Sonntag, 3. Dezember 2017

Auf der Insel begraben.

Hier, im fernen Nordengland, fällt mir der Name eines Freundes ein, von dem ich schon sehr lange nichts gehört habe. Mein letzter Anruf, vor etwa 15 Jahren, traf ihn mitten bei der Arbeit. Kurz und herzlich, es gab unendlich viele Anlässe zur Erinnerung. Es wurde viel gelacht und Blödsinn veranstaltet. Freiburg war der Ort, wo wir uns zuletzt sahen. Er war Arzt und auf dem Wege zu einer zweiten Heirat, die ich aus vollem Herzen gutheißen konnte. Seiner ersten ehelichen Bindung konnte ich noch als Trauzeuge beiwohnen. Dann kamen die Jahre, in denen der gelegentliche Gruß hin- und herwanderte. Mehr nicht.

Friesische Karibik??? 
Er in der Nähe von Flensburg, ich an verschiedenen Orten (Paris, Schweiz, Zypern, Straßburg, Wien). Über einen gemeinsamen Freund aus Schleswig-Holstein, hielten wir eine Art lose Kontaktlosigkeit, nur gerade mal wissend, wo der andere steckte und was er tat. Manchmal kann das genügen, total aus dem Auge muss man sich deshalb nicht verlieren. Wie gesagt, unser letztes Telefongespräch traf uns an verschiedenen Orten, er im Norden, ich im Süden. Bald versanken die Abende, wo wir unendlich viel tranken, meist guten Wein, in einer komatischen Erinnerung. Das Klauen von Kirschen im Kaiserstuhl, war damals bei Freiburger Studenten teil ihres akademischen Tuns. Eine schöne Zeit. Und natürlich auch eine Erinnerung.

Die Jahre des Rückzuges aus dem Berufsleben waren wie ein Neubeginn. Man lässt vieles zurück, verabschiedet sich von manchem. Beginnt vielleicht ein neues Leben der Muße und des Reisens. Statt Kirschen, die es in Yorkshire nicht gibt, knackt man süße Äpfel, was als Genuß überaus akzeptabel ist. Freunde verschwinden irgendwie. Von manchen hört man nie mehr etwas. Andere tauchen nach Jahrzehnten wieder auf und verkünden dir mit ihren Falten, wie alt du geworden bist.

Kirsche im Kaiserstuhl 
Mein Freund, der zuletzt noch als Arzt im Norden tätig war, fiel mir plötzlich wieder ein. Sein Name ist unvergesslich: A.J.A. Meine Neugier ließ mich googeln, denn seine Telefonnummer schien mir etwas veraltet. Das Schöne an Google ist, dass man die ganze Welt aufrufen kann, wenn man an etwas interessiert ist. Doch auch der Schock läuft oft über Google. Bei der Suche nach Arfst-J. A. stieß ich sofort auf einen Grabstein. Find A Grave Memorial, hieß es da in einer Sprache, die wirklich nicht notwendig war. Arfst, Du lieber Freund, Du bist im Jahr 2011 von uns gegangen. Niemand hat es mir gesagt. Deine Lieblingsinsel war immer Föhr, ganz oben im Norden Frieslands. Die friesische Karibik, immer etwas unterkühlt.




Samstag, 2. Dezember 2017

Schwarzwald, zwei Jahre ohne dich!

Das zweite Jahr in Yorkshire, auf dem Land, nicht weit von Manchester, der Stadt mit dem Flughafen, die den Männern die Cordhose überlassen hat, ein Kleidungsstück, das der Erzfeind der Jeans zu sein scheint, der Nietenhose. Dieser Ausflug in Hosen scheint mir notwendig, denn es ist wieder sehr kühl geworden, und meine Cordhosen hängen immer noch in unserem Haus im Schwarzwald. Um dem eiskalten Wind hier entgegenzutreten, ziehe ich den kiloschweren Pullover an, unter den ich noch ein wollenes T-Shirt ziehe. Dann denke ich an meinen Schwarzwald.


