Mittwoch, 9. Mai 2012

Zertifizierte Zweithaarpraxis - ein Toupetstudio?

Hair Academy ist auch so etwas, das mir heute begegnet ist. Ich frage mich immer, was meine armen Haare verbrochen haben, um so umworben zu werden. Opa sagte zu mir: es wird Zeit, dass du mal wieder zum Haarschneider gehst. Damit meinte er den Frisör. Heute meint der Frisör Kopfschmuckinstitut. Was tun aber jene (meist) Männer, denen das Haupthaar im Laufe ihres Lebens abhanden gekommen ist? Sie müssen weiterleben. Der Anblick von Haarakademien muss bei ihnen etwas auslösen, das an Demütigung grenzt.




Manche Mönche haben mit ihrer Tonsur kokettiert, die irgendwie an einen irdischen Heiligenschein erinnern mag. Andere, vom Typ Guru oder Alpenländler, stellen solche Mengen Haar zur Schau, dass ganze Akademien für dessen Abbau eingesetzt werden können. Ärmlich dagegen die Kahlrasur eines amerikanischen Soldaten, der damit seinen ständigen Kampf gegen Läuse demonstriert, ohne, dass die militärische Lage dadurch ernsthaft berührt wird.

Als wir noch auf den Bäumen saßen und das Entlausen selbst besorgen mussten, hätte keiner einem Haarschneider auch nur einen Cent gegeben für die Entfernung der Haarpracht. Schließlich was diese auch dazu da, den Gegner einzuschüchtern. Jetzt haben wir es also zur zertifizierten Zweithaarpraxis gebracht. Eine haarige Industrie, der ich dadurch aus dem Wege gehe, dass ich mir die Haare von meiner Lebenshaarschnittspartnerin schneiden lasse. Eine echte Dauerwelle!

Die Schnittblumenmafia - zum Muttertag

Wer den Muttertag erfunden hat, bleibt im Dunkel vorchristlicher Götterverehrung. Die Nazis machten daraus ein Instrument der Propaganda: "Ehre deine Mutter, denn sie schenkt uns Soldaten". So ähnlich war der Tenor. Wir kleine Jungs haben immer schon gut verstanden und fahren auf diesen Zauber noch heute voll ab. Mit einem rührigen Vater im Hintergrund, wird da schon mal zu FLEUROP geeilt, um den obligatorischen Strauß zu ergattern: Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag. Als Mutter darf dann auch mal eine Großmutter oder Tante bedacht werden, wenn sie sich besondere Verdienste erworben hat. Gegen das alles will man nichts einwenden. Dennoch: wenn, wie bei Fleurop ("Die Welt braucht Blumen") die Preise zwischen 23 (darunter geht nichts) und 79 € (Oha!) schwanken, zuzüglich Lieferkosten, dann fragt sich der muttertagsgeprägte Knabe (Mädchen sind da weniger sentimental), ob es nicht andere Wege gibt, die blumengierige Mama zufrieden zu stellen.


Der Muttertagsgedanke ist schön. Die blumentechnische Vorbereitung darauf erinnert jedoch sehr an Weihnachten und Ostern, wo es mehr um Schokolade geht. In Frankreich hat sich schon lange der Brauch herausgeschält, am Vorabend des Muttertags (la Fête des Mères) mit einem Massenaufgebot an irrsinnig teuren Minimaiblumensträußchen an den Eingängen zu den Supermärkten auf die Tränendrüsen zu drücken. Die Blumenverkäufer scheinen einer Mafia anzugehören, die nichts anderes tut, als Geld aus dem teilweise schlechten Gewissen der Männer herauszupressen. Wie aufregend war es für mich als einzigem Sohn, die kleine Schwester schlief da noch, um fünf Uhr morgens mit Vater in den Wald zu gehen, um Maiglöckchen zu suchen. Die duftenden Sträuße (Kostenpunkt: Null DM) wurden Mutter stolz zum Frühstück präsentiert. Sie freute sich immer riesig. Hätten wir 79 € für einen Strauß Blumen hingelegt, hätte Mutter das empört zurückgewiesen: Solche Verschwendung! Demütigend für eine richtige Mutter, die nichts dagegen hat, einmal geehrt zu werden, aber, bitteschön, mit Stil.




