Mittwoch, 23. Januar 2013

Wie schön ich war!

Alte Fotos sind eine reine Pest, vor allem, wenn man genügend Jahre angesammelt hat, um jedes einzelne durch hunderte fotografische Dokumente belichtet zu haben. Dabei war fotografieren eine echte Kunst. Man ging ins Atelier und posierte. Wie schön die Eltern waren, als sie heirateten. Und dann kam die Fotitis: es wurde viel geklickt. Ich muss irgendwann ganz nackt auf einem Lammfell gelegen haben. Das Foto war schwarz-weiß. Nicht wegen der Nacktheit, sondern wegen des schwachen Wiedererkennungseffekts warf ich es weg. Wir ziehen um, hatten das Angesammelte bei verschiedenen Umzügen immmer wieder mit uns geschleppt, ohne es zu sichten, ordnen oder es zu vernichten.


Jetzt ist es soweit. Meine Bilanz ist traurig: die wenigsten unter den Fotos sind interessant  oder relevant. Man weiß nicht mehr wo aufgenommen, wer daneben steht und lächelt, in welchem Jahr etwas fotografiert wurde. Hier ist meine Schwester drauf, teilweise mit ihren Kindern. Süß! Hat sie diese Aufnahmen mit nach Amerika genommen? Warum gibt es so viele Aufnahmen unserer Tante? Sie war nicht verheiratet, aber irgendwie super aktiv im Leben. Rein ins Flugzeug, raus aus der Kirche, und die vielen ältlichen Freundinnen, wie hießen die noch alle? Kraft durch Freude (ein nationalsozialistisches Reiseunternehmen) hat meine Tante in die ganze weite Welt gebracht, obwohl sie die Nazis hasste. Ich behalte sie als eine aufrechte Streitaxt in Erinnerung und werfe nicht alle Fotos von ihr weg. Meine Kinder liebten sie, weil sie streng aber gerecht war und Eis am Stiel spendierte.

Durch meinen Umzug nach Wien, nächste Woche, bin ich gezwungen, Ballast abzuwerfen. Also werden viele Fotos in den Müll wandern. Sie haben ihre Schuldigkeit getan. Sie können das Gedächtnis nur stützen, nicht ersetzen. War ich schön? Als Kleinkind, so erinnere ich mich, waren alle sehr freundlich zu mir. Schön vielleicht nicht, aber gut angenommen, immer im Leben. Auch von den Enkeln. "Opa, wenn ich groß bin, werde ich Lehrerin und dann heirate ich dich". Das musste ich mir von meiner kleinen Enkelin sagen lassen. Ich werde die restlichen Tage meines Lebens damit verbringen, mich gelegentlich daran zu erinnern. Dazu muss man nicht schön sein, sondern nur geliebt werden.

Mit etwas Glück wird aus einem schönen Baby eine viel bewunderte Ruine in eigener Sache.

Montag, 21. Januar 2013

Deutsche Telekom - Sprüche wie bei Graf Rotz

"Stürzen Sie sich ins Vergnügen" flattert mir gerade eine fotobestückte Werbesache ins Haus. "Erleben was verbindet.......T..." Unser Tip: Call & Surf Comfort VDSL IP! So heißt es in diesem Prospekt. Telefonieren über zwei Leitungen und Nutzung von drei Rufnummern. Man wird recht professionell angelabert und kriegt eine Flatrate nach der anderen um die Ohren. Der Kunde ist natürlich König. Er bezahlt ja auch alles, ohne zu murren.

Dann kommt die Panne. Ich bin unschuldig, will nur telefonieren, habe zwei Schnurlose im Haus, und keine Verbidung mehr. Also habe ich nach den Akkus geschaut: geladen. Nichts passiert. Ich begebe mich in ein Telekombüro und stehe erst mal an. Personalmangel? Ja, Sie hätten die Konsole mitbringen sollen. Ich, nach Hause, und wegen der zögerlichen Kompetenz des 2 Mannbetriebes, fahre ich in die Kreisstadt. Eine echte Telekomzentrale gibt es dort. Ich stehe an, mit meiner Konsole und den beiden Schnurlosen und gerate an einen recht Unlustigen, der alles in Eile überprüft und mich mit dem fröhlichen Vermerk nach Hause schickt, es sei alles in Ordnung.

