Donnerstag, 11. April 2013

Weniger Arzt - mehr Gesundheit?

Es klang wie ein Vorwurf, heute Morgen, in den ZDF-Nachrichten: die Deutschen gehen weniger zum Arzt. Dafür mag es sogar Gründe geben: Unnötiger Medikamenteverschrieb, weniger ärztliches Engagement bei Patienten, die schwer zu diagnostizieren sind, die allgemeinen Kosten, die auch Patienten gerne senken würden. Das verlorene Vertrauen, das Ärzte heute mit Politikern, Bankern, Kirchenleuten und Autoverkäufern teilen müssen? Von allem etwas, könnte die Antwort sein.

Fragen Sie zur Abwechslung mal sie!

Wer gute Freunde, sogar eine Tochter, im Arztberuf  weiß, kennt das Problem: Ärzte wissen selbst, dass der Stand der Weißen Kittel an Ansehen  eingebüßt hat. Aber, warum? Wenn wir nach Frankreich schauen, sehen wir, dass der Arzt nach seiner Beratung und Verarztung sofort vom Patienten das Honorar erhält. Das lässt den Kranken nie vergessen, dass er es ist, der das Gesundheitswesen finanziert. In Großbritannien ist alles "kostenlos". Ob es da Mißbrauch gibt? Wir vermuten es. In den Ländern mit einem (vielleicht zu gut funktionierenden) Krankenkassensystem, türmen sich auch Fragen nach dem Sinn des Ganzen auf. Warum werden so wenige Organe gespendet? Warum sind manche Medikamente so teuer? Warum machen Ärzte den Zirkus mit der Pharmaindustrie so gerne mit? Warum wird ein wirklich guter und dem Patienten stets aufgeschlossener Arzt selten reich?

Wir stehen alle im Zwang, erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen. Das ist die Krise unserer Zeit. Auch der Patient hat das Recht, nachzudenken. Das führt eben auch dazu, dass der kluge Mensch zuerst versucht, sich selbst zu helfen. Das kann dazu führen, dass er weniger den Arzt aufsucht und auch weniger Fragen an Arzt und Apotheker zu richten hat. Letzterer lässt das Opfer ja geradezu "lesen, was gesund macht". Das ist auch dämlich.

Mittwoch, 10. April 2013

Wiener G'schichten V - die Putzerin

Manchmal führen Worte auch in die Irre. In der Wiener Innenstadt findet man öfter mal einen Hinweis auf eine Putzerei. "Das putzt ungemein" ist mir noch in Erinnerung. Das könnte aus den Buddenbrooks stammen, ist jedoch nicht sicher. "Macht was her", könnte man auch sagen. Manchmal ist es besser, ungenau zu bleiben. Hier, in Österreich heißt Putzerei "chemische Reinigung", oder täusche ich mich da?

Auf alle Fälle hat es etwas mit Sauberkeit zu tun. Für uns Männer eher eine Angelegenheit für Frauen. Putzfrauen. Raumpflegerinnen. Zugehfrauen. Ich will ja den Fehlerteufel nicht heraufbeschwören, aber, gibt es nicht auch Putzteufel? Ich erinnere mich mit Unmut an die Putzfrau meiner Eltern. Sie hieß Frau Knäble, was nicht besonders schlimm war. Sie schwäbelte sehr, was auch noch hingenommen werden konnte. Ihre Putzmethoden jedoch waren brutal. Ich als Heranwachsender schien ihr immer im Weg zu stehen, wenn sie putzte. Mein Vater ergriff am Putztag immer die Flucht, kam sogar mal leicht angetrunken nach Hause und fragte: "Ist sie weg?". Meine Mutter war am Putztag oft nicht aufzufinden, aber Frau Knäble wusste immer wo ich war. Setzte ich mich aufs Sofa, musste sie unbedingt dort unten herumwischen. Ging ich mit meinem Buch in einen Sessel, kam sie mit dem Staubwedel an und fegte mich hinweg. Es sah so aus, als würde sie mit meinen Eltern gemeinsam alt werden. Ich sah sie bei meinen Besuchen manchmal noch und schloss mich sofort meinem Vater an. Sie war mein persönliches Problem, von dem ich nie loskam.

Meister Proper?