Als wir alle bemerkten, dass eine international tätige Blumenmafia am Werk ist, um den Reibach aus den Taschen gutmütiger Väter und Söhne zu holen, brachen wir die Schenkerei ab. Wenn ich noch eine Mutter hätte (wie schön das wäre muss ich nicht sagen), erhielte sie von mir immer dann Blumen, wenn kein Muttertag ist. Dazu würde der Gang zum nächsten Gärtner oder in einen Wald genügen. Auf keinen Fall würde ich zu denen gehen ("Wir lieben Lebensmittel etc. etc.), die für den ewig gleichen Preis (1,99 €) das Mafiaprodukt aus Lateinamerika oder von sonstwo per Flugzeug einfliegen, wobei die armen Blumenpflücker mit ihrem Profit immer außen vor bleiben. Meine allerliebste, nicht mehr lebende Mama: danke, dass du mir den Verstand mitgegeben hast, Blumen als einen Ausdruck der Liebe zu verstehen.


Montag, 7. Mai 2012

Sexueller Missbrauch - es muss gesagt werden.

Ich gebe zu, ich habe mich im Internet umgesehen, denn ich würde gerne systematisch an die Sache rangehen. Unmöglich, es gibt massenhaft Literatur, Definitionen, Abarten. Es ist nicht meine Neugier, sondern mein Halbwissen, das mich immer wieder nach dieser abscheulichen, unmenschlichen Verhaltensweise fragen lässt. Ja, ich stehe einem Wesen nahe, dem das geschehen ist. Minderjährig, abhängig, lernbegierig, untergeordnet, das heißt von einer Autoritätsperson missbraucht, gegen die es drei Jahre lang keine Auflehnung gab. Sich in die elterlichen Arme flüchten, ging aus bestimmten Gründen damals auch nicht. Also muss ein intelligentes Kind über eine lange Zeit nicht nur sexuelle Nötigung ertragen, sondern auch stumm bleiben, weil die Scham immer größer wird.

Ein heranwachsendes Kind, das auch noch überaus lerngierig und talentiert ist, empfindet eines als besonders katastrophal: die Machtlosigkeit. Seiner Kindheit beraubt werden, betatscht und sexuell ausgenutzt werden, sind dann der kindliche Alltag. Das unterdrückte soziale Verhalten, das Wegbleiben von ganz natürlichen Freundschaften sind die Last, die auf einem solchen Menschen lastet, der viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte braucht, um aus diesem Hexenkreis vielleicht wieder herauszukommen. Ganz zu schweigen von der wahrscheinlich zerstörten Sexualität, die jede erwachsene und freiwillige Beziehung zunichte machen kann.


Ein englischer Film, der das Milieu strafrechtlicher Justizorgane schildert, zeigte es deutlich: ein junges Mädchen kann brutalst missbraucht worden sein. Dennoch kann es sein, dass der Übeltäter unter Umständen mit Freispruch davonkommt. In einer Kleinstadt ergeben sich dann auch noch andere Aspekte: die Nähe zum Täter, der Ruf, denn der Freispruch basiert auf der mangelnden Glaubwürdigkeit des Opfers, das als dumm und verliebt verunglimpft wird. Dann, einige Tage nach dem Freispruch, geschieht etwas (Film ist Film): der Vergewaltiger wird tot aufgefunden. Als Zuschauer atmet man auf. Es war die Mutter des Opfers, die selbst missbraucht worden war und aus Scheu von einer Verfolgung ihres Peinigers Abstand genommen hatte. Fast atmet man erleichtert auf, denn es ist späte Gerechtigkeit geschehen. Häusliche Gewalt und familienbezogener Missbrauch, wie oft hört man davon, sind nur ein Teil dieses Übels. Man kann als Mitbürger nicht genug wachsam sein, wenn man einen Verdacht hegt. Und viel Mut gehört dazu, diese schreckliche Blase zum Platzen zu bringen. Und man  kann sich täuschen, was sehr menschlich ist.

Wahlkrimi ohne Tote, jedoch mit Leichen.

Ob es den einen oder anderen beim Erfahren des Ergebnisses mit einem Infarkt erwischt hat oder nicht, ist schwer zu sagen. Gewöhnlich geschehen solche Dinge auch ohne Wahlstress. Politische Wertungen stehen mir nicht zu, gerade bei Frankreichs letzter Wahl will ich vorsichtig sein. Noch zurückhaltender machen mich die Ergebnisse in Schleswig-Holstein, dem Land der 6.-Mai-Festspiele (Bad Segeberg und so??), wo offensichtlich ein Liberaler gewonnen hat und der Generalsekretär der CDU feststellt, dass seine Partei gewonnen hat, mit 0,??% nur, aber gewonnen. Die Ergebnisse dieser Ergebnisse werden wir nach geduldigem Abwarten irgendwann herausfinden. Die Wahlen in Griechenland: also, da möchte ich passen. Ob man aus Euroland rausgeworfen wird oder nicht, hängt immer noch nicht vom gesunden Menschenverstand ab.