Zuhause ist nichts in Ordnung. Das Telefon geht nicht. Ich, ganz schnell wieder zur Beratungsstelle in meiner Nähe: Mitleidig werde ich beäugt: Was ist denn nun schon wieder los? Ich bittstelle mein Anliegen. Der Herr mit dem außerirdischen Blick geht an seinen Rechner und tippt daran herum, bis er mir mitteilen kann, er habe eine Störmeldung gemacht, in Kürze würde ich über das Internet hören was Sache ist. Mit gebremst dankbaren Gefühlen fahre ich wieder nach Hause. Das war vor 2 Wochen. "Erleben was verbindet" heißt es in dem Flyer der Telekom, der von der Telekom Deutschland GmbH 53262 BONN abgeschickt wurde. Wie schön, dass der Kunde immer noch irgendwie König ist und immerhin wie ein solcher umworben wird.


Ich habe daraus meine Konsequenzen gezogen, das Telefon gekündigt (was noch etwas Zeit in Anspruch nimmt, bevor man da wieder rauskommt) und mir ein kleines mickriges Mobilfon gekauft, das den gleichen Zweck erfüllt. Ich kann wieder telefonieren und beglückwünsche die Deutsche Telekom zu ihrem einmaligen Service, auf den ich jetzt verzichte.





Sonntag, 13. Januar 2013

Fly or die - auf nach Wien!


Ich hätte nicht gedacht, dass Abschied so schwer fallen kann. Am Mittag brachte ich sie in Offenburg zum ICE nach Frankfurt. Am Abend soll sie in Wien sein, wo sie Montag früh eine neue Arbeit beginnt. "Fly or die" war die Devise bis heute: beide, sie und ich totkrank. Erkältung der übelsten Art. Dann der rote Koffer: Übergewicht bis zum Gehtnichtmehr. Ich muss mich jetzt schnell erholen, denn der Umzug nach Wien in 2 Wochen steht bevor. Heute schon haben wir von den Hängen des Schwarzwaldes Abschied genommen. Ich ziehe mit dem ganzen Krempel nach.

Blutgasse

Dann werden wir im ersten Bezirk, in der Blutgasse wohnen. Eine enge Straße mit blutrünstiger Vergangenheit. Eine Gräfin, Elisabeth Báthory, gefürchtet als die Vampirgräfin, soll vor 4(?) Jahrhunderten zahllose Jungfrauen ermordet haben. Sie benötigte ihr Blut, um selbst jung zu bleiben, indem sie darin badete. Der Ort des Vergehens ist jetzt denkmalgeschützt. Vielleicht wäre es besser gewesen, die unschuldigen Jungfrauen zu schützen.


Die Blutgasse trug auch mal den Namen "Kotgasse", was die Sache nicht attraktiver macht. Damals muss halb Wien in die Gasse gekotet haben, eine Vorstellung, die ebenfalls Grauen erweckt. Andereseits ist Wien heute für viel Kultur bekannt, Theater, Oper, Konzert, worauf man sich freuen kann, wenn man die düsteren Sagas der Vergangenheit einmal hinter sich lässt. Da meine Cath vermutlich schon lange keine Jungfrau mehr ist, wird sie eventuellen Angriffen solcher Vampire widerstehen können, bis ich schließlich zu ihr ziehe. Dann, allerdings, werden erst mal die herrlichen Marillenknödel verspeist, dazu jede Menge Sachertorte, Tafelspitz und sonstiges Dadschkal (=taschenförmiges süßes Gebäck).






Freitag, 11. Januar 2013

Das Pub - eine Kultur zum Verlieben

Nun, in Deutschland geht man auch schon mal in eine Kneipe, um 1 - 2 Bierchen zu trinken. In Köln oder Düsseldorf steht man dafür am Tresen. Mir gefallen die Kölschgläser so gut. Im süddeutschen Raum dagegen trinkt man sitzend ein Viertele oder auch zwei. Dann hat man ein wenig "geladen" und freut sich auf den Heimweg, denn zuhause kann man dann noch ein Viertel heben. Und das ist meist gut so.