Wir blättern weiter: Wien, Blutgasse. Die Wohnung atmet die Luft von Jahrhunderten. Doppelfenster, Parkettboden, Ritzen und Teppiche, die meine Mutter immer als Staubfänger bezeichnet und kräftig geklopft hat. Meine berufliche Zurückgezogenheit (ich bin Pensionär, hier in Wien: Pensionist) macht es notwendig, da wir bis jetzt keine Frau Knäble gefunden haben, dass ich höchstselbst den Staubsauger und den Putzlappen betätige. Überall diese Staubwolken, Flusen, Flecken und Ansammlungen von Unrat. Mühsam versuche ich, meiner oft von Reisen heimkehrenden Gemahlin zu verdeutlichen, dass ich am Putzen war. Manchmal lasse ich sogar, wie unbeabsichtigt, den Staubsauger sichtbar in einer Ecke stehen, um so auf meine Heldentaten hinzuweisen. Wieso hatte ich nie Verständnis für das Wirken von Frau Knäble? Immerhin war danach alles sauber. Jetzt trage ich die Verantwortung und muss aufpassen, dass ich nicht zum Putzteufel mutiere.














Dienstag, 9. April 2013

Des Meeres und der Liebe Wellen



Bevor sie mich zu Grabe tragen,
bleibt mir noch Zeit für dich,
auch wenn der Zeiten Zähne nagen,
der Schwung des Lebens zärtlich wich,
bleibt mir die Kraft, ich muss es sagen,
zu lieben dich, ganz fürchterlich.
Bevor das Grab mir wird gebuddelt, 
wirst du ganz arg von mir geknuddelt!

Lady Thatcher und Jean-Paul Belmondo

Was haben diese beiden mit Florian Silbereisen zu tun? JPB wird heute 80 und macht einen kühnen Sprung auf die 90 zu. Unterhaltungswert? Groß. Lady Thatcher: auf diese Dame hätte die Welt gut verzichten können. Sie starb schließlich und hinterließ allerhand Hassgefühle. Gut, für ihr Land hat sie eine Insel zurückerobert, die näher an Argentinien als an Großbritannien liegt. Dann hat sie systematisch gegen den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg gemotzt, und die deutsche Wiedervereinigung war ihr ein Dorn im Auge. Unterhaltungswert: auch nicht von Pappe. Jetzt sagt der britische Premier Cameron mit schmerzverzerrtem Gesicht, sie sei in die Geschichtsbücher eingegangen. Friede ihrer Asche.


Jetzt verlangen wir auch einen Platz für Florian Silbereisen. Eigentlich meine ich Hansi Hinterseer. Die beiden haben etwas gemeinsam: ihre Mütter wurden (wahrscheinlich) vom Ortspfarrer auf die guten Stimmen ihrer Söhnchen angesprochen. "Da muss man etwas unternehmen, der Flo bzw. der Hansi, die haben's drauf. Die müssen ins Fernsehen". Jetzt sind sie's. Am Sonnabend Abend ist es dann wieder so weit: FS und/oder HH singen und unterhalten die Millionen. Unterhaltungswert? Nun, Singen ist auch Arbeit. Ein bisschen Talent zum Hinstehen und Mikrohalten muss natürlich auch sein. Dann ist das Publikum, das sich ja nie wehrt, zum donnernden Applaus bereit. An den Schirmen kann man abschalten, wenn man jedoch in der fünften Reihe sitzt, gehört Mut dazu, aufzustehen und zu gehen.

Es kommt zusammen, was....

Das war bei Thatcher nicht möglich. Jetzt ist sie gegangen. Jean-Paul Belmondo, unser Filmheld, wird heute 80. Glückwunsch. Und Samstagabend Abend glotze ich nicht. Das hält jung.

Montag, 8. April 2013

Faulheit macht gesund!

Dieser Kollege von mir - es war in Frankreich, vor Jahren - hatte immer einen total aufgeräumten Schreibtisch. Dafür beneidete ich ihn. Mein Urteil: nur intelligente Menschen können sich das leisten. Bei mir, hingegen, herrschte an meinem Arbeitsplatz regelrecht Chaos. Alles lag herum, doch wenn ich etwas benötigte, genügte ein Griff in den Stapel, und ich hatte es gefunden. Damit konnte ich leben, zumal mir einmal jemand nachsagte, ich sei "studieux et travailleur", also, "arbeitsam und fleißig". Wie kommt man zu seinem Ruf?