Zurück zu Sarkozy: er hat beim Abschied ganz schön auf die Tränendrüse gedrückt. Manche seiner Anhänger weinten mit ihm. "Françaises et Francais: je vous dis au revoir". Da kullerten sie, die Tränen, während sie an der Place de la Bastille, wo die Hollande-Anhänger weilten, mit freudigen Zuckungen in kleine Lachfältchen übergingen. Eigentlich war Sarko ein ganz lustiger Kerl. So spritzig, und der Angela so zugetan, dass man daraus fast eine Affäre hätte machen können. Nur schade, dass schon vor dem ersten Wahltag zwei Drittel der Franzosen sagten, sie wollten ihn nicht mehr. Andererseits sagten ebenfalls zwei Drittel, sie wollten Hollande nicht. Da konnte man sich schon auf etwas gefasst machen. Und die schöne Le Pen Tochter wollte beim zweiten Durchlauf ums Verrecken ihre satten 18 Prozent Wähler weder an Hollande noch an Sarko weiterreichen. Wer wird jetzt beim Kuh-vom-Eis-holen zuerst die Kurve kriegen? Angela oder Francois? Irgendwie muss das sozial-und christdemokratische Tandem wieder anlaufen.




Was man sich jetzt wünscht, ist eine klare Aussage für das nächste Ereignis: die Wahlen in NRW. Herr Lindner wird es auch weiterhin mit Autosuggestion probieren. Sich vorwärtseilend in 8 prozentige Höhen flunkern, ist ja sein Ding. Da kann man nur zu den Piraten raten, oder, dass die Kraft es schafft. Eines ist sicher: wenn in Deutschland zwei Drittel nicht dies und zwei Drittel nicht das wollen, haben wir jetzt die Piraten als Pufferzone. Rot-Grün, Rot-Grün-Gelb, Rot-Schwarz, Schwarz-Grün, Schwarz-Rot? Berlin ist am Zittern. So weit sind wir schon. Keine Toten, bitte! Aber warum nicht einige Leichen, die dann übrig bleiben und in das Nirwana politischer  Ungeschicklichkeiten abdriften?

Sonntag, 6. Mai 2012

Wahlkrimi - élection présidentielle in Frankreich

Ist es die Möglichkeit? Um herauszufinden, wer gewonnen hat, schalte man einfach ins belgische Fernsehen, oder höre den Deutschlandfunk um 19 Uhr 30, und man weiß es schon: Hollande hat gewonnen. Das französische Fernsehen bemüht sich um diese Zeit noch verzweifelt, Hochrechnungen zu ignorieren und die Fiktion der Ungewissheit bis 20 Uhr, (Schließung der Wahllokale) aufrecht zu erhalten. Ich habe selten ein solches Herumgeeiere gesehen. So nach und nach setzt sich dann das vermutete Ergebnis durch. Es ist Sonntag Abend. Der neue Präsident will noch heute mit der Kanzlerin der Deutschen telefonieren. Auch gewaltige Feiern sind vorgesehen, Place de la Concorde, zum Beispiel, wo Sarkozy sich bejubeln lassen wollte. Daraus wird wohl nichts.




Ich weiß nicht, woran es liegt, vielleicht an der Stichwahl, dass die Franzosen bis zuletzt in der selbst programmierten Unsicherheit herumstochern müssen. Die Medien haben das ganze Spektakel nicht mehr im Griff. Daher ergehen sich die Journalisten in hohlem Geschwätz, müssen Zeit schinden, zählen die Fähnchen der Anhänger und wiederholen zum hundertsten Mal, wo Hollande an die Urne ging, was Nicolas und Carla machten. Von Spannung und Wahlkrimi kann man da nicht mehr sprechen, eher von medialem Durchfall. Herzlichen Glückwunsch, Monsieur le Président.