Dort weiß man: wenn er kommt, dann kommt er, der Winter. Frostnächte, die es im Norden Englands kaum gibt, sind im Schwarzwald an der Tagesordnung. Sie künden sich an, während die Herbstsonne noch freundlich blinzelt. Was ich jedoch an meinem Lieblingswald am meisten schätze, sind die oft etwas verfrüht vollgeschneiten Tannen. Und schnell gibt es wieder einen blauen Himmel.


In Yorkshire gibt sich der Himmel oft bescheiden. Ein verschämtes Grau (verun)ziert ihn allzu oft. Das erschwert es dem Naturliebhaber, sich Hals über Kopf in Wälder und Wiesen zu verlieben. Und Mannheim, um nur eine Großstadt in Süddeutschland zu erwähnen, gilt auch nicht gerade als das Mekka unter den Städten. Dafür liegt es auch genügend weit weg vom Schwarzwald. Das Land, wo einst die berühmten Bronte-Schwestern sich literarisch umtaten, ist halt nicht mit dem Schwarzwald zu vergleichen. Dafür bietet es heideähnliche Landschaften, deren leicht lila schimmernde Auen den Betrachter in nostalgische Erregung versetzen können.


Was mich an den geliebten Schwarzwald denken lässt, ist die hemmungslose Blüte der Pflaumen-Kirsch- und Apfelbäume, die auch unsere Freunde aus Holland und Belgien immer wieder anlockt und bezaubert. Trost für die im Norden Festsitzenden: der allenthalben käufliche Brüsseler Paté, eine schmackhaft hergestellte, streichfähige leberwurstähnliche Masse, mit der ich genussvoll mein Frühstück beginne. Cathie hingegen nimmt dazu täglich aufs Neue deutlichen Abstand.


Ich weiß genau, dass unsere Heimkunft in den Schwarzwald uns sofort die herbe Erinnerung an das Nordische in Erinnerung bringen wird. Dann werden wir uns wieder warm anziehen und dem Nachbarkater Arthur und seinem Freund Norman einen längeren Besuch abstatten.

Arthur 











Freitag, 1. Dezember 2017

Der dreifache Doktor.

Den hatte Cathies Vater. Alle in England ehrenvoll erworben. Warum es drei Doktorate sein mussten, hat sich niemandem erschlossen. Nicht ein einziges Mal benutzte er diese Titel. Als ich beim Südwestfunk in Baden-Baden als freier Fernseh-Reporter begann, war ich von Doktoren umzingelt, die alle auf ihren Chefposten saßen und, außer einem erfahrenen Rundfunkmann, der das nicht nötig hatte, den begehrten Titel trugen. Jemand sagte, wenn du hier etwas werden willst, brauchst du den Titel. Damals wollte ich nichts werden und hatte genug Zeit, um eine Dissertation zu beginnen. Das macht nur Sinn, wenn man diese dann auch beendet. Sie wurde beendet. 120 Seiten. Veröffentlicht und von historischer Bedeutungslosigkeit.


Dann kam die Zeit, wo Bewerbungen nötig waren. Stolz setzte ich meinen Doktor darunter. Bis mir das zuviel wurde. Mein Stolz sagte mir dann, es kann auch ohne gehen. Ging auch. Wenn sie deine Papiere sehen, fragt dann schon mal der eine oder andere: sind sie Arzt? Mein Nein klang immer etwas entsetzt, denn wenn ich mir vorstellte, ich sei Arzt, kam ich ins Schwitzen. Ich und Arzt, wo ich schon Schwierigkeiten habe, meine eigene Leber zu orten und von Krankheiten keine Ahnung habe.