Als Kind, etwa mit 10 Jahren, fragte ich mich ernsthaft, ob ich eine Veranlagung zur Faulheit habe. Jetzt, wo ich nicht mehr im Arbeitsleben stehe, kann ich es eingestehen. Meine Antwort war: ja. Ich habe lange daran schwer getragen und versucht, meine angeborene Faulheit zu verheimlichen. Das muss gelungen sein, denn ich galt immer als relativ fleißig. Das Tagträumen, als Nebenprodukt der Faulheit, habe ich jedoch nie richtig aufgegeben. Noch heute kann ich am Fenster sitzen und an herrliche Dinge denken. Vielleicht erklärt das, warum ich nie ein Kandidat für Burn-out war.


Es fällt auf, dass sich niemand mehr zu erlauben scheint, die Beine baumeln zu lassen. Betriebsamkeit ist ein unerlässlicher Wert in unserer Welt geworden. Wer faul herumsitzt, ist selbst schuld, wenn etwas nicht klappt. Arbeitslosigkeit, als Zustand des "Geradenichtarbeitens", existiert nicht. Oft schützen gerade entlassene Arbeitslose Betriebsamkeit vor, um die Schmach besser ertragen zu können. Dabei lassen die echten Finanzgenies ihr Geld arbeiten, während sie sich betriebsam an den Beckenrand ihres Pools legen und auf neue Gewinnmeldungen warten. Man hat es dann zu etwas gebracht, und zwar mit Intelligenz und Faulheit. Oder, wie soll man das nennen?

Ist es heute nicht so, dass man, je fleißiger man ist, desto weniger Geld verdient? Diesen ungeheuerlichen Gedanken möchte ich ins Positive wenden: ein gutes Maß an Faulheit tut dem Menschen gut. Ich leiste mir das immer öfter.




Sonntag, 7. April 2013

Wiener G'schichten IV - Sissi, die schöne Kaiserin

Man kommt nicht um sie herum. Wer im Wiener Zentrum durch den Eingang zur Hofburg geht, stößt auf die Gemächer der Kaiserin. Doch zuerst weht hier ein strenger Pferdegeruch, wenn man an den Fiakern vorbei geht, die auf die zahlreichen Touristen warten. Bei der Kaiserin Elisabeth riecht es dann schon besser. Zwar muss man erst an den Hofwäscheverwahrerinnen, dem Hofzuckerbäcker und dem Leibbüchsenspanner des Kaisers vorbei, dann aber kann man die kaiserlichen Herrlichkeiten ungehemmt bewundern. Der Hausrat von Sissi ist umfangreich. Er ließe sich auf hundert gutbürgerliche Haushalte verteilen, und es wäre immer noch genug übrig, um einen königlichen Gast zu bewirten.


Wahrlich kaiserlich auch die Gemächer, die Franz Joseph mit Elisabeth teilte. Sogar Turngeräte hatte Sissi in ihrer Ankleide stehen, denn sie liebte die Schlankheit. Ihre Schwester Helene, genannt Nené, hätte den Franz Joseph eigentlich abbekommen sollen. Der aber, beim Anblick der jüngeren Elisabeth, entschied sich für seine Sissi, während Nené später Maximilian Anton von Thurn und
Taxis ehelichte, was auch keine schlechte Partie war. Sissi war eine bildhübsche Kaiserin, was man heute noch in den Schaufenstern um den Stephansdom herum begutachten kann. Zwar hielt sie engen Kontakt mit ihrem bayrischen Elternhaus und den zahlreichen Brüdern und Schwestern (bis auf eine), doch sie liebte es auch, gelegentlich inkognito als Gräfin Soundso in der Welt herumzureisen.
Unsere hochverehrte Romy Schneider, selbst eine der schönsten Frauen des Kinofilms, war für die Verkörperung der Kaiserin als Sissi gerade gut genug. Und zusammen mit dem herben Karl-Heinz Böhm ein Traumpaar, das die österreichisch-deutsche Seele in höchste Verzückung versetzte.