Samstag, 5. Mai 2012

Ich sah die Leiche

und beging einen entscheidenden Fehler: ich hatte kein Mobilfon dabei und fühlte mich zu müde, um die zwei Kilometer zurück zu gehen und im erstbesten Haus die Polizei anzurufen. Der tote Körper lag hinter einem Busch. Es war fast nacht, und man sah nicht, ob es ein Mann oder eine Frau war. Wie ich aus dieser Geschichte wieder heraus kam? Das verrate ich erst auf den letzten Seiten. Sicherlich muss ich mir Gedanken machen, ob ich leidenschaftliche Liebe, Eifersucht und tragische Verstrickungen mit einbauen soll, oder nicht. Ein bloßer Krimi, mit vielen Leichen und einer attraktiven Forensikerin, die in Blut und Gedärmen wühlt, ist eine Option, die mir persönlich etwas zu eklig vorkommt.




Also versteife ich mich auf einen Liebesroman. Ja, ich möchte einen Liebesroman schreiben und suche mühsam zusammen, worauf es dabei ankommt. Liebe, natürlich. Sex gehört auch dazu, denke ich mal. Ein Stück Naturschönheit: Begegnung am Watzmann, die schöne Fischerin vom Bodensee. Letzteres verwerfe ich als zu altmodisch. Ein wenig Kitsch, aber nicht zu viel. Spannung: Warum küsst er Marie zuerst, obwohl er eigentlich wie geschaffen für Melanie ist. Dabei fällt mir ein, dass Namen eine große Rolle spielen. Marie und Melanie sind keine glückliche Wahl. Wie wärs mit Jennifer (abgekürzt: Jenny) und Marie-Lou? Bei männlichen Namen habe ich keine Probleme: Kevin geht immer noch (trotz der leicht schwulen Note), und Jean-Luc bringt eine echt mondäne Note in die Sache.


Natürlich muss der Handlungsstrang zügig durchgeführt werden. Ein Schuss Sentimentalität, sogar Gefühlsüberschwang, ist erlaubt, jedoch keine unnötige Rührseligkeit, bitte! Am Ende müssen sich beide in die Arme fallen, beziehungsweise zusammen auf einer Bank sitzen und sich eine Art Jawort geben. Ob man damit auf einen Nobelpreis hoffen kann? Ich verschiebe den Plan zunächst, indem ich mir sage: Literarische Scheiße gibt's schon genug.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Dudeldaddel

Es gibt Momente im Leben, da fällt einem nichts mehr ein. Das schafft Ängste von der Art, wie sie die Engländer auf Deutsch mit "angst" bezeichnen. Bezeichnend für all jene, die keine Angst kennen. Engländer sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Viele nennen sich Briten. Wen juckt das? Unser Präsident sitzt im Glashaus und wirft mit Steinchen. Die ganz große Politik bemüht sich um eine richtige Einstellung zum Problem Timoschenko. Deshalb reden sie vom Fussball. Mit den Füssen treten, das kann man einen Lederball, aber auch die Menschenrechte. Bei letzterem bin ich mir nicht sicher, ob wir alle das selbe meinen. Für mich beginnen die Menschenrechte im Kindergarten. Wer gewisse Dinge nicht zulässt, weil man sie nicht an sich selbst geschehen lassen möchte, beginnt die MR zu verstehen. Sich daran halten, eisern, ist dabei wesentlich. Und nicht auf die herabblicken, denen das Hirn fehlt, um es zu kapieren. Sie können nichts dafür. Wer aber an unnötiger Duldung krankt und damit den Missbrauch der Menschenrechte meint, der sollte mal daran denken, wie es ist, schwarz zu sein, oder körperbehindert, oder schwul, oder lesbisch, oder sonst etwas Naserümpfendes.




Man sieht also, wohin man gerät, wenn man nichts in der Birne hat. Heute ist es bei mir so. Ich nehme gerne jede berechtigte Häme entgegen, nur die eine nicht: dass ich hier etwas Tiefsinniges geschrieben habe. Aber der Sonnenuntergang ist schön wie nie zuvor. Vielleicht kann ich mich damit trösten.

Ich habe eine Fahne! Mit 12 Sternen um die Welt.

Aber nicht eine, die schon von weitem riecht, nein, es ist die Europafahne, die eine bewegende Geschichte zu erzählen hat. Zwölf fünfzackige goldgelbe Sterne, im Kreis angeordnet, auf blauem Grund. Als ich vor 30 Jahren den Fernsehdienst im Europarat in Straßburg übernahm, machte ich eine unglaubliche Entdeckung: ein Karton, den ich in einer dunklen Ecke fand, enthielt etwa 100 Zeichnungen mit den seltsamsten Motiven. Es waren die Ergebnisse eines europaweiten Wettbewerbs, der auf demokratische Weise zu einer gemeinsamen Flagge führen sollte. So weit so gut. Wir haben heute diese Europafahne mit den 12 Sternen. Anerkannt in der ganzen Welt als das Symbol der europäischen Einigung.