In England (oder sollte man Großbritannien sagen?)  gehen die Uhren anders. Das Pub ist ein kulturelles Zentrum. Einfach, aber herzlich. Wer will, kann mit anderen kinderleicht ins Gespräch kommen. Es kann auch um Atomphysik gehen. Man sucht sich am Tresen ein Bier aus (mehrere Sorten stehen zur Verfügung) und nimmt eine Tüte Chips mit. Dann schippert man mit dem Glas an einen Tisch. Keine Angst, wenn dieser schon besetzt ist. Das macht die Kontaktaufnahme so richtig leicht. Andere Variante: man bleibt bei dem netten Bierfräulein stehen und redet über das Wetter. Auf alle Fälle muss das Bier sofort bezahlt werden. Dann kann man gehen wann man will. Das leidige "Herr Ober, zahlen" entfällt.

Daher die etwas barbarische Verlautbarung "can I buy you a drink"? Für uns Kontinentaltrinker ist das ein Schlag ins Gesicht. Man kauft jemandem kein Getränk, man lädt dazu ein. Die Atmosphäre in einem Pub bleibt jedoch freundlich, etwas verplappert und unheimlich schön. Man gewöhnt sich schnell daran. Das Pub, ein erweitertes Zuhause, doch werden immer mehr davon geschlossen. Warum? Für Raucher ist es jedoch unangenehm geworden: draußen, bitteschön, bei jedem Wetter. Wie froh ist man da, das Rauchen schon längst aufgegeben zu haben.



Donnerstag, 10. Januar 2013

Die Überfahrt mit der Pride of York

Die Wetterankündigung beim Verschiffen unseres Autos am Hafen von Seebrügge war unauffällig: keine Stürme bei der Überfahrt in den britischen Norden zu befürchten. Entsprechend zahm wogte die Fähre auf und ab, die ganze Nacht. Unser Seereiseritual beginnt mit dem Anziehen der Handbremse im Laderaum, dem Erhalt des Schlüssels für die Kabine, schneller Entledigung des Handgepäcks und der Winterkleidung, und mit dem Gang an die noch verwaiste Bar. Kaum jemand nimmt um diese Zeit schon einen doppelten GinTonic. Wir setzen uns in die Lounge und hören dem freundlichen Geklimpere des Pianisten zu.

Die Pride of York von innen

Sobald der Hunger sich meldet geht es an das Büffet, wo man uns einen Tisch zuweist. Die Flasche Rioja ist für uns beide auf der Pride of York schon zum Standard geworden. Trotz leichter Erschöpftheit nach einer langen Autoanfahrt schaffen wir die Flasche ohne Mühe. Der endlose Korridor führt uns dann zurück in die Kabine, wo das leise Schaukeln uns in den Schlaf wiegt.

Das Frühstück fällt etwas hektisch aus, da jeder rechtzeitig am Auto oder am Bus sein möchte, wenn die Fähre ihr Gatter öffnet. Wir sind in Hull und müssen uns beide an das Fahren auf der "falschen" Seite schnell wieder gewöhnen. Die Weihnachtsbeleuchtungen sind noch am Blinzeln und Schillern. Doch ihre Buntheit will sich gegen den morgendlichen Grauschleier nicht durchsetzen. Wir fahren quer durchs Yorkshire Land, wo wir Cathies Eltern und Brüder besuchen wollen. Hat sich in diesem Land seit einem Jahr etwas verändert? Ja, die Olympischen Spiele in London haben offensichtlich freudige Spuren hinterlassen. Man spricht gerne darüber.