Dr. T.? 
Bei Donald Trump wäre ein Doktortitel allerdings eine ganz nützliche Sache gewesen. Man hätte in ihm den Akademiker erkannt. Dr. Trump selbst hätte sich wahrscheinlich diese Mühe nicht gemacht. Mein damaliger Wunsch-Doktor-Vater wollte, dass ich mindestens 4 Jahre für diesen Aufwand ansetze. Ich hatte diese Zeit nicht und schaffte es mit 2 Jahren. Ein Kinderspiel war es nicht. Mein Freund Michael V. hatte vor Jahren eine Studie unternommen, um zu zeigen, wie leicht man mit Geld an einen Doktortitel kommen konnte. Die Vereinigten Staaten waren auf diesem Gebiet Spezialisten. Ich wäre erschüttert, wenn uns Donnie da nicht zugegriffen hätte. Doch er war schon immer zu reich, und sein Verhältnis zur Wahrheit würde ohnehin durch solche Fragen nicht berührt werden.

Dr. von und zu G.? 
Doch, im Ernst, solche akademische Titel können durch eine Spende, etwa an eine kirchliche Einrichtung, erworben werden. In den USA soll der "billigste" Dr. h.c. für 39 Dollar erhältlich sein. Auch einen satten Professor kann man sich einkaufen. Ärgerlich ist allerdings, dass auch Minister , die zurücktreten mussten, und sonstige Promis sich mit diesem Schabernak schmücken, während die echten, akademischen Titelträger jahrelang schuften, lesen und schreiben, und das Ganze (in Deutschland) auch noch beurteilen lassen mussten. Und, ich glaube mich zu erinnern, in 200facher Ausfertigung mussten die Dissertationen für die Unibibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Also: Das Liebesleben der westlichen Twitterameise im 2. Jahr des Klimakteriums. Wie finde ich das? Akademisch.







Donnerstag, 30. November 2017

Das Geschäft mit dem Geschäft.

Auf der türkischen Seite von Zypern, der immer noch und ewig geteilten Insel im Mittelmeer, befindet sich ein Ruinengelände mit den Überresten einer römischen Siedlung: Salamis.  Von Erdbeben zerstört, ein paar Kilometer östlich von Famagusta, teilweise vom Meer überspült. Ein faszinierender Ort, denn die Spuren der Geschichte sind nur etwas verwischt. Jahrhundertelang war die Stadt vom Sand bedeckt, sodass allzu heftige Plünderungen nicht stattfinden konnten.

Die Ruinen von Salamis 
Salamis ist als ein Juwel bekannt, das unter anderem die Reste einer kollektiven, sagen wir mal, Herrentoilette beinhaltet, was man an den kreisrund angeordneten Sitzflächen für Geschäftemacher erkennen kann. Die alten Römer pflegten sich kollektiv zu erleichtern. Während sie sich fröhlich miteinander unterhielten, machten sie gleichzeitig ihre Geschäfte. Business as usual, auf Lateinisch. Heute hat das Wort Geschäft nichts mehr Anrüchiges, obwohl manche sich durchaus schämen könnten, für ihr Tun.


Damit das Geschäft nicht allzusehr zum Himmel stank, sorgte eine mit frischem Wasser versehene, unterirdische Rinne dafür, dass die restlichen Geschäfte weggespült wurden. Wenn also Donald Trump, oder andere namhafte Geschäftemacher sich die Hände waschen, kann davon ausgegangen werden, dass es wieder Transaktionen größeren Ausmaßes gegeben hat. Wenn der Kleine sich von seinem Töpfchen erhebt, mit dem triumphalen Spruch: Mama, ich habe fertig, darf das nicht unterschätzt werden. Es ist nichts anderes als der Beginn einer erfolgreichen Geschäftemacherei.


Der Trumptower in New York erscheint also plötzlich im neuen Licht. Ein äußeres Zeichen für wichtige Geschäfte. Andere sind da etwas diskreter. Man merkt es kaum, wenn sie etwas in die Welt setzen. Doch, manchmal riecht man es schon kilometerweit. Werden deshalb über Weihnachten die Geschäfte geschlossen bleiben?

Mittwoch, 29. November 2017

Das Umdenken - wie geht das?

Eine meiner ersten Erfahrungen im Leben war, dass ich das Pferd für den Mann der Kuh hielt. Auf dem Land, oft bei armen Bauern, konnte man Gespanne mit Wagen (Heuwagen?, Strohwagen?, Leiterwagen?) beobachten, die von einer Kuh und einem Pferd gezogen wurden. Ich fand das ganz familiär, geradezu harmonisch. Als Kind zieht man so seine Parallelen, und wer nicht alles mühsam und neugierig erfragt, bleibt lange auf seinen Irrtümern sitzen.