                                                  Nein, die Europafahne
                                                    zeige ich hier nicht

Die Europäische Union hat sie sich zu eigen gemacht, nachdem sie vom Europarat 1955 offiziell verabschiedet wurde. Alle Länder Europas waren aufgerufen, diese Fahne anzunehmen. Der Weg dahin war allerdings steinig. Es gibt das Gerücht, dass die Fahne von zwei feurigen Katholiken erfunden wurde: Arsène Heitz, ein Elsässer, der im Europarat als Kurier arbeitete und Zeichentalent besaß, und Paul M. G. Lévy, ein katholischer Jude aus Belgien, der Europas erster Beamter und Direktor für Presse und Information im Europarat. Lévy brauchte Arsène, und Arsène brauchte Lévy, der beauftragt war, den Wettbewerb durchzuführen und mit den zuständigen Außenministern der Europaratsländer zu beraten. Das Mitglied Türkei hätte jedoch eine christlich geprägte Fahne nicht akzeptiert. Heitz machte mehrere Entwürfe, bis Lévy sagte: "das ist es", und ging damit zu seinem belgischen Minister, der die Sache seinen Kollegen vorstellte. Der Mythos Europafahne war geschaffen.

Als ich Jahre später mit meinem Amtsvorgänger freundschaftlich verkehrte, erzählte er mir eine ganz andere Geschichte. Der Europarat hatte damals 14 Vollmitglieder und die Saar als assoziiertes Mitglied. Also 15 Länder, wovon die Saar einen Sonderstatus besaß, denn Frankreich wollte das Saarland, nicht ohne Hintergedanken, zu einer Art Brücke zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland machen. Die Deutschen waren damals unter Adenauer gegen die 15 Sterne. Frankreich gegen 14 Sterne. Italien wollte keine 13, so kam man bei unveränderlichen 12 Sternen an. Als dann das Außenministerkomitee in 1955 in Rom die Europäische Menschenrechtskonvention feierlich unterzeichnete, entdeckte man den religiösen Hintergrund für die Christen im Europarat. Im Palazzo Barberini, in dem die Unterzeichnungszeremonie stattfand, gab/gibt es ein Deckengemälde, das die Jungfrau Maria zeigt, wie sie auf einem Kranz mit 12 Sternen steht. Damit war die Europafahne ziemlich konfliktfrei, und leicht katholisch angehaucht, geboren.

Allerdings sagte mir Lévy, ein deutscher Mönch, der in Japan lebte, habe einen ersten Vorschlag gemacht: Die Venus am Abendhimmel erinnere ihn an Europa. Daher sein Vorschlag: eine Fahne mit himmelblauem Grund und einem goldenen Stern in der Mitte. Das musste der Belgier Paul Lévy zu den Akten legen, denn damals sah die Fahne des belgischen Kongo genau so aus. Die Idee mit den Sternen auf blauem Grund blieb jedoch das Leitmotiv für die weitere Suche. Den Brief des Mönchs habe ich gelesen. Er kam später zu den übrigen Sachen im Karton.

Mein kleiner Beitrag zur Verbreitung dieser wahren Geschichte war, dass ich 1995 durch Zufall den bevorstehenden 50. Geburtstag der Europafahne entdeckte. Niemand hatte in der Hektik des europäischen Werdeprozesses an so etwas gedacht. Nun wurde gebührend gefeiert, und Paul M. G. Lévy, mein alter Freund, konnte mit seinen 80 Jahren zahlreiche Interviews geben und die Geschichte der Europafahne ins rechte Licht rücken. 

Mittwoch, 2. Mai 2012

Das Auto - dein teurer Freund



                                          Der Drabbi, das Glügg von Babbi

Als Autofahrer hat man es nicht leicht. Man legt drauf, vor allem, wenn man ein richtiges Auto fahren möchte. Mercedes, BMW und so. Ich fahre seit Jahren ein kleines Auto, aber oho! Nichts für Wettrennen, aber schnell. Ich kann es mit jedem aufnehmen, will es aber nicht. Der Wettbewerb auf den Straßen ist gar vielfältig.