Der Aufschrei der Möwe

Uns fällt auf, dass die Straßen auf dem Lande noch voller geworden sind, die Kurven noch enger, die Schlaglöcher noch zahlreicher. An vielen Häusern steht: "To let" oder "Sale". Ist das viel besprochene Nord-Süd-Gefälle etwa in ein Süd-Nord-Gefälle umgeschlagen? Zuerst Griechenland, Portugal, Spanien, jetzt England, Irland, Belgien? In Belgien werden Straßen auch nur noch spärlich instand gesetzt. Oft sieht man als erstes den sich häufenden Müll, wenn man durch einen Ort fährt. Ist dies ein Zeichen wachsender Verarmung der Kommunen und des Staates? Eine Folge der Finanzkrise? Auch auf der Fähre kam es mir so vor, als würden die Menschen weniger kaufen, weniger trinken, weniger lachen. Ich hoffe, dass ich mich gründlich täusche.











Mittwoch, 9. Januar 2013

Abschiebeflughafen Karlsruhe-Baden-Baden

Ich weiß nicht, wieviele Fluggäste dieser schnuckelige Flughafen jährlich in den sonnigen Süden schickt. Dazu gehören ganz bestimmt nicht die 15.000 Menschen (davon 11.000 Roma), die seit April 2010 den Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums Karlsruhe zwangsweise verlassen mussten. Wir waren schockiert, als wir am 10. Dezember am Flughafen selbst erfuhren, dass am 11. Dezember 2012 wieder ein solcher Abschiebetransport nach Serbien und Mazedonien geplant war. Diese Sammelflüge werden bundesweit organisiert und höchst diskret durchgeführt. Vom menschlichen Leid, der behördlichen Missachtung und der polizeilichen Willkür erfährt man nur gelegentlich. Diskretion ist Ehrensache. Nur wenige Demonstranten wiesen auf das Schicksal dieser Menschen hin, unter denen sich immer wieder viele Roma befinden.


In Serbien allein leben geschätzte 450.000 Roma, von denen 30% keinen Zugang zu Trinkwasser haben und 70% fern von jeder Kanalisation leben müssen. Oft sind sie dort Hassreden und rassistischen Parolen ausgesetzt. In deutscher Ministerialbürokratie, deren zuständiger Minister ein Herr Friedrich ist, will man Serbien und Mazedonien als sichere Herkunftsländer deklarieren, weil dann die Abschiebung moralisch gerechtfertigt sei. Die Asylanträge dieser Menschen werden nicht bearbeitet, weil man automatisch von Missbrauch ausgeht. Sogar in den Herkunftsländern wird von Asylbetrug gesprochen.
Und die Kinder?

Laut ECRI (das ist die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz des Europarates und der EU) haben diese Menschen keine Chance, eine Arbeit zu finden. Über 70% von ihnen sind allein in Mazedonien arbeitslos. Und am Flughafen Karlsruhe-Baden-Baden werden diese "Schüblinge" (wie die Bürokratie sie nennt) bis zum Abflug hinter Stacheldraht sichergestellt. Was sagt unser Grundgesetz dazu? Die menschliche Würde ist unteilbar??? Dass ich nicht lache! Wir haben, was die Scheinheiligkeit betrifft, schon längst das gleiche Niveau wie die anderen sogenannten Demokratien erreicht. Seien wir stolz darauf. Es macht sich eben doch bezahlt, dass wir nach Mallorca oder sonstwohin auswandern können, wenn uns etwas nicht mehr passt. Andere werden halt abgeschoben. Aus den Augen aus dem Sinn. So einfach ist das.





Montag, 24. Dezember 2012

Heiliger Blödsinn - frommes Gebrabbel

Immer an Weihnachten überkommt es mich: fasziniert höre ich die mutig, originell und besinnlich sein wollenden Sprüche von Berufenen zum Thema Weihnachten. Fest der Freude, der Besinnlichkeit, der Stille, des Gänsebratens, der Armut, der Liebe. Schneeschippen, eher selten. Alkohol in den meisten Fällen. Regenschirm beim Abholen der frischen Brötchen am Heiligabendmorgen. Das beherzte Schmücken des Baumes. Linda, wo hast du das Lametta wieder hingetan? Wir zuhause hatten früher immer richtige Kerzen. Es ist eine Schande, dass wir dieses Jahr das Gebäck kaufen mussten. Springerle habe ich keine gefunden. Lebkuchen gibt es nur noch in der Apotheke.