Die Wiener Hofburg

Leider geschah, fernab der geliebten Hofburg, am Genfer See das große Unglück. Die noch junge Kaiserin, als Gräfin Soundso, war im Hotel Beau Rivage am See abgestiegen, wurde auf dem Weg zu einer Bootsfahrt von einem Chaoten 1898 erstochen. Die traurige Berühmtheit dieses Hotels kam vor nicht langer Zeit wieder in Erinnerung, als ein gewisser Uwe Barschel in einer Badewanne, voll bekleidet, tot aufgefunden wurde. Was in diesem Zimmer passierte, konnte bis heute nicht rekonstruiert werden. Kurz davor hatte Barschel im deutschen Fernsehen noch verkündet: "Ich gebe mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort"... Aber aus dieser schmutzigen Sache kam er nicht mehr heraus. Heute lohnt es sich kaum noch, dieses Ereignis zu würdigen.

Kaiserin Elisabeth, von Winterhalter gemalt

Der Tod der Kaiserin jedoch war eine Katastrophe, von der sich Österreich nie so richtig erholt hat. Deshalb gibt es wohl heute hier unsere Sissi in allen Formen zu kaufen, als Tasse, Unterteller, Vase, Schal, Püppchen, Seifendose und Praline.









Viele Köche versauen den Brei

Adolf Hitler hatte einen Leibkoch. Wir wissen, was aus dem damals wohl doch liebevoll Bekochten wurde: Staub der Geschichte. Ich hatte eine Leibköchin, die mir die herrlichsten Kochrezepte hinterlassen hat, die man sich vorstellen kann. Es war meine Mama, der ich mit Eifer beim Kochen zuschaute. Mein visuelles Gedächtnis hätte mich zum Starkoch machen können, denn worauf kommt es heute an? Auf Großmutters Rezepte. Jene geheimnisvollen Machenschaften in der Küche, deren Orchesterchef Mütter, Großmütter und Tanten waren. Dann gab es noch, im Ersten Deutschen Fernsehen, den ersten deutschen Fernsehkoch namens Wilmenrod. Man sagte später von ihm, nicht er habe kochen können, sondern seine Frau, die hinter der Kamera den Kochlöffel für ihn rührte.





Ein liebenswerter Kochlöffelschwinger der späteren Generation war auch unser Alfred Biolek, der oft seine Böhmische Oma hervorkramte, von der er alles gelernt habe. Nur, er selbst war zwar ein guter Unterhalter, aber, war er auch ein guter Koch? Das alles war noch zu ertragen, doch heute werden wir von der Köchemafia des Fernsehens erschlagen. Kochen mit Unterhaltung? Unterhaltung mit Kochen? Auf zur Küchenschlacht? Haben wir das verdient? Erinnert sich überhaupt jemand hinterher an den kunstvoll zusammengeschusterten Fernsehfraß? Endprodukt einer solchen Gastronomenschau: pompös hindrapierte Gerichte, die von den vorprogrammierten Kostern offiziell als köstlich bezeichnet werden. Für mich sind solche Sendungen auf gleicher Stufe mit den Wetterberichten angesiedelt: viel Wind, ein wenig Schnee und Regen als Zutaten, das Ganze vermischt auf die kommenden Tage vorhergesagt. Danke, ich habe schon gegessen.



Worauf kommt es an? Mama, hilf mir, damit ich es einwandfrei zusammenkriege: Gutes Essen entsteht, wenn man die Auswahl richtig trifft. Das gute Fleisch, frisches Gemüse und Salat, kein Glutamat, keine Geschmacksverstärker, die Abwechslung von Rohem und Gegartem, Pfeffer und Salz, das appetitliche Anrichten natürlich auch. Wichtig, vor allem: die Suppen, die Soßen, die Salate, die Bratkunst beim Fleisch. Damit wird gepunktet. Geliebte junge Hausfrauen, die ihr nicht mehr die Zeit habt, in Kochkurse zu gehen, hört auf eure Mütter und Großmütter. Die wissen genug. Gelegentlich entpuppt sich auch der Mann als begabter Kochkünstler. Verschwendet jedoch nicht eure wertvolle Zeit mit Küchenschlachten im Fernsehen. Fragt eure Gaumen. Lasst euch nicht vom Steinofenpizzagesabbel umnebeln. Vom Kaloriengedönse für dumm verkaufen. Probiert alles selbst aus. Es darf auch mal etwas daneben gehen. Denkt jedoch nicht, dass ein Gericht, das wie im Fernsehen aussieht, auch noch schmecken muss. Köstlich ist nur, was man mit Liebe zusammengekocht hat. Der dankbare Esser muss das entscheiden. So gesehen ist die Kochhysterie der Fernsehkünstler eher ein Schlag auf den Magen. Ein Schlag zuviel! Kochen ist keine Zauberei. Man kann es erlernen. Überall, bloß nicht im Fernsehen.