Ihr Mann sitzt in der Kneipe 
Als meine Oma einmal wütend ausrief, "dieser Hitler ist ein Teufel", da glaubte ich, den Hitler zu kennen, aber nicht den Teufel. Beiden war ich noch nie begegnet. Aber, von da an wusste ich, dass dieser große Führer kein großer Führer war. Ich behielt für mich, was Oma gesagt hatte, und was ich vom Führer zu halten hatte. Einmal hörte ich den Führer im Radio sprechen, nein, er brüllte nur. Da glaubte ich zu wissen, dass man brüllen muss, wenn man sich durchsetzen wollte. Viel viel später hatte ich mal einen Chef, den ich fast verehrte, weil er - wenn auch manchmal mit bedrohlichem Unterton - nie schrie, sondern ganz leise sprach. Ich musste wieder einmal umdenken.

Er hat gerne gebrüllt 
Als Knabe verehrte ich von Anfang an alles was weiblich war. Großmütter, Mama, Tante und sonstige Frauen waren für mich höchste Autoritäten. Wenn Hitler, oder viel später, Konrad Adenauer oder der Papst eine Frau gewesen wäre, hätte sich die Welt anders gedreht. Ein Umdenken wäre für mich nicht nötig gewesen. Ich hatte immer eine halbe Weiblichkeit in meinem Kopf und fühlte mich damit wohl.
Halbe Weiblichkeit im Kopf 
Dass mit der Männlichkeit etwas nicht stimmte, erkannte ich schon ganz früh, denn außer meinem Vater, wenn er mir den Kleinen Lord vorlas, habe ich nie einen Mann weinen sehen, geschweige denn, schluchzen. Das Ganze muss irgendwie einen sexuellen Hintergrund gehabt haben. Ein Mann weint nicht, hieß es. Ich konnte zusammen mit Papa (und der kleinen Schwester) hemmungslos aufheulen, bis das Umdenken einsetzte. Mama hat fast nie geweint, nur in Trauerfällen.

Ein weinendes und ein lachendes Auge 
Da wusste ich längst, dass es ein weinendes und ein lachendes Auge gab. Ich bemühte mich dann oft, beide Seiten zu verstehen und nicht nur zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wenn ich an die umtriebige AfD denke, oder an sonstige Fanatiker, von denen es plötzlich immer und überall mehr zu geben scheint, versuche ich, die Unterseite dieses Geschwürs zu betrachten. Erkenntnisse, die zum Umdenken anregen, gibt es da nicht. Das ist alles unappetitlich und ekelhaft. Doch jetzt haben wir international die Erkenntnis gewonnen, dass Ekel Ekel ist, und dass wir nicht alleine sind, wenn wir das Gute wollen. Das ist doch was? Umdenken kann nicht schaden.










Dienstag, 28. November 2017

Um Lei Tung, oder Mao Tse Tung?

Ich weiß nicht, wie betagt dieser Kalauer schon ist, doch ein echter Kalauer lebt von den schamlosen Wiederholungen, die ihn in der Erinnerung halten. Um Lei Tung ist Chinesisch und bedeutet: Klare Antworten gibt es nicht. Ich höre im Radio Deut-Schland-Funk ein Interview mit einem Bundesminister für Landwirtschaft von der CSU, der jetzt auch noch kommissarischer Minister  für Verkehr ist, hat es auf seine Kappe genommen, der Verlängerung des Giftmittels Glyphosat für weitere fünf Jahre zuzustimmen. Angeblich seien weitere "Verbesserungen" geplant. Warum müssen fachlich völlig unbedarfte Politiker zu allem ihren Senf geben?