Das Hase-und-Igel-Syndrom:
Ein bisschen entspannt in der Schlange und, schwupps, überholt einer, der einfach schneller als die anderen sein möchte. Schwupps, überholt der nächste, und setzt sich vor den anderen. Wer am Ende gewinnt, ist unwichtig. An der Ampel sind wir wieder alle gleich.

Das Jetzt-komm-ich-Syndrom:
Meist sind es schwarze oder metallic aufgedonnerte Limousinen, denen man eines von weitem schon ansieht: der Besitzer hat es geschafft. Er gehört zu den vielen, die standesgemäß fahren. Es ist überaus wichtig, dass solche Autos in Sichtweite geparkt werden. Man soll durchaus sehen, wer da aussteigt.

Ich rase, also bin ich:
Da möchte ich wenig darüber sagen: mein relativ hoher IQ verbietet mir das. Allerdings habe ich den Verdacht, dass bei männlichen Rasern das Geschlechtsorgan etwas dürftig ausgefallen ist und der Fahrer das irgendwie kompensieren muss, zumal er oft auch versucht, anderen in den Hintern zu kriechen. Oder soll man sagen: zu rasen?

Der Kuh-Effekt:
Hier handelt es sich um den Import aus Indien, wo Kühe so verehrt werden, dass sie im Straßenverkehr ungeschoren (keiner murrt) herumstehen können. Eine sehr friedliche Angelegenheit, die in manchen Ländern sogar gepflegt wird. In Frankreich etwa, steht man gern mitten auf der Straße, mit dem Auto, versteht sich, und unterhält sich mit dem Bekannten. Was andere denken, ist dabei wurst (wie man sieht, ist Wurst nicht nur eine deutsche Unart).




Der Sonntagsfahrer:
Wenn ich es recht bedenke, ist dieser der einzig normale Autofahrer, denn er hat begriffen, dass sportlicher Wettbewerb eine Sache der Dringlichkeit ist. Kann mal vorkommen, jedoch nicht ständig. Also sagt sich der Trödler: heute ist Sonntag. Ich habe es nicht eilig. Ich nehme am Wettbewerb nicht teil. Ich habe auch schon seit Monaten mein Auto nicht geputzt. Es ist mir egal, was andere über mein Auto denken: Auch Mitsubishi, Alt-Golf oder BlechOpel sind mir recht. Ich will von A nach B. Und zurück. Meine Glücksgefühle mache ich an anderen Dingen fest. 

Es ist Mai, und keiner geht hin.

Nein, so war es nicht. Das Wetter hat in vielen Teilen des Landes sein bestes gegeben. Schon am Vorabend herrschte eine unerklärliche Betriebsamkeit. Man musste etwas unternehmen, sei es auch nur, um den kommenden Feiertag noch mit einem Liter Milch oder einem frisch gebackenen Brot zu begrüßen. 1. Mai, lassen wir mal die gewerkschaftliche Seite beiseite: das Mai-Programm war reichhaltig und flächendeckend. Die Aufmärsche der Neonazis misslangen weitgehend. Warum können diese humorlosen Besserwisser nicht einfach aufs Fahrrad sitzen, wie normale Menschen, und ein wenig in die Pedale treten?


Mit Erfolg haben wir das gemacht und, übrigens, nach zweijähriger Pause. Die Räder mussten entstaubt und entrostet werden. Aufgepumpt auch. Es ging an den Hängen des Schwarzwaldes entlang. Leicht bergauf, dann wieder etwas bergab. Ein interessantes Erlebnis: Viele waren unterwegs. Einer fuhr sogar eine Rikscha mit Kindern drin. Radler, jung und alt, waren in der Überzahl. Man sah es an den vorsichtigen Überholmanövern der Autofahrer, die um jeden Preis unbehelligt das vielfältige Gewusel umfahren wollten.


Dann geschah, was nicht einmal geplant war: wir kamen an einem Park vorbei, wo gegen Mittag schon haufenweise fröhliche Menschen am Rasten waren, mit einem Bier, natürlich. Spontan hielten wir an, versorgten die Drahtesel und setzten uns an einen Tisch im Freien. Erster-Mai-Atmosphäre, wer kennt sie nicht? Alle sind aufgekratzt und gut gelaunt. Das Bier schmeckt. Es fließt in Strömen. Angeheitert aber zufrieden bewegten wir uns weiter, bis wir in einer Gartenwirtschaft landeten, wo wir den Rest des Tages essend und trinkend verbrachten. Ein wahrlich schöner Extratag, dieser 1. Mai. Warum gibt es diesen nicht viel öfter?