Donnerstag, 4. April 2013

Wer waagt, der gewinnt!

Mit zunehmendem Alter werden die Marotten zahlreicher, die man sich angewöhnt. Warum muss ch jeden Morgen im Bad auf meine elektronische Waage stehen? Ich kenne mein Gewicht seit Jahren. Vor dem großen Pinkeln sind es immer 100-200 Gramm mehr, danach etwas weniger. Ein opulentes Abendessen schlägt genauso zu Buche wie einige Gläser Wein. Dazu kaum Bewegung. Eine Ernährungsspezialistin in Frankreich hat vor Jehren eine Formel für mich aufgekritzelt: soundsoviel Eiweiß pro Tag, soundsoviel Protein etc. Ich glaube, ich habe in etwa verstanden, und mein Gewicht machte in der Folge einen digital messbaren Sprung nach unten. Diese Ärztin, die sich der gesunden Ernährung verschrieben hat, ist nicht nur selbst recht dünn, sie hat auch bei mir erreicht, dass der Jojoeffekt ausgeblieben ist. Wer waagt, der gewinnt.


Andererseits ist das Abwägen so etwas wie das Schätzen des Für und Wieder. Ein schöner dicker Bauch mag so manchem gefallen. Ein anderer schämt sich dafür. Die Epidemie "Nordic Walking", vor allem an Wochenenden, spricht eher für die Scham, mit Übergewicht durchs Leben zu gehen. Wer jedoch das Etikett "spindeldürr" tragen muss, wünscht sich vielleicht heimlich ein paar Kilo mehr auf den Rippen.





Ich habe jetzt festgestellt, dass meine morgendlichen Schätzungen, kurz bevor ich die digitale Waage betrete, um 100-200 Gramm genau dem tatsächlichen Ergebnis entspricht. Bisher glaubte ich zu wissen, dass der gerade aus der Dusche kommende, noch nicht ganz abgetrocknete Körper noch einen Bonus von etwa 100 Gramm (darf es etwas mehr sein?) ausweist. DAS IST FALSCH! Ich konnte es ganz deutlich sehen: vor dem Duschen hatte ich 88,1 kg, danach: 87,9! Ist es der abgeduschte Schmutz? Oder sehe ich nicht mehr gut? Augen sehen manchmal, was sie wollen. Wer waagt, muss nicht immer gewinnen.
Max Ernst (schlank oder spindeldürr?)

Mittwoch, 3. April 2013

Wiener G'schichten III

Ich schaffe es heute nicht, zu der lieben alten Dame zu gehen, die mir mit den Schrauben geholfen hat. Am Wiener Graben stehen nur "schicke" Läden, teils von Weltruf, teils sau-teuer, teils beides. Ein Tante-Emma-Laden, wie man ihn noch aus der Zeit der Großeltern kennt, hat hier keinen Platz mehr. Wer seine hölzernen Jalousien (in der jahrhundertealten Blutgasse) selbst befestigen möchte - etwa 10 Fenster warten geduldig darauf - benötigt zahlreiche kleine Holzschräubchen, die nicht mitgeliefert werden. Ich suchte und suchte. Eine Eisenhandlung, oder so, hätte mich glücklich gemacht. Doch dafür muss man in einer Hauptstadt große Umwege in Kauf nehmen. Ich aber hatte, Tage zuvor, ganz nahe am Zentrum, in einer kleinen Gasse, ein Geschäft entdeckt, in dessen Schaufenster allerlei Krimskrams zu sehen war. So schien es mir. Ich nahm mir ein Herz und fragte nach etwas man in einem guten Elektrogeschäft finden kann, wenn man Glück hat: ein kleines Plastikteilchen (Klemme???), mit dem man vier elektrische Drähte miteinander verbinden kann, mittels Einführung derselben in winzige Öffnungen und Befestigung durch Schräubchen, damit bei uns in der Toilette eine Lampe angeht. Dafür benötigte ich auch ein Glühbirnchen der antiken Art, mit einem kleinen Schraubgewinde. Die freundliche ältere Dame fand in ihrem großen Fundus die "Klemme" und die Glühbirne. Die Wartezeit für die Suche durfte ich in einem Sessel sitzend mit einer Zeitung verbringen. Deshalb fragte ich bei Frau Kremser ein paar Tage später auch nach den Schräubchen für die Jalousien. Ich erhielt sie nach einigem Suchen freundlich geschenkt.