Die stille Vorfreude, das friedfertige Warten auf den Moment, das diskrete Bruzeln in der Küche. Die wohlige Dunkelheit, wo sind sie, diese weihnachtlichen Gefühle? Die schreiende Werbung hat früh damit begonnen, das alles in Grund und Boden zu labern. Wenn einer christlich kommen möchte, muss er einen verbalen Eiertanz vollführen, denn alles ist unauthentisch, abgegriffen, dämlich, pompös und ewig abgelutscht.

Ich würde sagen (aber mich fragt ja keiner), es ist wieder mal so weit. Lasst es uns hinter uns bringen. Nicht zu viel essen und trinken. Fast kein Fernsehen! Guckt, dass ihr nicht ständig streitet! Holt Oma Gerda für einige Tage zu euch und sagt ihr, dass ihr sie liebt. Wartet, bis alles wieder vorbei ist. Fest der Liebe, ja. Nichts gegen das liebe Jesulein, aber alles andere ist Kokolores.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Nein, sie bettelte nicht!

Es war in Marrakesch, vor vielen Jahren. Ich hatte mich im Dezember dort für eine Woche in einem schönen Hotel niedergelassen, um kreativ zu sein: ich schrieb Drehbücher für Dokumentarfilme. Als ich am Morgen das Hotel verließ und diagonal eine breite Prachtsraße überquerte, um an die Bushaltestelle zu gehen, spürte ich, dass mir jemand folgte. Die Geschichte ist ebenso einfach wie orientalisch: ein junger Mann stand dann neben mir und wartete mit mir auf den Bus. Er sagte, er hätte mich im Hotel gesehen, wo er in der Küche arbeite. Ein Bogen, den zu schlagen nur ein intelligentes Wesen fähig ist. Da er mit mir einstieg, unterbrach ich etwas später meine Busfahrt ruckartig, um ihn  los zu werden. Er folgte mir sofort und lud mich zu einem Kaffee ein. Die Geschichte mit dem Bruder, der einen Teppichladen hat, habe ich ihm dann nicht ganz abgenommen. Er zog die Notbremse: könntest du mir 50 Dirham leihen? Ich gebe sie dir im Hotel heute Abend zurück. Sein Französisch war ganz passabel. Ich schaute ihn streng an und sagte: "wir beide wissen doch, dass du nicht im Hotel arbeitest, und die 50 Dirham kann ich dir nicht geben". Er verabschiedete sich schnell und ließ mich den Kaffee bezahlen. Fair enough! Ein wenig stolz war ich schon, solcher Anmache widerstanden zu haben.

So, oder so ähnlich

Dezember 2012, kurz vor Weihnachten: ich bummle durch die Wiener Innenstadt, im 1. Bezirk, und suche die Blutgasse, denn da werden wir bald wohnen. Ich spüre, dass ich von Unbekannt anvisiert werde. Jemand hat sich vorgenommen, mit mir in Kontakt zu treten. "Ach, bitt'schön, entschuldigen's, darf ich Sie was fragen?" Die junge Frau sah hübsch aus und war gut gekleidet. Große dunkle Augen schauten mich eindringlich an. Ich wollte dem nicht widerstehen und schaute sie erwartend an. Dann kam ihre Geschichte: ich komme aus dem Kosovo, habe zwei Kinder, bin seit 5 Jahren in Österreich und habe keine Arbeit. Verstehen Sie? Ich bete jeden Tag zu Jesus, dass er mir hilft. Jetzt kann ich meine Miete nicht mehr bezahlen. Verstehen Sie? Ihre schönen Augen fixieren mich. Ihr Deutsch ist fast lupenrein. Können Sie mir helfen. Ich bettle nicht, aber, ich benötige Hilfe. Sie wollte 200 €.