Umleitung, zu Fuss 
Eine gut instruierte Journalistin vom DLF hat heute Morgen versucht, eine Reihe von Fragen zu stellen und Antworten von dem zu erhalten, der seine Glyphosat-Entscheidung so keck auf seine Kappe genommen hatte. Obwohl, es macht wenig Sinn, auf das alles überhaupt einzugehen. Mein Fazit: Wenn einer nicht antworten kann und/oder will (so ist es oft), wird Blödsinn geredet, nur nichts Verbindliches gesagt. Wozu haben wir dann Fachressorts mit Fachministern? Sind wir alle so dumm, dass Politiker uns mit ihrem puren Geschwafel abspeisen können?

Wir ahnen alle, dass die Konzerne mit uns und der Welt Fussball spielen. Es scheint hoffnungslos, von autorisierten Stellen in kritischen Fragen (Monsanto und so) noch klare Antworten zu erhalten. Wird die Autoindustrie von den von uns gewählten Vertretern zu den notwendigen Maßnahmen gezwungen werden oder nicht? Keine Antwort. Stecken sie alle so tief in der Korruption, dass sie nicht können, wie sie sollten? Keine Antwort.


Verschleiern, Vernebeln, Um Lei Tung: wir speisen Euch mit Kinkerlitzchen ab. Macht euch keine Sorgen. Das Wirtschaftswachstum hat weltweit zugenommen, wie nie zuvor. Vielleicht geht das schon auf die Kappe Chinas? In England wird fieberhaft an einem Hochzeitsevent gearbeitet. In der königlichen Familie, in die bald eine Halbschwarze einheiraten wird. Das ist doch was. Da können wieder wunderschöne Erinnerungstassen verkauft werden. Und wir lernen die Farbe der Socken einer neuen Prinzessinnenanwärterin kennen. Die Medien, statt diesen Quatsch völlig zu ignorieren, überschlagen sich dann wieder. Für unsere machtsüchtigen Politmenschen wieder etwas Um Lei Tung. Lasst uns geduldig darauf warten, dass die Enkelin von Mao Tse Tung als künftige Braut des Enkels (?) von Boris Becker in Erscheinung tritt.

Prinz Harry und Meghan Markle, die Amerikanerin


Wenn die Wut über all das nachgelassen hat, können wir uns wieder den Alltagsfragen stellen: Wann wird das Wetter wieder besser? Wann lässt die Kälte nach? Wann findet sie endlich statt, diese Hochzeit des Sammeltassen verkaufenden royalen Zirkels, dem es nur darum geht, für wenige Tage im medialen Mittelpunkt zu stehen? Schnell wurde entschieden: im Mai 2018. Meghan will Engländerin werden, denn eine Amerikanerin passt nicht so recht ins Bild. Frage an den Minister von der CSU, mit der Bitte um eine klare Antwort: Ist sie nicht süß, unsere Braut?

Nachtrag: mich hat mal wieder die Wut gepackt.







Montag, 27. November 2017

Es gibt solche Tage.

Über das Wetter muss nichts gesagt werden, außer, dass es wahrscheinlich nicht regnet. Das Reifengematsche auf nassen Straßen verrät sich gewöhnlich selbst. Ich weigere mich heute entschieden, aus dem Fenster zu blicken. Das Anwerfen meines Rechners schaffe ich gerade noch. Dann straffe ich meinen Bademantel und hoffe, dass wenigstens der Kaffee sich von selbst macht.


Cath muss gleich irgendwohin. Ich habe ihr Ziel vergessen. Oxenhope? Hebden Bridge? Heute lasse ich mich gehen. Das Radio hat schon so viel Unsinn über den Brexit erzählt, die tägliche Dosis an Zweifeln und Selbstzweifeln eben. Wir Verbraucher, Kunden, Leser, Seher (fern- und schwarz-) und an-etwas-glauben-Wollende können uns an nichts mehr halten. Selbst unsere Erinnerungen kommen uns vor wie geklonte Schatten aus dem Reich des Vergessens.