Das Geschäft von Frau Kremser ist ein Stück Rest-Wien, inmitten teurer Läden, die alles verkaufen, was eine Prinzessin, ein Herrenreiter, eine modebwusste Großstadtschucksen, ein ältlicher Geck und die Besitzer von Luxuslimousinen, Bankfilialen etc. benötigen. Bald werde ich sie wieder besuchen,  die alte Dame, und, wenn möglich, mehr über sie erzählen.


Wien ist voller Überraschungen. Dort, wo es sich ein wenig verleugnet, weil statt schmucken Häusernwuchtige Wolkenkratzer herumstehen, wirkt alles etwas langweilig: das Austria Center, ein Kongresszentrum mit kurzen Wegen für den erschöpften internationalen Kongressteilnehmer, und das UNO-Gebäude, eine fremde Welt mit U-Bahn-Anschluss. Alles hier atmet Neuzeit. Das alte Wien liegt im Westen, von hier aus betrachtet. Man kehrt gerne über die Donau wieder zurück und steigt am Steffel aus, wo das Herz der Stadt schlägt.


Am Graben gehe ich auf Schabrackensuche: sie sind äußerst selten. Bei Kälte tagen sie leicht verstaubte Pelzmäntel, die weit hinunter reichen. Dazu gewagte Hüte, die ein drohendes Signal aussenden. Eine Handtasche darf auch nicht fehlen. Diese Frauen können etwas Abweisendes haben. Sie scheinen sich zu verteidigen, noch bevor sie angegriffen werden. Mag sein, dass die Großstadt solche Gestalten hervorbringt. Dabei kommt das Wort "Schabracke" aus dem Türkischen, wo es so etwas wie Pferdedecke oder Pferdesattel bedeutet. Was für einen Weg hat dieses Wort genommen, bis es die Bedeutung einer alten  Schachtel angenommen hat. Andererseits tut man einer Dame Unrecht, wenn man sie nach ihrem verkniffenen Äußeren beurteilt. Wie gesagt, dieser Typ geht seinen Weg, ängstigt den Betrachter ein wenig und ist selbst verängstigt. Das Gegenstück: viele Männer, die zu allem fähig scheinen. Dabei kann man sich vorstellen, dass sie in dieser Stadt die Arbeit gefunden haben, die sie in der balkanischen Heimat jetzt nicht finden. Viele Bettler sind auch da. Weil eben reich und arm hier nahe beieinanderliegt. Dann, immer wieder, eine schöne Szene: ein schlecht gekleideter Mensch legt einem armen Schlucker etwas in den Hut. Solidarität unter den zu kurz Gekommenen. Dazwischen die vielen fröhlichen Menschen, die Wien bevölkern, wenn auch oft nur als Touristen aus fernen Ländern.



Ich biege in die Singerstraße ein. Nur wenige Schritte sind es bis zur Blutgasse. Ich trage eine schwere Einkaufstüte. Das ist der Nachteil, wenn man im Zentrum wohnt, wo man nicht mit dem Auto hinkommt, man schleppt unentwegt etwas mit sich herum. Dafür sind die Tage jetzt etwas länger. Die Nacht bricht nicht mehr so unerwartet herein. Ich denke gerade an diesen unaufgeklärten Fall, der vor ein paar Tagen Schlagzeilen machte: Kind verschwunden oder so. Nein, es hieß Kind ermordet. Der Täter anscheinend noch nicht gefasst. Das tägliche Überangebot an Schreckensmeldungen führt zur Abstumpfung des Menschen. Schon nach drei Tagen vermag er sich nicht mehr an Einzelheiten einer Tat zu erinnern. Jetzt geschieht das Schreckliche: ich treffe diesen Herrn wieder, der mir vor Tagen mit einem verdächtigen Paket auf dem Arm in der Dunkelheit begegnet ist. Er trägt diesen Hut, wie ein Markenzeichen und geht direkt auf mich zu: "Sie wohnen auch hier im Haus?" fragte er mich etwas gereizt. Entgeistert starrte ich ihn an. "Ja, seit drei Wochen. Wir sind aus Deutschland zugezogen", erwiderte ich und war froh, dass er mich anlächelte. "Wir sind uns neulich schon begegnet, und ich habe das Gefühl, dass sie mir gegenüber einen Verdacht hegen. Ich wurde von der Polizei vernommen, in der Sache mit dem toten Kind. Meine Ähnlichkeit mit dem Phantombild war ja nicht zu übersehen. Ich habe damit natürlich nichts zu tun. Mein Name ist Gregor Pesliak. Meine Frau und ich wohnen im dritten Stock. Wir haben keine Kinder". Schnell stellte ich mich vor. Meine Betroffenheit konnte ich kaum verheimlichen. "Ich würde sie gerne zu einer Tasse Tee einladen. Zur Zeit ist meine Frau bei ihren Eltern. Wann würde es ihnen passen?" Da ich nicht gerne etwas hinausschiebe, sagte ich: "In einer halben Stunde könnte ich bei ihnen klopfen." Ich schleppte meine Tüten in den Fahrstuhl und versuchte, mich zu beruhigen. Ich kenne diesen Mann doch gar nicht, ging es mir durch den Kopf. Das verdächtige Paket, heimlich in der Dunkelheit aus dem Haus getragen, wo ist es? Und, was war drin? Die Frau bei ihren Eltern. Ich war beunruhigt.