Spendierhosen

Nun musste alles schnell gehen. Ich überlegte, was ich sagen sollte. Fest begegnete ich ihrem Blick. Ich schaue auf ihre Schuhe, den Mantel, die Mütze: sehr elegant. Ich lächle sie eiskalt an und sage: sie machen das viel zu gut. Es tut mir leid, aber, Sie überzeugen mich nicht. Ich kann Ihnen nicht helfen. Sofort drehte sie sich um und veschwand so unbemerkt wie sie gekommen war. Meine Gefühle mischten sich zwischen Scham und Stolz. Ich stellte mir vor, sie hätte es geschafft, mir 200 € aus dem Ärmel zu leiern. Dann wäre ich mir wie ein rasierter Pudel vorgekommen. Andererseits: was sind wir für Menschen, die wir kein Ohr mehr für die Nöte der anderen haben. Als ich um das Viertel gegangen war, versuchte ich, sie nochmals zu sehen. Sie war nicht mehr auffindbar. Habe ich eine Chance verpasst, etwas Gutes zu tun? Zumal, jetzt vor Weihnachten, wo man überall die Armut mit Händen fassen kann. Ich hoffe nur, dass ich das Richtige getan habe. Sicher bin ich mir nicht!

















Sonntag, 16. Dezember 2012

Das Ende der Welt

Es wird immer öfter darüber gesprochen, und, wenn man so will, ist es auch höchste Zeit, sich endlich darüber den Kopf zu zerbrechen: der Untergang der Welt steht bevor. Er ist für den 21. Dezember dieses Jahres vorgesehen. Wir sollten uns deshalb sputen, noch alles Nötige unter Dach und Fach zu bringen.  Eigentlich hätte der Untergang mit der Bombardierung Dresdens zusammenfallen können, denn, wäre der Dresdner Maya-Kalender völlig zerstört worden, würde heute kein Hahn mehr nach ihm krähen, und unser Untergang erschiene viel weniger gewiss. Da der Dresdner Maya-Kalender nach gewohnt deutscher Art nach dem 2. Weltkrieg peinlichst restauriert wurde - er hatte nur Wasserschäden davongetragen - müssen wir noch bis Ende Dezember zittern, ob die düsteren Voraussagen nicht doch noch eintreten.

Der sogenannte Dresdner Codex, eine vor-kolumbianische Maya-Schrift, aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, wahrscheinlich die Kopie einer 3 bis 4 hundert Jahre älteren Schrift, gilt als ältestes schriftliches Dokument Amerikas. Es liegt in der Sächsischen Staatsbibliothek in Dresden. Der damalige Direktor der Königlichen Bibliothek, Johann Christian Götze, hatte es 1739 in Wien von Privat erworben. Wie der Codex nach Wien gekommen ist, bleibt ein Rätsel. Der berühmte Forscher und Wissenschaftler Alexander von Humboldt hat dann 1810 einige Seiten des Skriptes veröffentlicht. Auch er wusste damals noch nichts Genaues über den Dresden-Codex. Erst 1853 hat ein Charles Étienne Brasseur de Bourbourg ihn als eine Maya-Schrift identifizieren können.

Am 21.12.12 nicht abnehmen!

Man weiß, dass die Berechnungen auf dem Zahlensystem "20" beruhen. Die Zahl Null wird in Form einer Muschel dargestellt, die Eins ist ein Punkt, und die Fünf ein Strich. Die etwaige Ankunft eines städtischen Linienbusses lässt sich damit wahrscheinlich nicht errechnen. Während die astronomischen Tabellen schon sehr genau sind, hapert es noch mit den 350 Zeichen des Codex, denn nur etwa 250 wurden bisher entziffert. Die Wissenschaft arbeitet also noch daran. Doch kommen wir zum Punkt: der Stichtag für den Untergang der Welt ist also der 21. Dezember. Nach einem 5125jährigen Zyklus im mittelamerikanischen Langzeitkalender, der am 21.12. zum Ende kommt, ist im wesentlichen folgendes zu erwarten: entweder der Untergang, ohne Wenn und Aber, oder einfach eine spirituelle Umgestaltung unserer Welt. Wir sollten letzteres nicht ganz ausschließen. Die Wissenschaft streitet noch, obwohl es höchste Zeit ist, eine Entscheidung zu treffen. Eine dritte Variante sieht die Kollision unserer schönen Erde mit dem Planeten "Nibiru" vor. Es wird also spannend.

