitz in Wien hat. Dutzende Außenminister waren zugegen, fast alle haben inkognito oder ganz offen (Westerwelle) bei den Protestdemonstrationen für eine westliche und pro-europäische Orientierung des Landes mitgemacht. Kiew hat wahrscheinlich noch nie so viele ausländische Regierungsverteter auf einem Haufen gesehen.

Sie alle, zusammen mit denen, die in den letzten Tagen ähnliche Proteste in Thailand mitverfolgt haben, müssen eine einzige Botschaft empfangen haben: wie wenig Vertauen die Menschen noch in die Politiker ihrer Länder haben. Das gilt für Russland ebenso wie für die Vereinigten Staaten. Bei Menetekeln solcher Art gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder schließt man die Augen, weil man nichts sehen möchte, oder man beginnt zu kapieren, dass neue Leute, neue Regeln und eine neue Sprache in der Politik notwendig sind. Wie dringend diese Fragen in den einzelnen Ländern beantwortet werden müssen, ist unerheblich, denn es ist fast überall schon zu spät.

Er war unbestechlich
Wir müssen uns in den traditionellen Demokratien auf Überraschungen gefasst machen. Wer macht den Anfang? Ist Putin noch lange sicher? Obama? Das Vertrauen ist verspielt. Das ist die Botschaft, die man immer deutlicher zu hören bekommt. Putin spielt Fußball mit der Demokratie. Wer gewinnt? Obama will eine Gesundheitsreform und wird dafür gehasst. Cameron spielt mit dem EU-Austritt. Die Ukraine gerät in die Zwickmühle. Und allen auf dem Spielfeld geht allmählich die Puste aus. Die Medien berichten vorzugsweise über das Augenscheinliche: Überschwemmungen, Flugzeugabstürze, Gewalt und, gelegentlich, über Fußball. Ist es das, was der Mensch will? Er will den Oberen vertrauen können. Das kann er nicht mehr. Das ist aus und vorbei. Und Nelson Mandela ist auch nicht mehr.






Freitag, 6. Dezember 2013

Wiener G'schichten - die Strudelteigzieherin

Eigentlich ist dieser Beruf ausgestorben. Sollte es doch noch eine Strudelteigzieherin geben, dann trägt sie bestimmt eine modernere Bezeichnung. Vielleicht Strudelmanagerin. Oder Deli-Coach? Wer weiß? Für alle, die vor etwa 40 Jahren nicht die berühmte Rätselsendung "Was bin ich?" sehen konnten: sie sollen wissen, dass der Strudelteig eine hochkomplizierte Sache ist. Eine der letzten Strudelteigzieherinnen, aus Österreich, natürlich, trat damals im Fernsehen auf. Niemand erriet ihren Beruf. Heute gibt es Maschienen, die keine langwierige Ausbildung benötigen, um den Strudelteig in die Länge und Breite zu ziehen, damit der unwiderstehliche Apfelstrudel entsteht.

Und in Lübeck, der Stadt der Buddenbrooks, floriert noch immer die Produktion von Marzipan. Lübecker Marzipan war ursprünglich nur den Herrschern vorbehalten. Heute werden, vor allem für Weihnachten, industrielle Mengen von Marzipanprodukten hergestellt, die in die ganze Welt hinausgeschickt werden. Der Beruf der Marzipanschminkerin ist auch so einer, den man nicht kennt. Dennoch braucht man solche Spezialistinnen, um die Marzipanfiguren mit essbaren Farben bemalen zu können. Die Marzipanschminkerin ist also auch ein seriöser Beruf.


Und noch eine besondere Spezialisierung findet man auf Hawaii. An den Stränden werden die waghalsigsten Surfer gesichtet. Ein faszinierendes Schauspiel, wenn ein junger Surfer auf seinem Brett eine 10 Meter hohe Welle herunterdonnert, ohne umzufallen. Dann will er gefilmt und fotografiert werden. Eine Aufgabe für den Surffotografen. Er taucht mit seiner wasserdichten Kamera ins Meer und beobachtet die Szene. Es gibt nicht viele davon. Verständlich, dass es diesen Beruf nicht an der Donau gibt, wo die Wellen selten höher schlagen.


Diese drei Beispiele sehr eigenartiger Beschäftigungen verdeutlichen das Dilemma des Heranwachsenden: Klein Mozart saß als Knäblein schon am Klavier, komponierte drauflos und wurde berühmt. Auch ein Dirigent kann Berühmtheit erlangen und Großes hinterlassen. Ein Jumbo-Pilot hat es auch nicht leicht. Er muss das Ding sanft landen können, sonst ist alles im Eimer. Berühmt wird er selten. Aber, von was träumt man, wenn man Kind ist? Man möchte Präsident werden, oder Lokführer. Letzteres hat allerdings seine Attraktivität etwas eingebüßt. Und Zuckerbäcker ist eine Geheimwissenschaft. Die Pläne können in der Kindheit nicht hochfliegend genug sein. Wo und wie man dann landet, ist meist Glücksache. Wie schaffen es einige, ihr Ziel zu erreichen? Und andere müssen ihr Leben lang suchen und schaffen es nicht. Bei der Strudelteigzieherin wissen wir, dass der Zufall Pate gestanden haben muss. Man träumt nicht einfach, Strudelteigzieherin zu werden. Man wird es einfach.

Ich habe in meinem Leben so vieles gemacht, auch sehr Unterschiedliches und kann heute nicht mehr sagen, welchen Beruf ich hatte. Doch eines weiß ich: ich habe die Arbeit die ich tat, immer gerne getan. Darin liegt das Geheimnis. Was ich nie wollte: Präsident werden, oder Arzt. Vielleicht hätte ich es mit Strudelteigziehung versuchen sollen. Dann könnte ich mir meine Apfelstrudel selbst machen.