Geklonte Schatten? 
Wo sind die Kanzeln geblieben, von denen noch vor 50 Jahren vorwurfsvoll heruntergepoltert wurde, was wir tun und lassen sollen? Marilyn Monroe konnte noch unbehelligt mit dem Hintern wackeln, (honni soit qui mal y pensait). Das war ferne Traumwelt, die sich jeder unzufriedene Ehemann leisten konnte. Sex war zwar so gut wie verboten, doch Liebemachen von vorn, hinten, nackt oder in Plastik gehüllt, ging allemal. Das Hin- und Wegschauen wurde geübt, bis wir genug hatten. Dann war auch diese Aufregung ausgelebt.


Die Legitimität erfasste die allgemeine Medizin. Man konnte schon über fast alles reden. Barnard hat das erste Herz verpflanzt. Dein Mann, das unbekannte Wesen (Oskar Kolle) gab Einblick in das männliche Befinden. Die Frau wurde unter dem Schleierchen des wissenschaftlichen Bemühens ebenfalls durchleuchtet. Dass zu viele Schlaftabletten impotent machten, wurde damals ebenso herausgefunden, wie die relative Nutzlosigkeit des Lebertrans. Das Sexsymbol der Fünfzigerjahre sagte einmal: gib einem Mädchen die richtigen Schuhe, und sie erobert die Welt.


Mona Lisa von Da Vinci ganz unschuldig? 
Wie komme ich auf Lebertran? Dieses Gesöff hat Teile meiner Kindheit zerstört. Ich denke, ich wäre auch ohne Lebertran ein hübscher Mann geworden. Jetzt ist alles zu spät, geht es mir durch den Kopf. Marilyn Monroe hatte Arthur Miller geheiratet, ein Missgriff, den sie bereute, sonst hätte sie sich nicht ihr glamouröses Leben genommen. Hat sie auch Lebertran einmehmen müssen? Hat Mona Lisa? Als der Konsum von Lebertran zurückging,  schmeckte er plötzlich kindgerecht, ja, fast lecker. Heute ist das Quälwort unserer Kindheit obsolet geworden. Wie schön!

Es gibt solche Tage, da fällt uns nichts Vernünftiges ein. Der Regen prasselt jetzt hörbar gegen die Scheiben. Vielleicht ist das ein Trost. Der Lebertran unserer frühen Tage war eine kindliche Demütigung. Sogar der Löffel stank noch nach dem Abwaschen. Hätte doch Donnie Trump davon genippt. Er wüsste dann wenigstens wie es ist. Es gibt halt solche Tage, da kann man auch ungestraft Lebertan zu sich nehmen...





Sonntag, 26. November 2017

Yorkshire Tagebuch - 25 - Dunkle Gedanken

Man könnte es auch Yorkshire Nachtbuch nennen, denn die Sonne (meist unsichtbar) geht zur Zeit um 15h58 unter. Man stelle sich das vor. Im Norden Englands ist dann die Sonne weg, die ohnehin die meiste Zeit weg ist. Meine Fantasie eilt heute jedoch der Zeit etwas voraus: Am 31. Januar, in badischen Landen, scheint die Sonne, meist, trotzig, grell und frühlingsverheißend. Von da an ist Sonne wieder Sonne. Sie kann sogar schon die Haut röten und den Menschen die Milde des Sommers vorgaukeln.


Hier, im Norden, wird gegen die Schwärze der Nacht angekämpft. Mit allen Mitteln: gedämpftem Gemüse. Das können Karotten und Lauch sein. Cath fühlt sich mit Rosenkohl schon viel besser. Mit längerem Streicheln der Nachbarkatze. Aber auch durch masochistisches Abhören der ewigen Debatten über den Brexit. Garantie für gedämpfte Stimmung.


Andererseit kann der Umgang mit Gin&Tonic wahre Wunder wirken. Da der Sonnenuntergang vorgezogen scheint, lässt sich auch der Seelentröster G&T vorziehen. Damit ist der zweite und dritte am Abend durchaus denkbar, denn das britische Allerweltsgetränk kann verhindern, dass er (der Abend) sich allzusehr in die Länge zieht. Auf die Klarheit der Sprache kommt es dabei nicht an. Ein freundliches Lallen kann auch die Abendstimmung verschönern.