Mutig klopfte ich an die Tür im dritten Stock. Herr Pesliak öffnete und führte mich in ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Dann kam der Tee. "Sie wissen, dass ich von der Polizei abgeholt wurde?" fragte er mich. "Haben SIE etwas damit zu tun?" Ich verneinte ohne Zögern und nahm einen Schluck aus der Tasse. "Es ist doch schrecklich, dass man den Täter immer noch nicht gefunden hat", sagte er plötzlich. Dann ging ein trauriges Lächeln über sein Gesicht. "Hier, in diesem Haus ist es verboten, Tiere zu halten, wie sie vielleicht aus dem Mietvertrag entnommen haben. Jetzt kann ich es ja sagen: wir hatten bis vor kurzem eine Katze, den Leopold. Wir mussten ihn heimlich halten. Er hat unsere Wohnung nie verlassen, bis ich ihn neulich tot aus dem Haus tragen musste. Sie haben mich dabei gesehen. Wahrscheinlich auch noch jemand anderes. Was ich neulich auf dem Arm trug, war unser Leopold, der gestorben ist. Meine Frau weiß es noch nicht. Ich fürchte mich davor, es ihr zu sagen, wenn sie nach Hause kommt. Können sie das verstehen?" Ich verstand und war erleichtert. Dann sagte ich Herrn Pesliak, dass ich natürlich schweigen würde, sollte er und seine Frau sich wieder ein Kätzchen zulegen. Und im Falle einer nicht zu langen Abwesenheit, einer Reise vielleicht, würden Cath und ich gerne ein Versteck für das neue Tier einrichten. Herr Pesliak schaute mich dankbar an. Wir wurden im Nu Freunde.











































 




Montag, 1. April 2013

Das Ei muss gehen!

Es hat seine Schuldigkeit getan. Wir trauern ihm nicht nach, denn, erstens, gehen Eier nicht einfach verloren (verlorenes Ei), und, zweitens, müssen wir mit den neuen kommerziellen Tricks weiterleben: Eisessen! Grillabende, Vatertag, Muttertag, Tag der Frau, Tag des Tieres, Tag Undsoweiter. Das Ei als Ostersymbol ist also fast wieder überwunden. Wir haben es im gekochten Zustand bemalt, aufgehängt und es als schokoladene Kalorienkugel zu uns genommen. Auch mal als Rührei zum Frühstück. Wien war dieses Jahr besonders eibewusst (Was sollen die Japaner von uns denken?). Alte Mütterchen und kleine Kinder haben an den Schaufenstern ihre Nasen platt gedrückt. Die Blumenindustrie konnte auch davon profitieren, denn trotz überwältigender Frühlingsathmosphäre (oder auch gerade deshalb) blieben die Preise oben, und der Spritpreis wurde vor Ostern noch schnell angehoben.


Echte und gefühlte Abzocke eben. So leben wir dahin. Wir lassen es uns (gerne?) gefallen. Nur schade, dass der Eierzauber wieder aus dem Blickfeld verschwindet. Was für eine Verschwendung! Oder ist es eine Verschwindung? Nächstes Jahr ist wieder Ostern. Dann werden wir ja sehen.

Österlicher Eiertanz