Es lohnt sich nicht mehr!

Wer sich jedoch bei den Langzeithoroskopmachern umschaut, kommt zu einem ganz anderen Schluss: Sie scheinen die Zukunft, das heißt, die Zeit danach, schon fest im Griff zu haben. Also vertreiben wir uns diese bis zum 21. Dezember mit den Vorbereitungen für Weihnachten. Dresdner Stollen, statt Dresdner Maya-Codex. Seien wir wachsam, wenigstens bis alles vorüber ist. Und, fragen wir unseren Arzt oder Apotheker, ob er den Untergang der Welt ebenso einschätzt, wie wir. Und schon jetzt: ein gutes Neues 2013!





Sonntag, 9. Dezember 2012

Sag zum Abschied leise "Servus"

Es kommt Neues auf uns zu: der Schwarzwald, mit der Arbeitsstätte Straßburg, wird vorerst aufgegeben. Schluss mit dem Ullenburger Spätburgunder, der für die englische Verwandtschaft in Auftrag gegebenen Schwarzwälder Kirschtorte, die man im Britenreich voll Respekt "Blackforest Gateau" nennt, und Schluss mit dem Aprikosenbäumchen, dessen Früchte immer dann gereift auf den Boden fielen und von den Ameisen zerfressen wurden, wenn wir eine Woche woanders waren. Worauf wir uns jetzt einstellen müssen, ist, dass die Aprikose ihren Namen verliert. Sie taucht dann aber wieder als Marille auf und lässt sich schamlos als Marillenknödel oder Schnaps vermarkten. Ja, wir bereiten uns auf Wien vor, die Hauptstadt eines einst Riesenreiches, die viel Vergangenheit aufweist, über ungebrochenen Charm verfügt und eine Sprache spricht, die wir erlernen sollten: Wienerisch.
Schmankal???

Dafür gibt es den Dialektlilli, ein Miniwörterbuch von Langenscheidt, das wir von Udo geschenkt bekamen: Lilliput Wienerisch. Es hat 381 Seitelchen und ist kleiner als eine Streichholzschachtel. Ob das ausreichen wird? In ein paar Tagen werden wir in Wien sein und sehen, wozu unsere kleine Lilli gut ist. Wir suchen dort eine Wohnung und haben nur drei Tage Zeit. Ich hoffe, wir werden da nicht gleich einer Huatbluman auf den Leim gehen, weil wir zu sehr huadln. A Huatbluman is a Schbinatwachtl, beides heißt "hässliche Frau", und huadln sollte man bei der Wohnungssuche nicht. Wir lassen alles auf uns zu kommen. Aber: mia homs gnedich, will heißen: wir haben es eilig. Da wir jedoch auch schon genug Türkisch im Leben gelernt haben, um ein Essen zu bestellen, werden wir auch das meistern. Bir raki ve mezes, lütfen. Cok tesekkür ederim. Auf Akzente, kleine Häkchen und Betonungen kann man da gewöhnlich keine Rücksicht nehmen. Das wird auch in Wien so sein, bis wir unseren täglichen Blick auf den Steffl (Stephansdom) verinnerlicht haben und in einem Gemisch von Hochdeutsch, Bajuwarisch und Wienerdeutsch unsere Lieblingsspeisen bestellen können. Der Allmächtige wird in seiner großen Güte und bei seinen erstaunlichen Sprachkenntnissen (schließlich hat er das alles erfunden) milde auf uns herabblicken, wenn wir unsere ersten Fehler machen.

Mann ohne Eigenschaften?

Wieder einmal werden wir Ausländer sein, wenn nicht im eigenen, dann eben in einem anderen Land. Es war immer schon so und erinnert an unsere Gastrolle auf dieser Welt. Nichts gehört uns. Das meiste brauchen wir nicht. Für alles sollte man dankbar sein. Servus und Auf Wiedersehn.