Manchmal helfen auch Strictly come dancing oder die etwas autistische Dr. Brennan. Im ersten Fall beobachtet man Tänzer bei ihren Bemühungen, bis maximal 40 Punkte zu gewinnen, im letzteren, den Versuch unserer kultischen Dame  Bones, zusammen mit Freund Booth, zerstückelte Leichen zu identifizieren und den mutmaßlichen Mörder zu finden. Die wissenschaftlich erstellten Knöchelverzeichnisse halten dann die ganze fernsehende Nation in Schach. In einem Knochenkörper konnte sogar ein Säckchen mit echten Diamanten gefunden werden.

Emily Deschanel als Bones 
















Samstag, 25. November 2017

Sehnsucht nach dem Unbekannten.

Wer hat noch nicht taggeträumt? Sich etwas gewünscht, das es nicht gibt? Oder gar einen Traum gehabt, der in Erfüllung ging? Ich dachte, es sei noch zu früh im Yorksherischen Winter, von Schnee zu träumen, wie ich es als Kind zuhause oft tat. Irgendwann legte die Nacht eine Schneedecke hin, die das Herz höher schlagen ließ. Man ahnte es, bevor man es sah: Es war draußen so still. Die Autos schienen ihre Geräusche zu verschlucken. Das Winterkleid der Natur ließ alles wie neu erscheinen. Hier in Haworth war es heute so. Grelle Sonne, gefühlte Kälte, und ein weißer Zuckerguss, vorsichtig über die Wiesen und Büsche gepudert.

Puderzucker 
Ich machte mir einen Kaffee. Dazu holte ich eine Stange Weißbrot aus der Tiefkühle, die ungesalzene Butter, in England oft nicht auffindbar, den Rest Bruxelles Paté und die selbst gemachte schwarze Johannisbeermarmelade. Auch meine Kondensmilch für den Kaffee durfte nicht fehlen. Dann setzte ich mich ans Morgenfenster. Der Himmel war tadellos blau. Mein Kindheitstraum hatte mich eingeholt. Der Geruch von Kaffee, brachte mich zurück zu Mama, aber auch Oma, das frische Brötchen war nicht mal nötig. Wo seid Ihr alle geblieben? Meine Heimat ist eine andere, die Menschen sind anders, und auf der Suche nach der verlorenen Zeit kommt mir tatsächlich Marcel Proust in den Sinn, der Zeit und Erinnerung in seinem Lebenswerk verarbeitet hat.


Aber etwas fehlte noch in meiner Schwelgerei am Morgen. Ohne unseren Noststalgiespezialisten, Claude Debussy, geht bei mir nichts. Es muss nicht sein allgegenwärtiges Clair de lune sein. Es ist eher seine Klaviermusik, die mich rasend vor Sehnsucht macht. Doch auch Erik Satie oder Maurice Ravel schlagen bei mir Erinnerungen an, die tief in mir wohnen. Es ist der fatale Zauber der Musik, der mich verwandelt. Ich trete dann in eine Welt ein, die mir vertraut erscheint.

Moderne Malerei 
Und dann der Blick über das Land. Doch schon hat sich der Himmel eingetrübt. Nichtssagende Wolken ruhen bewegungslos am Himmel. Mal kein Wind, kein Sturm. Cathie Burton, die Unermüdliche, macht sich im Obergeschoss zu schaffen. Es müssen Wände bemalt werden. Ich komme, um den neuen Farbtopf zu öffnen. Manneskraft kann manchmal doch ganz nützlich sein. Ob Cath von ähnlichen Sehnsüchten befallen wird? Werde ich es je erfahren?

Freitag, 24. November 2017

Das Schöne an England....

ist nicht unbedingt das Wetter. Obwohl, heute habe ich, hier in Yorkshire, noch kein Wölkchen am Himmel geortet. Auch das kann vorkommen. Das Schöne an diesem Land sind aber die Menschen. Ihre Vorurteile verstecken sie geschickt hinter einer freundlichen Maske, wobei das Wort Maske schon wie ein Vorurteil daherkommt. Wer das Echte sucht, hat es nicht schwer, dahinter zu kommen. Wir Badener nutzen unsere Waffen immer wieder geschickt aus. Zugeschlagen, wenn vorhanden, wird mit einer Flasche Riesling, Spätlese, oder einem Weißherbst. Das verspricht Zuneigung und Anhängerschaft.


Sobald sich der Engländer genügend in ein Gespräch mit dir verhakt hat, schlägst du los: wie wär's
mit einem Schluck Wein aus unserer Heimat?  Die Erwartungen entsprechen zunächst dem allgemeinen Angebot in den deutsch klingenden Supermärkten (Lidl, ALDI oder so), was den Wein betrifft. Vielleicht fehlen dem Bier trinkenden Engländer auch die Maßstäbe für den badischen Wein, denn dieser wird in der Regel von den Badenern selbst getrunken, statt prestigeträchtig im Ausland verscherbelt zu werden. Man darf sich also nicht wundern, wenn das Angebot eines Gläschens zunächst mit großer Zurückhaltung aufgenommen wird. Man sagt "ja", das gehört sich so, aber der deutsche Wein leidet noch immer unter dem Syndrom der Blue Nun, der Blauen Nonne, die in englischen Köpfen wie ein Damoklesschwert herumgeistert, sozusagen als Botschafter deutscher Weinkunst. Eine reine Demütigung des teutonischen Weinverständnisses.


Es muss erwähnt werden, dass Liebfraumilch oder Moselwein in der Mentalität des Badeners keine Rolle spielt und nie als etwas Trinkbares in Betracht gezogen wurde. Schon der württembergische Haberschlachter hat als durchaus trinkbarer nachbarlicher Rotwein größte Mühe, im Badischen zur Kenntnis genommen zu werden. Wenn der Engländer einmal die Existenz guter badischer Tropfen anerkannt hat, ist alles möglich, sogar eine Verkostung an der Haustür. Zwar denkt der Brite eher an Sodom und Gomorrha, wenn er außer den Mahlzeiten Wein zu trinken bekommt, aber er lässt sich gerne auch zu einem Schwätzchen überreden, wobei der badische Wein als Zungenlöser hervorragende Dienste leistet.


Blue Nun? schön blau. 
So kam es, dass wir mit Stephen heute Morgen einen unterhaltsamen Augenblick verlebten. Er war gekommen, um bei uns verstaubte Teppiche und Polstermöbel zu reinigen. Das ging schnell seinen Weg, mit Hilfe von Schläuchen und einem blauen, lärmigen Gerät, von dem ich mir keinen Namen vorstellen kann. Staub-Saug-Pump-Generator-Entlüfter....Dabei kamen wir ins Gespräch, wobei ich selbst an Geschwätzigkeit noch jeden Engländer übertreffe. Mein badischer Trick: nur ganz beiläufig erwähnte ich, dass neben der Flasche Ullenburg (rot) aus Tiergarten auch noch eine Flasche Riesling, Spätlese und eine Flasche Rosé, alles auch vom Weingut Ullenburg, ungenutzt herumstand.


Es ist nicht leicht, einen Engländer zu finden, dessen Augen zu glänzen beginnen, wenn er dies alles vor sich sieht. Eine gewisse Verschämtheit, verbunden mit einem moralisch durchaus verständlichen Aberdasistdochnichtnötig galt es noch zu überwinden, dann waren die Dämme gebrochen. Wir probierten wie in der Weinstube, und Stephen beschloss, sich zu setzen. Männerschwatz mit badischem Wein. Eine solche Kultur der Gemütlichkeit, die in Baden manchmal Hock genannt wird, hat es - da bin ich mir sicher - im tiefsten Großbritannien noch nicht gegeben. Zudem hat der gütige Himmel  noch immer kein Wölkchen an denselben gezaubert. Unter diesen Umständen ist es fast unmöglich, kein Fan der britischen Insel zu sein. Auch schöne Gespräche können ein Land schöner machen.